{"id":36702,"date":"2002-01-24T11:11:35","date_gmt":"2002-01-24T10:11:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36702"},"modified":"2022-09-15T19:58:08","modified_gmt":"2022-09-15T17:58:08","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/01\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-21\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 21"},"content":{"rendered":"\n<p>Mensch, war das ein Schreck neulich nachts. Ich wache vor dem Fernseher auf &#8211; auf der Mattscheibe Elke Heidenreich, die den Plot eines Romans erz\u00e4hlt. Nanu, denk ich. Eine Sparma\u00dfnahme, weil kein Geld mehr da ist, Filme zu drehen? Nein, nur der Literaturtip in der 3sat Kulturzeit. Uff.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Manchen Sendern t\u00e4t das allerdings mal ganz gut, kein Geld. SAT1 zum Beispiel, das in seiner Quizshow fragt, welcher der folgenden SPD-Politiker nie Ministerpr\u00e4sident war. Johannes Rau, Hans Eichel, Bernhard Vogel&#8230; Bernhard Vogel? Doch, der ist Ministerpr\u00e4sident. In Th\u00fcringen. F\u00fcr die CDU.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"240\" height=\"256\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/fernseh2.gif\"\/><\/p>\n\n\n\n<p>Wem SAT1 zu ungebildet ist, der kriegt beim ARD-Morgenmagazin daf\u00fcr die volle Packung. H\u00e4tte Gerd Scobel an der PISA-Studie teilnehmen d\u00fcrfen, w\u00e4r Deutschland aus dem Schneider. Was der alles wei\u00df&#8230; Der f\u00fchrt zur Euro-Einf\u00fchrung kein einfaches Interview mit einem Psychologen, so nach dem Motto &#8222;Warum ist die Umstellung so schwer? Wie schafft man das am besten?&#8220; und so weiter&#8230; Nein, Herr Scobel hat schon mal ein schlaues Buch gelesen, deshalb stellt er Fragen, die uns allen unter den N\u00e4geln brennen: n\u00e4mlich &#8211; in der Freud\u00b4schen Psychologie ist das Thema Geld mit der Sph\u00e4re des Analen besetzt. Was bedeutet das also jetzt, \u00fcbertragen auf die Euro-Umstellung? &#8211; Was Sie noch nie wissen wollten, selbst wenn Sie es zu fragen wagten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Man sagt ja, Essen ist der Sex des Alters. Und das Weihnachts-TV-Programm ist der Gabentisch der Erwachsehen. 2001 sollte in dem Punkt das Fest der Senioren werden. Erst der Dietrich-Geburtstag auf allen Kan\u00e4len. Und dann noch der Buena Vista Social Club bei Arte. Das war mein Weihnachten.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/80jahr.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Dietrich hab ich kr\u00e4ftig hassen gelernt. Als Schauspielerin war sie blo\u00df eine ausgeleuchtete Statuette bei Sternberg, lerne ich in der Spoto-Bio. Als Mutter war sie sogar noch schlechter, steht in der Tochter-Bio. Der erste Film, in den ich reinzappe, ist &#8222;Der gro\u00dfe Bluff&#8220;. Die Dietrich und Gary Cooper &#8211; das unkomischste Kom\u00f6dien-Paar der Welt. Oh Gott. Ihr letzter Liebhaber soll Burt Bacharach gewesen sein. Leiser Neid. Dann\u00a0der gro\u00dfe Marlene-Film im ZDF. Ich raufe mir nur noch die Haare. W\u00e4hrend sich meine Mutter an der gro\u00dfen, silberfarbenen Etagere auf Marlenes Fr\u00fchst\u00fcckstisch erfreut. Und die pastellfarbene Bettw\u00e4sche in Marlenes Hollywood-Villa bestaunt. Sie macht eben selbst aus einem Vilsmaier noch das Beste&#8230; Ein endg\u00fcltiges Trauma verschafft mir schlie\u00dflich die Schell-Doku. Marlene mit Anfang Achtzig im Interview, aus Eitelkeit nur im Off zu h\u00f6ren &#8211; aber wie! Aufbrausend, schulmeisternd und mit Lall-Stimme. Ein hoffnungsloser Fall. &#8222;Gesetzt, ich bin mit Achtzig genauso, dann erschie\u00df mich bitte&#8220;, w\u00fcnsch ich mir. &#8222;W\u00fcrd ich ja gern&#8220;, seufzt der ein paar J\u00e4hrchen \u00e4ltere Chefredakteur. &#8222;Aber wahrscheinlich reicht die Kraft dann nur noch zum Treppe-Runterschubsen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und nochwas hat die Schell-Doku mir verdorben: die raffinierte Schlu\u00dfpointe aus &#8222;Zeugin der Anklage&#8220;. Mit wenigen Ausschnitten und indiskreten Erkl\u00e4rungen verdirbt der geschw\u00e4tzige Feierabend-Regisseur den Nachgeborenen Wilders Meisterwerk. Ich wei\u00df sofort, was los ist, hechte zur Fernbedienung, um den Ton auszuschalten, und spule vor, bis ich mich au\u00dfer Gefahr w\u00e4hne. Aber es ist zu sp\u00e4t. Die &#8222;Zeugin der Anklage&#8220; seh ich mir trotzdem an. Toller Film. Mit Marlene vers\u00f6hnt? Nein. Aber ein wachsender Billy-Wilder-Fan.