{"id":3684,"date":"1997-10-20T21:57:17","date_gmt":"1997-10-20T19:57:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=3684"},"modified":"2022-06-06T01:05:00","modified_gmt":"2022-06-05T23:05:00","slug":"bei-uns-gings-eigentlich-nie-um-jugendlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/10\/bei-uns-gings-eigentlich-nie-um-jugendlichkeit\/","title":{"rendered":"Bei uns ging&#8217;s eigentlich nie um Jugendlichkeit"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Gespr\u00e4ch mit Dirk von Lowtzow (Tocotronic)<\/h2>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Tournee-Zeit hei\u00dft auch Interview-Zeit. Seid Ihr schon gestre\u00dft?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: N\u00f6, eigentlich nicht. Nat\u00fcrlich machen wir &#8217;ne Menge Interviews, und oft sind es immer wieder dieselben Fragen. Eine gewisse Routine hat das schon. Daher kommt es auch selten vor, da\u00df wir zu dritt ein Interview machen, meist geht nur Einer von uns hin. Da kann die Frage noch so gut sein, irgendwann hast du sie doch schon mal geh\u00f6rt, und wenn dann Einer von uns loslegt mit der Antwort, dann sitzen die beiden anderen rum und k\u00f6nnen nicht mehr zuh\u00f6ren, weil wir das untereinander alles schon mal geh\u00f6rt haben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Sind die Konzerte auch schon zur Routine geworden?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Daf\u00fcr machen wir eigentlich zu wenige Konzerte, wir touren ja nicht so umfangreich.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie war&#8217;s gestern in der Schweiz?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Super, Basel ist immer sehr sch\u00f6n. Find&#8216; ich sehr angenehm.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie sind die Unterschiede im Publikum? Wie sieht&#8217;s z.B. in den neuen Bundesl\u00e4ndern aus, verstehen die Euch genauso wie anderswo?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Es gibt so etwas wie regionale Unterschiede im Publikum, nicht unbedingt Deutschland &#8211; Schweiz oder Ost &#8211; West, aber man kann schon Unterschiede feststellen, allerdings keine gro\u00dfen. In Augsburg z.B., da ging&#8217;s w\u00e4hrend des Auftritts richtig ab, das war ganz sch\u00f6n prollig. In Cottbus hatten wir dagegen &#8217;ne ganz andere Stimmung. Aber vielleicht h\u00e4ngt das ja auch nur am Wochentag.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Ihr werdet oft in einem Atemzug genannt mit Bands, die als sehr politisch gelten und politisch motivierte Texte haben. Ich w\u00fcrde Euch &#8211; zumindest nach meinem Ma\u00dfstab &#8211; nicht in dieser Ecke sehen. Wie seht Ihr Euch selbst?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich glaube, wir drei sind jeder f\u00fcr sich auf jeden Fall politisch interessiert. Nat\u00fcrlich haben wir ein politisches Bewu\u00dftsein und bestimmte Meinungen. Aber was hei\u00dft schon &#8222;politische Band&#8220;, das ist immer so &#8217;ne Sache.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Sind Eure Texte denn auch politische Aussagen oder versteht Ihr das nur als Geschichten, die durch Eure Sozialisation bedingt sind?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich kann f\u00fcr mich pers\u00f6nlich sagen, da\u00df ich klare politische Aussagen, wie z.B. &#8222;Das bi\u00dfchen Totschlag&#8220; von den Goldenen Zitronen, nicht schreiben kann. Uns interessieren eher die Alltagssachen. Im weitesten Sinne ist das wahrscheinlich schon gesellschaftskritisch, es geht um die Frage, wo du innerhalb der Gesellschaft stehst. Aber solche Begriffe wie &#8222;Deutschland&#8220; oder &#8222;Staat&#8220; wollen wir doch eher vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie seht Ihr Euch in zehn Jahren? Ihr seid jetzt 25, 26 Jahre alt und so etwas wie das Aush\u00e4ngeschild der jugendlichen Rockmusik. Aber irgendwann ist die Jugend vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Bei uns ging&#8217;s eigentlich nie um Jugendlichkeit. Das Ding ist, da\u00df die Texte sich an Jugend zur\u00fcckerinnern. Marcel Proust tut das ja auch, der hat seine B\u00fccher mit 40 Jahren geschrieben. Ich w\u00fcrde nie sagen, wir h\u00e4tten eine explizit jugendliche Haltung, oft beschreiben wir einfach unsere Erinnerungen.