{"id":36701,"date":"2002-03-17T11:11:15","date_gmt":"2002-03-17T10:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36701"},"modified":"2022-09-15T19:50:11","modified_gmt":"2022-09-15T17:50:11","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/03\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-22\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 22"},"content":{"rendered":"\n<p>Vielleicht ist es nur eine ganz normale H\u00e4utung. Vielleicht stimmt es aber auch, was mein Ausweis sagt: ich werde 30.<\/p>\n\n\n\n<p>Indizien gibt es genug. Ich fange zum Beispiel an, merkw\u00fcrdige Musik zu m\u00f6gen. Normalerweise, sagt man, fangen Menschen ab 30 an, Country zu h\u00f6ren. In dem Punkt bin ich bekanntlich fr\u00fchvergreist. Nein, ich fange gerade an, Sinatra zu m\u00f6gen. Hat man T\u00f6ne? Ich dachte, Sinatras Ruhm w\u00fcrde mir bis zum Ende des Lebens ein R\u00e4tsel bleiben. Stimmlich fand ich ihn ungef\u00e4hr so potent wie Bob Dylan oder Tom Waits. Mit anderen Worten: ich fand, er kann nicht singen. Und jetzt?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"240\" height=\"265\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/davedudley.gif\"\/><\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt lausche ich atemlos und ergriffen seinen Interpretationen. Gemerkt? &#8222;Interpretationen&#8220; ist nur ein anderer Begriff f\u00fcr Nicht-singen-k\u00f6nnen. Aber eleganter. Und intellektuell-argumentatorisch auf ganz anderem Niveau. Dem Niveau einer Fast-30-J\u00e4hrigen. Zeigt mir den ersten Jugendlichen, der Sinatra mag, und ich bin bereit, sofort das Jugendamt einzuschalten. Nein, Sinatra ist was f\u00fcr erwachsene Ohren. Kinder k\u00f6nnen mit der Lebenserfahrung, mit dem Schmerz und der Verbitterung, den Hochseilakten in Sinatras Stimme noch gar nichts anfangen. 30-J\u00e4hrige aber beginnen eine Ahnung vom s\u00fc\u00dfen Geruch der Verwesung zu haben. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Sinatra ist f\u00fcr sie genau das Richtige.<\/p>\n\n\n\n<p>Punkt zwei ist schon lange latent, mittlerweile aber manifest: ich schaue mit Hingabe Meisterschaften im Eistanzen. Und nicht nur das: ich guck sogar Langlauf und Curling! Das ist doch nun wirklich was f\u00fcr 40-J\u00e4hrige, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher gab\u00b4s f\u00fcr mich bei Wintersport-Events nur Eiskunstlauf und Ski-Abfahrt. Schnell, mit Thrill und viel Verletzungsgefahr. Da stehen wir jungen Dinger drauf. Aber gottlob &#8211; eine Sache gibt\u00b4s noch im Programm, die ist selbst mir zu lasch: das Schaulaufen im Eiskunstlauf. Da kann ich mir ja gleich ne Karte f\u00fcr Holiday on Ice kaufen. Pure Ornamentalik mit rosa Kleidchen und Null Wettbewerb. Also, wenn ich anfang, f\u00fcr\u00b4s Schaulaufen sp\u00e4t wachzubleiben, bin ich hoffentlich schon 60. Und brauch sowieso nur noch vier Stunden Schlaf pro Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einen dritten Fingerzeig gef\u00e4llig? Bitte. Ich denk neuerdings ernstlich dr\u00fcber nach, wieder mit Stricken anzufangen! Das konnte ich noch nie richtig. Nur mit 12 hab ich mal einen roten Kissenbezug gestrickt und mit wei\u00dfem T\u00fcll ein gro\u00dfes Kreuz draufgen\u00e4ht. Und drunter die Aufschrift &#8222;Die \u00c4rzte&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt tr\u00e4um ich auf einmal vom Stricken! Ich &#8211; die lebenslang &#8222;Textiles Gestalten&#8220;-Gesch\u00e4digte. Sicher kann ich mit ein paar ehemaligen Grundschul-Kameraden m\u00fchelos eine Selbsthilfegruppe aufmachen. Meine &#8222;Textiles Gestalten&#8220;-Lehrerin war sicher eine der zwanghaftesten Personen, die mir je begegnet ist. Nach der Mathelehrerin, bei der&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/kunst.gif\" width=\"220\" height=\"254\"\/>wir kollektiv den F\u00fcller in die Mitte des Heftes und die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen mu\u00dften. Und nach meiner Kunst-Lehrerin, die mir einen Stempel mit schwarzen H\u00e4nden auf\u00b4s Bild gedr\u00fcckt hatte. Weil ich mein Elternhaus nicht mit dem Lineal gezeichnet hatte, sondern freih\u00e4ndig. Und der Wind durch die Ritzen pfiff, wie sich meine Lehrerin ausdr\u00fcckte. Dabei hatte ich aufwendig Recherche betrieben und mir von der Stra\u00dfe aus angesehen, wie sich unsere Gardinen von au\u00dfen machen&#8230; Gut, bisschen schief war\u00b4s wirklich, das Haus. Aber meine Eltern hatten mir versichert, die echten K\u00fcnstler w\u00fcrden auch ohne Lineal malen. Das sei v\u00f6llig okay. Ich w\u00e4hnte mich in Sicherheit. Und dann das! Da war dann umgehend ein Anruf meiner Mutter bei der Lehrerin f\u00e4llig. Worauf die H\u00e4nde mit Kuli durchgekreuzt wurden. Und von einem lustigen K\u00e4fer-Druck flankiert&#8230; Also, vielleicht sollte ich lieber mal recherchieren, ob das wirklich \u00b4ne Grundschule war, wo mir all das passiert ist. Wo mein Bruder geschlagen wurde und man der Englisch-Lehrerin synchron den Guten-Morgen-Gru\u00df entgegenschmettern mu\u00dfte. Vielleicht war\u00b4s auch \u00b4ne Anstalt. Oder eine Waldorfschule.