{"id":36709,"date":"2000-06-07T11:11:01","date_gmt":"2000-06-07T09:11:01","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36709"},"modified":"2022-09-15T19:20:39","modified_gmt":"2022-09-15T17:20:39","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2000\/06\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-18\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 18"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Sommer kommt auf valiumgetr\u00e4nkten F\u00fc\u00dfen. Vielleicht ist er auch nur noch nicht richtig wach, wer wei\u00df. Vielleicht ist es auch nur, dass ich den Sommer meines Lebens kommen sp\u00fcre. Dies wird ein melancholisches N\u00e4hk\u00e4stchen&#8230; Woran ich das merke, das mit dem Sommer? Daran, dass die Frauen mit kleinen Kindern langsam j\u00fcnger sind als ich? N\u00f6. Daran, dass ich mir gerade &#8222;The Girl from Ipanema&#8220; gekauft hab? Ja. Du liebe G\u00fcte, wenn man auf sowas steht, ist man alt. Es braucht schon eine milde Depression, um sowas gut zu finden. So wie Stan Getz damals, als er sich dachte: Ich schreib mal einen Latin-Song, der alle Klischees von wegen &#8222;feurig&#8220;, &#8222;temperamentvoll&#8220; und so&#8230; L\u00fcgen straft. Statt dessen heb ich die Apathie aufs Schild. Und eine S\u00e4ngerin, die kaum den Mund aufkriegt und gleich vorm Mikro einschl\u00e4ft. Kommt trotzdem gut. Und ist dennoch gewagt, sowas auf einen Sampler namens &#8222;Jazz Samba&#8220; zu packen. Aber da ist noch mehr von der Sorte drauf: &#8222;Tristeza&#8220;, &#8222;Cried, Cried&#8220;, &#8222;If you went away&#8220;&#8230; Na, dieser Sommer kann ja heiter werden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Woran ich noch merk, dass ich erwachsen werde? Ich guck bei Eiskunst-WM mittlerweile das Eistanzen lieber als das Eiskunstlaufen! Ausdruck vor Artistik. Kaum zu fassen. F\u00fcr mich selber nicht. Fr\u00fcher konnte ich gar nicht genug Spr\u00fcnge, Schleifen und gef\u00e4hrliche Hebungen sehen, die Eistanzschn\u00f6sel fand ich dagegen einfach nur \u00f6de. Und jetzt guck ich mit Hingabe, wie sie sich biegen und strecken, lautlos \u00fcbers Eis gleiten (Also &#8211; die Guten! Bei den Schlechten knirscht und schleift es, dass sich einem die Haare zu Berge stellen&#8230;) und zu komplizierten Schrittfolgen f\u00f6rmlich miteinander verschmelzen. Demn\u00e4chst geh ich vielleicht noch ins Ballett, Du liebe G\u00fcte. W\u00fcrd mich gar nicht wundern. Dann haben die Frauen in meinem Alter vermutlich schon Enkel. Hoff ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nochmal zum Eistanzen. Ich bin ja schon seit Jahren ein Fan des franz\u00f6sischen Paars Anissina\/Peizerat. Wo sie auch mal ihn tr\u00e4gt. Aber langsam find ich das langweilig. Heimlich bin ich ohnehin der Meinung, dass sie ihre Punkte mittlerweile eher f\u00fcr die imposante M\u00e4hne von Gwendal Peizerat kriegen. Das mu\u00df doch jedem Preisreichter imponieren, dieses flatternde blonde Haarwerk im Fahrtwind&#8230; Und w\u00e4hrend die Bewunderung unterschwellig Hof h\u00e4lt, zack, hat man schon ein Zehntel mehr gegeben, als man eigentlich wollte. Und \u00fcberhaupt: inzwischen find ich die Performances der beiden, vor allem aber von ihm, hoffnungslos \u00fcberdramatisiert. Lieber Himmel, mehr Pathos geht ja gar nicht mehr. Deshalb war ich diesmal aus Protest f\u00fcr dieses zur\u00fcckhaltende