{"id":36990,"date":"1997-03-28T23:27:00","date_gmt":"1997-03-28T22:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36990"},"modified":"2022-09-04T23:40:56","modified_gmt":"2022-09-04T21:40:56","slug":"fred-konkret-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/03\/fred-konkret-1\/","title":{"rendered":"Fred Konkret (1)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nichts Neues von der Insel-Na und?!<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"122\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/fred1.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-36991\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Mangelnder Einfallsreichtum und Eigenbr\u00f6dlertum- so wird die Musikkultur Gro\u00dfbritanniens in der deutschen Musikpresse oftmals stigmatisiert und kritisiert. Ist diese Art Allergie deutscher Rezensenten auf den englischen Musikmarkt die Folge amerikanischer Indoktrinierung w\u00e4hrend der Besatzungszeit? Ist dieses sich Wehren gegen den Einflu\u00df der Popkultur schlechthin ein Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr eine Tradition weil man in Deutschland selbst keine gro\u00dfe Pop-Tradition vorzuweisen hat? Fred Scholl geht dem Ph\u00e4nomen auf den Grund.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es ist schon bemerkenswert mit welcher Beharrlichkeit die britische Medienwelt ihre eigenen Gew\u00e4chse hochjubelt und wieder zerst\u00f6rt. Eine Unart, die man nirgendwo so stark beobachten kann, wie auf der Insel. Manch einer wird sich fragen: &#8222;Wozu \u00fcberhaupt der Hype? Die Bands h\u00f6ren sich doch alle gleich an!&#8220; Diese Stereotypisierung kann man verstehen, denn wer sich mit einer Musikrichtung nicht auseinandersetzen will, der kann dieses Urteil \u00fcber jeden erdenklichen Musikstil im Bereich der Popul\u00e4rmusik f\u00e4llen: Heavy Metal, Funk, House, Techno, Jungle, Crossover, Pop, Soul etc&#8230; Da klingt doch jede Band in ihrer Disziplin \u00e4hnlich! Bei einer oberfl\u00e4chlichen Betrachtungsweise kann man dieser Aussage zustimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was definiert einen Stil \u00fcberhaupt? Ein gemeinsamer Nenner von Charakteristika, die vorhanden sein m\u00fcssen um einen Wiedererkennungswert beim H\u00f6rer hervorzurufen. Wenn diese Definition zutreffen soll, dann ist Britpop weit von einem einheitlichen Stil entfernt. Was haben Bands wie Blur, Oasis und Elastica schon gemeinsam? Sie kommen alle aus dem gleichen Land, sie sind &#8211; wenn auch jede Band auf ihre Weise Retro &#8211; und machen Popmusik mit Gitarren und Schlagzeug in der Tradition ihrer Vorbilder. Ja, sie sind sich sogar nicht zu schade, diese in jedem Interview zu benennen und geben zu von ihnen geklaut zu haben. Oasis bekennen sich zu den Beatles, bedienen sich der Riffs von Slade, Gary Glitter und Stevie Wonder, vermerken dies sogar auf ihren CD-H\u00fcllen. Elastica klauen fast ganze Wire-Songs und recyclen die Stranglers. Blur fr\u00f6hnen den Small Faces, den Kinks, dem jungen Bowie und vielen anderen in der Mod-Szene hochgesch\u00e4tzten Bands. Kurz sie sind alle traditionell, konventionell und recyclen vorhandenes Material.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum regen sich dar\u00fcber einige Leute so sehr auf? Schlie\u00dflich geht das Recyclen bei jeder Hip-Hop-Band als g\u00e4ngiges Stilmittel in Ordnung und bei Techno scheint ja alles sooo neu zu sein, vor allem der 4\/4-Beat in jeder erdenklichen Geschwindigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kr\u00f6nung ist nat\u00fcrlich, wenn selbsternannte Intellektuelle sich anma\u00dfen, Bands wie Oasis mangelnden Intellekt vorzuwerfen, weil deren Songtexte (&#8222;Whatever&#8220;) nur allzu d\u00fcmmlich ausfallen w\u00fcrden. Wenn man diesen Vorwurf als Me\u00dflatte f\u00fcr &#8222;gute oder schlechte&#8220; Musik nimmt, dann sind die fr\u00fchen Beatles so ziemlich die peinlichste D\u00fcmmlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Am\u00fcsante an der Story, die ich hier nur andeuten will, ist die Kluft, die zwischen den Schreiberlingen der Intelligenzpostille und den Lesern des trendsettenden Mags herrscht, haben diese tats\u00e4chlich &#8222;Wonderwall&#8220; unter die ersten im diesj\u00e4hrigen Poll in der Sparte &#8222;Beste Single des Jahres&#8220; gew\u00e4hlt, und Blur waren mit &#8222;Countryhouse&#8220; auch noch auf Platz Nr.1. Letztes Jahr bedankte sich die Redaktion des K\u00f6lner Musikmagazins sogar bei ihren Lesern, da\u00df diese keinen einzigen Britpoptitel in den Poll gew\u00e4hlt hatten, da diese Musikrichtung doch allzu langweilig sei. In der letzten Ausgabe wird dann alles vorher Geschriebene ad absurdum gef\u00fchrt, steht in der Columne &#8222;Wasteland&#8220; :&#8220;<em>Eine bessere Pop-Single als &#8222;Wonderwall&#8220; hat in diesem Jahr ja auch noch keiner gemacht&#8230;<\/em>&#8220; aha!.