{"id":36747,"date":"1999-01-16T11:11:00","date_gmt":"1999-01-16T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36747"},"modified":"2022-08-25T06:08:06","modified_gmt":"2022-08-25T04:08:06","slug":"interview-chris-jagger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/01\/interview-chris-jagger\/","title":{"rendered":"Interview: Chris Jagger"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Im Fr\u00fchsommer 1998 erschien beim Hamburger Label Hypertension &#8222;<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/musik\/cd-a\/atcha-acoustic.php\">From Lhasa To Lewisham<\/a>&#8222;, das j\u00fcngste Album von Chris Jagger. Er hat es gemeinsam mit dem Multiinstrumentalisten Charlie Hart (Ex-Ronnie Lane&#8217;s SLIM CHANCE, Ex-BALHAM ALLIGATORS) und dem Blues- und Boogie-Pianisten Ben Waters aufgenommen. Das Trio firmiert unter dem (programmatischen) Namen ATCHA ACOUSTIC. Ende November kamen die drei wieder auf Deutschlandtournee, nachdem sie hierzulande im Mai und Juni bereits einige begeistert aufgenommene Gigs absolviert hatten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Unser Mitarbeiter und bekennender Small Faces-Fan Roland Schmitt nutzte die Gelegenheit zu einem Gespr\u00e4ch mit Chris Jagger, das eigentlich in der Zeitschrift Good Times erscheinen sollte, aber letztlich gestrichen wurde. Ergo bietet hinternet wieder einmal die exklusive Plattform!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:&nbsp;<\/strong>Soweit ich wei\u00df, hast Du Deine musikalische Karriere mit einer Beatband namens THE PINEAPPLE TRUCK begonnen. Wie ist das damals abgelaufen und welche Musikstile und Musiker haben Dich seinerzeit beeinflu\u00dft?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jagger:&nbsp;<\/strong>THE PINEAPPLE TRUCK war &#8217;ne Band aus Cambridge, bei der ein Freund von mir, Rick Hopper, sang. Er hat mich dann auch breitgeschlagen, mitzumachen. Es war ziemlich \u00f6de, glaub&#8216; ich, aber letztlich eben auch eine Erfahrung. Rick arbeitete sp\u00e4ter f\u00fcr Transatlantic Records und PINK FLOYD, und er entdeckte Kate Bush f\u00fcr die EMI. Was machten wir f\u00fcr Musik? Soul und Pop, w\u00fcrd&#8216; ich sagen. Wir spielten Sachen wie &#8222;Happy Jack&#8220; von THE WHO und &#8222;Hold On I&#8217;m Coming&#8220;. Rick brachte mir Tamla Motown nahe. (Mein Bruder) Mick hatte keine von diesen Platten und scherte sich auch nicht drum. Ich mochte THE WHO sehr; sie war meine Liebingsband, und ich hab&#8216; sie des \u00f6fteren gesehen. Zuerst traf ich Pete Townshend, als wir zu seiner Bude gingen, und seine Freundin &#8211; sp\u00e4ter seine Frau &#8211; n\u00e4hte Kleider f\u00fcr uns, als wir Klamotten zu verkaufen versuchten. Na ja, ich h\u00f6rte einerseits viel Blues, Jimmy Reed, Little Walter and Muddy (Waters) usw., andererseits auch das, was so in der Szene angesagt war. Ich sah Jimi Hendrix in Cambridge zum ersten Mal, und wir waren alle begeistert. Da waren gerade mal &#8217;ne Handvoll Leute in diesem ballroom. Au\u00dfer diesem war der beste Gig, den ich sah, die STAX Show in Hammersmith mit Otis (Redding), Sam &amp; Dave, Booker T. usw.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:&nbsp;<\/strong>Wer Dich kennt, wei\u00df, da\u00df Du sehr vielseitig, mit etlichen Talenten ausgestattet bist. Du agierst ja in vielen Bereichen, als Schauspieler und Journalist, als Musiker und Konzertveranstalter. Wie kriegst Du das alles unter einen Hut? Und \u00fcbrigens, hast Du eigentlich eine &#8222;normale&#8220; Berufsausbildung absolviert?