{"id":36707,"date":"2001-10-05T11:11:23","date_gmt":"2001-10-05T09:11:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36707"},"modified":"2022-09-15T20:13:29","modified_gmt":"2022-09-15T18:13:29","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-20-teil-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/10\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-20-teil-5\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 20 (Teil 5)"},"content":{"rendered":"\n<p>Im schwedischen Design-Museum sieht es wild aus. Jedes Exponat wird von einem eigenen Strahler angstrahlt, der als Stehlampe daneben steht. Exponat-Titel und Name des K\u00fcnstlers h\u00e4ngen wie auf Ikea-Preisschildern an der Lampe. Die Strahler verdoppeln gewisserma\u00dfen die Zahl der Exponate und lassen die Ausstellungsfl\u00e4che leicht \u00fcberladen wirken. Au\u00dferdem stellen die Schweden selbst Handys und Werkzeuggriffe als Kunst aus. Und sie verschenken am Eingang kleine Aufkleber statt Eintrittskarten. Das f\u00fchrt dazu, dass die Verkehrsschilder rund ums Museum nicht mehr zu erkennen sind, weil alle Welt ihren Aufkleber drauf klebt. Auf dem R\u00fcckweg zur S-Bahn-Station Eberswalder Stra\u00dfe komm ich an einem Buchladen vorbei, in dem stapelweise modernes Antiquariat verramscht wird. Der h\u00f6chste Stapel ist der mit G\u00fcnther Amendts Sex-Buch. Ich hab jetzt auch eins. F\u00fcr eine ganze Mark.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In der U-Bahn nach Neuk\u00f6lln steigen immer mehr M\u00e4nner mit wei\u00dfbemehlten Schuhen ein. Langsam werde ich stutzig. Wo m\u00f6gen diese M\u00e4nner nur arbeiten, wo man solch wei\u00dfstaubige Schuhe kriegt? Welch sonderbare Industrie ist hier beheimatet? &#8230; Ich steige aus und gehe die Treppen zum Ausgang hoch. Als ich auf meine Schuhe blicke, sind sie wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Baustellen-Allergien und Tinnitusse sind Berliner Volkskrankheiten. Die Baustellenallergie liegt auf der Hand. Der Tinnitus kommt vom vielen U-Bahn-Fahren. Lah-l\u00fch-lah macht die T\u00fcr, bevor sie sich schlie\u00dft. Laut und durchdringend. Markersch\u00fctternd. Nur noch zu toppen von meiner schrecklichen Uhr, entsprechend positioniert. Meine Uhr ist eine Billig-Digitaluhr mit riesiger Sekundenanzeige und winziger Zeitanzeige. Sie piepst zur vollen Stunde. Auf Terminen bin ich die, die um kurz vor ganz die Arme unterm Tisch hat und eine Hand fest um die Ziffernanzeige krallt. So peinlich ist mir die Uhr. Aber sie sieht halt toll aus. Und f\u00fcr DEN Preis! Gef\u00e4hrlich wird es, wenn ich in St\u00fchlen l\u00fcmmel, den Ellogen auf die R\u00fcckenlehne gestellt und den Kopf in die Hand gest\u00fctzt &#8211; die Uhr dabei nur Zentimeter vom Ohr entfernt. In diesen Lagen kommt das Piepsen einem Inferno gleich. Sagt mein Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Chef w\u00fcrde Marzipan hassen, erz\u00e4hlt meine Freundin Uta, aber er sei von der Formbarkeit des Materials gleichzeitig so fasziniert, dass er seinen Mitarbeitern regelm\u00e4\u00dfig kleine Marzipanfig\u00fcrchen schenke. Zum Geburtstag hat sie von ihm eine rote Marzipanrose bekommen. Wir sitzen zu dritt im