{"id":36704,"date":"2001-10-02T11:11:00","date_gmt":"2001-10-02T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36704"},"modified":"2022-09-15T19:36:03","modified_gmt":"2022-09-15T17:36:03","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-20-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/10\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-20-teil-2\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 20 (Teil 2)"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcbrigens: Ich hab eine neue Brieffreundschaft. Mit der Telekom. Eigentlich will ich nur einen Handyvertrag abschlie\u00dfen, und das geht in meinem Fall nur postalisch. Jetzt faxen wir uns munter Formulare hin und her, die Telekom und ich. Uns fehlt leider noch eine Unterschrift, Frl. Katja. Und noch eine. Und noch eine&#8230; Auf dem Blatt ist kaum noch Platz, ich blick schon lange nicht mehr durch. Aber eines Tages wird er kommen, der Tag der Lieferung. Hallo Frl. Katja! Hier sind ihr Handy und die drei Waschmaschinen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/hotel2.gif\" width=\"350\" height=\"352\"\/>Mein Zimmer liegt im zehnten Stock. &#8222;M\u00f6chten Sie gern hoch wohnen oder lieber tiefer?&#8220; hatte die Frau an der Rezeption beim Einchecken gefragt. Das Hotel ist 123 m hoch, es hat \u00fcber 30 Stockwerke. &#8222;Tiefer.&#8220; Ich hab ja gro\u00dfe Angst vor Hotelbr\u00e4nden und denke, die Sprungt\u00fccher eher zu treffen, wenn der Abstand nicht zu gro\u00df ist. &#8222;Ach&#8220;, sagt Gabi, die mich begleitet, &#8222;wenn\u00b4s brennt, nimmst Du einfach den Aufzug.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen blamieren sich gerade Deutschlands d\u00f6fste Promis. Helmut Karasek wei\u00df nicht, seit wann der aktuelle Papst in Betrieb ist. Und alle zusammen wissen nicht, dass Linux ein Betriebssystem ist. G\u00fcnter Jauch betont &#8222;Vulkanier&#8220; auf der letzten Silbe, i-e-r zusammengenommen. Wie Scharnier. Spock wird\u00b4s vernommen haben, irgendwo im Weltall. Marcel Reif macht als einziger etwas richtig. Er legt die Stirn in Dackelfalten und sieht aus wie George Clooney. Dirk Bach wei\u00df, dass man Essensreste im &#8222;Doggy Bag&#8220; mitnimmt. Keine \u00dcberraschung. Im Ersten setzt Sabine Christiansen ihre Ich-guck-jetzt-Eure-Schularbeiten-nach-Brille auf und stellt die G\u00e4ste vor. Walter Leisler Kiep wirkt verheult. Er bedankt sich f\u00fcr die Einladung und gr\u00fc\u00dft erstmal seine ganze Familie. Egon Bahr guckt professionell desinteressiert. In Wahrheit sammelt er Material f\u00fcr seinen neuen Roman. Backstage. Die Show ist nur das notwendige \u00dcbel. Dann schlaf ich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich st\u00f6ber so durch die Stadt. Mal wieder in den Zille-Hof. Fasanenstra\u00dfe, kurz hinterm Kempinski. Meine Mutter schimpft am Telefon: aufger\u00e4umte Flohm\u00e4rkte seien einfach das Letzte. Und im Zille-Hof sei alles so akkurat in Regale ger\u00e4umt. Ich dagegen w\u00fcrde mich \u00fcber mehr Ordnung im Zille-Hof sehr freuen. Wenn zum Beispiel in der Vinyl-Abteilung die Disco-Platten nicht munter verstreut zwischen Volksmusik und Weihnachtsliedern st\u00fcnden. Ich werde trotzdem f\u00fcndig. Bei den Singles. &#8222;Lied der Schl\u00fcmpfe&#8220;, &#8222;Was wird sein, fragt der Schlumpf&#8220;, &#8222;Polon\u00e4se Blankenese&#8220;, &#8222;Ja wenn wir alle Englein w\u00e4ren&#8220;, &#8222;Silverbird&#8220; &#8211; und Walter Scheels &#8222;Hoch auf dem gelben Wagen&#8220;! Coverphoto: Charles Wilp. Lokalkolorit: Schlo\u00df Gymnich bei K\u00f6ln. Heute im Besitz der Kelly Family. \u00dcber die Leidensgeschichte dieses Schlosses lie\u00dfe sich ein langes, dramatisches Fernsehfeature drehen&#8230; Die Preise im Zille-Hof sind noch dieselben wie vor 15 Jahren. LPs zwei Mark, Singles eine Mark.