{"id":36752,"date":"1996-11-26T11:11:00","date_gmt":"1996-11-26T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36752"},"modified":"2022-08-27T03:18:01","modified_gmt":"2022-08-27T01:18:01","slug":"interview-hip-young-things","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/11\/interview-hip-young-things\/","title":{"rendered":"Interview: Hip Young Things"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wenn Ostwestfalen sprechen\u2026<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/musik\/intrview\/images\/hipyoung.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/musik\/intrview\/images\/hipyoung.jpg\" alt=\"\" width=\"270\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ostwestfalen sind etwas schwierig. Sie reden langsam und bed\u00e4chtig, sind Fremden gegen\u00fcber zuerst mi\u00dftrauisch und recht verschlosssen. Haben sie sich aber erst einmal warmgeredet und zum Gespr\u00e4chspartner Vertrauen gefa\u00dft, erz\u00e4hlen sie recht pers\u00f6nliche Dinge. Schneider ist in dieser Hinsicht ein Parade-Ostwestfale. Jede Frage des Inteviewers wird zuerst mit einer langen Nachdenkphase eingeleitet, S\u00e4tze kommen nur recht langsam aus ihm hervor. Egal wie beil\u00e4ufig die Frage ist, man denkt erst nach, bevor man sich \u00e4u\u00dfert. Vorlesen dauert schon etwas l\u00e4nger, da jeder Satz verstanden und in sich aufgenommen werden will.<\/p>\n\n\n\n<p>Interviews gibt bei den Hip Young Things nur Dirk, gelegentlich begleitet von Basser Edgar. Oli und Thorsten &#8222;Gumbo Botanik&#8220; haben eigentlich nie Lust dazu.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Seid Ihr zufrieden mit dem Verlauf der Tournee?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: War sehr sch\u00f6n. Es h\u00e4tten mehr Leute sein k\u00f6nnen, aber der Zeitpunkt der Tour war einfach zu fr\u00fch. Die Platte war erst 3 Tage raus und die meisten Stories kommen erst im Dezember. Es war auch recht teuer. Ich wei\u00df auch nicht wie das zustande kam. Meist so zwischen 18 und 20 DM. Da w\u00fcrde ich auch nicht zum Konzert gehen, nur so zum Anchecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Seid ihr noch voll drin bei Glitterhouse? Im Sommer gab es einige Diskussionen \u00fcber einen Wechsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Wir haben halt mit ein paar Labels verhandelt. Es gab ein beiderseitiges Interesse mit einem gr\u00f6\u00dferen Label zusammenzuarbeiten, das hat sich aber aus zeitlichen Gr\u00fcnden zerschlagen, weil wir eben nur Ende November touren konnten. Der H\u00e4lfte der Firmen war das zu wenig Vorlaufzeit, die brauchen da immer so&#8217;n halbes Jahr. Es kamen ein paar Angebote mit der Ansage: Dann schicken wir euch noch mal f\u00fcr soundsoviel tausend Mark mit dem Produzenten in das und das Studio, um dieses und jenes St\u00fcck noch mal aufzunehmen, damit das noch besser klingt. Aber da la\u00df ich mich \u00fcberhaupt nicht drauf ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Und bei einer neuen Platte wird wieder verhandelt?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Das bestimmt. Aber eine neue Platte ist noch gar nicht in Planung, weil Gumbo, Oli und Edgar erst einmal mit ihren Studien und ihrer Schule besch\u00e4ftigt sind. Und ich mache ab der ersten Januar-Woche wieder Locust Fudge: Tour und Platte aufnehmen. Im Sommer werden wir vielleicht noch ein paar Open Airs und &#8217;ne Support-Tour spielen. Gro\u00dfartiges ist allerdings nicht geplant, da die Zukunftspl\u00e4ne aller Bandmitglieder sehr unterschiedlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Nach der zweiten Platte sah es doch schon nach Aufl\u00f6sung aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Ja, das haben die anderen alle behauptet, aber ich habe immer gesagt, wir machen das weiter, nur wissen wir noch nicht wann. Die Aufl\u00f6sungsgedanken gab es eher aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden. Ich habe auch mal Zeit f\u00fcr mich gebraucht. Ich bin seit 1989 mit der Band zusammen. Ich pers\u00f6nlich komme immer am besten klar, wenn ich viele Sachen gleichzeitig mache. Wenn ich permanent die gleichen St\u00fccke spielen mu\u00df oder den gleichen Sound mache, werde ich einfach wahnsinnig. Da fehlt mir der Ausgleich und auch ein anderer Blickwinkel zu der ganzen Angelegenheit. In der Zeit nach der letzten Tour hab&#8216; ich halt bei Sharon Stoned mitgespielt, bei denen auch ein paar Sachen produziert, viel Locust Fudge gemacht, was eigentlich das Wichtigste war in der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8222;Ventilator&#8220; ist eine reine Studioplatte, bei der vor den Aufnahmen kein einziges St\u00fcck live gespielt wurde. F\u00fcr die Musiker waren die Aufnahmen auch gleichzeitig wieder ein &#8222;Abchecken&#8220; untereinander. W\u00e4hrend der &#8222;Shrug&#8220;-Tour war es zu einigen Disharmonien innerhalb der Band gekommen. Im