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wenn wir jetzt raus vor die Halle gucken, dann stehen da nur Kids, nur 16-j\u00e4hrige. Seid Ihr sowas wie &#8222;die alternative Boy-Group&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Sowas kann man manchmal lesen, aber was immer so geschrieben wird &#8230; Rockmusik ist eben vornehmlich etwas f\u00fcr junge Leute.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie ist das mit der Abgrenzung: Manchmal denkt man ja \u00fcber eine Band, die sind eigentlich okay, aber das h\u00f6ren jetzt wieder so viele und vor allem so viele unangenehme Leute, da\u00df man sich w\u00fcnscht, die w\u00e4ren nicht unbedingt so bekannt geworden. W\u00e4rt Ihr vielleicht lieber nicht so erfolgreich?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Nee, auf gar keinen Fall, das w\u00e4re ja arrogant. Ich kann diesen Gedankengang von Dir voll verstehen, aber wir haben diese Einstellung nicht. Ehrlich gesagt, finde ich das sogar etwas kindisch, so nach dem Motto: Ich war schon Punk, bevor du Punk warst. Au\u00dferdem ist heute doch sowieso alles eine Super-Massenkultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns \u00fcber so etwas auch nie Gedanken gemacht. Wir machen unser eigenes Ding, das war schon immer so. Wir haben unsere erste Platte gemacht, die hat einigen Leuten gut gefallen und so ging&#8217;s dann weiter.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie ist das mit der Popularit\u00e4t bei den M\u00e4dels? Gibt es Dir etwas, wenn pl\u00f6tzlich &#8217;ne ganze Menge Frauen auf Dich stehen?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Dazu ist es nicht gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Stehen die nicht reihenweise vor der T\u00fcr?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Die wissen ja nicht, wo ich wohne.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wir dachten jetzt auch eher an die Situation nach einem Konzert.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Nach einem Konzert kommen immer mal Leute an, aber das sind genauso viele M\u00e4nner wie Frauen. Die wollen dann ein Autogramm oder wechseln ein paar Worte und dann gehen sie wieder. Mir ist noch nie passiert, da\u00df Frauen mir Angebote oder was in der Art gemacht haben. Das interessiert mich auch nicht. Au\u00dferdem hat jeder von uns &#8217;ne Freundin.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Tocotronic haben sich in Hamburg kennengelernt.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Richtig. Geboren bin ich in Offenburg. Ich hab&#8216; in Freiburg studiert, wollte weg und bin nach Hamburg gegangen. Dort hab&#8216; ich Jan und Arne getroffen.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Warum bist Du nach Hamburg gegangen und nicht nach, sagen wir mal, Berlin?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: In Berlin waren schon zu viele Offenburger. Da dacht&#8216; ich mir, geh&#8216; ich nach Hamburg, da is&#8216; keiner.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Gibt es eigentlich eine Stadt in Deutschland, auf die Euer Song &#8222;Freiburg&#8220; nicht zutrifft?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich denke, Hamburg ist so eine Stadt, und Berlin wohl auch.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Ist Berlin nicht einfach nur ein gro\u00dfes &#8222;Freiburg&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Im Grunde ging es in dem Lied um, na, wie soll ich das jetzt sagen: Wenn ich jetzt sage, um dieses Studentending, dann ist das bl\u00f6d, weil es das auch nicht allein ist. In Freiburg begegnet dir diese geballte Ladung an typischen Verhaltensweisen, diese spezielle Atmosph\u00e4re eines Teils des studentischen Lebens. Es ist ja kein Lied explizit gegen Studenten, sondern gegen bestimmte Klischeetypen. Und diese Art Leute gibt es \u00fcberall, nur &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: &#8230; in Hamburg verl\u00e4uft sich das.