{"id":36695,"date":"2003-07-24T11:11:47","date_gmt":"2003-07-24T09:11:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36695"},"modified":"2022-09-15T19:51:42","modified_gmt":"2022-09-15T17:51:42","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-27","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2003\/07\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-27\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 27"},"content":{"rendered":"\n<p>Urlaubszeit. Lesezeit. Aber nicht, was Ihr denkt: ich mit Buch am Strand. Oh nein. Au contraire: ich hol mir den Strand ins Haus. Auch wieder nicht, wie Ihr denkt, so mit Schippe und Eimer, neenee. Mit B\u00fcchern. Unter anderem mit \u2013 Merian-Heften! Die m\u00fcssen f\u00fcr Leute gemacht sein, die nicht verreisen, denn die Karten, die da drin sind, kann man am Urlaubsort gar nicht gebrauchen: viel zu unhandlich. Und ansonsten ist das gro\u00dfe Literatur, die ist ja allein schon dadurch definiert, dass sie \u00fcberzeitlich, mehrdeutig und interpretabel ist. Koordinaten wie Zeit und Raum sind da ganz st\u00f6rend, aber zumindest die Koordinate \u201eRaum\u201c w\u00e4r ja f\u00fcr eine gelungene Urlaubsplanung dann doch vonn\u00f6ten. Und au\u00dferdem schreiben da so Leute wie Tom Wolfe oder Susan Sonntag \u2013 jedenfalls aus dieser Liga, und da kann man sich schon denken, worauf das hinauslaufen soll.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mir jedenfalls schwebte ein ganz konkretes Reiseziel vor, von dem ich doch dachte, dass da schon in der dritten oder vierten Generation entsprechende Hefte existieren m\u00fcssten. Die werden n\u00e4mlich alle paar Jahre auf den neuesten Stand gebracht. Aber: nein! Vielleicht werd ich mal einen Beschwerdebrief an den Verlag schicken. Denn das Erstaunen \u00fcber das fehlende Heft hat in etwa die Dimension, wie wenn man erf\u00e4hrt, dass \u201eYesterday\u201c von den Beatles nie als Single ausgekoppelt wurde. \u201eYesterday\u201c keine Single? Genau. Und von St. Tropez kein eigenes Merian-Heft. Unglaublich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich ausgerechnet auf St. Tropez komme? Ganz einfach. Gab\u00b4s neulich einen Arte-Themenabend zu. Die sind immer zusammengest\u00fcckelt aus einen Spielfilm und ein, zwei irgendwie dazupassenden Dokumentationen. Aber die Magie des Wortes \u201eThemenabend\u201c schafft dann doch eine so toll funktionierende Verklammerung, dass man ihrem Sog rettungslos erliegt. Und hinterher auch nicht traurig ist. Der Spielfilm war \u00fcbrigens \u201eSwimmingpool\u201c, weshalb ich jetzt mit eigenen Augen erfahren hab, dass vom Paar \u201eSchneider-Delon\u201c Romy Schneider eindeutig die bessere Schauspielerin war. Und der Lerneffekt aus der anschlie\u00dfenden Doku war, dass St. Tropez in Wirklichkeit gar kein erstrebenswertes Reiseziel ist. Deshalb ja auch das Merian-Heft. Wenn ich das durch hab, will ich wahrscheinlich doch wieder hin, aber die fehlenden geographischen Kenntnisse sch\u00fctzen mich davor.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann hab ich mir noch ein paar richtige B\u00fccher kommen lassen, darunter \u201eSommerhaus, sp\u00e4ter\u201c (!), was mich unsch\u00f6n daran erinnert, dass das wahrscheinlich ein Kompensationskauf war \u2013 sch\u00f6nes Wort, gell? Aber sind das nicht eigentlich alle K\u00e4ufe? Kauf ich nicht sogar Brot, um mein Magenknurren zu kompensieren? Oder heisst das dann schon \u201esublimieren\u201c? Hach, bei der n\u00e4chsten Sitzung mal meinen Therapeuten fragen&#8230; Jedenfalls scheine ich eigentlich wegzuwollen, aber nicht zu d\u00fcrfen, weil ich ja zu dieser Generation geh\u00f6re, die nicht wei\u00df, ob ihr Job noch da ist, wenn sie sich mal kurz umdreht. Deshalb trau ich mich nicht, wegzufahren, w\u00e4hrend auf dem Konto all die sch\u00f6nen Hinternet-Millionen vergammeln. Naja, nach der n\u00e4chsten Inflation sind die auch weg, wieder eine Sorge weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Tja, und dann hab ich noch ein Buch kommen lassen, ich geb\u00b4s ja zu, von Stuckrad-Barre, und da war dann vorne doch tats\u00e4chlich so ein Aufkleber drauf, mit Zitaten aus Elogen in der taz, der FAZ etcetera. Der ist jetzt weg. Daf\u00fcr hab ich eine bl\u00f6de klebende Fl\u00e4che auf dem Buch, denn das war kein toller Kleber, mit dem man zum Beispiel Preisschildchen draufklebt. Sondern ein bl\u00f6der, der beim Abziehen nicht restlos weggeht. Ich find das zum Kotzen. Denn wenn man den Buchh\u00e4ndlern sagt, also, e-books sind auch \u00b4ne feine Sache, dann schreien die doch bestimmt: Und das haptische Erlebnis?! Aber kleben einem solche Drecks-Aufkleber drauf. Noch ein Argument mehr f\u00fcr e-books.