{"id":36924,"date":"2002-03-28T11:11:00","date_gmt":"2002-03-28T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36924"},"modified":"2022-10-19T23:08:57","modified_gmt":"2022-10-19T21:08:57","slug":"interview-swing-legenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/03\/interview-swing-legenden\/","title":{"rendered":"Interview: Swing-Legenden"},"content":{"rendered":"\n<p>Zusammen sind Sie 230 und ein paar Zerquetschte alt. Max Greger, Paul Kuhn und Hugo Strasser, die \u201eSwing-Legenden\u201c. Gemeinsam touren Sie mit Swing-Hits von Basie, Dorsey, Ellington, Miller und Co. Greger am Saxophon, Strasser an der Klarinette und Kuhn als S\u00e4nger am Mikro.<\/p>\n\n\n\n<p>Greger ist auf der B\u00fchne \u00fcbrigens auch launiger Conferencier und kann ganz geh\u00f6rig granteln. Der zur\u00fcckhaltende Strasser verbreitet seinen bekannten Charme. Und Kuhn ist der gelassene Pragmatiker, der durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;F\u00fchlen Sie sich als \u201eLegenden\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Nein, \u201eLegende\u201c und \u201eKult\u201c sind Worte, die ich nicht mehr h\u00f6ren kann. Wenn ein Film drei Jahre alt ist, ist es ein Kultfilm. Wir finden es einfach sch\u00f6n, dass wir in unserem Alter noch so gefragt sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Hat Robbie Williams Ihnen diesen Boom beschert?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Nein, das hat schon vorher angefangen. Robbie Williams hat nur das Sahneh\u00e4ubchen draufgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Es gab vor Jahren schon den Brian Setzer in Amerika, der hat das richtig angeheizt mit seiner Big Band. Er hat alles am Tom-Tom gespielt, wie Gene Krupa \u2013 ba bomm bomm bomm. So ging das los. Die Leute sind wieder ausgegangen und haben sich entsprechend angezogen. Swing ist wieder in!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Was muss man denn machen, damit\u00b4s swingt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Das kann man nicht beschreiben. Wenn Sie ein gutes Essen vor sich haben und sagen \u201eMir schmeckt\u00b4s gut\u201c \u2013 warum schmeckt es Ihnen dann gut? Das k\u00f6nnen Sie auch nicht beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Ich hatte einen super Trompeter, Benny Bailey, ein Weltklassemann. Er sagt: \u201eSwing und Jazz kann man nicht lernen. Brauchst es gar nicht versuchen. Du kannst ein Instrument lernen, ja. Aber swingen nicht. Entweder Du hast es, oder Du hast es nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;Swing ist eine Ausstattung, die mit einer gewissen Begabung zu tun hat. Wenn einer swingt, dann gibt er ein modernes Gef\u00fchl zum Besten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Es gen\u00fcgt nicht, die richtigen Noten zu spielen, man muss sie bearbeiten. Aber wie das geschieht, was man da eigentlich macht, das wissen wir selbst nicht so genau.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Haben Sie das Repertoire der Swing-Legenden gemeinsamen ausget\u00fcftelt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;Jeder von uns hat seine eigenen Titel, die er gerne spielt. Aber geb\u00fcndelt zu einem Ganzen, das in sich stimmen muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Und das ist kein unbekanntes Zeugs, sondern alles Nummern, die die Leute kennen. Freilich k\u00f6nnten wir \u201eextrem\u201c spielen, aber dann haben wir vielleicht drei-, vierhundert Leute in den Konzerten. Also spielen wir bekannte Nummern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Man will ja nicht gegen die Leute spielen. Und die Leute wollen \u2013 das ist ja das Merkw\u00fcrdige \u2013 immer das h\u00f6ren, was sie schon kennen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Es kommt bei jedem Titel der sogenannte \u201eAh-Effekt\u201c. Aaaah, jetzt kommt wieder das, jaja&#8230; Das ist der Erfolg von uns. Am Anfang hab ich das allein gemacht, bin erst ohne die Kollegen rumgefahren mit der SWR-Bigband. Vier, f\u00fcnf Jahre auf Tanzpartys. Da hat man schon gewusst: die Nummer ist nicht so gut, die tun wir raus. Jetzt haben wir ein Repertoire, wo alles stimmt. Das geht hin bis zu todsicheren Standing Ovations. Die Leute k\u00f6nnen gar nicht anders. Die lass i net sitzen am Schluss, die wissen schon, wo sie aufstehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Max Greger, Sie haben mit der SWR Bigband allein schon vor sechshundert Menschen gespielt. Und jetzt, bei den Swing-Legenden, sind es \u00fcber zweitausend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Es ist ausverkauft, weil die Leute sagen: Herrlich, das ist Musik, die\u00b4s im Fernsehen nicht mehr gibt. Und zwar keine Minute mehr! Im Fernsehen gibt\u00b4s nur die volkst\u00fcmliche Musik: sch\u00f6ne Menschen, Playback, und das war\u00b4s.