{"id":36580,"date":"1999-05-27T11:11:00","date_gmt":"1999-05-27T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36580"},"modified":"2022-08-22T02:51:57","modified_gmt":"2022-08-22T00:51:57","slug":"schweizer-kolumne-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/05\/schweizer-kolumne-1\/","title":{"rendered":"Schweizer Kolumne (1)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Text zur Aufbewahrung in der Toilette<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/schweiz\/images\/kloleser.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Typische Kloleserlekt\u00fcreIm Gespr\u00e4ch mit einer Bekannten aus dem virtuellen Raum ergab sich das Thema der Toilettenlekt\u00fcre und was man als Gast daraus erlesen kann. Es ist ja so, dass die Sitte, auf dem stillen \u00d6rtchen der Lekt\u00fcre zu fr\u00f6nen, recht verbreitet ist. J\u00fcngere Kloleser stapeln gerne Stadtmagazine und andere junge Erzeugnisse der gedruckten Presse neben der Sch\u00fcssel, die die Erleichterung bedeutet. Das &#8222;Soda&#8220;, das &#8222;forecast&#8220;, leicht erotische Comics von Milo Manara und so weiter. Die Betreiber solcher Toiletten legen wert darauf, dass der Gast weiss: &#8222;Hier wird im offiziellen Wohnbereich richtiger Lekt\u00fcre nachgegangen. Du, Gast, befindest dich in gebildetem, gem\u00e4ssigt trendigem Umfeld. Wir m\u00f6chten aber, dass du dich auch wohl f\u00fchlst, wenn wir gerade nicht f\u00fcr dich sorgen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Niemand, der tags\u00fcber irgendwelchen Studien nachgeht, wird das Obligationenrecht oder \u00e4hnliche B\u00fccher in ein extra angefertigtes Regal in Griffn\u00e4he vom Thron in der Toilette deponieren. Statt dessen teilt man mit, dass man ein Lebensk\u00fcnstler ist mit Interessen am Geschehen auf der st\u00e4dtischen Szene. Im Gespr\u00e4ch wird man immer sagen k\u00f6nnen: &#8222;Ah, dies oder jenes habe ich w\u00e4hrend meiner Klolekt\u00fcre aufgeschnappt.&#8220; Als ehemaliger Mitarbeiter von Stadtmagazinen kann ich Ihnen versichern: Meine Texte wurde praktisch nur auf Toiletten gelesen. Das ist auch gar nichts Schlechtes, denn es handelt sich um eine nette, tolerante Zielgruppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwieriger wird es, wenn neben dem Porzellantopf mit Sp\u00fclung schwergewichtige Modemagazine liegen. Erstens weiss man sp\u00e4testens in diesem Moment: &#8222;Hilfe, ich bin bei Modeopfern zu Gast. Was hab ich wohl schon alles falsch gemacht, und bin ich richtig angezogen?&#8220; Zweitens wirft man verstohlen einen Blick auf das Datum der zwischengelagerten &#8222;Vogue&#8220; oder &#8222;Elle&#8220;. Datieren sie aus dem Jahr 1996, denkt man an die vielen Menschen, die das Ding schon angefasst haben, man inspiziert das Magazin auf Schmuddeligkeit, man legt den schon etwas abgegriffenen W\u00e4lzer mit der Mode von vorgestern leicht angewidert hin. &#8222;K\u00f6nnen die sich nichts Neues leisten?&#8220; Ist es aus dem Vormonat, f\u00fchlt man sich pl\u00f6tzlich wie im Wartezimmer des Zahnarztes. Und stammt es gar aus dem laufenden Monat, wird man vor Ehrfurcht erzittern, ein paar Seiten ansehen und das ganze f\u00fcr eine prahlerische Verschwendung halten: Deplazierter Versuch zur \u00e4sthetischen Bew\u00e4ltigung des Verdauungsprozesses. Am schlimmsten sind ganze Sammlungen unterschiedlich vergilbter, unterschiedlich staubiger Modeheftli-Jahrg\u00e4nge. Ich muss sagen, dass mich diese Stapel schaudern machen in ihrer Unaufger\u00e4umtheit. Ihre Besitzer sind zu geizig, die teuren Heftli dorthin zu bringen, wohin sie geh\u00f6ren, n\u00e4mlich ins Recycling.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls \u00fcbel sind die Wohnungen von M\u00e4nnern, die zu zweit oder allein hausen und die sich einen Scherz daraus machen, ihr Singledasein in f\u00fcnf, sechs Ausgaben von &#8222;Playboy&#8220; oder &#8222;Hustler&#8220; zu thematisieren. Sie setzen damit Gegengewichte zu den &#8222;Vogues&#8220; in Frauenwohnungen. Je nach Weltgewandtheit der Herren wird es sich wenigstens um US-amerikanische oder japanische Ausgaben handeln. Haushalte, in deren Toiletten man die &#8222;Praline&#8220; oder &#8222;Coupe&#8220; findet, sind konsequent zu meiden. Als fantasielos sind Leute einzustufen, die auf der Toilette Fertigprodukte lagern wie &#8222;Ein-Minuten-Geschichten&#8220; oder gar speziell produzierte B\u00fccher mit Texten zum Thema Verdauung. Gibt&#8217;s alles und kommt an Geschmacklosigkeit nur Toilettenpapier gleich, das mit Witzen bedruckt ist. Die sind n\u00e4mlich meistens schlecht. Und w\u00e4re ich nicht leicht paranoid und w\u00fcrde es mich nicht st\u00f6ren, Dinge anzufassen, die leicht abgegriffen sind und etwas unhygienisch daherkommen, w\u00fcrde ich sicher ein gutes Witzbuch in meinem eigenen Kab\u00e4uschen deponieren. Zum Auswendiglernen, und damit ich nicht mehr alle selbst erz\u00e4hlen m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Traum dagegen w\u00e4re ein ber\u00fchrungsloser Bildschirm, auf dem Dias von vermischten Meldungen aus internationalen Zeitungen der letzten dreissig Jahre gezeigt werden. Das w\u00e4re gute, saubere Unterhaltung. Und wird bestimmt auch fr\u00fcher oder sp\u00e4ter realisiert, vielleicht sogar mit M\u00fcnzeinwurf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich musste die Diskussion mit meiner virtuellen Bekannten beenden, es rief mich das Bed\u00fcrfnis, das Bad aufzusuchen. Die Frage, wer in unseren hektischen Tagen \u00fcberhaupt lange genug in der Toilette eingeschlossen bleibt, um auch nur f\u00fcnf aufeinanderfolgende S\u00e4tze zu lesen oder eine Strecke von Modeaufnahmen auf ihre Qualit\u00e4t zu untersuchen &#8211; sie blieb uner\u00f6rtert. &#8222;Ich hab den Goethe, wo ich koethe&#8220;, witzelte ich schon halb auf dem Weg. &#8222;Das d\u00fcrfte auf einen Bildungskomplex schliessen lassen&#8220;, gab die Schlagfertige zur\u00fcck. Und wissen Sie was? Sie hat recht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Text zur Aufbewahrung in der Toilette Typische Kloleserlekt\u00fcreIm Gespr\u00e4ch mit einer Bekannten aus dem virtuellen Raum ergab sich das Thema der Toilettenlekt\u00fcre und was man als Gast daraus erlesen kann. Es ist ja so, dass die Sitte, auf dem stillen \u00d6rtchen der Lekt\u00fcre zu fr\u00f6nen, recht verbreitet ist. 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