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund warum eine Band wie Blumfeld in England Erfolg hat liegt bestimmt nicht in der linguistischen und poetischen Qualit\u00e4t Distelmeyerscher Texte begr\u00fcndet, sondern darin, da\u00df die Musik eing\u00e4ngig und teilweise sehr poppig daherkommt. Der Garant f\u00fcr internationalen Erfolg ist halt immer noch ein hitverd\u00e4chtiger Song, ob Teile davon geklaut sind oder nicht. Das clevere Zusammenf\u00fcgen altbekannter Teile ist die Anforderung an den K\u00fcnstler von heute, will er in unserer schnellebigen Popkultur der 90er eine reelle Chance haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage warum gerade in Deutschland die britische Popmusik nur langsam ihren Siegeszug antritt wird damit nicht beantwortet, im Gegenteil: Es scheint geradezu grotesk, wenn die Alten, die fr\u00fcher auf Beatles ausgeflippt sind, heuzutage lieber Pur als Oasis h\u00f6ren. F\u00fcr diese Generation ist das Britpop-Ding wohl auch nur eine schlechte Beatles-Kopie &#8211; dann doch lieber gleich zu den Originalen greifen. Die Youngsters ziehen sich lieber was Toughes rein, Crossover oder die zehnte Punkwelle &#8211; schlie\u00dflich fehlt es diesem zuckers\u00fc\u00dfen Popschmalz an Credibility. Das finden zum Teil sogar die Girlies, die als Freundin eines pickeligen M\u00f6chtegern-Harten auch der krachigen Mucke fr\u00f6hnen (m\u00fcssen). Oder sich den Backstreet Boys hingeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer hat denn nun &#8222;Wonderwall&#8220; in Deutschland gekauft? Ich verd\u00e4chtige die Twens der intellektuellen Schicht, und wenn es doch nur zum Sp\u00fclen taugt und nicht zur Auseinandersetzung mit der Syntax, Semantik und Morphologie. In der Zeit mangelnder Gef\u00fchlsbereitschaft h\u00f6rt sich wahrscheinlich der ein oder andere Headbanger auch mal &#8217;ne Britpop-Nummer an, erst recht wo Metallicas Lars Ulrich sich dazu bekannt hat, beinharter Oasis-Fan zu sein und selbst mit seiner Band der leichten Muse eine Chance gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte gemeinsame Nenner britischer Popmusik ist die positive Ausstrahlung die von ihr ausgeht &#8211; positiv im Sinne von beschwingt und heiter. Das pa\u00dft nun \u00fcberhaupt nicht zum Klima des Landes, dem man nachsagt, die Sonne scheine dort nur zwei Monate im Jahr. Demnach m\u00fc\u00dften dort die Leute allesamt m\u00fcrrisch durch die Gegend laufen. Aber wer einmal eine l\u00e4ngere Zeit in Gro\u00dfbritannien verbracht hat, der kann nachvollziehen, da\u00df sich die Gegens\u00e4tze wunderbar erg\u00e4nzen. In den englischen Studentenclubs wird noch richtig getanzt und es steht keiner mit finsterer Miene in der Ecke rum und sch\u00fcttelt den Kopf heftig auf und ab &#8211; was man hierzulande als &#8222;moshen&#8220; bezeichnet. Dar\u00fcber hinaus sind die Engl\u00e4nder noch richtig stolz auf ihre Bands. Dies konnte man Tony Blair anmerken, als er w\u00e4hrend den Brit-Awards (<strong>die<\/strong>&nbsp;Medienpreisverleihung im Vereinigten K\u00f6nigreich) die Laudatio f\u00fcr David Bowie hielt. Das Gleiche gilt f\u00fcr Deutschland, ich erinnere nur an die Verleihung der Goldenen Europa (<strong>eine<\/strong>&nbsp;der Medienpreisverleihungen in Gud Old Tsch\u00e4rmanie). Manfred Sexauers Augen gl\u00e4nzten vor Freude als er einst die Scorpions f\u00fcr ihren Verdienst um das DEUTSCHE LIEDGUT auszeichnen durfte, zumal die Scorpions der Archetyp deutscher Musik sein d\u00fcrften.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt mal ehrlich &#8211; die Amerikaner d\u00fcrfen stolz darauf sein, was sie in Deutschland erreicht haben: Die Infiltrierung der deutschen Musikszene mit all dem was als Soundtrack f\u00fcr ihren Burger herhalten darf. Die Engl\u00e4nder sind noch am arbeiten, aber im Vormarsch begriffen. Schon wirbt die Sportschau mit einem Drum &amp; Bass-Jingle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutschen wehren sich und schlagen zur\u00fcck mit deutschsprachigem Rap, auch eine urdeutsche Erfindung, die aus den Ghettos von M\u00fchlhausen herr\u00fchrt. Der Leser wird sich jetzt fragen, &#8222;Was hat dies mit Britischer Popmusik zu tun?&#8220; Ganz einfach: Ich sehe diese Musik als die konsequente Verfolgung der englischen Tradition, Popmusik in ihrer beatleesken Variante zu zelebrieren. Dies k\u00f6nnen die Staaten mit ihrem Rock\u00b4n\u00b4Roll auch behaupten, aber es bleibt das Problem der Deutschen, da\u00df Ernst Mosch, Margot und Maria Hellwig und Heino immer noch der erfolgreichste Export ins Ausland ist. Nichts Neues von der Insel &#8211; Na und?!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts Neues von der Insel-Na und?! Mangelnder Einfallsreichtum und Eigenbr\u00f6dlertum- so wird die Musikkultur Gro\u00dfbritanniens in der deutschen Musikpresse oftmals stigmatisiert und kritisiert. Ist diese Art Allergie deutscher Rezensenten auf den englischen Musikmarkt die Folge amerikanischer Indoktrinierung w\u00e4hrend der Besatzungszeit? 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