{"id":36993,"date":"1997-03-01T11:11:00","date_gmt":"1997-03-01T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36993"},"modified":"2022-08-28T23:36:43","modified_gmt":"2022-08-28T21:36:43","slug":"fred-konkret-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/03\/fred-konkret-2\/","title":{"rendered":"Fred Konkret (2)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Musik mit Klassenbewu\u00dftsein<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von Ikonen und Teutonen im Zeitalter 10 nach Techno<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"122\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/fred1.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-36991\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Es sind nun ungef\u00e4hr zehn bis elf Jahre vergangen, seit House und Techno in Deutschland Fu\u00df fa\u00dften, die ersten DJ-Plattenl\u00e4den wie Pilze aus dem Boden schossen und man in den regul\u00e4ren L\u00e4den Chicago- und Detroit &#8211; Compilations kaufen konnte. In der Zwischenzeit hat Techno (als \u00fcbergeordneter Spartenbegriff zu verstehen) die traditionelle Rock und Popsparte eingeholt und befindet sich auf der \u00dcberholspur. Es ist viel passiert in dieser Dekade der elektronisch erzeugten Klangwelt. Mittlerweile sind Kraftwerk, die heute zu den Elektropionieren z\u00e4hlen, zu Ikonen avanciert, Acid war Anfang der Neunziger Jahre nicht nur ein Synonym f\u00fcr LSD sondern der popul\u00e4rste Clubsound, und die neueste Entwicklung Drum&#8217;n&#8217;Bass wird zum Rettungsanker f\u00fcr alternde Rockhelden wie zum Beispiel David Bowie. Dar\u00fcber hinaus sind die tonangebenden Bands diejenigen, die sich der Verquickung von Technosounds und althergebrachten Rockismen bedienen, namentlich The Prodigy, The Chemical Brothers oder Underworld. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Frage nach der Zukunft f\u00fcr traditonelle (in diesem Kontext, gitarrenlastige und songorientierte) Pop- und Rockmusik und ihren Stellenwert f\u00fcr die Erneuerungen sowohl im gesellschaftlichen als auch im rein musikalischen Bereich wird in den Medien schon l\u00e4nger diskutiert da der Technosektor langsam aber sicher omnipotent pr\u00e4sent ist. Wird man bald die Bandkultur in ihrer pursten Form, das hei\u00dft Menschen, die live Instrumente bedienen und von ihrem Publikum frontal angefeuert, nur noch in irgendwelchen Rocklexica vorfinden?<\/p>\n\n\n\n<p>Nimmt man solche Bands wie The Prodigy, Underworld und The Chemical Brothers unter die Lupe, dann mu\u00df man feststellen, da\u00df im Falle der ersten beiden das Band-Konzept und der damit einhergehende Personenkult zugenommen hat, da Keith Flint (Prodigy) und Karl Hyde (Underworld) als Frontm\u00e4nner\/Vocalisten die Bands optisch nach au\u00dfen repr\u00e4sentieren und somit Identifikationsfiguren fungieren; vor allem bei Flint ist der optische Faktor fa\u00dft signifikanter als der Gesangsbeitrag. Hier funktionieren die herk\u00f6mmlichen Rockismen &#8211; sowohl musikalisch (gesampelte Gitarren und traditionelles Songwriting) als auch der im Rock verwurzelte Personenkult &#8211; am besten. Die Chemical Brothers hingegen sind, was den Personenkult angeht, nicht derat rockkompatibel. Daf\u00fcr rocken sie musikalisch mindestens genauso gewaltsam wie The Prodigy, vielleicht sogar noch eine Spur radikaler. Was Philip Lethen in der April Ausgabe der Spex als &#8222;Old School Power Breakbeats&#8220; bezeichnet, die haupts\u00e4chlich die Funktion besitzen die Atmosph\u00e4re wie in einem