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jagger:&nbsp;<\/strong>Ich hab&#8216; wirklich etliche Sachen gemacht, um Geld zu verdienen, aber ich habe keine spezielle Ausbildung. Es ist nun mal so: Mick als Bruder zu haben machte es schwer, Arbeit zu kriegen, und dann wollte ich nicht einfach alles machen. Also hab&#8216; ich auf mich selbst gebaut, nachdem mich niemand besch\u00e4ftigen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:&nbsp;<\/strong>Zwischen 1973 und 1974 hast Du zwei feine und hochgelobte Langspielplatten ver\u00f6ffentlicht, die &#8211; zumindest kommerziell gesehen &#8211; floppten. Was hast Du nach diesen Entt\u00e4uschungen gemacht?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jagger:&nbsp;<\/strong>Das zweite Album (&#8222;The Adventures Of Valentine Vox&#8230;&#8220;) kostete mich echt Nerven, denn die rhythm section, die ich angeheuert hatte, war ziemlich schlapp und wollte nicht bis zum Nachmittag durcharbeiten! Das hat das zur Verf\u00fcgung stehende Budget ziemlich geschr\u00f6pft. Dann engagierte ich &#8217;ne andere, mit Andy Bown, der jetzt bei STATUS QUO ist. Er spielte Ba\u00df und Pick Withers Schlagzeug. Das funktionierte gut, aber wir hatten nicht gen\u00fcgend Zeit. Dann war der Produzent auch verdammt schlampig, worunter die Platte nat\u00fcrlich litt. Das war nicht kommerziell genug, obwohl es gute Ideen gab. Auf dieser zweiten LP war ein Song namens &#8222;Yesterdays Sun&#8220;, der sich mit der \u00d6lkrise besch\u00e4ftigte, und ein anderer beleuchtete das Milieu drumrum, wo du verarscht wirst, aber da k\u00fcmmerte sich 1974 niemand drum und sie tun&#8217;s noch immer nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:&nbsp;<\/strong>Du bist um die Welt gereist, vor allem in etliche Regionen Asiens. Wie kamst Du mit diesen fremden Kulturen \u00fcberhaupt in Ber\u00fchung? Auf Deinen beiden letzten Alben hast Du jeweils einen Song, der sich mit Tibet und seiner Unterdr\u00fcckung durch Rotchina besch\u00e4ftigt. Wie kam es bei Dir zu dieser tiefen Sympathie zum tibetischen Volk?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jagger:&nbsp;<\/strong>1968 zog ich durch die Lande nach Indien, weil ich von London die Schauze voll hatte und einfach reisen wollte. Ich hatte schon lange drauf gewartet. 1965 war ich w\u00e4hrend der Schulferien ganz alleine nach Griechenland getrampt, durch Deutschland erst und landete dann auf Kreta. Ich erinnere mich, da\u00df ich vier Wochen weg war und der Spa\u00df mich 50 Pfund kostete. Sp\u00e4ter zog ich \u00fcber die T\u00fcrkei durch den Iran und Afghanistan hindurch. Wir reisten durch den Norden, dann runter nach Pakistan, Indien und nach Nepal; es war damals einfach zu hei\u00df in der Ebene. Wir konsumierten gro\u00dfe Mengen erstklassigen Haschischs. Ich blieb ein Jahr in Indien, vor allem in den Bergen im Norden, wo ich Singen lernte, was mir \u00fcber die Jahre half, meine Stimme zu erkennen und mit dem Atmen zurecht zukommen. Die Tibet-Sache hat sich erst vor kurzem herauskristallisiert, obwohl ich schon mal 1968 versuchte, dort einreisen zu k\u00f6nnen. Damals war es unm\u00f6glich. Ich hatte tibetische Freunde in Katmandu. Vor einigen Jahren ging ich dorthin zur\u00fcck und schrieb einen Beitrag f\u00fcr den Guardian. Mein Interesse ist da vielf\u00e4ltig: Erstens ist es ein faszinierendes Land mit den h\u00f6chsten Bergen der Welt, einfach sch\u00f6n, zweitens sind die Leute was besonderes, bedingt durch diese r\u00e4umlichen Gegebenheiten und den langen Einflu\u00df des Buddhismus, drittens habe ich den Dalai Lama getroffen, und er hat mich als sehr &#8222;erleuchtetes&#8220; Wesen unheimlich beeindruckt, ganz ohne Zweifel, viertens wird das Land von den Chinesen wie ein Gefangenenlager gef\u00fchrt. Die sind entschlossen, jegliches kulturelle, religi\u00f6se und traditionelle Leben zu vernichten, das die Tibeter seit Jahrhunderten pflegten, bevor der Peking-Faschismus sein h\u00e4\u00dfliches Gesicht zeigte. Die Juden wollen nicht, da\u00df der Holocaust vergessen wird, Mensch, da\u00df l\u00e4uft genauso ab in einem jener L\u00e4nder, das ein Handelspartner der &#8222;guten alten&#8220; Europ\u00e4ischen Gemeinschaft ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:&nbsp;<\/strong>Du hast vor einigen Jahren manchen SMALL FACES-Fan \u00fcberrascht, als er Deinen Nachruf auf Steve Marriott ausgerechnet in dem deutschen Musiker-Magazin &#8218;Fachblatt&#8216; (7\/1991) lesen konnte. Was verband Dich mit Steve?