{"id":36699,"date":"2002-10-07T11:11:19","date_gmt":"2002-10-07T09:11:19","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36699"},"modified":"2022-09-15T19:51:01","modified_gmt":"2022-09-15T17:51:01","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/10\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-24\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 24"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Nat\u00fcrlich<\/em>&nbsp;war ich w\u00e4hlen. Herrjeh, ich bin politisiert, seit ich denken kann. Ich hab schon mit vier gefragt, warum der \u201eSPIEGEL\u201c \u201eSPIEGEL\u201c heisst. Worauf meine Mutter weise antwortete, \u201eWeil man da drin sehen kann, was gerade passiert.\u201c Kanzlerkandidaten auf Skat-Karten? F\u00fcr mich nichts Besonderes. Ich war Spiegel-Titelseiten gew\u00f6hnt. Von Anfang an.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem erinnere ich mich noch gut an das blaue Faltblatt der \u00f6rtlichen SPD, das mir meine Eltern als Gutenachtgeschichte vorlesen mussten. Kein Scherz! Es war so eine Art blaues Heftchen (damals trug die SPD schon blau!) zum Auseinanderfalten, und es waren jede Menge Fotos drin. Fotos von Kandidaten. Mein Vater war einer von ihnen. Okay&#8230; Und nebendran stand, wer er ist. Wie alt. Welcher Beruf. Wieviel Kinder. Bla Bla. Und das mussten mir meine Eltern abends vorlesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als mich mein Vater mit drei mal aus einem Brunnen fischen musste, in den mich ein unbekannter Junge geschubst hatte, trug er mich anschlie\u00dfend in eine Wolldecke geh\u00fcllt durchs Treppenhaus, und damit ich nicht allzu sehr weinte, hatte er mir diesen blauen SPD-Flyer in die Hand gedr\u00fcckt. Das muss schon zu der Zeit gewesen sein, als ich die meisten dieser Dinger verschlissen hatte. Und so war es ein sehr geschickter Kunstgriff, pl\u00f6tzlich doch noch eins von irgendwo herzuzaubern. Das lindert sogar den Schreck nach gerade erlebten Todesgefahren. Denn ich war komplett unter Wasser. Und konnte nicht schwimmen. War ja erst drei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr meint, das sei schon das Schr\u00e4gste an fr\u00fchkindlicher Politisierung? Oh nein. An der T\u00fcr meines Kinderzimmers klebten so um die Wendezeit zwei Politiker-Aufkleber. Hans-Jochen Vogel. Und Klaus K\u00fcbler. Ihr kennt Dr. Klaus K\u00fcbler nicht? Den fr\u00fcheren MdB? Ha! Das war der SPD-Abgeordnete unseres Wahlkreises. Bergstrasse oder so. Ganz ernstblickender Mann mit viel Bart und grauen Haaren. Zu grau eigentlich f\u00fcr die SPD. Aber definitiv zu viel Bart f\u00fcr die CDU. Hab ihn auch mal live gesehen, an irgendnem Info-Stand, zu dem mich mein Vater mal mitgenommen hat. War schon \u00b4n eigenartiges Erlebnis, weil der Mann doch irgendwie anders aussah als an meiner T\u00fcr. Nicht schlechter, aber anders. Damals ahnte ich, dass man Fotos bearbeiten kann. Bearbeiten muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der eigentliche Witz ist, dass ich mich durch diese Aufkleber besch\u00fctzt f\u00fchlte. Ja, es ist peinlich, aber wenn ich abends mal allein zuhause war, hielt ich mich bevorzugt in der N\u00e4he meiner T\u00fcr auf. Die Fotos immer in Sichtweite.&nbsp;<em>Wo Dr. Klaus K\u00fcbler vom Sticker guckt, kann mir doch nichts passieren! Oder?!