{"id":36944,"date":"1999-07-27T11:11:00","date_gmt":"1999-07-27T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36944"},"modified":"2022-08-27T03:44:29","modified_gmt":"2022-08-27T01:44:29","slug":"interview-plaid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/07\/interview-plaid\/","title":{"rendered":"Interview: Plaid"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Konkret vs. Abstrakt &#8211; 1:0 f\u00fcr Plaid<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Bei einem Bandinfo, das die Eigenschaften des zu beschreibenden &#8222;Produkts&#8220; so diffus h\u00e4lt, wie jenes von Plaid, denkt man entweder an Nichtigkeit oder eigene Liga. Bei einem Label wie es Warp vormacht, kann man sich blind darauf verlassen, da\u00df der gefeaturte Act letzter Kategorie angeh\u00f6rt. Kennt man sich ein wenig mit experimenteller, elektronischer Musik aus, wei\u00df man schon l\u00e4ngst welche bedeutende K\u00fcnstler hinter diesem Sheffielder Pionierlabel stehen. Die popul\u00e4rsten Ausw\u00fcchse lesen sich wie das &#8222;Who is who&#8220; der elektronischen Intelligenzia: Autechre, LFO, Aphex Twin oder auch der durchgeknallte Finne Jimi Tenor haben den Initiatoren Rob Mitchell und Steve Beckett l\u00e4ngst zu etwas Kleingeld verholfen. (Wer einen vollen \u00dcberblick \u00fcber das Warp &#8211; Programm haben m\u00f6chte, sollte sich die Collection\u00a0<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/08\/wap100-we-are-reasonable-people\/\" data-type=\"post\" data-id=\"33162\">&#8222;wap 100&#8220;<\/a>\u00a0anh\u00f6ren.) Auch Plaid geh\u00f6ren &#8211; vielleicht sogar mehr als die hier aufgez\u00e4hlten Kn\u00f6pfedreher &#8211; zu der Gattung Underground mit starker Verbindung zum Pop-Biz. Das Vorg\u00e4ngerprojekt Black Dog geno\u00df schon in den fr\u00fchen neunziger Jahren Kultstatus. Man umgab sich mit allerlei Mystik, gab Interviews ausschlie\u00dflich via Internet, Photos der einzelnen Mitglieder suchte man vergeblich, und die Musik selbst war alles andere als leicht verdauliche Kost.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auch heute f\u00fchlt sich Ed Handley, ein Teil von Plaid, nicht immer wohl bei der Pr\u00e4sentation ihrer selbst: &#8222;Eigentlich spricht die Musik f\u00fcr sich selbst. Es ist manchmal ein komisches Gef\u00fchl sich verkaufen zu m\u00fcssen. Das Image, das wir mit Black Dog verfolgten war eine Art des Glamours, sich mit Mysteri\u00f6sit\u00e4t und dem Geheimnisvollen zu umgeben.&#8220; Ihre beiden Warp-Klassicker &#8222;Spanners&#8220; (1994) und &#8222;Musik For Adverts&#8220; (1995) klingen fragmentarisch, verspielt, aber nie ganz zu Ende gedacht. Zu dieser Zeit entstanden auf der Overground-Seite einige Remixe f\u00fcr etwas bekanntere Namen der Popwelt, namentlich Bj\u00f6rk und Nicolette. &#8222;Das Remixen ist auf der einen Seite eine gute Geldquelle. Es hilft Dir dabei weiterzumachen und zu expandieren, aber auf der anderen Seite w\u00fcrde ich niemals einen Song remixen, der mir nicht gef\u00e4llt. Idealerweise kommt dabei ein weiteres Plaid-St\u00fcck zustande. Die Idee ist nicht das Original einfach mit einem Drumloop zu unterlegen. Es macht viel mehr Spa\u00df die Spuren zu zerhacken und zu etwas Neuem zusammenzuf\u00fcgen.