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Buena Vista Social Club sitze ich nach. Da stand damals Wim Wenders auf den Filmplakaten, deshalb bin ich nicht rein. Aber die CD hab ich l\u00e4ngst, also kuck ich mir jetzt doch nochmal den Streifen an. Kost ja nix. Und tut auch gar nicht weh: ist nur \u00b4ne Mischung aus Voxtours- und MTV Unplugged. Bilder von Stra\u00dfen mit bunten H\u00e4usern, auch viele Bahnschienen und verrottete Fabriken und immer wieder alte M\u00e4nner beim Musikmachen in R\u00e4umen, die aussehen wie das Clubheim vom SV MauMau 05. Am Ende sind sie in New York, auf dem Empire State Building, und halten Ausschau nach der Freiheitsstatue. Der letzte Dialog geht ungef\u00e4hr so: Ruben Gonzales erinnert sich, dass er schon mal da war. In New York und bei der Freiheitsstatue. So 1920. &#8222;Wirklich?&#8220;, fragt einer der J\u00fcngeren, vielleicht Eliades Ochoa. &#8222;Wann genau?&#8220; Und Gonzales erinnert sich: &#8222;Ich bin jetzt Achtzig. Damals war ich Drei\u00dfig.&#8220; Das war dann ungef\u00e4hr 1950. Geht doch.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch was Tolles hat der Film, das meine selbstgebrannte CD nicht hat: Lieder mit Untertiteln. In ihren Texten sind die Kubaner erstmal nicht anders als andere: jede Menge Phallus-Symbole. Baumst\u00e4mme, Schl\u00e4uche etc. Aber nur bei den Kubanern werden diese Phallus-Symbole in der letzten Strophe auch noch erkl\u00e4rt. &#8222;Der Baum, in den Du das Herz geritzt hast, bin ich&#8220;. Aha. Und die Schl\u00e4uche sind dann vielleicht doch eher Symbole weiblicher Begriffsstutzigkeit. Oder warum sind solche Aufl\u00f6sungen noch n\u00f6tig?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eins geb ich zu: jetzt, wo ich den Film kenn, lieb ich die CD noch mehr. Man mu\u00df diese alten M\u00e4nner &#8211; und die bezaubernde Omara Portuondo &#8211; mit ihren klammen Gliedern und dem Schalk im Nacken mal gesehen haben, um das Wunder des Buena Vista Social Clubs wirklich sch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine tote Filmlegende aus Berlin also, quicklebendige Rock-Recken aus Kuba &#8211; und ein langsames Sterben auf Viva 2.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rettungsanker aller Musikfans stellt sein Programm ein. Tsch\u00fcss Wah Wah, Zwobot, Kroko und Seattle J\u00f6rg. Und tsch\u00fcss, jede Menge stumpfsinniger Werbebl\u00f6cke f\u00fcr CD-Boxen aller Art. Die sinnigerweise ausgerechnet auf Viva2 beworben wurden. Hier nochmal meine Top Drei der Werbeslogans aus den grausigsten Spots aller Zeiten:<\/p>\n\n\n\n<p>3) aus &#8222;80s forever&#8220;:<br \/>&#8222;Kein anderes Jahrzehnt hatte soviele unglaubliche Megahits, an die wir uns gern erinnern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>2) aus &#8222;Superhits of Rock\u00b4n\u00b4Roll&#8220;:<br \/>&#8222;Schonen Sie die wertvollen Singles ihrer Plattensammlung. Mit Superhits of Rock\u00b4n\u00b4Roll haben sie alle einhundert wichtigsten Rock\u00b4n\u00b4Roll-Evergreens in allerbester Soundqualit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>1) aus &#8222;Made in Germany&#8220;:<br \/>&#8222;Anfang der 80er ging ein Ruck durch die internationale Musikszene. Deutsche Popmusik und Neue Deutsche Welle eroberten die Welt.&#8220; (im Hintergrund: Musik von Herwig Mitteregger, Purple Schultz, Spliff und Markus&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mensch, war das ein Schreck neulich nachts. 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