{"id":36694,"date":"2004-07-10T11:11:19","date_gmt":"2004-07-10T09:11:19","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36694"},"modified":"2022-09-15T20:07:38","modified_gmt":"2022-09-15T18:07:38","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/07\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-28\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 28"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Folge XXVIII: Zum Tod von Bernd Pfarr<\/h2>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/typewrit.gif\" alt=\"Katjas Schreibmaschine?\" width=\"120\" height=\"105\"\/>Klarer Fall von \u201eJ\u00b4accuse\u201c. Klarer Fall von Einbildung. Ersteres bezieht sich auf die Unversch\u00e4mtheit, den Tod des besten deutschen Cartoonisten nur kurz zu melden. In der \u201eKulturzeit\u201c auf 3sat. Nein, nicht Maronde. (Ich bin doch keine Brigitte-Leserin.) Der Tod von Bernd Pfarr also: letzter Punkt in den \u201eNews\u201c. Unversch\u00e4mtheit. Zweites bezieht sich auf mein Gef\u00fchl, die Wohnung m\u00fcsse voll mit Pfarr-Cartoons sein. Jahrelang hab ich sie aus dem noch fr\u00fcher verblichenen ZEIT-Magazin ausgeschnitten und in Schulhefte geklebt. Aber mit 30 kam pl\u00f6tzlich mein Rappel, das wichtigste Hab und Gut m\u00fcsse in eine Schuhschachtel passen. Na gut, in eine 60 auf 40 Zentimeter gro\u00dfe Schuhschachtel. Und 1,80 m hoch. Weg sind sie.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber da war doch noch&#8230; dieses apricot-farbene gro\u00dfe Buch. Nur mit Pfarr-Bildern. Monatelang bei Zweitausendeins liegen sehen. Woissesnur-woissesnur? N\u00f6. War mit damals wohl doch zu teuer. Und so ziehe ich erstaunt v\u00f6llig blank und vermerke, dass zumindest der Geist der Pfarr-Cartoons in dieser Wohnung gehaust hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Jene auf den ersten Blick ruhigen, idyllischen Welten. Kleinb\u00fcrgerwelten in Pastellfarben. Mit Bl\u00fcmchentapeten, altmodischen Stehlampen und grazilen Tischf\u00fc\u00dfchen. Sch\u00f6ne Bilder, an denen man sich kaum sattsehen kann. Eingefroren, wie Stillleben \u2013 wenn, ja wenn da nicht die Bewohner dieser Welten gewesen w\u00e4ren. Ungelenke Gestalten, die trotz ihres menschlichen Antlitzes (oft allerdings waren es auch Tiere; B\u00e4ren bevorzugt) wirkten, als seien sie mit Schmackes aus einem Raumschiff geworfen worden. Und dann bemerkte man langsam die schr\u00e4gen Perspektiven, windschiefen W\u00e4nde, die seltsame Liaison von Weite und erdr\u00fcckender Enge.<\/p>\n\n\n\n<p>Woher kenn ich das noch? Aus den betagten Krazy Kat-Strips von George Herriman. Auch in diesen pastellfarbenen Bildern mit der schwarzen Katze und der ewig ziegelstein-schmei\u00dfenden Maus hab ich mich wohl gef\u00fchlt. Genauso liebevoll ausgestaltet: die niedlichen Spie\u00dferwohnungen (eine Ente auf einer Chaiselongue!), wenn auch in einer mexikanisch anmutenden W\u00fcste liegend. Auch hier hauste der Wahnsinn mit. Und \u2013 siehe! Fast neben dem Herriman-Band steht: Pfarrs \u201eKomische Bilder\u201c! Der Chefredakteur verpasst die Chance, es seinem vorehelichen Bestand zuzuschlagen. Also ist es meins. Ich bewundere mich selbst f\u00fcr den Kauf. Denn damals sa\u00df das Geld eng. Und gute Argumente mussten her, um den Beutel f\u00fcr derlei Kunst zu pl\u00fcndern. Ich vermute den Zeitpunkt knapp vor dem Besuch des Erlangener Comicsalons \u00b497. Als die Hinternet-Delegation immer wieder verstohlen einen Pfarr-Doppelg\u00e4nger anschielte. Und schwer