<\/em>&nbsp;Und ein Kanzlerkandidat mit hohen Haaren und dicker Brille konnte da auch nur n\u00fctzlich sein. Dachte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat lange gedauert, bis ich von meiner Vogel-Sympathie wieder runterkam. Weil: einmal mit zehn \u00b4n Aufkleber an der T\u00fcr \u2013 das heisst, verseucht f\u00fcr alle Zeiten. Noch heute merke ich reflexartig, wenn ich HJ Vogel im Fernsehen sehe, wie mir das Herz aufgeht. Hach, alte Zeiten, Jugend, Uterus&#8230; Aber dann f\u00e4llt mir wieder ein, dass ich schon von Leuten, die mit ihm zusammenarbeiten mussten, ganz \u00fcble Dinge geh\u00f6rt hab. Soll ziemlich autorit\u00e4r gewesen sein. Ungeduldig und misslaunig. Und dann geht mein Herz wieder zu. Seit die Haare von Hans-Jochen Vogel nicht mehr so hoch sind, sogar noch schneller. Weil: jetzt fehlt der optische Schl\u00fcsselreiz, der mein Herz bewegt, bevor mein Hirn anfangen kann zu denken. Mein Herz ist schneller als mein Verstand. Aber nicht \u201est\u00e4rker\u201c, wie Claudia Jung singt, w\u00e4hrend Richard Clayderman dazu auf dem Klavier klimpert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie? Claudia Jung hat ein Lied \u00fcber dein Herz und deinen Verstand gesungen, Frl. Katja?\u201c h\u00f6re ich meine Leser jetzt fragen. Nein, nat\u00fcrlich nicht. Vielleicht hat sie \u00fcber ihr eigenes Herz und Hirn gesungen. Oder \u00fcber das von Richard Clayderman. Vielleicht hatte auch einfach der Texter noch eine Rechnung mit jemandem offen. Mit seinem Ex-Freund vielleicht. Oder auch mit seiner Frau. Who knows.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit ich beim eigentlichen Thema bin. Lange schon schwebt mir vor, mal ein paar Zeilen dem Stichwort \u201eSchlagertexte\u201c zu widmen. Zwei Auszeichnungen hab ich zu vergeben: \u201eBeste Anfangszeile aller Zeiten\u201c. Und \u201eBl\u00f6dester Textausschnitt aller Zeiten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Preis f\u00fcr die beste Anfangszeile geht nat\u00fcrlich an Gunter Gabriel. Nat\u00fcrlich. F\u00fcr vier kleine Worte. \u201eIch bin Bruno Wolf.\u201c \u2013 Besser geht\u2019s nicht, oder? Da muss man erst mal drauf kommen. Bruno Wolf. Klasse! Au\u00dferdem find ich\u00b4s ausgesprochen h\u00f6flich, wenn sich die Textperson erst mal vorstellt, bevor sie mit ihrem Geseiere anf\u00e4ngt. Sollten viel mehr S\u00e4nger machen. Muss aber nat\u00fcrlich auch zum Gesamtgestus passen, der Name. Also vielleicht: \u201eIch bin Pippi Kleinschmidt. &#8230;und hab heute nichts vers\u00e4umt, denn ich hab nur von Dir getr\u00e4umt.\u201c Oder \u201eIch bin Dorota Jablonski. &#8230;und fahr nach Lodz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die gro\u00dfe Gefahr \u2013 gerade bei \u201eHey Boss, ich brauch mehr Geld\u201c \u2013 ist ja doch, dass man sonst nicht kapiert, dass es eigentlich Rollenprosa ist. Nicht mal, wenn der Text so weitergeht: \u201e&#8230;und bin seit 15 Jahren Truckerfahrer. Ich hab jeden Tag gearbeitet, war nie krank, hab eine Frau und zwei Kinder. Die Frau hustet, und der Sohn sollte eigentlich Zeitungen austragen. Aber der macht lieber mit seiner Freundin rum, deshalb sind wir jetzt pleite.\u201c Versteht kein Mensch, oder? \u201eWieso? Der f\u00e4hrt doch gar nicht Trucker. Der steht doch hier in der ZDF-Hitparade und singt. Und wo ist die Frau? Und die Zeitungen? H\u00e4?\u201c Mal ehrlich, so geht\u00b4s uns doch viel zu oft. Und deshalb ist es gut, wenn erst mal eine Zeile kommt, die sagt: Ich bin eigentlich jemand ganz anders. Bruno Wolf zum Beispiel. \u201eAch so!\u201c Die einzige Gefahr, die jetzt noch bleibt, ist, dass Leute sagen: \u201eAber den Bruno Wolf hab ich doch grad noch getroffen. Der ist auf dem Weg zur Bude, um zwei Dunkelbier zu holen.\u201c Da w\u00e4re es vielleicht gut, zu singen \u201eIch bin Bruno Wolf. Und nicht wundern: es gibt mehrere von uns.\u201c Ja, so k\u00f6nnte es gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorbildhaft in diesem Sinne sind die Lieder von Tommy Steiner. Obwohl ich dem eigentlich den anderen Preis verleihen wollte&#8230; Aber ich sollte vielleicht vorsichtig sein, denn soviel Umsicht wie in der betreffenden Textstelle sollte vielmehr belohnt werden. Hier hat man n\u00e4mlich nun wirklich keine Chance, irgendetwas nicht zu verstehen. Drei G\u00fcrtel und vier Paar Hosentr\u00e4ger sozusagen&#8230; In folgende Worte gegossen: \u201eDa ist ein Feuer, das ewig brennt. Das man das ewige Feuer nennt.