Schwarzenegger-Action-Film herbeizuzaubern, diesen Effekt verbreitete in den Achtziger Jahren zum Beispiel Survivor in Rocky III mit &#8222;Eye of The Tiger&#8220;.Deshalb k\u00f6nnte man diese Techno\/Rock\/Indie Dance oder wie auch immer zu beschreibende Musik der Engl\u00e4nder als eine Fortsetzung der Rockhistory mit anderen technischen Mitteln betrachten und diese Akte schlie\u00dfen. Doch dieser voreilige Schlu\u00df w\u00fcrde einige wichtige Aspekte der Techno (versus der Rock-) Kultur au\u00dfen vorlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man diese neueren Crossover Erscheinungen au\u00dfer acht l\u00e4\u00dft und das gr\u00f6\u00dfere Spektrum der Techno &#8211; Szene betrachtet, mu\u00df man feststellen, da\u00df die bestimmende Technokultur dem DJing, dem Rave, und einer Masse von Whitelabelver\u00f6ffentlichungen, die schier un\u00fcber- schaubar erscheint, geh\u00f6rt. Viele DJs bedienen sich sogennannter Dubplates (einzeln gepresste Protoplatten, die exclusiv f\u00fcr ein bestimmtes Set verwendet werden), um m\u00f6glichst der Abnutzung bestimmter Tracks (wie es in anderen Discos, wo der Wiedererkennungswert im wahrsten Sinne des Wortes beabsichtigt ist) entgegenzuwirken. Weiterhin verleiht dieser Aspekt dem DJ eine gewisse Authenzit\u00e4t und Exclusivit\u00e4t was zu dem hippiesken &#8222;One Familiy&#8220; Verst\u00e4ndnis der Technokultur mancher Raver im Widerspruch steht. Hier mu\u00df man unterscheiden, und zwar zwischen den Leuten die einfach nur konsumieren und denjenigen, die an der Technoszene partizipiren und sich mit der Musik aktiv auseinandersetzen. Diese Unterscheidung gab es in der Rockmusikszene schon immer und insofern haben wir wieder eine Parallele. Vergleicht man die letztj\u00e4hrige Mayday mit Woodstock, spielte in beiden F\u00e4llen das Dabeisein und das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl eine wichtigere Rolle, als bei dem Kontrapunkt des einzelnen Gigs, bzw. Clubbesuchs, wo selektiv der einzelne Event aufgesucht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem findet man diese Charakteristika auch bei der Rocktradition des einzelnen Gigs und des Festivals wieder, wo neben der Musik der Grund f\u00fcr seine Anziehungskraft in der Sozialisierung mit der Masse findet. Der gro\u00dfe Unterschied zwischen einem Rave und z.B. Rock am Ring ist wohl der Alkoholkonsum (R.a.R.) gegen\u00fcber dem Konsumieren anderer Drogen im Technokontext. Neben dieser durchaus nicht \u00fcberspitzt formulierten Pauschalisierung gibt es subtilere Parameter, die den Rockkonzertbesucher vom Raver unterscheiden. Das Selbstfindungsprinzip findet beim ersten Event vor der B\u00fchne statt, mit Ausrichtung auf ein Zentrum, namentlich B\u00fchne. Man geht konkret zur Show um einen Star und seine Musik zu feiern &#8211; am st\u00e4rksten wohl bei Boygroups ausgepr\u00e4gt. Im zweiten Fall geht es prim\u00e4r nicht um den einzelnen DJ, sondern um das Zelebrieren des Grooves und nebenher feiert man sich selbst viel mehr, indem man sich verr\u00fcckt kleidet, versucht individuell zu sein und seiner\/m Nebenfrau\/mann optisch etwas zu bieten. DJs werden austauschbar sobald der&nbsp;<em>Rhythmus mit dem man mit mu\u00df<\/em>&nbsp;stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Konsum und die damit einhergehende Unterhaltung &#8211; damit w\u00e4re Techno und seine Funktion schon erkl\u00e4rt. Die Komponente der&nbsp;<em>Message<\/em>&nbsp;bleibt au\u00dfen vor, denn au\u00dfer der Botschaft &#8222;Habt Fun&#8220; gibt es keine. Sicher gibt es ein