{"id":37099,"date":"1999-04-15T11:11:00","date_gmt":"1999-04-15T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=37099"},"modified":"2022-08-29T01:10:02","modified_gmt":"2022-08-28T23:10:02","slug":"talking-about-the-revolution-vol-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/04\/talking-about-the-revolution-vol-3\/","title":{"rendered":"Talking about the revolution, Vol.3"},"content":{"rendered":"\n<p>Nun sitz ich hier und wunder mich, wie ich es jetzt doch tats\u00e4chlich wieder geschafft habe, mich zu einer neuen Ausgabe meiner Kolumne aufzuraffen. Doch, wie auch immer, die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Re-Aktivierung sind differenziert und werden f\u00fcr euch zun\u00e4chst verschlossen bleiben. Aber einer der ausschlaggebenden Gr\u00fcnde war mit Sicherheit die Wieder-Ver\u00f6ffentlichung des ersten&nbsp;<strong>Suicide<\/strong>-Albums (Blast First\/EMI). Ein fr\u00fches Meisterwerk der New Yorker Punk-Szene der Siebziger Jahre. Dabei sollte der Suicide-Neuling sich allerdings nicht zu vorschnellen Brat-Gitarren-Assoziationen hinrei\u00dfen lassen, denn die New Yorker Punk-Szene war, anders als die Londoner Szene, nicht so sehr vom Pub-Rock dominiert. Vielmehr war sie ein Sammelbecken f\u00fcr Musiker, Filmemacher und Performer, die sich nicht in den mittlerweile etablierten Hippie- Kulturbetrieb eingliedern wollten. Ein guter Platz f\u00fcr viele, wie z.B. Lou Reed, Jim Jarmusch, Patti Smith und eben auch: Suicide. Im CBGB&#8217;s fand sich eine B\u00fchne, und der Rest ist Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Suicide verzichteten aber auf Gitarre oder Kamera. Das Duo verlie\u00df sich lieber auf die K\u00fcnste von Martin Rev, der mit seinem Moog- Synthesizer die solide Basis f\u00fcr die im Echo versunkenen Vocals von Alan Vega lieferte. Der wiederum sah sich in der Rolle Elvis Presleys, wenn er nicht in Deutschland, sondern in Vietnam stationiert gewesen w\u00e4re, und attackierte auch schon mal w\u00e4hrend der Show unaufmerksame Zuh\u00f6rer. Beim H\u00f6ren des Albums und der dazugeh\u00f6rigen Bonus-Live-LP kann leicht der Eindruck entstehen, Suicide w\u00e4ren die Velvet Underground der elektronischen Musik gewesen. Zumindest w\u00e4re ohne Suicide mit Sicherheit alles anders gekommen. &#8222;<em>We thought we could change the world. Then we didn&#8217;t realize we already had.<\/em>&#8222;, wie es treffend in den von Roy Trakin formulierten Liner-Notes hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir noch drei weitere Jahre zur\u00fcckblicken ins Jahr 1974, finden wir dort einen gewissen&nbsp;<strong>Bruce Gilbert<\/strong>, der zwei Jahre sp\u00e4ter bei einer anderen wichtigen Band der Siebziger wieder auftauchen sollte:&nbsp;<strong>Wire<\/strong>. Gilbert charakterisierte das Schaffen seiner Band mit folgenden Worten : &#8222;L\u00e4rm war der Schl\u00fcssel zu unserer Arbeit. Der Sound von drei oder vier Rhythmus- Gitarren, die gleichzeitig gespielt werden, ist verdammt grandios!