<\/p>\n\n\n\n<p>Das schlimmste ist aber die Dem\u00fctigung. Denn mit solchen Aufklebern auf dem Buch f\u00fchlt man sich doch wie ein beschissener Hit-Alben-K\u00e4ufer. Wo einen so gelbe \u201eInkl. Hit-Single Blablabla\u201c-Aufkleber anblecken und damit meinen: Du bist ein Mitl\u00e4ufer, ein Wellenreiter, ein Herdentier. Dabei sind es doch wir Stuckrad-Barre-Leser, die die Jobs der Buchh\u00e4ndler sichern, oder? Zusammen mit den Lesern des \u201eMedicus\u201c und von \u201eSorge dich nicht, lebe\u201c. Auch wenn die Buchh\u00e4ndler das gern verd\u00e4ngen. Uns geb\u00fchrt beim Kauf mindestens ein ger\u00fchrter H\u00e4ndedruck, und wenn schon Aufkleber, dann wenigstens mit \u201eDankesch\u00f6n, Held des geschriebenen Worts!\u201c, jawohl. Am besten aber gar keinen. Und statt dessen d\u00fcrfen sie alles mit Aufklebern zupflastern, was sich ganz schlecht verkauft, Lyrik-B\u00e4nde zum Beispiel. Oder ein paar Johnsons, Vilars und Foucauts. Da sieht man die Leser ja sowieso erstmal Monate nicht mehr, weil sie solange mit den verschwurbelten Satzmonstern zu tun haben. W\u00e4hrend ich \u2013 mit meinem Stuckrad-Barre: \u2013 flupp, in drei Tagen durch. Und den Bohlen erst: ein Tag! Und schon steh ich wieder im Buchladen auf der Matte und kaufe und kaufe. Denn wir \u201eTrivial-\u201e und Popkulturleser sind doch die wahren Vielleser, B\u00fccherfresser, Alphabeten eben. Bei uns kommt man vor lauter B\u00fcchern kaum noch in die Wohnung, w\u00e4hrend bei den Schwurbel-Lesern: Ebbe im Regal. Das sind die eigentlichen Leute, wo man sagt: Hilfe, nur drei B\u00fccher, da geh ich nicht mehr hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht erinnert mich die Sache mit dem Aufkleber aber auch nur ungut an meine Kindheit. Denn im elterlichen B\u00fccherschrank standen vor allem v\u00e4terlicherseits B\u00fccher mit dem Aufdruck \u201eNobelpreis Neunzehnhundert-Sowieso.\u201c Meine Mutter hat gekauft, was ihr gefiel und oft neu war. Mein Vater hat erstmal gewartet, bis es in den Charts war. Wahrscheinlich hie\u00df der Aufdruck auch gar nicht Nobelpreis 19-hundert-bla-bla, sondern Nobelpreistr\u00e4ger. Denn B\u00fccher k\u00f6nnen ja gar keinen Nobelpreis kriegen, sondern nur Autoren. Jedenfalls offiziell. In Wirklichkeit ist das dann doch oft nur der \u201eEcho\u201c der Literaturindustrie. Golding zum Beispiel hat den Preis doch nur f\u00fcr den verbl\u00f6deten \u201eHerr der Fliegen\u201c gekriegt, oder? Oder Thomas Mann. Ganz im Ernst: das hat er doch gewusst, dass der nur f\u00fcr die \u201eBuddenbrooks\u201c war! So isses doch. Manchmal hat man aber auch den Verdacht, hier sollen mit dem Nobelpreis Autoren promoted werden, die sich sonst aus gutem Grund praktisch gar nicht verkaufen. Tja, und die sind dann in Sachen Hipness auch wieder verbrannt, weil der Aufdruck verr\u00e4t: nicht hinten aus dem Spezialit\u00e4tenregal rausgefingert, sondern vorne vom Sonderangebotsstapel. Naipaul-Wochen bei McDoof. Im Dutzend billiger. Jedenfalls brauchte ich fr\u00fcher nie bei den Sammelbestellungen f\u00fcr Schullekt\u00fcre mitzumachen. Der ganze Kanon, die Brechts, die D\u00fcrrenmatts und anderen Bohlens der Literatur standen garantiert schon bei uns zuhaus im Regal. Oh lala, wird jetzt vielleicht ein Gegenschuss kommen: Und bei wem stehen Modern Talking und Udo Lindenberg bei den Singles? Oja, stimmt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Urlaubszeit. Lesezeit. Aber nicht, was Ihr denkt: ich mit Buch am Strand. Oh nein. Au contraire: ich hol mir den Strand ins Haus. Auch wieder nicht, wie Ihr denkt, so mit Schippe und Eimer, neenee. Mit B\u00fcchern. Unter anderem mit \u2013 Merian-Heften! 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