pers\u00f6nlichen Bereich sind im Laufe der Jahre einige Dinge aufgetaucht, die dazu gef\u00fchrt haben, da\u00df die Musiker eine Pause voneinander brauchten. Der Wille, weiter zusammen Musik zu machen, war aber immer vorhanden. Die Aufnahmen waren ein Herantasten, wie bei einer Band, die das erste Mal wieder zusammen spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Ja, und dann haben wir die Platte gemacht und es hat ganz gut funktioniert. Es war ein ziemlicher Schnellschu\u00df. Wir haben viermal geprobt und dann haben wir aufgenomen. Die St\u00fccke waren nat\u00fcrlich vorher schon weitestgehend fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur Schneider kommt mit vorbereiteten Songs zur Probe, auch Edgar und Gumbo haben Ideen, die im Proberaum gemeinsam zu St\u00fccken ausgearbeitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Auf der Tour hat es pers\u00f6nlich auch super funktioniert, besser als jemals zuvor. Das lag auch daran, da\u00df wir mit mehr Leuten unterwegs waren. Es ist alles wesentlich entspannter geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Zukunft wird es weiterhin so sein, da\u00df die Gruppe nur dann zusammen aktiv wird, wenn der Zeitpunkt gerade g\u00fcnstig ist. Konkrete Planungen und Abmachungen gibt es nicht. Es wird auf jeden Fall weitergehen, nur die genauen Zeitpunkte stehen noch nicht fest.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr alle Bandmitglieder gibt es ein Leben neben den Hip Young Things. Drei von ihnen haben das, was man eine &#8222;normale&#8220; Existenz nennt, Schneider bestreitet mit verschiedenen Musikprojekten seinen Lebensunterhalt. Zweites Standbein ist dabei die zusammen mit Christoph &#8222;Krite&#8220; Uhe betriebene Band Locust Fudge.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider:Es war wirklich ein Gl\u00fccksfall, da\u00df Krite und ich uns kennengelernt haben. Auch er hat im Prinzip nie etwas anderes gemacht als Musik. Es ist ein Vorteil, da\u00df wir nur zwei Leute sind, da kann man ganz andere Sachen machen als mit einer kompletten Band. Da mu\u00dft du viel weniger koordinieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Umfeld der Hip Young Things hat sich einiges ver\u00e4ndert. Glitterhouse hat wesentlich mehr Geld in die Vermarktung der Platte gesteckt als bisher.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Das ist schon &#8217;ne enorme Leistung f\u00fcr so ein kleines Label. Vom Investment her ging das schon wesentlich mehr in Richtung Major-Ver\u00f6ffentlichung. Es gab auch von verschiedenen Seiten finanzielle Mittel zu Promotionzwecken, u.a. von Levis, die Glitterhouse und uns unterst\u00fctzen. Daf\u00fcr stehen sie auf den Plakaten mit drauf und wir haben ein paar Klamotten gekriegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Plant Ihr einen Song f\u00fcr &#8217;nen Werbespot zu machen?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Ich w\u00e4r sofort dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Besteht da &#8217;ne Chance? Vielleicht hat dieser Gedanke ja eine Rolle gespielt bei der Entscheidung, gerade Euch zu sponsern.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Sie wollten eine Band unserer Gr\u00f6\u00dfenordnung unterst\u00fctzen und musikalisch fanden sie es passend. Ob es zu einem Song f\u00fcr einen Spot kommt, kann ich nicht sagen. Ich habe wahrscheinlich ihrer Meinung nach das richtige St\u00fcck noch nicht geschrieben; aus meiner Sicht zwar schon, aber das w\u00e4re sicher zu cool f\u00fcr die, das trauen sich Levis Deutschland wohl nicht: &#8222;Castor&#8220; w\u00e4re mein Idealsong f\u00fcr einen Spot mit einem endzeitm\u00e4\u00dfigen, industriellen Video. Rein optisch w\u00fcrde es absolut in ihr Image passen, aber philosophisch oder politisch wahrscheinlich nicht. Es w\u00e4re sicher zu nihilistisch f\u00fcr Levis.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Was hat dich dazu gebracht, ernsthaft Musik zu machen?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Ich habe mein ganzes Leben lang Musik gemacht. Mit zwei Jahren habe ich mit einem Kochl\u00f6ffel auf einer Zinkwanne bei Oma im Garten rumgetrommelt, tagelang. Sp\u00e4ter hatte ich Schlagzeuguntericht, dann Gitarrenuntericht. Aber Unterricht hat mich nie wirklich interessiert. Ich habe mir die Sachen lieber selbst beigebracht. Das mache ich \u00fcbrigens auch bis heute so. Ich kann auch heute noch nichts richtig gut spielen. Wie gesagt, Unterricht fand ich halt immer Schei\u00dfe. Die Entscheidung, nur Musik zu machen, fiel relativ fr\u00fch, ich denke mit 14 Jahren. So mit 20 bin ich psychisch in ein ziemliches Loch gefallen und habe Musik mehr als Selbsttherapie gemacht. Da konnte ich Dinge kanalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten fasziniert mich an Musik, da\u00df alles m\u00f6glich ist und da\u00df man sehr subjektiv sein kann. Und richtig spannend wird es, wenn viele Dinge zusammenkommen und man mit Musikern und Publikum interagieren kann. Auf der B\u00fchne zu stehen ist absolut geil. Durch die Musik habe ich meine besten Freunde kennengelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: St\u00f6rt Dich eigentlich der Name Schneider? Es gibt ja inzwischen genug Leute, die denken, du hei\u00dft wirklich Schneider.