{"id":36926,"date":"1996-08-26T11:11:00","date_gmt":"1996-08-26T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36926"},"modified":"2022-08-27T02:49:06","modified_gmt":"2022-08-27T00:49:06","slug":"interview-nicolette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/08\/interview-nicolette\/","title":{"rendered":"Interview: Nicolette"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>&#8230;bleibt hip mit Shit-Detektor<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>&#8218;Now is early&#8216; war &#8217;92, und da war sie mit ihren Produzenten Shut Up And Dance ein betr\u00e4chtliches St\u00fcck voraus in der Breakbeat-Zeit. Das l\u00e4\u00dft sich f\u00fcr &#8218;Let no one live rent free in your head&#8216; nicht mehr sagen. Immer noch aber l\u00e4\u00dft Nicolette Str\u00f6me elektronischer Musik in ihre Badewanne einlaufen, die jetzt! sind.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nicolette ist 31 Jahre alt, geboren in Schottland und in ganz Europa aufgewachsen. Inzwischen ist ihr Vater Professor f\u00fcr Psychologie in Benin, Nigeria; dort hat sie selbst ein Franz\u00f6sisch-Studium abgeschlossen. Als S\u00e4ngerin bewegte sie sich erstmal in der Vocal-House-Szene, die Ende der achtziger Jahre in Gro\u00dfbritannien ihre Bl\u00fctezeit erlebte. Irgendwann aber lernte sie in London Shut Up And Dance kennen, die ungew\u00f6hnlich rohe Breakbeat-Tracks fabrizierten. Dagegen hielt sie ihren subtil s\u00e4uselnden Gesang, und fertig war &#8218;Now is early&#8216;, eine der \u00fcberraschendsten Platten im Jahr 1992. Gleich darauf legten Shut Up And Dance mit ihrer grandiosen &#8218;Death is not the end&#8216; nach (ohne Nicolette), um darauf bis heute zu verstummen. Nicolette kommentiert:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sie machten ja diese ganzen Hardcore-Sachen, dann kamen Probleme mit ihrem Label. Daher unterbrachen sie ihre Arbeit f\u00fcr eine Weile, um dann mit kommerziellerem Zeug wieder zur\u00fcckzukommen. Ich denke, da\u00df sie inzwischen wieder mehr Hardcore produzieren. Sie haben also einen Proze\u00df durchlaufen, der meinem \u00e4hnlich ist: sie haben ihr Ding durchgezogen und sich dann verwirren lassen. Jetzt aber sind sie mit etwas Neuem zur\u00fcck.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Das wirft nat\u00fcrlich die Frage auf, ob Nicolette nicht mehr ganz hinter ihrer Zusammenarbeit mit Massive Attack f\u00fcr &#8218;Protection&#8216; steht. Die Antwort darauf bringt zum Vorschein, da\u00df dieses Sich-Verwirren-Lassen f\u00fcr Sie auch gewinnbringende Seiten hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Als Musikerin mu\u00dft du genau wissen, was Du machen m\u00f6chtest. Denn wenn das nicht der Fall ist, kannst du dich nicht deutlich ausdr\u00fccken. Massive Attack war Teil eines hilfreichen Prozesses. Er hat meine F\u00e4higkeiten als Musikerin erweitert, weil ich in einem anderen Kontext als f\u00fcr mich \u00fcblich arbeitete.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere Sorte Musik, andere Umst\u00e4nde, anderes Alles. Daher war das eine gro\u00dfe Herausforderung und hat mir gut getan.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen haben wir 1996, und die Welt hat sich ver\u00e4ndert- besonders die der Club-Musik. Nicolette sagt es so:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Drum&#8217;n Bass rules!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf dem Kontinent breitet sich Drum&#8217;n Bass von Metropole zu Kleinstadt aus und lacht bedr\u00f6hnt von den Titelseiten und Webpages der Magazine. Als pers\u00f6nliche Favoriten nennt Nicolette au\u00dfer Atari Teenage Riot strikt D&#8217;n B-Leute wie Roni Size, DJ Hype und 4 Hero. Nun ist &#8218;Let no one live&#8230;&#8216; eher eine Leistungsschau zeitgen\u00f6ssischer, elektronisch produzierter Popmusik denn eine D&#8217;n B-Lp. Alleine &#8218;Song for Europe&#8216; ist Drum&#8217;n Bass, und das von Alec Empire atemlos heruntergetrashte &#8218;Nervous&#8216; kann sich &#8218;Hardcore&#8216; nennen. Insgesamt aber dominiert ein wirklich sanfter Vibe in flippendem, trippendem Langsam bis Mittelschnell. Da\u00df sich dennoch immer wieder dieses D&#8217;n B-Gef\u00fchl beim H\u00f6ren des Albums einstellt, liegt in gewissen Details der Produktion. (Fast) immer t\u00f6nt irgendetwas sehr tief, (fast) immer sind ein paar Spuren sehr perkussiv. Ein Zufall ist das nicht, denn Nicolette macht f\u00fcr ihre Interpretation von Drum&#8217;n Bass-wie viele andere aus der Szene- den Aspekt der R\u00fcckbesinnung auf afrikanische Musiken stark.