{"id":36706,"date":"2001-10-04T11:11:00","date_gmt":"2001-10-04T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36706"},"modified":"2022-09-15T19:34:09","modified_gmt":"2022-09-15T17:34:09","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-20-teil-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/10\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-20-teil-4\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 20 (Teil 4)"},"content":{"rendered":"\n<p>Das SO36 in Kreuzberg steht auf meiner Liste mit dem Pflichtprogramm. Vor 20 Jahren l\u00f6ste der Schuppen gerade im Saarland gro\u00dfe Wanderungsbewegungen unter jungen Menschen aus. Immer wieder h\u00f6r ich bei meinen Interviews mit ausgewanderten Saar-K\u00fcnstlern: &#8222;und dann das Live-Programm im SO36&#8230;!&#8220; Als bed\u00fcrfe es keiner weiteren Erkl\u00e4rung. Legend\u00e4r eben. Der Name Programm. Ein Mythos. Jaja, das SO36&#8230;, wiegt der Chefredakteur wissend das Haupt. Und jetzt reicht\u00b4s mir. Ich will wissen, was es damit auf sich hat, mit diesem SO36. Dem fr\u00fcheren Punk-Club. Einmal selbst dringewesen sein. Mitreden k\u00f6nnen. Wenn auch sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>&#8222;Oranienstra\u00dfe, hier lebt der Koran. Dahinten f\u00e4ngt die Mauer an.&#8220;<br \/>(Ideal)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hab Gl\u00fcck, nach Jahren der Schlie\u00dfung ist das SO36 gerade mal wieder auf, und es steht sogar ein Live-Konzert an. Genauso hatte ich es mir immer vorgestellt: enge Stra\u00dfen, dichtbesiedelt, winzige L\u00e4den und jedes&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/k-kreuzber.gif\" width=\"250\" height=\"309\"\/>freie St\u00fcck Wand vollplakatiert. Nur die Mauer ist weg. Und Anette Humpe. Aber die Oranienstra\u00dfe ist noch da. Bunt, gammelig und voll Patina. Wenn man nicht genau hinsieht, l\u00e4uft man am Haus mit dem kleinen schwarzwei\u00dfen Schild leicht vorbei. Mit dem Auto suchend die Stra\u00dfe abzufahren, hilft garnichts, denn heute Abend steht zum Beispiel ein kleiner Bus vor dem Laden, und schon sieht man das Schild gar nicht mehr. Aber wir suchen ja auch nicht das SO36, sondern einen Parkplatz. Ich bin mit Ortskundigen hier. Christoph und Viola von den Hommes Sauvages. Christoph ist Saarl\u00e4nder, Viola Berlinerin. Aus Wedding, aber ganz am Rand, fast schon &#8211; Achtung, jetzt kommt mein Lieblingsname unter den Berliner Stadtteilen: &#8211; Britz! Als wir einparken, hab ich halb Kreuzberg gesehen. Und wahrscheinlich sogar das &#8222;coole&#8220; Kreuzberg. Meine Freundin Angelika wohnt auch in Kreuzberg, extra hingezogen, und sie gesteht mir etwas versch\u00e4mt ein, es g\u00e4be &#8222;zwei Kreuzbergs, mit zwei verschiedenen Postleitzahlen, eins mit 36, das \u00b4coole\u00b4 Kreuzberg, und eins mit 61, das \u00b4uncoole\u00b4&#8220;. Sie wohnt in dem mit 61.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann, der im SO36 auftritt, hei\u00dft Thomas D. Es ist seine erste Solo-Tour, und sie ist aufgeteilt in einen Club- und einen Hallen-Teil. Das SO36 ist ein Club. Weil Christoph auf dem aktuellen Thomas D.-Album Gitarre spielt, stehen Viola und er auf der G\u00e4steliste. Ich nicht, aber ich bin Journalistin. Und in erster Linie wegen der Lokalit\u00e4t da. DAS ist also das BER\u00dcHMTE SO36! Ich wurschtel mich durch einen langen Gang mit Plakatfetzen und Graffiti an der Wand, vorbei an Toiletten und Kartenkontrollen, und dann bin ich drin. Das erste, was ich sehe, ist nichts. Es ist dunkel und stickig, ich ahne einen Pulk von Menschen, der zum Teil auf B\u00e4nken an der Wand steht. Der Raum sieht wie ein Schlauch aus, und am Ende &#8211; irgendwo weit weg &#8211; ist eine B\u00fchne. Auf der turnt, in blaues Licht getaucht, der Reflektorfalke.