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Genau. In &#8217;ner gro\u00dfen Stadt verl\u00e4uft sich das und an einem Ort wie Freiburg kriegst du&#8217;s halt zentriert. Da gibt es ja au\u00dfer der Uni auch nix anderes.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Welches sind die schlimmsten Studenten f\u00fcr Dich, die Jura-Studenten, mit Seidenschal und Jackett?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Diese Seidenschal-Jackett-Typen, das sind Leute, mit denen kann ich \u00fcberhaupt nichts anfangen, die gehen segeln oder irgend so was, die sind mir ganz fern, aber gegen die habe ich gar nichts. Das ist so wie: Ich hab&#8216; auch nichts gegen Rentner, mit denen habe ich einfach \u00fcberhaupt nichts zu tun. Ich finde eher diese Alternativ-Kultur eklig, dieses: komm wir gehen Kaffee trinken, wir gehen in die Studentenkneipe; dieses Schluffige, das finde ich viel schlimmer, das ist so freudlos.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wenn Ihr &#8222;Freiburg&#8220; spielt, dann hei\u00dft es im Text: &#8222;Ich bin alleine und ich wei\u00df es und ich find&#8216; es sogar cool, und Ihr demonstriert Verbr\u00fcderung&#8220;. Was denkt man, wenn im Publikum zehn Idioten Arm in Arm stehen und die Zeilen lautstark mitgr\u00f6len?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Das nervt mich ziemlich, mu\u00df ich schon sagen, aber &#8230; ja, man kann nix machen. Aber wenn du vor 600 bis 1000 Leuten spielst, dann sind halt immer ein paar Idioten drunter. Irgendeiner, der vor der B\u00fchne rumspringt und &#8222;ausziehen, ausziehen&#8220; br\u00fcllt &#8211; Deppen dieser Art findest du im Rockbereich eigentlich immer. Bei 50 Leuten f\u00e4llt das eben nicht so auf, da ist vielleicht nur ein Idiot im Saal und der h\u00e4lt sich dann zur\u00fcck. Aber bei &#8217;ner gr\u00f6\u00dferen Menge passiert das halt. Du kannst ja auch nicht zu denen sagen, &#8222;haut ab Ihr f\u00fcnf Idioten&#8220;, schlie\u00dflich haben sie ja Geld bezahlt wie alle andern auch.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Merkt Ihr eigentlich, ob Eure Texte Auswirkungen haben, ob sich da etwas ver\u00e4ndert in Eurem Umfeld?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Du meinst, ob unsere Texte etwas bewirken? (sp\u00fcrbare Ironie)<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Nein, nicht in dem Sinne. Aber wie ist es z.B., wenn Du jetzt in Hamburg in einen Gitarrenladen gehst, ist da irgendwas anders? (Stichwort: &#8222;Gitarrenh\u00e4ndler, Ihr seid Schweine&#8220;)<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Nee, es \u00e4ndert sich gar nichts.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: \u00c4ndert sich finanziell etwas?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ja klar, wir haben jetzt drei Platten gemacht, und die haben sich alle relativ gut verkauft. Vorher hatten wir ja gar kein Geld und jetzt verdienen wir ein bi\u00dfchen was.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Studiert Ihr noch richtig, oder zumindest halbwegs?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Eigentlich hab&#8216; ich noch nie richtig studiert, und jetzt noch viel weniger. Auf der anderen Seite wei\u00df ich, da\u00df ich ohne die Musik dieses Studium schon l\u00e4ngst abgebrochen h\u00e4tte. So lasse ich das nebenher laufen und kann mir sagen, ich hab&#8216; ja noch was anderes.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Ist eine neue Platte schon in Sicht?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ja, wir haben jetzt 20 neue Songs und die werden wir demn\u00e4chst im Studio aufnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Gehen Dir bei diesem Tempo nicht langsam die Ideen aus? Man mu\u00df ja zwischendurch mal was erleben, um neue St\u00fccke zu schreiben, die Schulzeit k\u00f6nnt Ihr ja bald nicht mehr l\u00e4nger verbraten.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Doch, das geht schon noch. Bei mit pers\u00f6nlich ist letztes Jahr &#8217;ne ganze Menge passiert, man erlebt schon noch einiges.