Auto, Uta, Fabrice und ich, auf dem Weg nach Dessau. Zum Bauhaus. Zu DEM Bauhaus. Dessau ist nicht gro\u00df, aber breit. Wir gurken lange durch die Stadt, bis wir das erste Stra\u00dfenschild mit &#8222;Bauhaus&#8220; finden. Dann ist es nicht mehr weit. Das Bauhaus liegt mitten in einem Wohngebiet, wie ein Juwel in einer Obstschale. Als es gebaut wurde, gab es das Wohngebiet noch nicht. Und: das Bauhaus ist kleiner als ich dachte. \u00dcbersichtlich und kompakt ruht es so vor sich hin, jedes Gymnasium ist gr\u00f6\u00dfer. Allerdings mu\u00df man schon ganz um es herum gehen, um seine wahre Form kennenzulernen &#8211; von au\u00dfen gibt es immer nur Fragmente preis &#8211; oder noch besser: in es hinein gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist es dann wirklich ganz Schule. Mit grauen Steintreppen und wei\u00dfen, schmucklosen W\u00e4nden. Nur ohne Turnhalle. Und ohne Hausmeister-Luke, wo in den Pausen Milch-Fit verkauft wird. H\u00fcbsch ist es nicht, aber zweckm\u00e4\u00dfig. Und die Schlichtheit macht sich gut auf Fotos, mehrt den Ruhm ihres Sch\u00f6pfers. Der hatte sein Zimmer im ersten Stock, in der Mitte der &#8222;Br\u00fccke&#8220; zwischen beiden Geb\u00e4udekomplexen. Auf der Ost-West-Achse, wie bei K\u00f6nigen \u00fcblich: Walter Gropius, Bauhaus-Gott. Im Flur stehen Vitrinen mit Kunst, Fabrice leiert die Sprossenfenster im Treppenhaus herunter, Uta bewundert die T\u00fcrklinken, und ich lass mich stolz l\u00e4chelnd in einem Wassily-Sessel fotographieren. Wir erkunden das ganze Haus, beschn\u00fcffeln die Kopierger\u00e4te auf den G\u00e4ngen (eindeutig Post-Bauhaus-Phase), r\u00fctteln an abgeschlossenen Wandschr\u00e4nken, entziffern T\u00fcrschilder und versuchen Blicke durch milchgl\u00e4serne Scheiben in R\u00e4ume zu erhaschen. An der Toilettent\u00fcr rekonstruiert Uta aus den Schatten l\u00e4ngst abmontierter Lettern das Wort &#8222;Damen&#8220;. Mit einem Wort: wir sind fasziniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dieses Gef\u00fchl kann uns auch die Ausstellung nicht austreiben, die lieblos zusammengestoppelt in einem der riesigen Handwerksr\u00e4ume untergebracht ist. &#8230;und die gewaltige Fensterfront des Saales mehr denn je zu einem Schmuckst\u00fcck avancieren l\u00e4sst. Ja, die Glasfassade ist eine Ikone, jeder hat schon mal ein Foto von ihr gesehen. Auf Platz 2 der Liste der meistfotographierten Bauhaus-Ansichten liegt der vertikale Schriftzug an der S\u00fcdwest-Seite: BAUHAUS. Nat\u00fcrlich ohne Kapit\u00e4lchen, wahrscheinlich eine Art Arial von vor hundert Jahren, aber seltsamerweise in Gro\u00dfbuchstaben, wo doch die Bauhaus-Philosophie durchg\u00e4ngig Kleinbuchstaben forderte, um Texte internationaler wirken zu lassen. Ein Bauhaus-technischer Schildb\u00fcrgerstreich also, tss tss. Mein ganz pers\u00f6nlicher Bauhaus-Schatz aber liegt auf der Nordseite und ist die Wand mit den kleinen Mansarden-Balkons. Exakt diese Seite wird gerade renoviert und ist just an diesem Tag hinter einem gro\u00dfen Ger\u00fcst verborgen, sehr zur Gaudi meiner Begleiter. Ich bin untr\u00f6stlich, aber es gelingt mir immerhin, ein Foto durch eine L\u00fccke in der Plastikplane zu schie\u00dfen. Auf meinem Geburtstag drei Wochen sp\u00e4ter wird dieses Foto minutenlang meine Freunde besch\u00e4ftigen, die r\u00e4tseln, wie rum man es eigentlich halten muss. Und auf meinen Fotos entdecke ich auch einen weiteren Vorzug des Bauhauses, den ich so nicht vermutet h\u00e4tte: seine wunderbaren Proportionen erlauben es selbst Laien wie mir, die kaum eine Kamera halten k\u00f6nnen, eindrucksvolle, ja regelrecht \u00e4sthetische Fotos zu machen. Danke, Bauhaus!