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Find ich ok. Ist ja im Prinzip auch schei\u00dfegal. Es ist ja nur ein Name. Es gibt auch schlimmere Spitznamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!:Hast Du irgendein Verh\u00e4ltnis zum Internet?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Leider habe ich selber keine M\u00f6glichkeit, online zu gehen. Aber immer wenn ich jemandem beim Rumsurfen zuschauen kann, guck&#8216; ich gespannt zu. Es interessiert mich auf jeden Fall. Leider habe ich von Computern gar keine Ahnung. Aber irgendwann werde ich mir mal ein halbes Jahr Zeit nehmen und das lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Was waren Deine Top-5-Platten 1996?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Ohne Reihenfolge: Goldene Zitronen (&#8222;Economy Class&#8220;), Rockers HiFi (&#8222;Mish Mash&#8220;), Beck (&#8222;Odelay&#8220;), verschiedene Maxis, Tortoise-Remixes, Jon Spencer Blues Explosion, Aphex Twin, Square Pusher \u2026 also da k\u00f6nnte ich dir f\u00fcnf in jedem Genre sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Siehst Du in der Musik, die aus Deutschland kommt, eine Richtung, in die es geht?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Ja, Instrumentalmusik, Disko, Elektronik. Drei Stichworte: Mouse on Mars, Whirlpool Productions, Mike Ink. Und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Viele Leute sitzen ja im Keller, bauen Songs zusammen und bringen sie unter immer neuen Namen raus. Kannst Du Dir vorstellen, das auch zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Mach ich auch. Wird 1997 rauskommen. Ich habe einen Samplerbeitrag zu &#8222;The day my favorite insect died&#8220; gemacht. Ist erschienen auf Collaps, einem Label aus Weilheim. Das ist die Szene um Notwist. Dann werde ich bei Payola (???) eine Instrumental-Elektronik-Maxi ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Wie machst Du das, wenn du ohne Computer arbeitest?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Drum machines, Delays, verschiedene Effectger\u00e4te, Vierspur-Ger\u00e4t, echtes Schlagzeug, einige Krachger\u00e4te. Alles super aufwendig. Aber ich finde diese analoge Herangehensweise sehr interessant.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll nicht unter anderem Namen erscheinen. Menschen, die andere Sachen von mir kennen, sollen sich das dann auch anh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Moment nehme ich auch noch andere Dinge auf: eine Split-Soloplatte, die bei Supermodern erscheinen wird. Zusammen mit Michael Decket von Tuesday Weld. Jeder wird eine Seite machen. Auf beiden Seiten wird ein Duett mit uns beiden sein, und zwar Coverversionen. Im Moment nehmen wir die zweite Spice-Girls-Single auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Wie sieht es mit Remixes von Hip-Young-Things-St\u00fccken aus?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Ist geplant. Von &#8222;Castor&#8220; und &#8222;1 1\/2&#8220;. Mouse on Mars werden einen machen, die haben schon zugesagt. Das sind sehr nette Menschen. Andere Sachen sind angecheckt. Martin Gretschmann und Mario Thaler aus Weilheim machen Remixes, Kevin Johnson vielleicht auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Wie sind denn so die Querverbindungen in den Szenen?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Sind auf jeden Fall vorhanden. Weilheim, Landsberg, Bielefeld, Detmold. Man lernt halt Leute kennen und macht dann was zusammen. Mein Plan f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre ist, die Verbindungen \u00fcber die gesamte Welt auszubreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter-Net!: Woher bekommst Du deinen Musikinput?<\/p>\n\n\n\n<p>Schneider: Platten h\u00f6ren, dar\u00fcber lesen, empfohlen bekommen. Oft ist es so, da\u00df mich eine Platte zu etwas inspiriert und in meinem Kopf geht irgend etwas ab. Ich fange an aufzunehmen und es kommt etwas v\u00f6llig anderes raus. Ab einem gewissen Punkt verselbst\u00e4ndigt sich das dann. Das ist ja auch Sinn der Sache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Ostwestfalen sprechen\u2026 Ostwestfalen sind etwas schwierig. Sie reden langsam und bed\u00e4chtig, sind Fremden gegen\u00fcber zuerst mi\u00dftrauisch und recht verschlosssen. Haben sie sich aber erst einmal warmgeredet und zum Gespr\u00e4chspartner Vertrauen gefa\u00dft, erz\u00e4hlen sie recht pers\u00f6nliche Dinge. Schneider ist in dieser Hinsicht ein Parade-Ostwestfale. 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