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Vielen Leuten, die wir kennen, geht es \u00e4hnlich wie uns: Euer erstes Album &#8222;Digital ist besser&#8220; hat uns am besten gefallen, Nummer zwei und drei dann immer etwas weniger. Wie siehst Du das?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Mir pers\u00f6nlich gef\u00e4llt die dritte, &#8222;Wir kommen um uns zu beschweren&#8220;, fast am besten. Ich denke, da\u00df die Texte auf der ersten es eher erm\u00f6glichen, da\u00df jemand sich darin wiederfindet. Man kann sich damit besser identifizieren, w\u00e4hrend die Texte auf der dritten pers\u00f6nlicher sind. Da steckt von mir wesentlich mehr drin. Ich kann damit einfach mehr anfangen als mit manchen St\u00fccken vom ersten Album, die ich heute vielleicht nicht mehr so machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Habt Ihr die St\u00fccke f\u00fcr &#8222;Digital ist besser&#8220; \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeit gesammelt oder liefen Komponieren und Schreiben genau so schnell ab wie bei den beiden Platten danach?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Das ging vergleichbar schnell. Die Songs f\u00fcr das erste Album entstanden alle in einem Zeitraum von sechs Monaten, vielleicht auch ein bi\u00dfchen l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie ist Euer Verh\u00e4ltnis zu Bands, mit denen Ihr jetzt gelegentlich zu tun habt und die Ihr fr\u00fcher bewundert habt bzw. deren Fans Ihr gewesen seid?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Du meinst jetzt Hamburger Bands?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Nicht nur, auch andere, mit denen Ihr zu tun habt und die Ihr fr\u00fcher nur aus der Ferne kanntet.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: In Hamburg ist das Verh\u00e4ltnis der Gruppen untereinander von jeher ein gutes gewesen. Das ist sehr kollegial und solidarisch. Als wir anfingen, haben die uns auch alle auf Anhieb gut gefunden, das war dann kein Problem. Man darf nat\u00fcrlich nicht den Eindruck entstehen lassen, sowas wie Neid gebe es \u00fcberhaupt nicht. Aber ehrlich gesagt, kriege ich davon einfach nichts mit.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Eine ganz andere Geschichte: Was haltet Ihr von dem Modellversuch in Schleswig-Holstein, Haschisch in Apotheken zu verkaufen?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ach, &#8230; wir finden Kiffen total bl\u00f6d, wir hassen das schon immer. Ich meine, ich mach&#8217;s nicht gern, wahrscheinlich weil ich auch schon abschreckende Beispiele gesehen hab&#8216;. Auf der anderen Seite, wenn das jemand gern macht, dann ist es auch okay. Mich l\u00e4\u00dft das im Grunde vollkommen kalt.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Was ist Dein Lieblingsfilm?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: &#8222;Lawrence von Arabien&#8220;. Ich schw\u00e4rme ja f\u00fcr Peter O&#8216; Toole, das ist ein Super-Schauspieler, der sieht ganz toll und sexy aus. Einfach ein toller Film, richtig verr\u00fcckt find&#8216; ich den. Und die Musik ist auch super.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Habt Ihr ein Verh\u00e4ltnis zu Sport? Treibt Ihr Sport?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Sport haben wir seit jeher verabscheut.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Habt Ihr Respekt vor solchen Leuten wie z.B. Boris Becker?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Respekt habe ich schon vor jemanden, der so sehr in der \u00d6ffentlichkeit steht und &#8211; gerade wie Boris Becker &#8211; nicht soo angepa\u00dft ist wie viele andere. Wenn man da an so andere Idioten denkt wie Michael Schumacher &#8230; na ja, ich kann eigentlich nicht sagen, da\u00df er ein Idiot ist, ich kenn&#8216; den ja gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Was ist mit Fu\u00dfball?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Haben wir \u00fcberhaupt keinen Bock zu. Fu\u00dfball war ja auch ein Teil vom Sportunterricht an der Schule, und Sportunterricht ist bei uns ja auch so&#8217;n Thema.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Und als Zuschauer ins Stadion?