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe ganz hinten an der Theke, gleich neben der T\u00fcr. Weiter hab ich es nicht geschafft, aber das macht auch nichts. An der Theke ist es ohnehin viel interessanter, denn dort geht auch Rod Gonzales vorbei. Rod von den \u00c4rzten. Kommt erst, als Thomas D. schon eine Stunde auf der B\u00fchne steht, geht wieder raus und wieder rein. Ist kein solch eifriger Clacqeur wie der zerzauste Blonde am Tresen, der demonstrativ jeden Song beklatscht. Er hei\u00dft Ralf Goldkind und war fr\u00fcher der Mann bei Lucilectric. Au\u00dferdem hat er das aktuelle Album von D. produziert und leitet die zugeh\u00f6rige Tour. Ich finde, er hat seine Sache ordentlich gemacht, aber nach einer Stunde hab ich genug &#8222;gesehen&#8220;. Ich erinnere mich, dass ich ja nur wegen der Lokalit\u00e4t da bin, und fahre zur\u00fcck ins Hotel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Chefredakteur ist zu Besuch. Er hat schon die Kuppel gesehen, die Bundespressekonferenz und die&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/k-s-bahn.gif\" width=\"250\" height=\"277\"\/>Hackeschen H\u00f6fe. Jetzt f\u00e4hrt er mit mir in der U-Bahn nach Neuk\u00f6lln. An der Decke des Wagon h\u00e4ngen zwei Monitore. Das sogenannte &#8222;Berliner Fenster&#8220;. Eine Art Zeitung im Fernsehen, die vor allem Werbung sendet, aber ab und an auch ein paar Infos dazwischenstreut. Auf dieser Fahrt lese ich: Todesfalle Feuertreppe. Das ist genau die Info, die ich brauche, aber es kommt noch besser: Toter im Forum-Hotel. Das ist MEIN Hotel! Ich falle fast neben dem Chefredakteur in Ohnmacht, aber das Berliner Fenster l\u00f6st seine rei\u00dferische Ank\u00fcndigung auf, und dahinter verbirgt sich nicht etwa ein Hotelbrand in meiner Abwesenheit, sondern etwas viel Kurioseres: ein knapp \u00fcber 60-j\u00e4hriger Hotelgast aus Brasilien hat sich im 37. Stock verlaufen und ist auf der Feuertreppe gelandet. Nun haben T\u00fcren an Feuertreppen ja die bl\u00f6de Angewohnheit, sich nur an manchen Stellen nach innen \u00f6ffnen zu lassen, sonst k\u00f6nnte ja jeder munter reinspazieren. In erster Linie sollen aber nur die rausspazieren k\u00f6nnen, die etwa an einem Brand im Innern Ansto\u00df nehmen. Dieser Brasilianer war nun auf der Suche nach einer T\u00fcr, die ihn zur\u00fcck ins Hotel f\u00fchrte, und dass er keine fand, beunruhigte ihn so sehr, dass er einen Herzinfarkt bekam und auf der Stelle starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hab ein Wochenende zu f\u00fcllen, an dem niemand Zeit hat. Das ist meine Chance. Beim Zappen im Hotelzimmer bin ich beim SFB h\u00e4ngengeblieben. Es l\u00e4uft &#8222;Drei Damen vom Grill&#8220;. Das hab ich zuletzt gesehen, als ich Abi gemacht hab. Oma, Mutter, Tochter parieren ranzige Rostw\u00fcrste, schmierige Sch\u00fcrzenj\u00e4ger und das Schicksal. Mitten auf dem Steubenplatz. Da muss ich hin. Am Sonntagmorgen fahr ich fast zwanzig S-Bahn-Stationen nach Neu-Westend. Die letzte vorm Olympiastadion. Ich steige in einem Vorstadtviertel aus, Neu-Westend ist Kleinstadt pur. Und der Steubenplatz Park und Verkehrsinsel in einem. Mit Blumenrabatten, Rasen und B\u00e4nken. Es ist gediegen und ruhig, kein H\u00e4lmchen regt sich, zwei B\u00e4cker, Butter-Gesch\u00e4fte, Matrazenstudio und Metzger drumherum. Eine alte Oma f\u00fchrt ihren Hund aus. Drei Damen vom Grill? Klar, die wurden hier gedreht. Aber nicht auf dem Platz, sondern auf dem schmalen Gr\u00fcnstreifen einer Allee, die vom Steubenplatz abgeht. Da stand die W\u00fcrstchenbude. Und die Anwohner wollten dort W\u00fcrstchen kaufen. Aber das ging nicht. War ja nur Kulisse. Alle waren sie da. Die Mira, der Juhnke, der Pfitzmann&#8230; Oh, Sie sind vom Saarl\u00e4ndischen Rundfunk? Ja, ihr Bruder hat auch mal in Saarbr\u00fccken gearbeitet. Zwei Jahre, bei der Post. Noch vorm Krieg war das, war schlie\u00dflich fast 15 Jahre \u00e4lter, der Bruder. F\u00fcr den Sender Saarbr\u00fccken war er damals zust\u00e4ndig, als Techniker, und eines Tages hat er einen Fehler gemacht. Da war beim Sender Saarbr\u00fccken zehn Minuten Funkstille. Das gab \u00c4rger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zieh weiter auf meiner Vorabendprogramm-Sightseeing-Tour, wie der Chefredakteur es nennt. Das Gleisdreieck sieht aus wie eine Industriehalde, die langsam begr\u00fcnt. Aber f\u00fcr mich ist Gleisdreieck nur der sieche Klaus Schwarzkopf, grandios in der Rolle des langhaarigen Penners. Und eine Station weiter bin ich auch schon dort, wo\u00b4s Gleisdreieck immer hinzog: an den B\u00fclowbogen. Den Bogen