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Prenzlauer Berg gibt es sogar einen riesigen Biergarten namens &#8222;Prater&#8220;. Fast ein Drittel seiner Fl\u00e4che sind Fahrradst\u00e4ndern vorbehalten &#8211; und noch immer bleiben massig B\u00e4nke \u00fcbrig, unter riesigen Laubb\u00e4umen mitten zwischen noch riesigeren H\u00e4usen, mitten in Berlin&#8230; Hinter manchem Haus dr\u00e4ngeln sich noch drei weitere, was dazu f\u00fchrt, dass die mittleren nicht mal im Sommer richtig Licht kriegen. Ich werde auf einen Hinterhof gef\u00fchrt, in dem sich DDRler einen richtigen kleinen Park angelegt haben, mit Spielplatz, Spazierwegen und improvisiertem Skulpturengarten. Als der protzige Fassadenschmuck irgendeines Prunkgeb\u00e4udes entsorgt werden sollte, haben die Bewohner dieser H\u00e4user einfach zugegriffen und die Brocken auf ihren Hof geschleppt. Hier liegen sie nun rum, sind Gebrauchskunst, wie der Kletterbaum f\u00fcr uns Kinder im Garten meiner Eltern. Recycling auch ein paar Stra\u00dfen weiter: die Kulturbrauerei war mal das, was ihr Name schon verr\u00e4t, eben nur f\u00fcr Bier. Jetzt ist sie eine Art Holiday Park f\u00fcr Freunde alternativer Kultur, vom Programmkino bis zum Theater. Mich erinnert das ganze Gel\u00e4nde an die Industriekultur meiner saarl\u00e4ndischen Wahlheimat, und nun sind es schon drei Dinge, die mir in Berlin Heimat bedeuten: &#8222;The House of Villeroy&amp;Boch&#8220; am Ku\u00b4damm, die Stimme von Karl-Heinz Kaul in den ARD-Trailern und die Prenzlauer H\u00fctte, \u00e4h, Kulturbrauerei. Eine Saarbr\u00fccker Stra\u00dfe gibt es in Berlin auch. Die sieht ungef\u00e4hr so aus, wie der \u00fcbrige &#8222;urige&#8220; Prenzlauerberg. Einzig ein saniertes Haus macht auf Extrawurst: das Haus, das Alfred Biolek gekauft hat. Und der Marmor im S-Bahnhof neben der Th\u00fcringischen Landesvertretung stammt aus Hitlers Reichskanzlei, ja-ha. All diese Dinge lerne ich von einem Mann, den ich vorher nur von Zeit zu Zeit in Briefmarkengr\u00f6\u00dfe aus meiner Zeitung blicken sah: Bernard Bernarding, der Berlin-Korrespondent der Saarbr\u00fccker Zeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Ecke liegt der Kollwitzplatz, der Inbegriff Prenzlbergscher Ausgeh-Idylle. In dem stilvollen Altbau gegen\u00fcber des Spielplatzes wohnt Wolfgang Thierse, der Aufhebens und Sicherheitsma\u00dfnahmen gleicherma\u00dfen scheut. Einziger Tribut an seine Prominenz: das Tor zu einem j\u00fcdischen Friedhof hinter seinem Haus bleibt nun durch eine Kette verriegelt. Hier endet meine Privatf\u00fchrung durch den Prenzlauerberg, veranstaltet durch einen saarl\u00e4ndischen Autor, der schon ganze vier Wochen l\u00e4nger in Berlin ist als ich. Er wird auch noch etliche Monate l\u00e4nger bleiben, denn er hat ein Stipendium f\u00fcr ein komplettes Berlin-Jahr. Frl. Katja hat sich immerhin vier Wochen erschrieben, kein schlechter Schnitt. Jetzt w\u00e4re wieder mal ein Heiratsantrag eines Lesers f\u00e4llig&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbrigens: Ich hab eine neue Brieffreundschaft. Mit der Telekom. Eigentlich will ich nur einen Handyvertrag abschlie\u00dfen, und das geht in meinem Fall nur postalisch. Jetzt faxen wir uns munter Formulare hin und her, die Telekom und ich. Uns fehlt leider noch eine Unterschrift, Frl. Katja. Und noch eine. Und noch eine&#8230; Auf dem Blatt ist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[],"class_list":["post-36704","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. 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