{"id":36703,"date":"2001-10-01T11:11:32","date_gmt":"2001-10-01T09:11:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36703"},"modified":"2022-09-15T19:32:50","modified_gmt":"2022-09-15T17:32:50","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-20-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/10\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-20-teil-1\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 20 (Teil 1)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>&#8222;Nichts auf dieser Welt ist schlimmer als ein leeres Hotelzimmer.&#8220;<\/em><br \/>(Nena)<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"350\" height=\"294\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/hotel.gif\"\/><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Naja. Krieg vielleicht. Tod. Zerst\u00f6rung. Armut. Nenas Solowerk. Aber so ein leeres Hotelzimmer ist auch ziemlich schlimm. Meins ist sch\u00e4tzungsweise 12 Quadratmeter gro\u00df und geht mit dem Fenster auf die R\u00fcckseite des Alexanderplatzes. Die dunkle Seite der dunklen Seite des Mondes. Wirklich leer ist es eigentlich nicht. Weil: ich bin ja da. Und fast der gesamte Inhalt meines Kleiderschranks. Wir sind also in Wahrheit recht viele. Was leer ist, ist die H\u00e4lfte meines Doppelbetts. Und das ist doch der Punkt. Niemand muss Fernseher aus dem Fenster werfen, wenn das benachbarte Kissen zeitgleich zum eigenen beschnauft wird. Niemand muss Mobiliar zertr\u00fcmmern oder in der Bibel lesen. Niemand muss Kolumnen schreiben, so wie ich. Nach Jahren der Zweisamkeit zur\u00fcckgeworfen in Alleinwohn- und Single-Zeiten. Zumindest f\u00fcr viereinhalb Wochen. Verzweiflungstaten: Lekt\u00fcre, Theaterbesuche, Erkundungstouren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ist das Centrum-Kaufhaus hin, mit seinem erschwinglichen Plaste-Sortiment? Wo die Buchhandlung mit der Schlange vor der T\u00fcr? Und den K\u00f6rbchen, die\u00b4s im Westen nur in Drogeriem\u00e4rkten gab? (Oder in solch teuren Superm\u00e4rkten, dass ihnen die pure Existenz von Einkaufsw\u00e4gen schon einen unsch\u00f6n proletarischen Anstrich verliehen h\u00e4tte.)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"javascript:;\"><\/a>Daf\u00fcr sind die D\u00f6nerl\u00e4den da. In der ganzen Stadt. Auch hinterm Bahnhof Friedrichstra\u00dfe, wo David Bowie vermutlich heute hinziehen w\u00fcrde, z\u00f6ge er wieder nach Berlin. Weil\u00b4s da aussieht wie in den tr\u00fcbsten Tagen der tr\u00fcben Anfang-Achtziger. Als w\u00fcrden die Neubauten im Keller &#8222;Musik&#8220; machen und Effjott Kr\u00fcger im Hinterhaus gerade das Pomade-Glas aufschrauben. Gleich gegen\u00fcber, nur getrennt durch die dreckige, dreckige Spreebr\u00fche, liegt das Theater am Schiffbauerdamm. Und &#8211; \u00dcberraschung: Hier w\u00fcrde Bowie nicht einziehen!! Weil: kein Altbau mit gru\u00dflos verschwindender Tapete und br\u00f6ckelndem Putz. Sondern: Kronleuchter, Stuck, Blattgold. Geschockt sei sie gewesen, beim ersten Mal, erz\u00e4hlt meine Freundin Angelika. Hier habe Brecht sich doch nicht etwa wohlgef\u00fchlt? &#8222;Heda, Genossen Handwerker! Jetzt mal nicht so knausrig! Darben kann ich, wenn ich tot bin. Tragt mal ruhig richtig fett auf. Sieht ja keiner.&#8220; Schnell gucken, ob das Grab vielleicht auch schon&#8230; Mit Marmor, Goldschrift, Mausoleum? Nein. Immer noch der alte Findling, an die Backsteinmauer gelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der D\u00f6ner schmeckt \u00fcbrigens Klasse. Leider gibt\u00b4s ihn nicht zum Mitnehmen. (Dass es ihn doch zum Mitnehmen gibt, commod in Alufolie eingeschlagen, erfahre ich erst Tage sp\u00e4ter.) Grad mal, dass noch Alibi-Papiert\u00fcte und Serviette beigelegt werden&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"320\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/doener.gif\"\/><\/p>\n\n\n\n<p>Das wissen leider auch die Tauben. Und so scharen sie sich schon l\u00e4ssig auf den Platten vor der Bude. Cooler als die Rabauken in &#8222;Denn sie wissen nicht, was sie tun&#8220;. Bedrohlicher als die Kr\u00e4hen in den &#8222;V\u00f6geln&#8220;. Traumatische Erfahrung f\u00fcr mich taubenphobisches B\u00fcndel: Berliner Tauben sind ausgesprochen selbstbewusst. Viel selbstbewusster als Saarbr\u00fccker Tauben. Das hab ich noch nicht erlebt, dass eine Taube zur\u00fccktritt, wenn ich sie trete! Seufz. Aber naja, es gilt andere Dinge zu verarbeiten w\u00e4hrend des D\u00f6ner-Genusses. Zum Beispiel, wie eine Mahlzeit derart re\u00fcssieren konnte, die so albern und schwei\u00dftreibend zu essen ist?! Das Verspeisen eines D\u00f6ners dem\u00fctigt den Esser in jeder Sekunde. Angefangen, wenn der freundliche D\u00f6ner-Mann dem Kunden das dampfende Paket in die Hand dr\u00fcckt, noch bevor der den Geldbeutel z\u00fccken kann. L\u00e4chelnd sieht der D\u00f6ner-Mann zu, wie der Gast sein Portemonnaie hervorkramt, w\u00e4hrend dabei das erste Drittel der D\u00f6ner-F\u00fcllung auf den Boden klatscht. Jetzt l\u00e4cheln auch die Tauben. Mit jeder kleinen Bewegung landet mehr F\u00fcllung auf der Erde. Das macht es unm\u00f6glich, mit dem D\u00f6ner eine gem\u00fctliche Bank ein paar Stra\u00dfen weiter aufzusuchen. Dankbar l\u00e4sst man sich auf dem M\u00e4uerchen neben der Bude nieder. Im R\u00fccken ein kleines Areal mit etwas, das mal Erde war, und jeder Menge Zigarettenkippen. Unter sich Taubenschei\u00dfe. Zwischen den F\u00fc\u00dfen: Tauben. Mehr und mehr F\u00fcllung wandert nach unten, der Rest klebt im Gesicht oder tropft auf die Jacke. L\u00e4chelnd genie\u00dft der D\u00f6nermann eine kleine Pause. Und sieht zu, wie der Esser sich l\u00e4cherlich macht. Eine kleine Revanche&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"271\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/fahndung.gif\"\/><\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck im Westen brechen glamour\u00f6sere Zeiten an. Vorm Kempinski wird gedreht. Das hei\u00dft &#8211; grad ist Pause. Aber etliche Stative stehen rum. Und LKWs einer Filmfirma. Aus einem steigt Heiner Lauterbach und stiefelt direkt an mir vorbei. Dick geschminkt, wie das auch besser ist. Die Hand der besten Freundin meiner Mutter krallt sich in meine Schulter. Das war doch&#8230;! In der Bleibtreustra\u00dfe sitzt ein femininer Br\u00fcnetter mit Freunden vorm Caf\u00e9. Ich erkenn nix, und Gabi kommt nicht auf den Namen. Vier Kinder. L\u00e4sst sich grad von seiner Frau scheiden. Helmut Zierl, wei\u00df die Gala-Leserin. Langsam w\u00fcnsch ich mir eines dieser alten Terroristen-Plakate. Ich schreib einfach die Namen der bekanntesten Berliner Promis unter die Fotos und ixe einen nach dem anderen aus. Zierl kann schon weg. Lauterbach auch. Der war als Axel Springer verkleidet &#8211; das z\u00e4hlt doppelt. Rolf Eden fehlt mir noch. Wolfgang V\u00f6lz. Und Didi Hallervorden. Um die Sache etwas zu beschleunigen, schau ich schon mal nach Karten f\u00fcr die &#8222;Kom\u00f6die am Kurf\u00fcrstendamm&#8220;. Das bringt mir Herbert Hermann, Wolfgang Spier und Michele Marian, hehe&#8230; In der Giesebrechtstra\u00dfe, Ecke Meyerinckplatz, stehen die Fenster offen zum L\u00fcften. Zumindest an der Frontseite. Seitlich sieht man H\u00e4nde hinter Glas, die gesch\u00e4ftig B\u00fccher durchbl\u00e4ttern und das ein oder andere Lesezeichen entnehmen. Vorm Caf\u00e9 gegen\u00fcber sitzen zwei Schwule mit traurigen Augen. Aber niemand legt Blumen vor die T\u00fcr von Evelyn K\u00fcnneke. Das macht man nicht, in Berlin, sagt Gabi.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Nichts auf dieser Welt ist schlimmer als ein leeres Hotelzimmer.&#8220;(Nena)<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[],"class_list":["post-36703","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. Katja","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/frl-katja\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36703"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36703\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}