P\u00e4rchen aus Litauen. Die ganz unspektakul\u00e4r ihre wundersch\u00f6ne K\u00fcr absolviert haben. So unspektakul\u00e4r, dass man auf den ersten Blick gar nicht gemerkt hat, wie anspruchsvoll die Choreographie in Wahrheit war. Aber der Kommentator, Daniel Weiss, hat\u00b4s ja gesagt. Also wird\u00b4s schon stimmen. Und eine sch\u00f6ne Musik hatten sie auch. Irgend so\u00b4ne Pop-Version von Tosca. Hing mir noch lange im Ohr. So wie damals, bei den Duchenets, die Untermalung ihrer tollen K\u00fcr Anfang der 90er. Da ging\u00b4s so um Lebenszeit, Zeit an sich, Endlichkeit und so. Also, wenn ich CD-H\u00e4ndler mit E-Musik-Repertoire w\u00e4re, w\u00fcrde ich mir s\u00e4mtliche Eiskunstlauf-WMs und -EMs reinziehen. Das w\u00e4re garantiert mein Saison-H\u00f6hepunkt. Dann w\u00fc\u00dfte ich sofort, wenn die ersten k\u00e4men: &#8222;Ja, diese Chinesin ist zu einem Nocturne von Chopin gelaufen. Opus 312, Dis-Moll, hab ich da.&#8220; Wenn ich klug w\u00e4re, w\u00fcrd ich schonmal vorab bei irgendwelchen Qualifikations-Wettk\u00e4mpfen reinh\u00f6ren oder mit dem Welt-Eislaufverband telefonieren, damit ich rechtzeitig ordern kann und auch sicher alles vorr\u00e4tig h\u00e4tte. Wenn Leute wie ich (zur\u00fcckgeswitcht&#8230;) dann am Tag danach kommen und sagen, da war sowas, und das klang ungef\u00e4hr so, kann ich denen helfen. Wenn ich klug w\u00e4re. Und CD-H\u00e4ndler.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ende meiner Jugend ist also konkret zu datieren. Meine Jugend selbst lag irgendwo zwischen Jetzt und einem Vorfall im Jahr 1984. Damals verlie\u00df ich nach zehn Minuten verst\u00f6rt ein Kino, in dem &#8222;Zeit der Z\u00e4rtlichkeit&#8220; lief. Ich war fast 12 und einfach noch zu jung f\u00fcr sowas. Ich geh\u00f6rte auch nie zu den Kindern, die am liebsten Erwachsenen-B\u00fccher gelesen haben, was ja eigentlich fast jeder gemacht haben will, der was auf sich h\u00e4lt. Und in &#8222;Zeit der Z\u00e4rtlichkeit&#8220; bin ich damals auch nur, weil ich nun schonmal vorm Kino war und grad nichts Besseres kam. Oder sonst nur Science Fiction, die ich ja bis heute nicht mag. &#8222;Falsche Sozialisation&#8220;, meint der Chefredakteur. Ich hab \u00fcbrigens &#8222;Zeit der Z\u00e4rtlichkeit&#8220; noch immer nicht gesehen. Ich versuch es immer wieder, aber es entgleitet mir doch jedesmal. Beim n\u00e4chsten Mal nehm ich\u00b4s mir auf Video auf, ganz bestimmt. Weil, Lust hab ich schon. Und jetzt bin ich ja auch im richtigen Alter. Aber mit 12, und dann Shirley MacLaine &#8211; ? Nein! Von Jack Nicholson gar nicht zu reden&#8230; Shirley MacLaine ist eigentlich schon klasse, aber f\u00fcr \u00b4ne 12-j\u00e4hrige definitiv zu strange, denke ich. In den 10 Minuten damals ist gar nichts Schlimmes passiert, ich konnte nur so wenig mit der Handlung anfangen wie bis dato noch mit nichts in meinem kleinen Leben. Also hab ich den Raum seltsam ber\u00fchrt verlassen. Aber die Sache geht mir immer noch nach. Auch wenn man\u00b4s vielleicht nicht merkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mag nicht mehr jung sein &#8211; in einem Punkt bin ich aber immer noch die Alte: Ich hab Angst vor lauten Ger\u00e4uschen. Heute hab ich den Ton abgestellt, als im Fernsehen jemand einen Luftballon aufblies. Das sieht mir \u00e4hnlich. Ich selbst blas sowieso schon lange keine mehr auf. Ich verlasse auch augenblicklich den Raum, wenn es jemand anderes tut. Geburtstagsfeiern bei mir sind trotzdem sehr bunt. Gibt ja Luftschlangen, Konfetti und so.