{"id":36698,"date":"2002-10-18T11:11:00","date_gmt":"2002-10-18T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36698"},"modified":"2022-09-15T19:51:13","modified_gmt":"2022-09-15T17:51:13","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/10\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-25\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 25"},"content":{"rendered":"\n<p>Lies doch mal das Bohlen-Buch und schreib was dr\u00fcber, meint der Chefredakteur. Dir fallen dazu bestimmt noch ein paar nette Sachen aus Deiner Jugend ein. Oh ja. Oooooohhhhh ja!<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich hab ich in jungen Jahren ja nix ausgelassen, wie man so sch\u00f6n sagt. Heisst: nat\u00fcrlich war ich damals Modern Talking-Fan. Und zwar \u2013 Hilfe! \u2013 bekennender Modern Talking-Fan, was dachtet Ihr denn? Ums kurz zu machen: das Schlimmste aus dieser der Phase war wohl ein fast abgeschicktes Gl\u00fcckwunschp\u00e4ckchen. Und eine \u00fcberh\u00f6hte Telefonrechnung, die ich der armen Freundin meiner Mutter hinterlassen habe. In deren Wohnung haben wir n\u00e4mlich damals geurlaubt. Und was heute die 0190er-Nummern sind, das war fr\u00fcher das Bravo-Star-Telefon. Die Anzeige daf\u00fcr war immer auf Seite 2 unten so in die Ecke geknubbelt abgedruckt. Als h\u00e4tten sie sich damals schon daf\u00fcr gesch\u00e4mt, mit so was nebenbei Geld zu machen. Heute finanzieren sich damit frech und offen ganze Fernsehsender&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Am einen Ende der Leitung also damals: ich. S\u00fc\u00dfe dreizehn, fickerig in der Ecke neben dem Telefon zusammengekauert, den H\u00f6rer ans Ohr gepresst und mich berauschen lassend von den Stimmen vom Band. Und am anderen Ende: Thomas und Nora Anders. Die sich f\u00fcr die vielen Geschenke und guten W\u00fcnsche zur Hochzeit bedankten.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Anders klang m\u00e4dchenhaft-sanft, wie man es erwarten musste, wenn man seine Lieder kannte. Und Nora hatte so\u00b4ne tiefe, \u00f6lige Kn\u00f6delstimme. War ja auch der Mann in der Beziehung. Und hat mich damals, am Telefon, wohl kirrer gemacht als der Langhaarige, f\u00fcr den ich so schw\u00e4rmte. Muss man hier mal offen sagen. Aber ist das \u00fcberhaupt eine \u00dcberraschung? Waren Thomas und Nora Anders nicht sowieso eine offen lesbische Beziehung? Nein, nat\u00fcrlich nicht. Aber warum hab ich eigentlich nie die Frauen meiner angebeteten Stars gehasst? Weder bei Thomas Anders noch bei Nino de Angelo? Sollte mir das nicht zu denken geben? Au backe.<\/p>\n\n\n\n<p>Egal. Ich war ein unschuldiger, zart glimmender Teenager. Und ich hatte vorher noch nie beim Bravo-Star-Telefon angerufen. Wahrscheinlich aus Angst, dass vielleicht doch jemand leibhaftig am Telefon sitzt und ich was sagen muss. Das w\u00e4re zuviel f\u00fcr mich gewesen. Von meiner Traute, tats\u00e4chlich angerufen zu haben, war ich damals wohl so benommen, dass ich den H\u00f6rer noch zitternd in der Hand hielt, als das Band l\u00e4ngst abgespult war. Deshalb kam ich zwangsl\u00e4ufig dahinter: wenn man ein bisschen wartete, ging alles von vorne los.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meine Eltern also in irgend\u00b4ner Berliner Oper sa\u00dfen oder ein neues, skurriles Zimmertheater entdeckt hatten, in das sie mich und meinen Bruder nat\u00fcrlich nicht mitnahmen, lie\u00df ich zur Strafe mein rechtes Ohr gl\u00fchen. Zur Endlosschleife von Thomas&amp;Nora unplugged. Teenager k\u00f6nnen so pervers sein. Aus meinem Mund hat man \u00fcbrigens noch nie ein \u00fcberhebliches Wort \u00fcber hysterische Boygroup-Fans oder Oli P.