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;Ja, das ist das Stichwort: Playback. Wir dagegen stehen auf der B\u00fchne und musizieren. Handgemachte Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Das ist ganz interessant, weil die jungen Leute das \u00fcberhaupt nicht kannten. Die haben sich ja jahrzehntelang von Lautsprechern unterhalten lassen. Und jetzt sehen sie mal, wie Musik entsteht, wie Leute improvisieren und die Band sehr pr\u00e4zise spielt. Das macht Riesenspa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Im Sommer spielen Sie auch Open Air. Eine neue Erfahrung f\u00fcr Sie?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Nein, das haben wir schon ein paarmal gemacht. In Singen hatten wir zur Gartenschau f\u00fcnftausend Leute. Die haben zum Schluss alles gest\u00fcrmt, die Z\u00e4une niedergerissen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Das war wie beim Rockkonzert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Und ich hatte vorher gedacht, vielleicht sind das so volkst\u00fcmliche Anh\u00e4nger, die misstrauisch unten sitzen. Aber nein. Die waren so begeistert, das kann man gar nicht beschreiben. Was soll denn da noch passieren?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Die Musiker in Ihrer Band sind viel j\u00fcnger als Sie. Gibt\u00b4s da Probleme?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;\u00dcberhaupt nicht. Das ist ganz locker und kollegial.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Ich hatte in meiner Band oft ganz junge Leute und daneben viel \u00e4ltere. Das geht. Die verstehen sich allein schon durch die Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Sie haben mit vielen Jazz-Legenden zusammengearbeitet. An wen erinnern Sie sich besonders gern?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Vor allem an Louis Armstrong. Mit dem hatte ich eine Fernsehshow. Aber ich hab auch Benny Goodman begleitet. Der hat zum Teil unsere Arrangements \u00fcbernommen. Ich hatte ein sehr sch\u00f6nes Benny-Goodman-Potpourri. Wir haben\u00b4s ihm geschickt, und er hat gesagt: \u201eDas nehm ich. Genauso m\u00f6chte ich\u00b4s am Abend haben.\u201c Das war wunderbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Ich hab mit Clark Terry, Harry Edison und Glenn Holloway gespielt. Also mit Jazzleuten aus den Bands Basie\/Ellington. Die sind sp\u00e4ter als Solisten durch Europa gereist, und ich bin mit ihnen gefahren. Also, mit Clark Terry zu spielen \u2013 besser geht\u00b4s nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Besser geht\u00b4s nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Nee.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;Ich war ja f\u00fcnf Jahre lang in der Greger- Band. 1949. Da haben wir nat\u00fcrlich auch mit Gr\u00f6\u00dfen wie Ella Fitzgerald gespielt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Wir waren in einem Schwarzenclub. Der Clubchef hatte uns hinterher eingeladen. High Life, alles frei&#8230; Damals haben wir mit Ella Fitzgerald, Count Basie, Duke Ellington und Lionel Hampton gespielt. Das lassen wir uns nicht mehr nehmen. War \u00b4ne sch\u00f6ne Zeit. Da hat man am meisten gelernt. Das war unser bestes Konservatorium.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Haben Sie auch w\u00e4hrend des Krieges Jazz geh\u00f6rt, als er von den Nazis verboten war?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Ja, ich hab ihn geh\u00f6rt. Verbotene Sender und verbotene Platten. Bei Freunden. Andrew Sisters-Platten, Basie-Platten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;Es gab im besetzten Paris schon 1942\/43 die M\u00f6glichkeit, Schallplatten zu kaufen. Da hat man bei Soldaten, die dort stationiert waren, solche Platten bestellt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Ich hab im Radio die ersten Sendungen von Glenn Miller geh\u00f6rt, der in England war und \u2013 in deutscher Sprache \u2013 f\u00fcr die \u201egeknechtete deutsche Jugend\u201c Jazz spielte. Auch deutsche Titel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;Es gab w\u00e4hrend des Krieges auch amerikanische Titel, die wir mit deutschen Texten gesungen haben. Zum Beispiel \u201eWhispering\u201c: \u201eLass mich dein Badewasser schl\u00fcrfen\u201c. Das waren Texte, die damals entstanden sind, um das zu verstecken. Denn die Nazis waren nat\u00fcrlich nicht informiert \u00fcber den Ursprung dieser Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Haben Sie auch musikalische Erinnerungen ans Saarland?