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Als Afrikanerin kann ich die afrikanischen Elemente heraush\u00f6ren, und deshalb h\u00f6rt sich diese Musik f\u00fcr mich wie Stammesmusik aus Afrika an. Und deswegen macht sie mir Spa\u00df- ich f\u00fchle mich dann zuhause. F\u00fcr mich ist Drum&#8217;n Bass also essentiell wichtig, und ich spreche auch f\u00fcr sonst niemanden.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nach der Ver\u00f6ffentlichung von &#8218;Let no one&#8230;&#8216; im Mai diesen Jahres wurde deutlich, da\u00df Talkin&#8217;Loud in Zukunft verst\u00e4rkt auf Drum&#8217;n Bass setzen w\u00fcrde. Noch bis Anfang &#8217;96 galt das Label ja als Archiv f\u00fcr verstaubten Acid Jazz- umso gr\u00f6\u00dfer war die \u00dcberraschung \u00fcber Nicolettes Firmenwahl. Nicolette meint dazu ganz sachlich:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist gut, auf Talkin&#8217;Loud zu sein. Sie sind ehrlich und sie m\u00f6gen Musik. F\u00fcr mich ist es entscheidend, die Freiheit zu haben,das zu tun,was ich machen m\u00f6chte. Lieber h\u00e4tte ich keinen Vertrag, als diese Freiheit nicht zu haben. Talkin&#8217;Loud ist einfach der richtige Ort f\u00fcr mich.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Neben diesem Begriff von &#8218;Freiheit&#8216; f\u00e4llt im Gespr\u00e4ch auch immer wieder das Wort &#8218;Spa\u00df&#8216; als Lebensprinzip. Dazu ist Nicolette eine Frau, die auf au\u00dfergew\u00f6hnliche Weise gut singen kann- dem Melody Maker haben diese Aspekte zur plumpen Titulierung &#8218;The Black Bj\u00f6rk&#8216; gen\u00fcgt. Nicolette kommentiert diese Bezeichnung aber \u00fcberraschend wohlwollend.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Bj\u00f6rk ist ein Genie; sie ist brilliant. Von daher ist es ein wohlmeinender Vergleich, aber ich w\u00fcrde mich nat\u00fcrlich nicht als &#8217;schwarze Bj\u00f6rk&#8216; bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bevor ich anfing wu\u00dfte ich, da\u00df ich mit ihr verglichen werden w\u00fcrde. Es gibt eben \u00c4hnlichkeiten zwischen uns. Wir sind beide expressiv, wir sind beide Frauen. Als ich zum ersten Mal ihre Musik h\u00f6rte, dachte ich: die ist wie ich. Die Art, wie wir uns ausdr\u00fccken, bestimmte Arten von Phrasierung, die wir beide benutzen- da sind schon \u00c4hnlichkeiten. Doch das ist eine gute Sache, und sie ist reiner Zufall.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sowas mit allergr\u00f6\u00dfter Ruhe und Gelassenheit aussprechen kann nur, wer neben einer Mediengr\u00f6\u00dfe wie Bj\u00f6rk durch eigene Identit\u00e4t auff\u00e4llt. Nicolette singt Pop, der vom neuen Ding Drum&#8217;n Bass zehrt. Sie hat eine Szene, von der aus sie handelt; und sagt sie etwas wie &#8222;Drum&#8217;n Bass rules!&#8220;, dann klingt das durchaus auch missionarisch. So wird sie wohl nach ihrer n\u00e4chsten Lp-Ver\u00f6ffentlichung (Ende des Jahres m\u00f6chte sie mit den St\u00fccken daf\u00fcr beginnen) keine Bj\u00f6rk mehr als Bezug brauchen, weil sie dann genauso gro\u00df sein wird. Das Medieninteresse jedenfalls war bereits dieses Mal enorm. Wie Du soweit kommst?<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe einen ganz sch\u00f6n ernsthaften Leibw\u00e4chter an der Hintert\u00fcr, einen ernstzunehmenden Schei\u00dfe-Detektor.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Das Interview mit Nicolette f\u00fchrte Christoph Braun.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vielen Dank an Peyman Satrapi von Radio freeFM in Ulm. H\u00f6rt seine Sendung&nbsp;<strong>Liquid Jazz&nbsp;<\/strong>auf102.6 MHz.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;bleibt hip mit Shit-Detektor &#8218;Now is early&#8216; war &#8217;92, und da war sie mit ihren Produzenten Shut Up And Dance ein betr\u00e4chtliches St\u00fcck voraus in der Breakbeat-Zeit. Das l\u00e4\u00dft sich f\u00fcr &#8218;Let no one live rent free in your head&#8216; nicht mehr sagen. 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