-Anh\u00e4nger geh\u00f6rt. Ich kenne meine eigenen S\u00fcnden sehr genau.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich mit den \u201eguten W\u00fcnschen\u201c und \u201eGeschenken\u201c in der Gru\u00dfbotschaft nicht gemeint war, lag nur daran, dass mir das Geld f\u00fcr\u00b4s Porto dann doch zu schade war. Beziehungsweise: dass ich\u00b4s nicht hatte. Es war schon riskant genug, mittwochabends das Geld f\u00fcr die Bravo aus dem Portemonnaie meines Vaters zu fingern. Flog nat\u00fcrlich irgendwann auf, mein Vater war ein ziemlicher Pfennigfuchser.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das P\u00e4ckchen war praktisch schon gepackt. Was packt man eigentlich, wenn man als mittelloser Teenie seinem Star was zur Hochzeit schenken will? Ja, das, was man als Dreizehnj\u00e4hrige so an Kostbarkeiten im Zimmer stehen hat. Als Dreizehnj\u00e4hrige, Mitte der Achtziger&#8230; \u00c4h, das war eine rosa Stoffmaus vom letzten Weihnachtsbasar der Mannheimer Waldorfschule. Und \u2013 Achtung! \u2013 eine Kerze in Form eines Baisers. Mit Glitter drauf. Preziosen, die sich Thomas Anders sicher gleich in die beleuchtete Vitrine seines Schleiflack-Wohnzimmers gestellt h\u00e4tte. Aua.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, wenn ich mir so richtig dar\u00fcber klar werde, dass Dinge, die ich als Teenie mit heiligem Ernst betrieben habe, heute eine schr\u00e4ge Erinnerungskolumne f\u00fcllen, k\u00f6nnte ich heulen. Vielleicht mach ich\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sp\u00e4ter. Erst mal muss ich ja noch die Bohlen-Bio besprechen. Sonst gibt\u00b4s Mecker vom Chefredakteur.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder bin ich grundehrlich: das Buch ist einfach geil! Und warum ist es geil? Weil es eben nicht von Dieter Bohlen geschrieben wurde, sondern von Katja Kessler! Die hat die Bohlen-Spreche wahrscheinlich besser drauf, als er selbst. Tolldreist, saftstrotzend, temporeich. Und aus bewundernswert kurzen S\u00e4tzen bestehend. Also, da kann man nur neidisch werden. Kempowski? Lindenberg? (Wie die FAZ schrieb.) Ach was, das ist der Grass von \u201eKatz und Maus\u201c. Ha!<\/p>\n\n\n\n<p>Und inhaltlich? Tja, was will man denn noch mehr: doppelter Penisbruch, saufende Frauen, K\u00fcnstleranekdoten oh-so-voller-Tragik&#8230; Das ist der Grass der \u201eBlechtrommel\u201c, h\u00e4tt ich beinah gesagt. Nein, im Ernst. Wer sich das Buch kauft, will viel Namedropping und einen kr\u00e4ftigen Kulissenblick, und den kriegt er auch. Wie der rasende Drafi Deutscher Telefone aus der Wand reisst. Wie Nino de Angelo mit dem \u201eFlieger\u201c abhebt. Wie Matthias Reim Bohlen\u00b4s Fisur klaut. Und Naddel die Verhandlungen um den Villen-Preis torpediert. Ich glaub, da hab ich am lautesten gelacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es macht\u00b4s nicht besser, aber ich denke, Bohlen steht einfach nur in einer Linie mit anderen prominenten Kulissenrei\u00dfern der letzten Jahre. Wie Dietrich Schwanitz, der das ganze im \u201eCampus\u201c in Fiktion gekleidet hat. Oder Oskar Lafontaine, der sich seine Schmollrotze am virtuellen Revers von Gerhard Schr\u00f6der abgewischt hat. Also, dass jemand mit der gleichen Masche mehr Geld macht als Oskar Lafontaine (was ich doch sehr hoffe!), kann so schlecht nicht sein. Oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich aber gar nicht nachvollziehen kann, ist dieser durchg\u00e4ngige Feuilleton-Tadel. Von wegen: er kann ja seine Kollegen dissen, aber dass er seine Frauen so durch den Dreck zieht \u2013 tss tss! Also, diese Frauen waren vorher schon Freiwild. Auch der seri\u00f6sen Medien. Ganz Deutschland hat sich kaputtgelacht, als Naddel in den Big Brother-Container ging. Oder als sich la Feldbusch durch ihre Moderationen stammelte. Und ich pers\u00f6nlich hab am heftigsten den Kopf gesch\u00fcttelt, als Naddel nach der Feldbusch-Kurzehe zu Bohlen zur\u00fcckging. Tiefer kann man nicht sinken, auch nicht durch Alkoholismus oder Phlegmatismus, wie er ihr jetzt nachgesagt wird. Nachgeschrieben. Und bitte, wer hat die Damen gezwungen, jahrelang ihr Intimleben in Interviews fast s\u00e4mtlicher Medien auszubreiten? Also, die einzige, von der ich nie eins gelesen hab, war Bohlens erste Frau Erika (\u201e<em>Schwere und Ernsthaftigkeit. Nudeln mit Gulasch.<\/em>\u201c). Die h\u00e4tte vielleicht was Besseres verdient. Aber das hab ich noch in keiner Besprechung gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, Bohlen hat (mit Kesslers Hilfe) ein wunderbar spritziges, voraussehbares Buch geschrieben. Nur mit den Jahreszahlen vertut er sich manchmal, deshalb stimmt auch der Buchtitel (\u201eNichts als die Wahrheit\u201c) nicht. Aber der ist ja eh nur als Provokation gemeint (siehe Schwanitz\u00b4 \u201eBildung. Alles was man braucht\u201c. Partners in crime.) Die Achtziger sind kaum angebrochen, da erlebt er sieben Jahre sp\u00e4ter eine posthume Ehrung von Roy Black \u2013 der erst 1991 gestorben ist. Im Fr\u00fchjahr 1984 geht die Modern Talking-Rakete los? Ein glattes Jahr zu fr\u00fch. Ein Foto von Thomas Anders und Nora aus der klassischen Phase, auf 1983 datiert? Mag sein, aber ikonographisch geh\u00f6rt auch das ins Jahr 1985. Und wie schnell das ging, mit seinem Vater: vom armen Arbeiter zum erfolgreichen Unternehmer. \u00dcber Nacht quasi. Oder sollte man sagen: im n\u00e4chsten Absatz schon? Und noch was: die Frau von Barney Ger\u00f6llheimer heisst nicht Selma, sondern Betty. Bisschen besser Korrektur lesen, Frau Kessler. Ob da noch mehr solcher \u201eWahrheiten\u201c verborgen sind?&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Anyway. Ich freu mich schon auf Teil 2. Im Nachwort steht ja \u00b4was von weiteren Assen im \u00c4rmel. Und bis dahin empfehle ich jedem, der so was gern liest, die Autobiographie von Dieter Thomas Heck: \u201eDer Ton macht die Musik\u201c. Da stehen noch mehr sch\u00f6ne Sachen \u00fcber Drafi Deutscher und Nino de Angelo drin. Und \u00fcber Nena, Truck Branss und Tony Holiday. Genauso larmoyant und besserwisserisch wie bei Bohlen. Nur ein bisschen pl\u00fcschiger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lies doch mal das Bohlen-Buch und schreib was dr\u00fcber, meint der Chefredakteur. Dir fallen dazu bestimmt noch ein paar nette Sachen aus Deiner Jugend ein. Oh ja. Oooooohhhhh ja! Schlie\u00dflich hab ich in jungen Jahren ja nix ausgelassen, wie man so sch\u00f6n sagt. Heisst: nat\u00fcrlich war ich damals Modern Talking-Fan. Und zwar \u2013 Hilfe! \u2013 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[],"class_list":["post-36698","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. 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