<\/p>\n\n\n\n<p>Wollt Ihr vielleicht noch \u00b4ne Anekdote aus meiner Kindheit h\u00f6ren? Es ist n\u00e4mlich mal wieder Zeit, mich selbst zu blamieren. Gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu muss man wissen, dass mein Vater damals Sozialarbeiter war. Ja, schon \u00b4ne gute Pointe. Aber das war mir eigentlich gar nicht peinlich. Die Geschichte geht noch weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Sozialarbeiter &#8211; was ist das? Hab ich mich damals auch gefragt. Alles, was ich wusste, war, dass er ein schickes B\u00fcro in der Stadt hatte. Aber was macht man in einem B\u00fcro? Zumal als Sozialarbeiter? F\u00fcr mich war das jedenfalls alles ziemlich abstrakt. Als der Tag kam, wo wir in der ersten Klasse den Beruf unseres Vaters malen sollten, war ich ganz sch\u00f6n in der Bredouille. Bei derselben Lehrerin \u00fcbrigens wie oben, mit dem Haus. &#8222;Mein Haus! Mein Vater! Mein Auto!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Schlau, wie ich war, wu\u00dfte ich mir zu helfen. Und malte meinen Vater als &#8211; Eismann! So richtig, mit wei\u00dfem Kittel und VW-Bus. Gro\u00dfes Hallo in der Klasse! Ob ich dann auch immer umsonst Eis bek\u00e4m und so. Na klar. H\u00e4tte auch toll so weitergehen k\u00f6nnen. Bis mich in der Woche drauf eine Klassenkameradin verpetzte. Mein Vater sei gar nicht Eismann und so&#8230; War m\u00e4chtig peinlich. Vor allem bekamen jetzt auch meine Eltern Wind von der Sache. Die fanden das ziemlich lustig. Ein bisschen zu lustig, f\u00fcr meinen Geschmack. Haben versucht, mir den Beruf des Sozialarbeiters zu erkl\u00e4ren. Und fanden auch mein neues Bild ganz toll. Das von meinem Vater in seinem B\u00fcro.<\/p>\n\n\n\n<p>Epilog: Am darauffolgenden Fasching hat sich mein Vater als Eismann verkleidet. Mit wei\u00dfem Kittel und bunter M\u00fctze. Meine Mutter wollte noch einen draufsetzen und ging als &#8222;Di\u00e4tk\u00f6chin&#8220;. Mit einem Bauch, der drauf schlie\u00dfen lie\u00df, dass meine Tage als Einzelkind gez\u00e4hlt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, so war das damals. Glaubt Ihr nun, dass ich 30 werde? Nicht, bevor Ihr meinen letzten Beweis zur Kenntnis genommen habt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Ihr\u00b4s glaubt oder nicht, aber ich ziehe einen jungen Pl\u00fcschb\u00e4ren gro\u00df. Er ist sehr sch\u00fcchtern, ziemlich kaprizi\u00f6s und immer hungrig. Au\u00dferdem ist er hochbegabt. Mit&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/drbaer.gif\" width=\"200\" height=\"265\"\/>seinen fast drei Jahren kommt er jetzt schon in die f\u00fcnfte Klasse. Er ist super in Mathe und Quantenphysik, und zum Duschen nimmt er statt eines Quietsche-Entchens ein Atom-Modell mit. Wenn ich am Computer &#8222;Wer wird Million\u00e4r&#8220;spiele, m\u00f6chte er immer als Telefon-Joker angerufen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr glaubt, das funktioniert nicht? Das macht doch viel Arbeit, so\u00b4n B\u00e4r? N\u00f6, geht eigentlich. Vor allem im Winter. Da hat er ein halbes Jahr schulfrei und pennt den ganzen Tag. Nur die Elternabende sind stressig. Und der Kindergeburtstag im Mai. Da klebt dann hinterher alles. Vom Honig&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Freunde kommen den B\u00e4ren allerdings selten besuchen. Er ist nicht sehr gesellig. Nur ein kleiner Osterhase aus Holz l\u00e4sst sich davon nicht abschrecken. \u00dcbrigens: das kleine Wohnhaus von IKEA, das wir dem B\u00e4ren gekauft haben, hat er mittlerweile vermietet. An ein schwules Vogelpaar aus Pl\u00fcsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr glaubt also, ich spinne? Dann fragt mal meinen Mann. Der kreuzt bei Umfragen an: &#8222;Haushalt mit drei Personen, davon einer unter 18&#8220;. Fragt den doch mal, ob er spinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mir w\u00fcnscht am besten Gl\u00fcck. F\u00fcr den 30sten. Das ist schon ein bisschen unheimlich, das alles.<\/p>\n\n\n\n<p>Naja, werdet Ihr schon auch noch merken. In zehn Jahren. Geliebte junge Zielgruppe!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/30geburtstag.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht ist es nur eine ganz normale H\u00e4utung. 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