&#8220; Ed Handley sieht die damals entstandene Fusion mit der Popwelt als Zufall und nicht als verkaufsf\u00f6rdernde Strategie: &#8222;Wir wu\u00dften, da\u00df Leute uns nur wegen Bj\u00f6rk oder Nicolette kannten, damit mu\u00df man rechnen, schlie\u00dflich sind diese Namen viel popul\u00e4rer als der unsere. Aber das macht nichts. Das Kennenlernen zwischen uns lief jeweils nat\u00fcrlich ab. Wir trafen uns auf einer Ebene jenseits der Gesch\u00e4ftswelt und wurden gute Freunde. Schlie\u00dflich boten uns die beiden an, auf unserem Album (&#8222;Not For Threes&#8220;, 1997) einzusingen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die inszenierte Anonymit\u00e4t wurde damit weiter zum Kult ausgebaut. Nachdem sich Mysterioso Ed Downie (der als Black Dog weitermacht) von seinen Partnern Ed Handley und Andy Turner getrennt hatte, beschlossen letztere unter dem Namen Plaid die Marschrichtung zu \u00e4ndern. Die 1997 entstandene LP &#8222;Not For Threes&#8220; (Warp) dokumentiert, da\u00df die Fragmente ihrer bisherigen Musik in der Zwischenzeit eine festere Gestalt angenommen hatten, man immer mehr auf das Samplen verzichtet hatte und daf\u00fcr lieber &#8222;live-einspielt&#8220;. &#8222;Mit Black Dog waren wir viel minimalistischer und einfacher. Die Entwicklung f\u00fchrte uns linear zu dem, was wir heute sind. Nichts wurde geplant, die Verst\u00e4rkung der Harmonieseite unserer Musik geschah ohne direktes Vorhaben. Es war mehr ein Reifeprozess und die Erfahrung im Umgang mit Equipment.&#8220; Die Popkompatibilit\u00e4t wurde verst\u00e4rkt und mit den beiden Leihstimmen von Bj\u00f6rk und Nicolette hatte man gleich zwei Gesangsnummern auf der gegenst\u00e4ndlichen Seite zu verbuchen. Allerlei Instrumente geben auch dem neuen Album &#8222;Rest Proof Clockwork&#8220; ein heterogenes, aber nie diffuses Gesamtbild. Die Harmonien sind zwar immer leicht angeschr\u00e4gt, die Rhythmik verspielt und es klingelt aus allerlei Richtung, und dennoch wei\u00df man schon bei den ersten T\u00f6nen eines Plaid-St\u00fcckes, um wen es sich handelt. Auch diesmal verzichten Handley und Turner nicht auf Gastauftritte, wie zum Beispiel denen von Mara Carlyle, Benet Walsh oder Scratch Daddy Addy (Kushti); denn sie ben\u00f6tigen diese Unterst\u00fctzung, um ihren Sound weiter zu konkretisieren. Handley: &#8222;Es ist eben interessant mit anderen K\u00fcnstlern zusammenzuarbeiten. Manchmal lernt man diese Leute nicht pers\u00f6nlich kennen. Dann gibt es hin und wieder F\u00e4lle, in denen aus einer Zusammenarbeit Freundschaften entstehen. Das Ganze l\u00e4uft sehr organisch ab. Wir m\u00f6gen den Aspekt mit ausgebildeten Musikern zu arbeiten, da wir selbst keine musikalische Erziehung genossen haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einfl\u00fcsse auf dieser neuen LP sind so mannigfaltig wie nie zuvor, aber dennoch klingt &#8222;Rest Proof Clockwork&#8220; gleichzeitig auch homogener als je zuvor. Die Leichtigkeit der Kl\u00e4nge becircen den Zuh\u00f6rer mit einer fast nie dagewesenen Unaufdringlichkeit, da\u00df man schon genau hinh\u00f6ren mu\u00df, um zu erfahren, wie trickreich hier gearbeitet wurde. &#8222;Ich mag sogenannte Spezialistenmusik, die nur darauf ausgelegt ist ein Genre zu bedienen. Wir selbst haben aber keinerlei Ambitionen uns festzulegen. Der Stil ergibt sich aus uns selbst.&#8220; Grund f\u00fcr diese Aufger\u00e4umtheit ist die Plaidsche Arbeitsweise, die mehr einem Jam von &#8222;Bandmitgliedern gleicht&#8220; als einer kompliziert einprogrammierten Sisyphusarbeit. Selbst die Rhythmik ist im Vergleich zum Vorg\u00e4nger &#8222;einfacher&#8220; geworden. Ed Handley best\u00e4tigt: &#8222;Unsere Art zu produzieren ist total experimentell. Wir nehmen uns nicht vor so oder so zu klingen. Wir gehen ins Studio und schauen was passiert, ob irgendwas Brauchbares, Stimulierendes dabei rauskommt; insofern sind wir keine normative Musiker. Manchmal gibt es eine vage Idee wie ein Track aussehen k\u00f6nnte, aber wir nehmen uns nicht vor einen Gitarren &#8211; oder Hiphop &#8211; Tune rauszuhauen. Es gibt Themen und Anfangspunkte, aber der Prozess ist mehr dem Zufall \u00fcberlassen. Hip-Hop