<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Bauhaus-Br\u00fccke aus sehe ich im Haus gegen\u00fcber einen Mann mit Bettkopf, der nicht etwa mit dienernden Bewegungen zum Bauhaus hin\u00fcbergr\u00fc\u00dft, sondern schlaftrunken auf seinen Balkon schlurft und \u00fcber das Gel\u00e4nder gekr\u00fcmmt eine Zigarette raucht. Schockiert \u00fcber so viel Profanit\u00e4t im Angesicht des heiligen Bauhauses wende ich mich der R\u00fcckseite des Geb\u00e4udes zu, die einst die Vorderseite war. Jedenfalls erreichten Besucher das junge Bauhaus fr\u00fcher nur \u00fcber diese Seite. Und hier tut sich tats\u00e4chlich eine v\u00f6llig andere Welt auf. N\u00e4mlich eine akademische. An dieser Seite grenzt eine Kunst- und Architektur-Schule ans Bauhaus. Also fast das, was das Bauhaus selbst mal war. In einem ultramodernen, gl\u00e4sernen Bau stehen Koffer einer Exilanten-Ausstellung in den Fenstern. Und auf dem Grundst\u00fcck gegen\u00fcber steht ein seltsam geformter Zelt-Wurm auf nackter Erde. Er sieht aus wie ein Riesen-Kokon, aus dem bald ein mutierter Schmetterling schl\u00fcpft. Aber es handelt sich nur um irgendeine Studenten-Arbeit, ein spaciges Wohn-Get\u00fcm, das sp\u00e4ter einmal noch mobileres und demokratischeres Hausen als alle Unterk\u00fcnfte je zuvor erm\u00f6glichen soll. Die Studenten beackern mit Spaten die Erde drum herum und schuften ganz offensichtlich. Wir dagegen suchen die neueingerichtete Bauhaus-Mensa im Untergeschoss und sitzen auf freischwingenden Stahlrohrst\u00fchlen. Auf der Speisekarte, die nun aber wirklich ganz in Kleinbuchstaben gehalten ist, erfahren wir, dass es langanhaltenden Streit um das Ob und Wie der Mensa gab, die eigentlich ein Bistro ist. Post-Bauhaus-Streit. Den man schlie\u00dflich schlichten konnte. Und so gibt es dort nun Apfelschorlen von gigantischen Ausma\u00dfen mit eingelegten Mini-\u00c4pfeln auf dem Grund der Gl\u00e4ser.<\/p>\n\n\n\n<p>Derart gest\u00e4rkt, machen wir uns zu den Meisterh\u00e4usern auf. Wie kleine Puppenh\u00e4user sind sie zu besichtigen, die R\u00e4ume in lustigen Pastellt\u00f6nen gestrichen, wie in Hollywood-Filmen der 50er-Jahre. Weil man nicht wu\u00dfte, was man eigentlich ausstellen wollte, blitzen an manchen Stellen auch die grellen 70er-Jahre-Tapeten und -Treppenbel\u00e4ge der DDR-Zeit hervor. Schlie\u00dflich befinden sich auch die Meisterh\u00e4user l\u00e4ngst in der Post-Post-Bauhaus-Phase, und das Ambiente der DDR-Zeit sagt ja etwas dar\u00fcber aus, wie mit dem Bauhaus im real existierenden Sozialismus verfahren wurde. Visuelle Rezeptionsgeschichte, sozusagen. Jedenfalls liegen die Meisterh\u00e4user so dicht am Bauhaus dran, dass ihre Bewohner quasi mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen konnten. Was sie aber nicht brauchten, wenn\u00b4s nach Gropius ging. Denn der wollte die K\u00fcnstler lieber aus den F\u00fc\u00dfen haben, mit all ihrem Deko-Schickschnack, der dann wom\u00f6glich noch irgendwo aufgeh\u00e4ngt werden sollte &#8211; vielleicht noch da, wo\u00b4s jemand sah. Gott bewahre! Um das zu verhindern, richtete Gropius den Meistern gro\u00dfe Ateliers in ihren H\u00e4usern ein und verga\u00df, ihnen Arbeitsr\u00e4ume im Bauhaus zu geben. Zus\u00e4tzlich bekamen die Meisterh\u00e4user noch vier Balkons, je nach Stand der Sonne, und so konnte sich Gropius sich am Ende ziemlich sicher vor den unliebsamen Kollegen f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir das Klee\/Kandinsky-Haus betreten, steigt auf der anderen Stra\u00dfenseite eine Gruppe junger Besucher aus ihrem Kleinwagen. Eine dreiviertel Stunde sp\u00e4ter, als wir zum Feininger-Haus wechseln, parkt die Gruppe gerade wieder ihren Wagen auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite. Sie sind den langen Weg tats\u00e4chlich mit dem Auto gefahren. Von Haus Nummer 1 zu Haus Nummer 5. Getrennt einzig durch Haus Nummer 3, das zur Zeit eine Baustelle ist. Wir k\u00f6nnen es nicht fassen. Aber es kommt noch schlimmer: als wir aus dem Dachgeschoss des Feiniger-Hauses schauen, h\u00e4lt gerade ein langer Bus vor dem Haus und spuckt eine Horde \u00e4lterer Touristen aus. Es ist ein original-amerikanischer, gelber Schulbus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir durchstreifen die ganze Stadt auf der Suche nach Bauhaus-Geb\u00e4uden. Wir trinken Kaffee in einer Art Kurheim direkt an der Elbe, wo wir vom Kellner angeschnauzt werden, als wir nach zehn Minuten Warten wagen, vom Nebentisch die Speisekarte zu greifen. WAS das SOLLE? ER bringe hier die KARTE! Wir lassen uns nicht einsch\u00fcchtern und bestellen trotzdem. Hinterher fahren wir zum Laubenganghaus, einem Mansardenklotz mit ausgelagertem Treppenhaus. Wir besuchen die Siedlung T\u00f6rten, eine Reihenhaussiedlung mit \u00e4sthetisch-intellektuellem \u00dcberbau. Wir sehen das Haus Fieger und das Stahlhaus, und wir sehen das Tollste von allem, das Konsum-Haus. Das Konsum-Haus besteht aus einem Turm und einem flachen Seitenbau. Im Turm wohnen Menschen, und im Seitentrakt ist ein Kaufmannsladen. So war es von Anfang an gedacht. Aber auch, dass im Laden-Teil ein Schlecker-Markt logiert? Ein Bauhaus-Haus mit integriertem Schlecker-Markt. Das \u00fcbersteigt meine Kr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Das ist genau die Lekt\u00fcre, die ich brauche, um meine Berlin-Kolumne zu Ende zu schreiben: ein Buch mit Berlin-Kolumnen.&#8220;<br \/><\/em>(Frl. Katja, Wladimir Kaminers &#8222;Russendisko&#8220; lesend)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im schwedischen Design-Museum sieht es wild aus. Jedes Exponat wird von einem eigenen Strahler angstrahlt, der als Stehlampe daneben steht. Exponat-Titel und Name des K\u00fcnstlers h\u00e4ngen wie auf Ikea-Preisschildern an der Lampe. Die Strahler verdoppeln gewisserma\u00dfen die Zahl der Exponate und lassen die Ausstellungsfl\u00e4che leicht \u00fcberladen wirken. 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