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jagger:&nbsp;<\/strong>Steve war ein begabter Kerl, auch wenn er &#8217;ne Menge Leute \u00e4rgerte. Er tingelte durch die Lande mit seiner Band, spielte in den Pubs und niemand nahm richtig Notiz von ihm bis er starb, und dann brachten sie seine Platten auf CD heraus und sagten im Fernsehen, wie gro\u00dfartig er gewesen war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:&nbsp;<\/strong>1994 hattest Du mit &#8222;Atcha&#8220; nach einer 20j\u00e4hrigen Plattenpause ein durchweg positiv aufgenommenes Album herausgebracht. Damals fiel es schon schwer, Dich und Deine Musikmixtur in eine bestimmte Schublade zu stecken, und ich denke, mit &#8222;From Lhasa To Lewisham&#8220;, der j\u00fcngsten CD, ist es nicht anders (link auf Rezension!!!). Liege ich richtig, wenn Du dabei ganz bewu\u00dft nicht auf die Charts schielst? Ist es denn nicht problematisch, Platten &#8222;nur&#8220; nach eigenem Gusto zu machen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jagger:&nbsp;<\/strong>Ich w\u00fcrde schon gerne eine Platte machen, die sich auch verkauft, aber daf\u00fcr brauchst du &#8217;ne Menge Kohle und &#8217;ne gute Plattenfirma. Die erste CD (&#8222;Atcha&#8220;) war eine Herausforderung, den ich war bis dato noch nicht auf &#8217;ne britische Band gesto\u00dfen, die diese Art von Musik spielte, die ihre eigenen Songs schrieb, die auch gewissen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgte. Im allgemeinen coverte man bekanntes Zeug aus Louisiana und kopierte das einfach nur, aber ich wollte es nach meiner Art machen, denn es ist wichtig, dem Ganzen seinen eigenen Stempel aufzudr\u00fccken. Egal, ich mag &#8217;ne Menge Musik, Cajun, Cowboylieder, Funk und Blues. Hauptsache, es pa\u00dft zusammen. Das ist alles roots music &#8211; und dies ist eben der Schl\u00fcssel, denke ich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:&nbsp;<\/strong>Du spielst so viele verschiedene Formen und Stile von Musik. Interessierst Du Dich \u00fcberhaupt noch f\u00fcr aktuelle Rockmusik? Was h\u00f6ren denn so Deine vier Kinder? Und wie gehst Du mit ihren musikalischen Vorlieben um?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jagger:&nbsp;<\/strong>Ich h\u00f6r&#8216; nicht viel Rockmusik. Ich finde elektrische Gitarren ziemlich langweilig. Ich mag Fiddle und Akkordeon und andere Instrumente als Grundlage. Ich kenne all diese guitar licks, die ich brauche, zur Gen\u00fcge, obwohl ich immer noch liebe, was Ed Deane bei gemeinsamen Gigs so macht. Tja, die Kinder h\u00f6ren so Rap-Zeug, was mich aber ziemlich kalt l\u00e4\u00dft. Der \u00e4lteste mag Blues und Funk, und am meisten m\u00f6gen sie Reggae, weil Jungle daraus entstanden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchsommer 1998 erschien beim Hamburger Label Hypertension &#8222;From Lhasa To Lewisham&#8222;, das j\u00fcngste Album von Chris Jagger. Er hat es gemeinsam mit dem Multiinstrumentalisten Charlie Hart (Ex-Ronnie Lane&#8217;s SLIM CHANCE, Ex-BALHAM ALLIGATORS) und dem Blues- und Boogie-Pianisten Ben Waters aufgenommen. Das Trio firmiert unter dem (programmatischen) Namen ATCHA ACOUSTIC. 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