kleines Expertengremium, das sich zum Plattenh\u00f6ren und Fachsimplen trifft und \u00fcber gewisse DJs, Sounds, Turntables und Platten unterh\u00e4lt. Diese Schicht ist aber gering gemessen am Gros, das Techno h\u00f6rt. Zum einen sind Vinylplatten f\u00fcr die Masse kein akzeptables Medium zum Hausgebrauch, da die Masse an Musikkonsumenten entweder mit CDs aufgewachsen ist oder sich an die CD als das praktischere Format gew\u00f6hnt hat, zum anderen ist die Schwemme an Ver\u00f6ffentlichungen schier un\u00fcberschaubar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fehlen von Gesang und das damit einhergehende Wegfallen des leidenschaftlichen Mitsing\/gr\u00f6l-Appeals mag Traditionalisten st\u00f6ren und sie dazu veranlassen, Techno zu verdammen, bzw. weiterhin an traditioneller Rockmusik festzuhalten. Das Zur\u00fcckgehen der Magnetwirkung des Konzertevents f\u00fcr die Jugend durch den Konkurrenten Clubevent ist aber deutlich zu sp\u00fcren. Der Discobesuch pa\u00dft besser in das konsumorientierte Gesellschaftsbild der Neunziger als der Flannelhemd tragende BAP &#8211; Fan, der sich mit politischen, \u00f6kologischen und gesellschaftsrelevanten Fragen besch\u00e4ftigt. Eigentlich ein Paradoxon, da die letzten beiden Jahrzehnte neue polit\/\u00f6ko\/und soziokulturelle Erscheinungen aufgebracht haben und wir uns mal wieder in einem Umbruch befinden. Das Vakuum an Antworten macht die Situation nicht ertr\u00e4glicher und das Geunke \u00fcber Arbeitslosigkeit, Standortbestimmung und internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit in den Nachrichten verunsichert nicht nur die Jugend. Kein Wunder, da\u00df es den Menschen an Ablenkung und Unterhaltung nicht genug sein kann; wer will dann auch noch beim Musikh\u00f6ren denken m\u00fcssen. Die Komponente &#8222;Inhalt&#8220; scheint jedenfalls bei der Musik an Relevanz einzub\u00fc\u00dfen, war sie ohnehin gegen die Komponente &#8222;Melodie&#8220; immer schon zweitrangig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz &#8211; Der Bedarf an Rolemodells wird wohl niemals aussterben und somit hat &#8222;Stardom&#8220; eine ernsthafte \u00dcberlebenschance. Das Potential des Kreuz\u00fcbers von Techno und Rock ist momentan deshalb so hoch, weil er versteht die beiden dominanten Stile der Musikkultur f\u00fcr die Jugend in sich zu vereinen. Wie lange die Gitarre dem Computer noch trotzen kann bleibt abzuwarten; da\u00df die Abl\u00f6sung irgendwann eintreten wird ist naheliegend, da es viel einfacher ist einen Computer nach Bedienungsanleitung zu meistern, als ein Instrument zu erlernen und es einfach Fakt ist, da\u00df der PC genauso omnipotent ist wie das Resultat seines Umgangs mit ihm auf musikalischer Ebene. Der mit der Gl\u00e4ubigkeit an die Marktwirtschaft gef\u00f6rderte Individualismus best\u00e4rkt diese These: Es bedarf nicht l\u00e4nger einer Band um Musik zu produzieren, lediglich einem leistungsstarken Speicher mit entsprechender Software.<\/p>\n\n\n\n<p>Rocker von heute, Ihr werdet die die Nostalgiker von Morgen sein!<\/p>\n\n\n\n<p>(Prophet Fred)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musik mit Klassenbewu\u00dftsein Von Ikonen und Teutonen im Zeitalter 10 nach Techno Es sind nun ungef\u00e4hr zehn bis elf Jahre vergangen, seit House und Techno in Deutschland Fu\u00df fa\u00dften, die ersten DJ-Plattenl\u00e4den wie Pilze aus dem Boden schossen und man in den regul\u00e4ren L\u00e4den Chicago- und Detroit &#8211; Compilations kaufen konnte. 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