\u201c \u2013<br \/>Wahnsinn, oder? Hier wird nun wirklich niemand mit unverst\u00e4ndlichen Metaphern \u00fcberfallen. Viele Fans haben sich ja schon beim Kauf der Single gefragt: \u201eEwiges Feuer. Hm. Was mag das sein?\u201c Und flupp, im Preis schon mit drin: die sehr verst\u00e4ndlich gehaltene Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens \u201eewiges Feuer\u201c. Ein Feuer, das ewig brennt. Danke, Tommy Steiner. Oder dein Texter.<\/p>\n\n\n\n<p>Da f\u00e4llt mir ein \u2013 wo ich schon lobe \u2013 ich m\u00f6chte noch eine weitere Person r\u00fchmen. Denn neulich h\u00f6rte ich im Radio ein Interview. Ein Reporter sprach mit einer Hobby-Malerin, die sich auf Landschaftsmotive spezialisiert hat. Von naiver Malerei war dabei nicht die Rede, das sind jetzt b\u00f6se Unterstellungen. Jedenfalls, der Reporter merkte an, dass auf den Bildern auff\u00e4llig oft Schnee zu sehen ist. Ob das eine bestimmte Bedeutung habe? \u201eN\u00f6\u201c, kam zur Antwort, \u201eich mal nur gern helle Bilder. Farben sind schwierig zu h\u00e4ndeln, und helle Bilder mit wenig Farben sind einfach leichter zu malen.\u201c So viel Ehrlichkeit w\u00fcnsch ich mir von viel mehr K\u00fcnstlern! Nicht immer diese \u201eTranszendenz des Andersseins\u201c. Oder die \u201eMenschwerdung der Immanenz\u201c. Ganz zu schweigen vom \u201eAufschrei der unterdr\u00fcckten Innerlichkeit\u201c. Nein! Viel mehr Schriftsteller sollten sagen: \u201eAch, das hat keine Bedeutung. Die Buchstaben lagen einfach auf der Tastatur nebeneinander und waren leichter zu dr\u00fccken. Das ist das ganze Geheimnis meines neues Romans \u00b4Ghzughzghgzhughzuzh\u00b4.\u201c Oder: \u201eMehr als die zwei Griffe kann ich nicht, deshalb klingt meine Musik wie Status Quo.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich wollte ich jetzt Schluss machen, aber dies ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, mal meinem Groll \u00fcber ambitionierte Amateurbands Luft zu machen. Ich hab genug davon interviewt. Glaubt mir, ich wei\u00df, wovon ich rede. Denn was ist der gemeinsame Nenner all dieser Bands? Dass sie auf die Frage \u201eWie w\u00fcrdet Ihr Eure Musik beschreiben?\u201c geziert antworten: \u201eAch, die kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Das wollen wir auch gar nicht. Denn wir passen in keine Schublade. Und solche Stil-Kategorien verf\u00e4lschen doch immer mehr, als sie beschreiben. Die Leute sollen sich selbst ein Bild machen.\u201c Ja sicher. Aber wie sollen sich Zeitungsleser \u201eein Bild machen\u201c? Bis heute legt die Saarbr\u00fccker Zeitung ihren Ausgaben keine H\u00f6rproben bei. Nicht mal, um die tolle lokale Bandszene vorzustellen. Und dann sollen sich Leser \u201eein Bild machen\u201c mit Statements wie \u201eUnsere Musik kann man nicht beschreiben.\u201c Bestimmt ist die Reaktion in vielen Leser-Haushalten die folgende: \u201eOh! Musik, die man nicht beschreiben kann. Das macht mich jetzt neugierig. Die schau ich mir mal an. Das trifft bestimmt meinen Geschmack.\u201c Vielleicht aber auch nicht, denken sich viele Journalisten. Und packen die Musik, die man \u201enicht beschreiben kann\u201c, in eigene Worte. \u201eDie sechs sympathischen Musiker aus Niederbexweiler machen eine Mischung aus leicht pathetischen Synthie-Exzessen, fremdartig anmutenden Geigen-Einlagen und einer ganz dicken Schicht Stadionrock.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich&nbsp;war ich w\u00e4hlen. Herrjeh, ich bin politisiert, seit ich denken kann. 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