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Ich hab viel mit Truck Branss gearbeitet. Der hat viele Sendungen mit Udo J\u00fcrgens gemacht, da war ich als Gast dabei. Und vor allen Dingen mit Gilbert B\u00e9caud, den hatte ich dann sp\u00e4ter auch in meinen Sendungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;Es gab doch auch diesen gro\u00dfen Ball hier&#8230; Wie hat der noch gehei\u00dfen, dieser Faschingsball? Premab\u00fcba! Den hab ich auch gespielt mit meinem Orchester.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Ja, da musste man schon Nerven haben, das war ein Hexenkessel. Aber das war genau das, was ich wollte. Ich hab da mal zusammen mit Hazy Osterwald gespielt. Dem war sein Schlagzeuger abhanden gekommen, der war in M\u00fcnchen abgest\u00fcrzt. Und bei so einem Ball mit viertausend Leuten, am Faschingssamstag, da kriegst Du den schlechtesten Schlagzeuger nicht. Da kriegst Du \u00fcberhaupt keinen mehr! Also hab ich meinem Schlagzeuger gesagt: \u201eDu, pass auf, Toilette kannst Du Dir gleich sparen. Immer wenn der Osterwald drankommt, bist Du dr\u00fcben.\u201c So hab ich dem Osterwald ausgeholfen. Das wird er mir nie vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinternet:<\/strong>&nbsp;Welchen Musiktitel w\u00fcrden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhn:<\/strong>&nbsp;Also, wenn ich jetzt sofort wegm\u00fcsste, w\u00fcrde ich wahrscheinlich eine Aufnahme von den Singers Unlimited mitnehmen. Die singen \u201eEmily\u201c, eine Riesennummer. Die ist so sch\u00f6n arrangiert, harmonisch so toll. Das w\u00fcrd ich mitnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Greger:<\/strong>&nbsp;Ich w\u00fcrde Oscar Peterson mitnehmen, \u201eDein ist mein ganzes Herz\u201c. Aber noch lieber w\u00e4re mir \u2013 da sollen die Kollegen jetzt nicht b\u00f6se sein \u2013 Maria Callas. Die ist f\u00fcr mich die Jahrhunderts\u00e4ngerin. Und wenn ich da auf der Insel mit der Callas&#8230; Das w\u00fcrde mir gen\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Strasser:<\/strong>&nbsp;Ich w\u00fcrde von Nat King Cole \u201eStardust\u201c mitnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">* * *<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table  class=\" table table-hover\" ><tbody><tr><td><strong>Kurzbios<\/strong><\/td><\/tr><tr><td><strong>Paul Kuhn<\/strong>&nbsp;(geb. 1928) hatte mit acht Jahren seinen ersten TV-Auftritt als Akkordeonspieler. Wurde sp\u00e4ter Jazzpianist und leitete lange das Tanzorchester des SFB. So richtig bekannt wurde er aber als \u201ePaulchen Kuhn\u201c, mit Schlagern \u00fcber Bier auf Hawaii und den Mann am Klavier. Verheiratet mit der ebenso legend\u00e4re Ute Mann (von den Ute-Mann-Singers).<\/td><\/tr><tr><td><strong>Max Greger<\/strong>&nbsp;(geb. 1926) begann ebenfalls als Akkordeonspieler, spielte Klarinette in amerikanischen Clubs und wechselte dann ans Tenorsaxophon. 1948 gr\u00fcndete er sein eigenes Sextett, dem unter anderem Hugo Strasser angeh\u00f6rte. Begleitete Caterina Valente, Marlene Dietrich, Juliette Greco und Lionel Hampton bei dessen Deutschlandtournee. Ab den 60ern mit Band als \u201eFernsehorchester\u201c beim ZDF (unter anderen bei \u201eDrei mal Neun\u201c).<\/td><\/tr><tr><td>Auch&nbsp;<strong>Hugo Strasser<\/strong>&nbsp;(geb. 1922) spielte nach dem 2. Weltkrieg Klarinette in amerikanischen Clubs. Gr\u00fcndete 1954 ein eigenes Tanzorchester und spielte eine Reihe von Schallplatten im \u201estrikten Tanzrhythmus\u201c ein. Erhielt die Ehrennadel des Allgemeinen Deutschen Tanzschulverbands.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammen sind Sie 230 und ein paar Zerquetschte alt. Max Greger, Paul Kuhn und Hugo Strasser, die \u201eSwing-Legenden\u201c. Gemeinsam touren Sie mit Swing-Hits von Basie, Dorsey, Ellington, Miller und Co. Greger am Saxophon, Strasser an der Klarinette und Kuhn als S\u00e4nger am Mikro. 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