{"id":36693,"date":"2004-07-12T11:11:55","date_gmt":"2004-07-12T09:11:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36693"},"modified":"2022-09-15T20:11:50","modified_gmt":"2022-09-15T18:11:50","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-29","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/07\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-29\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 29"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Folge XXIX: Zum Tod von Chlodwig Poth<\/h2>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/typewrit.gif\" alt=\"Katjas Schreibmaschine?\" width=\"120\" height=\"105\"\/>Das war ein schneller, erfolgreicher Beutezug. Anders als die m\u00e4andernde Pfarr-Suche. Kurs aufs B\u00fccherregal, dann anpeilen und, zack, zuschlagen. Eine kleine Poth-Bibliothek konnte ich ausheben. Allein bei den Cartoons. Halt, er hat doch auch&#8230; ja, hat er: oben, bei der Prosa, sogar noch ein Poth-Roman. Plus im Regal-Parterre: etwas Gro\u00dfes, furchtbar Schweres. Mit den ber\u00fchmten Wimmelbildern. Was will mir das sagen? Mehrerlei.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zum Beispiel, dass Poth zu meinen Lieblings-Cartoonisten z\u00e4hlt. Dass er mich seit Kindertagen begleitet. Wenn Kinder zu Besuch bei Erwachsenen sind, freuen sie sich ja immer, wenn sich dort B\u00fccher mit Bildern finden. Und die Poth-Menschlein sahen immer lustig aus. Diese schnoddrig gezeichneten, hageren Jeans-Gestalten. Mit endlos langen Beinen. Und manchmal spitzen Br\u00fcsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder tauchten die Poth-B\u00fccher auf. Bei meiner Tante. Bei meinen Eltern. Heute hab ich meine eigenen. Bewiesen durch kleine Bleistiftnotierungen auf Seite 3: 2,50. Oder einfach nur: 2. Selbstgekauft. Im Antiquariat. Noch zu D-Mark-Preisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sicher, warum Griechenland eine KZ-Insel sein sollte, verstand ich fr\u00fcher noch nicht. Auch nicht, weshalb F\u00fcrze marxistisch, reflektiert und dialektisch begr\u00fcndet zu sein hatten. Aber diesen an seinem \u201eprogressiven Alltag\u201c verzweifelnden, vollb\u00e4rtigen T-Shirt-Vater mit den Knopfaugen verstand ich. Ein Vater, der sich st\u00e4ndig Eigentore schoss. Beim Versuch, den 68er-Ideologie-Chic ins B\u00fcrgerleben zu importieren. Ja, auch mein viele Jahre j\u00fcngerer Bruder erfreute sich in meinem Zimmer an B\u00fcchern mit Bildern. Wenn er \u201eZu sp\u00e4t, mein Lieber, zu sp\u00e4t\u201c in Konversationen einflie\u00dfen lie\u00df, wusste ich sofort, welchen Poth-Cartoon er meinte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer auf charmanteste Weise von den 68er-Sehns\u00fcchten, -Bequemlichkeiten und -Widerspr\u00fcchen erfahren wollte, musste Poth lesen. Mit krakeligen Strich-Versammlungen entlarvte er die Versuche, den eigenen Pelz trockenzushamponieren. Stets so, dass man scheinbar \u00fcberlegen \u00fcber \u201edie anderen\u201c lachen konnte. Bis man merkte, dass man selbst hinterm Vollbart steckte. Dem Vollbart an sich. Dem Vollbart in uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die Taschenb\u00fccher aus den 70ern sind meine liebsten Poths. Von Rororo, mit rauhem Papp-Umschlag, fast broschiert wirkend. Was daran liegen k\u00f6nnte, dass der Einband mit den Jahren biegsam und speckig wurde. Darin: vielgestaltige Variationen des immergleichen Themas (s.o.). Kleine Humoresken in sechs bis acht Bildern. Randlos, fahrig gezeichnet, lapidar und schmucklos durchnumeriert, Schraffuren als Erdung, damals schon wimmelig. Aber einen angsterregenden Sog entfaltend. Man musste sie alle lesen. Ahnend, worauf jede einzelne hinauslief: der Olympia-Gucker, der eben doch f\u00fcr \u201eDeutschland\u201c sein d\u00fcrfen wollte. Der die Arbeiterschaft preisende Vater, der f\u00fcr den Sohn aber Abitur w\u00fcnschte. Der Vater, der im Kampf gegen den Weihnachtsterror am Ende nat\u00fcrlich geschenklos litt. Und der es dann doch nicht so toll (\u201eUnd wenn schon! Kann er nur was von lernen.\u201c) fand, vom Sohn beim Sex \u00fcberrascht zu werden: \u201eDacht ich mir noch, dass Ihr\u00b4s stinknormal b\u00fcrgerlich macht.\u201c Ein ewiges, sisyphos\u00b4sches Scheitern. Poth, nicht m\u00fcde werdend, dem Leser das b\u00f6se Ende vorzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Galliger wurde er mit den Jahren, schien mir. Das \u201eKatastrophenbuch\u201c, ohne den T-Shirt-Vater und dessen ehrlicheres Pendant (den vollbartlosen Spie\u00dfer-Vater aus \u201eEllternalltag\u201c) auskommend. Nicht nur wegen des Hochglanzeinbands nicht ganz so speckig und biegsam. Der Prosa-Roman, h\u00f6chstens angelesen. Das gro\u00dfe Buch mit den Wimmelbildern, aber auch reichlich Strips: \u201e50 Jahre \u00dcberfluss\u201c. Ein BRD- und Entwicklungsroman. Dann: \u201eLetzte Ausfahrt Sossenheim\u201c in der Titanic. Kryptische, wenn auch gewaltige Seiten von fast alttestamentarischem Ingrimm. Ein Reich allerdings, zu dem ich einfach keinen Schl\u00fcssel fand. Und das frustrierte. An die \u201eAlltag\u201c-B\u00fccher kamen sie f\u00fcr mich alle nicht ran. Die waren meine Stars.<\/p>\n\n\n\n<p>So sehr, dass meine Bibliothek noch eine andere Geschichte erz\u00e4hlt: die eines gescheiterten Magisterarbeits-Themas. Der Wilhelm Busch-erprobte Dozent hatte schon zugestimmt, aber Poth verweigerte sich. Was lie\u00df sich nur erz\u00e4hltechnisch aus den kurzen, komprimierten Strips herauslesen? Nichts, hatte ich den Eindruck. Jedenfalls nicht mit meinen Werkzeugen. Das schien mir dann doch eine Sache f\u00fcr Kunstwissenschaftler oder Soziologen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgeheim aufatmend schaufelte ich mein Thema um. In Richtung eines weniger innig geliebten, aber \u00fcppig erz\u00e4hlenden Comics. Ein willigeres Sektions-Objekt. Uff. Gerettet. Nicht auszudenken, wie die Magisterarbeits-Fu\u00dffesseln Poth und mich \u00fcber Monate aneinandergekettet h\u00e4tten. Der Weg zum Scheidungsrichter w\u00e4re vorgezeichnet gewesen. Aber so: alles noch mal gutgegangen. Nichtmal der Tod kann uns scheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folge 29, in welcher Frl. Katja schon wieder einem Zeichner nachrufen muss (diesmal erwischte es Chlodwig Poth).<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[4742,4744,507,174,896],"class_list":["post-36693","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja","tag-cartoonist","tag-chlodwig-poth","tag-nachruf","tag-tod","tag-zeichner"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. 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