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich hab&#8216; das ganze immer verabscheut. Mich interessiert das \u00fcberhaupt nicht. Ich hab&#8216; nix gegen Leute, die zum Fu\u00dfball gehen, aber mich interessiert&#8217;s nicht. Ich versteh&#8216; auch nichts davon, ich wei\u00df nicht, was Abseits ist, da sitzt man dann so rum, es ist kalt &#8230; ach nee.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wir haben den Eindruck, bei Leuten um zwanzig bis Mitte zwanzig gibt es zur Zeit eine Art Esoterik-\/Astrologie-Welle, mit Tarot-Karten, Horoskopen und \u00e4hnlichem. Ist das f\u00fcr Euch ein Thema?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Esoterik verabscheue ich auch total.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Kein Verst\u00e4ndnis oder einfach nur weil&#8217;s langweilig ist?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Man wei\u00df ja, da\u00df Horoskope einfach Unsinn sind. Wenn du den ganzen Kram liest &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Aber ist es nicht erschreckend, wenn du dann etwas liest, was wirklich mal zutrifft?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Da braucht man doch nur ein bi\u00dfchen Menschenkenntnis: Wenn einer im Januar schreibt, Ihre Welt sieht etwas tr\u00fcbe aus &#8230; das ist ja nicht unbedingt schwer. Ich meine, Karten legen, Horoskope, das ist ja manchmal noch ganz lustig, aber den ganzen Esoterik-Kram find&#8216; ich schon erschreckend.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: K\u00f6nntest Du Dir vorstellen, einen Song auf einer BRAVO-HIT-CD zu haben?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich glaube nicht, da\u00df wir das machen w\u00fcrden. Aber wahrscheinlich stellt sich das Problem gar nicht, weil wir im Zweifelsfall bestimmt nicht gefragt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Und wenn das gro\u00dfe Geld dabei rausspringen w\u00fcrde?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Man wei\u00df ja, was bei solchen Sachen r\u00fcberkommt, das ist ja nicht so viel. Da kann man auch ein Konzert spielen und hat dann etwa das Gleiche.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Ihr habt Tourneen gemacht mit Chokebore, mit Guided By Voices, Festivals gespielt mit den Lassie Singers, um nur mal ein paar Namen zu nennen. Mit wem war es denn am angenehmsten?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Mit den Lassie Singers ist es was besonderes gewesen, mit denen verbindet uns n\u00e4mlich eine innige Freundschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Aber zwischen Euch und denen liegt ja eine Dekade, oder?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ja, aber Alter ist doch egal. Wir verstehen uns sehr gut und es war immer lustig. Obwohl es manchmal auch anstrengend wurde auf der Tour, ich meine, immer bis f\u00fcnf Uhr morgens saufen.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Mike, unser amerikanischer Kollege, meinte, da\u00df Ihr so was wie die deutsche Variante einer College-Rock-Band seid. Und wenn Ihr Eure Texte einigerma\u00dfen &#8222;verlustfrei&#8220; ins Englische \u00fcbersetzen w\u00fcrdet, Ihr auf dem amerikanischen Markt gro\u00dfe Erfolgschancen haben k\u00f6nntet. Schon mal an so etwas gedacht?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich f\u00e4nde es jetzt total bl\u00f6d, englisch zu singen, zumindest aus diesen \u00dcberlegungen heraus. Unsere Platten sind im Ausland nicht erh\u00e4ltlich, au\u00dfer in Holland. Das w\u00e4re vielleicht anders, wenn wir englische Texte h\u00e4tten. Es w\u00e4re nat\u00fcrlich schon sch\u00f6n, mal etwas im Ausland zu machen, ganz einfach deswegen, weil wir auch gerne mal aus Deutschland rauskommen w\u00fcrden, weil&#8217;s spannend w\u00e4re. Aber bisher kam noch kein derartiges Angebot.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Gestaltet Ihr das Artwork zu Euren Platten eigentlich selbst?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ja, bei L&#8217;Age D&#8217;Or (die Plattenfirma) ist das \u00fcblich, da\u00df die K\u00fcnstler ihre Cover selbst gestalten. Nat\u00fcrlich nicht das Handwerkliche, das k\u00f6nnen wir ja gar nicht, aber wir setzen uns dann mit der Grafikerin zusammen und machen Vorschl\u00e4ge, \u00e4u\u00dfern unsere Ideen und das wird dann so gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Was h\u00e4ltst Du von der Modeerscheinung Deutscher Schlager?