hab ich also, auch die roter Klinker-Kirche aus dem Vorspann, nur auf die Praxis hab ich auch am Ende noch mehrere Optionen. B\u00fclowstra\u00dfe, sagt ein junger Alternativer. Ein wei\u00dfes Gr\u00fcnderjahre-Prunkhaus, an dem tats\u00e4chlich ein riesiges Schild verk\u00fcndet: Praxen am B\u00fclowbogen. Ich bin nicht \u00fcberzeugt. Von den M\u00fclltonnen hinterm Maschendrahtzaun schickt mich ein Mann zur Ziethenstra\u00dfe. Im verkehrsberuhigten Teil. Dort k\u00f6nne man an einem Haus noch die L\u00f6cher sehen, wo zum Drehen immer das Praxisschild angeschraubt wurde. Ich laufe die gesamte Ziethenstra\u00dfe ab, kneife die Augen zusammen und stelle mir Anita Kupsch vor jedem Haus vor, hysterisch die T\u00fcr abschlie\u00dfend. L\u00f6cher finde ich nicht. Und die T\u00fcrken, die ihre Autos zur Fahrt ins Gr\u00fcne bepacken, gucken mich nur gro\u00df an. Praxis B\u00fclowbogen? Ganz Sch\u00f6neberg ist fest in t\u00fcrkischer Hand, eigentlich h\u00e4tte die Serie hei\u00dfen m\u00fcssen &#8222;D\u00f6nerbude B\u00fclowbogen&#8220;. Mit G\u00fcnth\u00fcr Pf\u00fctzm\u00fcnn. Ich fahr wieder ins Hotel.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute abend geh ich ins Theater am Schiffbauerdamm. Oder Brecht-Theater, wie die Stadtf\u00fchrer ins Mikrophon plaudern, wenn sie mit dem Touristenbbot dran vorbeischippern. Ich hab die Auswahl: Richard der Dritte oder Erich Fried zum Achtzigsten. Ich gehe kurz in mich und komme zu dem Schlu\u00df, dass ich keine Theaterschlampe sondern Literaturwissenschaftlerin bin. Fried also. Am Theater selbst h\u00e4ngt schon ein gro\u00dfes Transparent. Heute: Erich Fried. Von ihm selbst unterkritzelt. Mit riesigem, schwarzem Edding. Wenn das ernst zu nehmen ist, riecht das nicht so gut, denk ich mir und nehme sicherheitshalber einen Platz ganz weit weg von&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/richard.gif\" width=\"220\" height=\"232\"\/>der B\u00fchne: dritte Reihe, erster Rang. Kompletter Titel des Programms: &#8222;Erich Fried erz\u00e4hlt Angela Merkel wie es wirklich war. Klaus Wagenbach hat\u00b4s zusammengestellt&#8220;. Wagenbach, oha. Ein Zusammensteller vor dem Herrn. &#8222;&#8230; und unsere Texte sind auch in einem Buch drin, das der Klaus Wagenbach mal zusammengestellt hat&#8220;, flochten viele Kabarettistinnen betont beil\u00e4ufig ein, als ich sie damals interviewte. Im zweiten Semester, f\u00fcr mein Referat \u00fcber Frauenkabarett. Linker Verleger, das, f\u00e4llt mir ein. Hat sicher mal die Meinhof versteckt oder klamm\u00f6ffentlich mit ihr sympathisiert. Zu Fried f\u00e4llt mir fast das gleiche ein. Nur dass er eben Gedichte geschrieben hat. Vor mir an der Kasse steht noch ein \u00e4lteres Ehepaar und kann sich nicht entscheiden. Macht nix, der Kassierer telefoniert ohnehin gerade: Ja, da gibt\u00b4s noch Karten. Mit Christoph Reitze, Veith Schubert, blabla und George Tabori&#8230; Was ist das, wovon Sie gerade sprachen?, fragt der \u00e4ltere Ehemann, hellh\u00f6rig geworden, als der Kassierer auflegt. Erich Fried. Ach so. Zweimal Richard der Dritte, bitte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das SO36 in Kreuzberg steht auf meiner Liste mit dem Pflichtprogramm. Vor 20 Jahren l\u00f6ste der Schuppen gerade im Saarland gro\u00dfe Wanderungsbewegungen unter jungen Menschen aus. Immer wieder h\u00f6r ich bei meinen Interviews mit ausgewanderten Saar-K\u00fcnstlern: &#8222;und dann das Live-Programm im SO36&#8230;!&#8220; Als bed\u00fcrfe es keiner weiteren Erkl\u00e4rung. Legend\u00e4r eben. Der Name Programm. Ein Mythos. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[],"class_list":["post-36706","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. Katja","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/frl-katja\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36706","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36706"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36706\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36706"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36706"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36706"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}