{"id":36738,"date":"1997-03-05T11:11:00","date_gmt":"1997-03-05T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36738"},"modified":"2022-08-25T05:39:35","modified_gmt":"2022-08-25T03:39:35","slug":"interview-stella","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/03\/interview-stella\/","title":{"rendered":"Interview: Stella"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Glaubst Du, wir meinen das nicht ernst?&#8220;<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/intrview\/images\/stella1.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>&#8222;Stella&#8220; sind zwar nicht mehr jung, daf\u00fcr aber trotzdem neu. Sie kommen aus der Hamburger Schule, haben aber mit ihren Kollegen nicht viel gemeinsam. Ihre Lieblingsbesch\u00e4ftigung ist streiten und auf elegante Art und Weise politische Utopien unters Volk zu bringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Debut nennt sich ==><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/03\/stella-extralife\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&#8222;Extralife&#8220;<\/a>: Ein elegantes St\u00fcck Musik zwischen Rock, Pop und Wave, das es in sich hat. Hinternet-Mitarbeiter Martin Schr\u00fcfer sprach mit den Stellas <strong>Elena Lange<\/strong> und <strong>Thies Mynther<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Wie w\u00fcrdest Du dem Mann im Mond Eure Musik beschreiben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Wem?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Dem Mann im Mond, der noch nie von Euch geh\u00f6rt hat\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Tja, wovon kann ich denn ausgehen? Was kennt er? Wei\u00df er, was Musik ist?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Ja.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Br\u00fcchige, glamur\u00f6se Pop-Musik f\u00fcr die ausgehenden Neunziger. O.K?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Wunderbar. Andere Frage: Wie lange habt ihr an &#8222;Extralife&#8220; gearbeitet?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Wir haben seit Februar 1997 dran gearbeitet, wir haben viel mehr Material gehabt. In der Endphase haben wir dann einige Songs wieder zu dritt einge\u00fcbt, wie halt eine Band so spielt. Wir sind nicht nur ein agierendes Produzententeam, sondern treten auch als Band live auf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Seid Ihr zufrieden mit Eurer Debut-CD?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Ja, sind wir. Und du?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Mir gef\u00e4llt sie sehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Gut. Danke! Ich finde nicht viel nicht gut auf der Platte. Klar gibt es wenige kleine Fehler, aber die haben wir auch bewu\u00dft stehen gelassen auf der Platte. Dieses Streichermotiv, das &#8222;O.K., tomorrow I`ll be perfect&#8220; mittr\u00e4gt, beispielsweise, das ist ein Unfall auf einem Tape mit Samples gewesen. Solche Sachen finden wir gut, da\u00df die Rauheit und Br\u00fcchigkeit stehen bleibt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Elena sagte einmal, da\u00df Pop-Musik f\u00fcr sie die reizvollste Art sei, ein politisches Statement unterzubringen. Und zwar in dem Sinn, da\u00df der Pop als Ausgeburt des Kapitalismus mit der Forderung nach dem Umsturz der Gesellschaft zusammenbringt. Meint Ihr das ernst?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Glaubst Du, wir meinen das nicht ernst?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Ich bin mir nicht sicher. Wen oder was wollt ihr denn umst\u00fcrzen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Die Gesellschaft in der Form, wie sie jetzt da ist. Eigentlich ziemlich klar.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Und in welche Richtung?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Naja, da f\u00e4ngt man dann an \u00fcber Utopien zu reden. Das ist ein weites Feld. Warte mal, ich mu\u00df ganz dringend auf die Toilette. Elena sitzt neben mir, die kann vielleicht mehr dazu sagen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Erstmal mu\u00df ich sagen, da\u00df das so nat\u00fcrlich nicht funktionieren kann, da\u00df ein politisches Statement in einem Pop-Text irgendwas umst\u00fcrzen k\u00f6nnte. Erstmal geht es um Irritation. Die Leute zu verwirren und ihnen zu zeigen, da\u00df wir mit einigen Dingen, die da passieren, nicht einverstanden sind. Wir wollen nicht &#8222;right-in-the-face&#8220;-politisch sein, das finde ich ziemlich absto\u00dfend und unattraktiv und langweilig, sondern das Ganze auf eine coolere Art zu machen. Bei einem St\u00fcck wie &#8222;Extralife&#8220; ist es klar, was gemeint ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Du meintest auch, da\u00df es darum geht, den Menschen zu sagen, in welcher Position sie sich befinden. Ist das damit gemeint?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Ja. Aufr\u00fctteln klingt immer so nach gro\u00dfem Sendungsbewu\u00dftsein. Es kommt darauf an, zu sagen, wie man Dinge wahrnimmt, eben nicht die Dinge vorbeisausen zu lassen. Wir sind sehr interessiert, was auch in der Plattenindustrie passiert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Seid ihr zufrieden mit Eurem Plattenvertrag?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Letztendlich sind das alles Kapitalisten. Alles geht nur um Profit und Geld. Das wei\u00df man aber in dem Moment, in dem man den Vertrag unterschreibt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Ihr seid doch nun ein Teil des Ganzen\u2026!?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Ja, wir sind ein Teil des Ganzen. Wir bewegen uns auch in Widerspr\u00fcchen. Wir forcieren das, in dem wir sagen, wir sehen die Welt um uns links oder marxistisch und sind gleichzeitig in dem Popgesch\u00e4ft drin. Wir wollen das Thema nicht aus dem Pop verschwinden lassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Verschwindet das Thema?