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Mit so etwas besch\u00e4ftige ich mich immer ganz wenig, ich bin da so uninformiert. Dieses Schlager-Revival habe ich schon mitbekommen, aber das interessiert mich nicht so. Das sind solche Nostalgie-Veranstaltungen, wie es sie mit diesen Neue-Deutsche-Welle-Parties auch schon gab. Manche Schlager sind ja auch ganz h\u00fcbsch, so vom Text her, aber wenn ich so dr\u00fcber nachdenke, dann hat f\u00fcr uns deutsche Musik noch nie eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Die gr\u00f6\u00dften Einfl\u00fcsse f\u00fcr uns als Band waren immer die amerikanischen Sachen.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Eure Meinung zur Diskussion um die Quote f\u00fcr deutschsprachige Musik?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich meine, diese ganze Sache ist total aufgebauscht worden. Diese Forderung von Heinz-Rudolf Kunze und vom Deutschen Rockmusikerverband ist sehr extrem. Sie ist genau gesehen sogar falsch, denn es ist ja nicht so, da\u00df keine deutsche Musik gespielt wird. Bei VIVA laufen viele deutsche Produktionen, der Techno-Bereich ist voll davon, der ist halt nur nicht deutschsprachig. Im Radio gibt es z.B. jede Menge deutschsprachige Musik, auch im Bereich Schlager, Unterhaltungsmusik, da gibt&#8217;s doch einen Haufen Schrott. Diese Forderung ist irgendwie nationalistisch, eklig. Im Grunde ist das doch Schei\u00dfdreck.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie ist Eure Haltung zum Internet, zur neuen Medienwelt?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich habe eigentlich keine, weil ich das Internet nicht kenne. Ich bin der totale Technik-Muffel. Ich hab&#8216; zwar einen Computer, aber \u00fcber das Schreibprogramm bin ich noch nicht hinausgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Dann ist von Euch in Zukunft wahrscheinlich auch keine CD mit Multimedia-Bonus-Tracks zu erwarten?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Um Gottes Willen, nee.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie stehst Du zu neuen musikalischen Entwicklungen, was h\u00e4lst Du z.B. von Drum &amp; Bass?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Find&#8216; ich ziemlich interessant, aber ich bef\u00fcrchte, f\u00fcr mich ist da der Zug abgefahren. Ich kann das alles nicht mehr \u00fcberblicken, da kenne ich mich nicht gut aus. Ich hab&#8216; auch keine Platten in der Richtung, aber immer wenn ich es h\u00f6re, finde ich&#8217;s interessant. Meiner Meinung nach sollte man sich auch f\u00fcr andere Musikarten interessieren, ich finde eine Haltung wie &#8222;ich h\u00f6re nur Gitarrenrock&#8220; schrecklich. Man mu\u00df doch offen sein.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Wie sieht&#8217;s aus mit Klassik?<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ich h\u00f6r&#8216; ziemlich gern moderne Klassik, Sch\u00f6nberg zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Hinter-Net!<\/b>: Das ist nat\u00fcrlich ziemlich heftiger Kram.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Dirk<\/b>: Ja, das ist ziemlich heftig. Diese &#8222;klassische&#8220; Klassik wie Mozart oder Beethoven mag ich nicht, das sind mir zu viele T\u00f6ne. Barock oder Renaissance ist okay. Aber Beethoven, das ist dann mal sehr laut und dann wieder so leise, das mag ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Das Interview f\u00fchrten Carsten Frank und Tillmann H\u00e4drich am 19.10.1997 in Konstanz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Dirk von Lowtzow (Tocotronic) Hinter-Net!: Tournee-Zeit hei\u00dft auch Interview-Zeit. Seid Ihr schon gestre\u00dft? Dirk: N\u00f6, eigentlich nicht. Nat\u00fcrlich machen wir &#8217;ne Menge Interviews, und oft sind es immer wieder dieselben Fragen. Eine gewisse Routine hat das schon. 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