war und ist immer schon ein Einflu\u00df f\u00fcr unsere Musik gewesen &#8211; angefangen bei den Zeiten, in denen wir uns als Kids die Clubn\u00e4chte um die Ohren schlugen, bis heute. Demn\u00e4chst remixen wir einen Grandmaster-Flash and The Sugarhill &#8211; Gang Klassicker namens &#8222;Scorpio&#8220; der bald ver\u00f6ffentlicht werden wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man orientiert sich mehr am klassischen Track und l\u00e4\u00dft sich von der Vorgehensweise traditioneller Songwriter beeinflussen. Trotz der zunehmenden Popkompatibilit\u00e4t steht die Bef\u00fcrchtung im Raum, da\u00df man niemals am gro\u00dfen Pott der Stars mitessen k\u00f6nnen wird. Der Sprung in die N\u00e4he wurde zwar schon vor etlichen Jahren gemacht; dennoch reicht der Wille nie aus, Musik f\u00fcr die gro\u00dfe Masse zu produzieren. &#8222;Letztendlich mu\u00df es einem selbst gefallen, will man \u00fcberzeugende Arbeit abliefern. Wir wollen nicht die Massen bedienen, solange uns das Resultat nicht selbst befriedigt. Die Melodien stehen bei uns im Vordergrund, weil wir Melodien m\u00f6gen, nicht weil wir keinen tanzbaren Techno produzieren wollen. Wir wollen auch nicht auf Teufel komm raus origenell sein. Wenn es passiert, da\u00df Etwas Neues entsteht, ist es gro\u00dfartig, aber es ist nicht unsere \u00fcber allem stehende Agenda,&#8220; gibt Ed Handley zu Bedenken. Der Zeitpunkt ist jedenfalls gekommen, um mit einem der erfolgreichsten Dance-Acts Englands auf Tournee zu gehen. Plaid begleiten den Dinosaurier Orbital auf ihrer England-Tournee. &#8222;Das ist schlie\u00dflich der beste Weg unsere Musik zu verkaufen. Ich w\u00e4re dumm genug zu behaupten, da\u00df wir keinerlei Anspr\u00fcche darauf h\u00e4tten. Au\u00dferdem besteht schon eine Art Freundschaft zwischen Orbital und uns. Vor vielen Jahren hatten wir die Gelegenheit die Hartknoll &#8211; Br\u00fcder zu supporten, und zwar auf den legend\u00e4ren Londoner Megadogparties.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufgeschlossenheit der Engl\u00e4nder und deren Verst\u00e4ndnis von &#8222;Mesh Culture&#8220; wird Plaid zu offenen Ohren verhelfen. F\u00fcr den Rest Europas sehe ich da eher schwarz. In Amerika ticken die Uhren im elektronischen Bereich, trotz Detroit-Techno und Chicago-House, r\u00fcckw\u00e4rts und gerade in Deutschland werden wohl nur einige Spezialisten die M\u00fche auf sich nehmen, um Plaid zu erleben. Die Aussicht auf Erfolg im Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten sieht Ed abschlie\u00dfend eher pessimistisch: &#8222;In den Staaten werden wir von Trent Reznors Label vertrieben und die Akzeptanz f\u00fcr elektronische Musik ist nicht sehr hoch dort. Wir traten mal zusammen mit Autechre in New York auf, hatten eine Performance in San Franzisko auf einer Reflexive- Labelparty, aber das ist bis jetzt alles, was wir von den U.S.A. gesehen haben.&#8220; Es bleibt zu hoffen, da\u00df diese Ungerechtigkeit ein Ende nimmt und sich Qualit\u00e4t durchsetzten wird. Wenn Bj\u00f6rk und Nicolette diese schon fr\u00fcher erkannt haben, liegt es an den Elektroexperten, die wunderbare Welt der Popmelodien zu entdecken und sich nicht nur auf Technokraten-Fachsimpelei zu beschr\u00e4nken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konkret vs. Abstrakt &#8211; 1:0 f\u00fcr Plaid Bei einem Bandinfo, das die Eigenschaften des zu beschreibenden &#8222;Produkts&#8220; so diffus h\u00e4lt, wie jenes von Plaid, denkt man entweder an Nichtigkeit oder eigene Liga. Bei einem Label wie es Warp vormacht, kann man sich blind darauf verlassen, da\u00df der gefeaturte Act letzter Kategorie angeh\u00f6rt. 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