entt\u00e4uscht war, als irgendwann jemand recherchiert hatte: nicht Pfarr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick ins Buch lehrt mich, dass ich doch arg vieles durcheinanderbringe. Da gibt es die stricheligen Bilder mit d\u00fcnnen Konturen. Es gibt grelle Kreide- oder \u00d6lbilder (amateur-ich) mit dicken, heftig aufgetragenen Farbfl\u00e4chen. Und da gibt es die unfassbar ausbalancierten, entr\u00fcckten Aquarelle. Meine pastellfarbenen Zweitwohnungen mit perfekt sitzenden Schattenw\u00fcrfen. In denen sich Gott mit Taxifahrern streitet. Dr. Lenz sein erstaunliches Beharrungsverm\u00f6gen zeigt. Und ein badebehoster Mann in Skiern und mit einer Hantel von Zehnmeterturm springt. Bildunterschrift: Ist das noch Fu\u00dfball?<\/p>\n\n\n\n<p>Jaja, die Bildunterschriften. Feinziselierte, gedrechselte Prosa, die in bester Cartoon-Manier mit dem Bildinhalt \u2013 mh, wirklich kollidiert? Sich zu einer absurden Ehe verheiratet? Zusammen schlammringt? Alles irgendwie. Die schr\u00e4g-heimeligen Bilder und die altmodisch eleganten Formulierungen. Pendelnd zwischen Lakonie und Wichtigtuerei. Mal wie schlimmen Simmels entlehnt, dann wieder wie Stadtrundfahrten oder gezierten Beamtendialogen entrissen. Und stets: einen kleinen Einblick in ein Universum bietend, das man staunend \u00fcber die Bildgrenzen hinweg erahnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, die Sondermanns musste man wohl nicht mehr verstehen. Hier hatte sich der Humor auf eine h\u00f6here Ebene verfl\u00fcchtigt, von der aus er jetzt voll Genugtuung zusah, wie man verzweifelt einen Sinn in die Bilder hineinzulesen versuchte. Absurd. Sophisticated. Mit einer amokhaft w\u00f6rtlich nehmenden Gangart. Maniriert, wie Sondermann eben war. Und saulustig. Also, die Sondermann-Cartoons. Auf eine Art lustig, die einen eine ausgefeilte Philosophie dahinter vermuten lie\u00df. Wie der Mensch eben versucht, Ordnung in die Unordnung zu bringen: \u201eDa muss doch noch irgendwas dahinter sein!\u201c&#8230; Aber es schien, als d\u00fcrfe man auch einfach nur verst\u00e4ndnislos \u2013 dar\u00fcber nat\u00fcrlich peinlich ber\u00fchrt und zutiefst verunsichert seiend \u2013 und voll Sympathie herzhaft lachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Voll Sympathie f\u00fcr die Anti-Identifikationsmaschine Sondermann und all die anderen unglaublich liebevoll, warm gestalteten Bilder. Denn das Pfarr\u00b4sche Schaffen, das so vieles umfasst: ein F\u00fcllhorn an Techniken und Erz\u00e4hlweisen, ist \u2013 wie gesagt \u2013 ein Sch\u00f6nes, das einen stets mit offenen Armen empf\u00e4ngt. Und begl\u00fcckt, wenn auch manchmal kathartisch verwirrt, entl\u00e4sst. Bis zum n\u00e4chsten Mal. So oder so.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">http:\/\/www.bernd-pfarr.de\/<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folge 28, in welcher Frl. Katja wehm\u00fctig dem gro\u00dfen Zeichner Bernd Pfarr nachruft.<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[4741,4742,442,507,4743,896],"class_list":["post-36694","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja","tag-bernd-pfarr","tag-cartoonist","tag-gestorben","tag-nachruf","tag-sondermann","tag-zeichner"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. Katja","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/frl-katja\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36694"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36694\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}