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Ich denke schon. Das ist auch bei den Hamburger Platten der letzten Jahre so. Beispielsweise die Blumfeld &#8222;L`etat et moi&#8220; oder die Zitronen, da war das noch klar. Aber das verschwindet aus der Landschaft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> In Eurem Song &#8222;Year&#8220; hei\u00dft es: &#8222;Ich w\u00fcnsch den Deutschen alles Schlechte&#8220;. Verachtet ihr diejenigen, die ihr erreichen wollt? Wie ist der Satz zu verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Es geht nicht darum, Personen zu verachten, sondern darum, Nationalismus abzulehnen. Wenn sich ein Volk als die Deutschen bezeichnet, kann man das auch so sagen, da\u00df man denen alles Schlechte w\u00fcnscht. Ganz einfach eigentlich. Wieso h\u00f6rt sich das f\u00fcr Dich nach einem Widerspruch an?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Es hat sich in meinen Augen etwas verachtend und verallgemeinernd angeh\u00f6rt, wenn ich sage: &#8222;Ich w\u00fcnsch` den Deutschen alles Schlechte&#8220;. Punkt. Gleichzeitig wollt ihr die doch erreichen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Es geht darum, Personen zu erreichen und kein Volk. Dann kann man das so sagen, das finde ich in Ordnung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Ihr experimentiert mit Pop, Rock und New Wave. Woraus hat sich diese Mischung ergeben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thies:<\/strong> <em>Wir benutzen die Sachen, auf die wir gerade Lust haben. Wir haben drei sehr ausgepr\u00e4gte Musikgeschm\u00e4cker, die auch in viele Richtungen reichen. Da flie\u00dft viel mit rein. Uns ist nicht so sehr daran gelegen, ein Genre zu beschr\u00e4nken und das dann so zu bedienen. Wir wollen so eine gewisse Stilunsauberkeit etablieren, die in unseren Augen Pop-Musik ausmacht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Egal, was man \u00fcber Stella liest, immer ist die Rede von den Streitereien in der Band. Ich habe den Eindruck, da\u00df das von Euch hochstilisiert wird\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Nein, das ist einfach so. Es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht streiten. Wir diskutieren extrem viel und haben auch unterschiedliche Leben\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Aber das ist doch normal, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Naja, normalerweise ist eine Band eine Front, die zusammenh\u00e4lt und &#8222;wir&#8220; sagt. Wir sagen nicht &#8222;wir&#8220; sondern &#8222;Du&#8220; oder &#8222;ich&#8220;. Wir gehen respektlos miteinander um, das kostet manchmal auch viel Energie. Es gibt dann auch Nervenzusammenbr\u00fcche und hysterische Anf\u00e4lle.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> K\u00f6nnt ihr Euch \u00fcberhaupt auf einen gemeinsamen Nenner einigen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Nein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Die CD ist doch ein endg\u00fcltiges Projekt. Wie habt ihr das dann beenden k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Wie haben wir das gemacht\u2026 eigentlich gibt es keinen gemeinsamen Nenner.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Was ist dann ein Song von &#8222;Stella&#8220;? Ein Kompromi\u00df aus drei Meinungen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Nein, das ist, wenn einer von uns dreien seine Meinung durchdr\u00fcckt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Trotz allem?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Ja. Jeder ist f\u00fcr ein St\u00fcck der Diktator. Wir haben f\u00fcr uns diese Tyrannenkultur entwickelt. Auch diese Terror-Kultur. Wir bewegen uns in einem Geschlechter- und Klassenkampf in dieser Band.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Themawechsel. &#8222;Stella&#8220; klingt auf der CD sehr international. F\u00fchlt ihr Euch als deutsche Band?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Ich f\u00fchle mich \u00fcberhaupt nicht deutsch. Ich habe mich nie an irgendwas orientiert, was aus Deutschland kam. Das haben aber Mense und Thies schon getan. Es stimmt, da\u00df wir keine Lust mehr haben auf Deutschland und da\u00df wir woanders auch leben und arbeiten wollen. Vor allem woanders touren wollen als in Deutschland.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Auf Eurer ersten Single findet sich ein Lied mit deutschem Text. Wurde die Sprache jetzt \u00fcber Bord geworfen, zugunsten des Englischen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Ich will nichts Deutsches machen. Vielleicht Thies, aber der schreibt ja auch auf englisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Geh\u00f6rt ihr zur Hamburger Schule?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Was die personelle Besetzung und den Kontakt angeht, auf alle F\u00e4lle. Das sind Leute, mit denen wir quasi abh\u00e4ngen. Musikalisch tendieren wir \u00fcberhaupt nicht in die Richtung wie &#8222;Blumfeld&#8220; oder &#8222;Tocotronic&#8220;. Wir sind Teil dieser Schule, dieser Szene. Wir h\u00e4ngen nicht in anderen L\u00e4den ab. Wenn ich ein St\u00fcck schreibe, dann kann ich nicht darauf achten, in welche Richtung das geht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Musik von deutschen Bands boomt. Hat Euch das geholfen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Nein, das hat uns nicht geholfen. Was meinst Du damit? Lucielectric?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net:<\/strong> Nein, beispielsweise die Inchtabokatables.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elena:<\/strong> <em>Wer ist das? Kenn ich nicht, verkaufen die Platten oder so? Das ist unwichtig f\u00fcr mich.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Glaubst Du, wir meinen das nicht ernst?&#8220; &#8222;Stella&#8220; sind zwar nicht mehr jung, daf\u00fcr aber trotzdem neu. Sie kommen aus der Hamburger Schule, haben aber mit ihren Kollegen nicht viel gemeinsam. 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