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem der fr\u00fcheren N\u00e4hk\u00e4stchen hab ich mich \u00fcber Songzeilen ausgelassen, die ich akustisch nicht zusammenbekomme. Heute will ich mal ein paar vorstellen, die ich verstehe, und die mir noch dazu viel Freude bereiten. Ich fange zum Beispiel immer bei einem bestimmten Lied von Crosby, Stills, Nash&amp;Young an zu lachen. Das mag Millionen anderen auch so gehen, aber bei mir hat es schon einen speziellen Grund. Ich rede nat\u00fcrlich von &#8222;Teach your children&#8220;. So lautet auch eine Zeile im ersten Refrain: &#8222;Teach. Your children well&#8220;. Ja, ganz recht, im ersten Refrain. Denn C,S,N&amp;Y erlauben sich (und uns) den Spa\u00df, bei der Wiederholung des Refrains ein W\u00f6rtchen auszutauschen: &#8222;Children&#8220;. Gegen &#8222;Parents&#8220;. &#8222;Teach. Your parents well&#8220;. Hihi! Die betuliche P\u00e4dagogik im ersten Teil ist schon lustig, aber den warnend, wenn auch g\u00f6nnerhaft, erhobenen Zeigefinger dann auch noch gegen die Kinder zu erheben &#8211; hihi! Es soll die kleinen Racker wahrscheinlich ermutigen, initiativ zu werden. Den Eltern mal Bescheid zu sto\u00dfen, aber auch selbst Verantwortung zu zeigen. Damit\u00b4s kein zweites Vietnam gibt. Hauptsache, wir haben mal dr\u00fcber gesungen, Du. In engelsgleichen und wunderbar artifiziellen Harmonien. Das konnten Sie, die C,S,N&amp;Y. Sogar das Y, obwohl das Singen ja nicht so zu seinen St\u00e4rken geh\u00f6rt. Da kann man mal sehen, was die Gemeinschaft ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Gram Parsons brillierte als S\u00e4nger nicht immer, selbst wenn unterm Strich stets \u00b4was Geniales bei rum kam. Wie ich immer zu sagen pflege: &#8222;Die Flying Burrito Brothers klingen so \u00e4hnlich wie sp\u00e4ter die Eagles. Aber sie hatten etwas, was den Eagles fehlte. N\u00e4mlich Seele. Esprit.&#8220; Leute aus meiner n\u00e4heren Umgebung wissen, wie gern ich mich selbst mit diesem Satz zitiere&#8230; Also, meine Lieblingszeile aus einem Gram Parsons-Song (allerdings solo, ohne die Flying Burrito Brothers) ist: &#8222;One more night like this would put me six feet under&#8220;. Na, ist das Poesie? Nein, ich wei\u00df. Aber trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Und weil Gram Parsons im Grunde kein solch \u00fcberragender S\u00e4nger war, machte er sich daran, eine Frau zu entdecken, die ihm in diesem Punkt weit voraus war: Emmylou Harris. Und auch sie nennt eine Zeile ihr eigen, die mich immer wieder schmunzeln l\u00e4sst: &#8222;Love is a Steel Guitar&#8220;. Ach, herrlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sommer kommt auf valiumgetr\u00e4nkten F\u00fc\u00dfen. Vielleicht ist er auch nur noch nicht richtig wach, wer wei\u00df. Vielleicht ist es auch nur, dass ich den Sommer meines Lebens kommen sp\u00fcre. Dies wird ein melancholisches N\u00e4hk\u00e4stchen&#8230; Woran ich das merke, das mit dem Sommer? Daran, dass die Frauen mit kleinen Kindern langsam j\u00fcnger sind als ich? [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[],"class_list":["post-36709","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. 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