{"id":36813,"date":"1996-08-26T11:11:00","date_gmt":"1996-08-26T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36813"},"modified":"2022-09-09T03:02:06","modified_gmt":"2022-09-09T01:02:06","slug":"poetry-slam-texte-der-pop-fraktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/08\/poetry-slam-texte-der-pop-fraktion\/","title":{"rendered":"Poetry Slam &#8211; Texte der Pop-Fraktion"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Slam Catchen oder: Suhrkamp-Adepten als Underground-Literaten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Poetry Slams sind der Versuch, Literatur ins tats\u00e4chliche Leben zu bringen: Raus aus den Schreibstuben der Autoren und nicht rein in die Wohnungen der Leser, sondern in Fabrikhallen, Clubs und Kneipen, wo die Autoren ihre Erg\u00fcsse pr\u00e4sentieren und das Publikum lautstark dar\u00fcber votiert, wie sehr oder doch nicht der Text in die Hose ging. Nicht selten werden solche Veranstaltungen zu Happenings mit bleibendem Erinnerungswert. In Deutschland sind Slams erst im Kommen, in Amiland geh\u00f6ren sie bereits zum Alltag.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Andreas Neumeister und Marcel Hartges, der erste Autor, der zweite Lektor, haben sich darangemacht, eine Sammlung von Texten zusammenzustellen, die unter dem Titel &#8222;POETRY SLAM! &#8211; Texte der PopFraktion&#8220; ihren Weg in den Buchhandel gefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Autoren finden sich so bekannte Namen wie Rocko Schamoni, Katrin Achinger und Franz Dobler. Die meisten Autorinnen und Autoren kennt man jedoch bestenfalls in Szenekreisen, was beim Leser Entdeckerfreuden aufkeimen l\u00e4\u00dft. POETRY SLAM! ist eine W\u00fchlkiste. Es finden sich Texte, wie sie unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten: Lyrik, Kurzprosa und hysterische Miniaturen wechseln sich ab. Die Qualit\u00e4t ebenso. Sie reicht von &#8218;brilliant&#8216; bis hin zu nihilistischer Nabelschau auf Sch\u00fclerzeitungsniveau, wobei die letztere Kategorie eindeutig den Schwerpunkt setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von ein paar wenigen Ausnahmen mal abgesehen, hat man jedoch binnen k\u00fcrzester Zeit den Eindruck, sich literarischen Fake-Food in kultigtrendiger Verpackung zuzumuten. Dieser Bluff wird schon im Vorwort offensichtlich, das dann auch nicht so hei\u00dft sondern hip und neuwellig mit &#8218;Tecstasy&#8216; tituliert wird. F\u00fcr die Aufnahme in diesen Reader, hei\u00dft es darin, &#8222;entschied neben \u00e4sthetischen Kriterien also weniger die faktische Slam-Teilnahme von Autoren als die Slam-Tauglichkeit von Texten.&#8220; Ein paar Zeilen zuvor ist die Rede von einem neuen Verst\u00e4ndnis von Literatur, das Spontaneit\u00e4t, Alltagsn\u00e4he, Gegenwartbezug, Sprachwitz, Lustprinzip und Unmittelbarkeit beinhaltet und das eben diese den Texten attestierte &#8218;Slam-Tauglichkeit&#8216; ausmacht. Der Schlu\u00df des Vorworts ist dagegen eher pragmatisch angelegt. Es gilt \u00fcbereifrige N\u00f6rgler abzuwiegeln, die Transferverlu\u00dfte zwischen Slam und Buch ins kritische Auge fassen k\u00f6nnten: &#8222;Klar, ganz von der Hand zu weisen ist das Argument nicht. Aber auch bei \u00dcbersetzungen k\u00e4me niemand trotz vergleichbarer Einw\u00e4nde auf die Idee, darauf zu verzichten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Klar, ganz von der Hand zu weisen ist dieses Argument nicht, jedenfalls nicht, wenn es sich um \u00dcbersetzungen handelt. Beim Transfer von einem Medium in ein anderes, wird jedoch eine ganz andere Kiste aufgemacht: Nicht selten wurde ein gutes Buch durch die Verfilmung versaut, nicht selten ger\u00e4t ein H\u00f6rspiel in gedruckter Form zur Qual. Die Argumentation der beiden Herausgeber erscheint um so fadenscheiniger, wenn man sich noch mal ihr &#8217;neues Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Literatur&#8216; vor Augen h\u00e4lt, das einige Zeilen zuvor von Spontaneit\u00e4t und Unmittelbarkeit beseelt ist. Auch mit den restlichen Attributen &#8218;Sprachwitz, Lustprinzip und Gegenwartsbezug&#8216; scheinen sie es nicht so ernst zu nehmen, wenn man sich das Gros der Texte betrachtet, die trotz aller Formm\u00fchen zumindest auf dem Papier nicht \u00fcber das Stadium der Belanglosigkeit herauskommen. Auffallend viele Autoren aus der Suhrkamp-Ecke sind vertreten, auch die Spex-Fraktion konnte einige Texte anbringen, die Social-Beats hingegen, die die ersten Slams in Deutschland auf die Beine stellten, gingen jedoch g\u00e4nzlich leer aus.<\/p>\n\n\n\n<p>POETRY SLAM! ist unterm Strich eine Anthologie, die, w\u00fcrde man sie einfach Anthologie nennen, durchaus lesenswert w\u00e4re. Gemessen an den T\u00f6nen, die die Herausgeber in ihrem Vorwort anschlagen, ger\u00e4t das Konzept ins Wanken, pr\u00e4sentiert sich als prahlerisch, inkonsequent und tendenti\u00f6s. Ein weiterer Versuch in diese Richtung k\u00f6nnte durchaus vielversprechend sein, man m\u00fc\u00dfte nicht unbedingt wieder einen Autor des Suhrkamp Verlages damit beauftragen und einen Graphikdesigner, der Seitenzahlen ha\u00dft. Zum Schlu\u00df noch was Positives: Der Preis ist mit 19,90 DM f\u00fcr ein Buch in dieser Ausstattung wahrhaft niedrig angesetzt. Reinschauen lohnt sich allemal und die Texte von King ROCKO SCHAMONI, GERO G\u00dcNTHER und die Songtexte von BERND im Bademantel BEGEMANN k\u00f6nnen durchaus begeistern.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andreas Neumeister\/Marcel Hartges<br \/>Poetry! Slam! - Texte der Pop-Fraktion<br \/>rororo 19,90 DM<br \/>ISBN 3-499-13736-4<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Slam Catchen oder: Suhrkamp-Adepten als Underground-Literaten Poetry Slams sind der Versuch, Literatur ins tats\u00e4chliche Leben zu bringen: Raus aus den Schreibstuben der Autoren und nicht rein in die Wohnungen der Leser, sondern in Fabrikhallen, Clubs und Kneipen, wo die Autoren ihre Erg\u00fcsse pr\u00e4sentieren und das Publikum lautstark dar\u00fcber votiert, wie sehr oder doch nicht der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":20,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-36813","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buch"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Thomas Hau","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/th-hau\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36813","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/20"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36813"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36813\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36813"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36813"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36813"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}