&#8220; Na gut. Wire haben dann aber doch noch ein oder zwei Pop-Perlen hingezaubert. Aber das w\u00fcrde jetzt zu weit f\u00fchren, ins Jahr 1979 n\u00e4mlich. Vielleicht beim n\u00e4chsten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu Gilbert. Der bastelte vor seinem Einstieg bei Wire mit einem Freund namens&nbsp;<strong>Ron West<\/strong>&nbsp;an einem Projekt, das nach eigener Aussage von Tangerine Dream beeinflu\u00dft war. Und darum handelt es sich bei den nun ver\u00f6ffentlichten &#8222;Frequency Modulations&#8220; (S\u00e4hk\u00f6\/EFA). So was k\u00f6nnen nat\u00fcrlich auch nur unsere finnischen Freunde vom S\u00e4hk\u00f6-Label ver\u00f6ffentlichen. Denn die fr\u00fchen Klangexperimente von Gilbert und West kann man ruhigen Gewissens als Basis f\u00fcr die Arbeit der sonstigen K\u00fcnstler des Labels ansehen. Man denke nur an Philus, die ich an dieser Stelle nochmals allen ausdr\u00fccklich ans Herz legen m\u00f6chte. Musikalisch kann man den Titel der EP durchaus w\u00f6rtlich nehmen: Es werden Frequenzen moduliert. In wieweit das in euer pers\u00f6nliches Popverst\u00e4ndnis pa\u00dft, bleibt euch selbst \u00fcberlassen. Aber so was wird in der Gro\u00dfraum-Disco eher selten zu h\u00f6ren sein, denn Beats sind auch keine darauf. Aber das Reinh\u00f6ren lohnt sich und historisch interessant ist es allemal.<br \/>Als Tip f\u00fcr die Kollegen von de:bug: Die Betonung liegt auf &#8222;historisch&#8220;, denn wie gesagt, wir befinden uns im Jahre 1974, und Aufnahmen, die zu der Zeit entstanden sind, sollte man nicht unbedingt als Neuheit besprechen. (Hallo Bleed!) Aber ansonsten, weiter so!<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt aber wieder n\u00e4her an die Echt-Zeit. Am 13.01.1995 lud ein damals ebenso wenig unbekannter Radio-DJ namens John Peel (ihr habt es schon geahnt!) eine Band namens&nbsp;<strong>Black Dog<\/strong>&nbsp;in sein kleines und feines BBC-Studio zu einer Session ein. Black Dog wurden damals als das kommende gro\u00dfe Ding gehandelt. Kurze Zeit sp\u00e4ter hatten sie dann auch ihren kleinen Coming Out mit ihrem in Kritiker-Kreisen hochgelobten Album &#8222;Spanners&#8220;, um sich dann aufgrund pers\u00f6nlicher Differenzen wieder aufzul\u00f6sen. Bj\u00f6rk fand Black Dog \u00fcbrigens auch immer ziemlich klasse. Aber das nur am Rande. Das Nachfolgeprojekt Plaid kam dann leider nie wieder an die Qualit\u00e4t von Black Dog heran. Also genie\u00dfen wir knappe drei\u00dfig Minuten die Vergangenheit und erfreuen uns an der Unverbrauchtheit der Sounds, die immer noch erstaunlich frisch klingen, liegt die Halbwert-Zeit elektronischer Musik doch weit unter der von Radium. Und der Klang ist auch um einiges w\u00e4rmer als das AKW um die Ecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Und weil es so sch\u00f6n war, verweilen wir noch ein wenig im Studio von Mr. Peel. Am 13.10.1995 waren&nbsp;<strong>Autechre<\/strong>&nbsp;zu Gast, die mittlerweile auch schon dabei sind, den Zenit ihrer Schaffenskraft zu \u00fcberschreiten, aber immer noch kr\u00e4ftig scheinen. In dem Zusammenhang w\u00e4re auch ein wenig Information zum Ablauf der Session interessant. Denn, wenn Autechre auf ihr Markenzeichen, das komplexe Beat-Programming, verzichten, dann mu\u00df das wohl Gr\u00fcnde haben. Vielleicht lag es an der Live-Session, vielleicht Zeitprobleme? Andererseits haben Sean Booth und Rob Brown auch schon \u00f6fter bewiesen, da\u00df sie auch in der Lage sind, einen straighten 4\/4-Stampfer hin zulegen, wie ihr k\u00fcrzlich auf Fat Cat-Records ver\u00f6ffentlichter Remix von &#8222;Various Artists No. 8&#8220; deutlich bewiesen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch n\u00e4her zur Jahrtausendwende:&nbsp;<strong>Boards of Canada<\/strong>, gleicher Sender, gleiche Sendung, am 21.07.1998. Ein wenig entt\u00e4uschend nach der Ver\u00f6ffentlichung ihres \u00fcberall gefeierten Albums &#8222;Music has the right to children&#8220;. Aber selbst das konnte schon nicht an die Qualit\u00e4t der Maxi auf Skam anschlie\u00dfen. Pick me up on your way down! Zugegeben, ziemlich dramatisch, aber Boards of Canada sollten sich einfach mehr Zeit nehmen f\u00fcr ihren Output. Sch\u00f6n, aber unwichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir schon bei Warp-Records, dem Label, das uns einige Welten erschlossen hat, sind, nehmen wir doch noch die neue Maxi von&nbsp;<strong>Jimi Tenor<\/strong>&nbsp;mit. &#8222;Year of the Apocalypse&#8220; (Warp\/RTD) kommt sehr nahe am Song und auf leisen House-Beats angeschlichen, und Mr. Tenor kn\u00fcpft damit an die Entertainer-Nummern seines letzten Albums an. Ein Barbecue auf Valium in Finnland zur Mitsommernacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sommer. K\u00f6nnte es nicht sch\u00f6n sein? Aber das ist eine andere Geschichte. Greifen wir lieber zu den &#8222;<strong>Hi-Fidelity Dub Sessions<\/strong>&#8220; (Guidance\/EFA). Bem\u00fcht man sich auf dem Cover noch um Roots-Bezug durch die Fotoreihe Garvey-Selassie-King Tubby, entsteht beim ersten H\u00f6ren eher der Eindruck von Wiener Kaffeehaus-Atmosph\u00e4re. Nichts gegen Wien, aber zum Kaffee dann doch lieber die echten Herren Kruder und Dorfmeister. Seltsamerweise sind Guidance-Rec. in Chicago zu Hause, und so mu\u00df es wohl an der relativen Ferne beider Orte zum gemeinsamen Bezugspunkt Jamaika liegen, da\u00df das Repertoire in den meisten F\u00e4llen nicht \u00fcber Plattheiten hinaus kommt. Es klingt alles so, wie man es sich halt so vorstellt. Klar ist das noch alles meilenweit vom Mainstream entfernt, aber es ist mindestens ebenso weit entfernt von neuerem Dub, wie er zum Beispiel von Wordsound und Burial Mix praktiziert wird. Und dort holt ja wohl eindeutig der Bartel den Most im Moment. Was bleibt, ist ein sch\u00f6nes Mix-Tape, das in der Form, von wenigen Ausnahmen (Dual Tone, Grant Phabao) einmal abgesehen, auch an der neuen Nummer von &#8222;Sch\u00f6ner Wohnen&#8220; kleben k\u00f6nnte, wenn sich die Redaktion mal locker machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck nach Deutschland.&nbsp;<strong>Paloma<\/strong>, zwei nette Jungs aus Berlin, bringen ihre &#8222;Projections e.p.&#8220; an den Start (Mehrwert Rec.\/Groove Attack). &#8222;Live&#8220; gespielten Drum&#8217;n&#8217;Bass nennt man das wohl. Sind auch schon einige dran gescheitert. Warum mu\u00df das denn auch immer so klingen, wie man sich das in Moers so vorstellt? Vielleicht liegt es am Sound der Live-Instrumente Ba\u00df und Schlagzeug, die immer als Grundlage dienen. Vielleicht liegt es aber auch daran, da\u00df handgespielte Beats mit der Komplexit\u00e4t der programmierten Beats von Photek oder Source Direct eigentlich nicht mithalten k\u00f6nnen. Sehr gediegen jedenfalls. Und trotz Widmung an Sun Ra und June Tyson, S\u00e4ngerin seines Arkestras, bleiben Paloma von Sun Ras Vision des Weltalls weit entfernt. In sicherer Bodenn\u00e4he n\u00e4mlich. Enemy mine.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel interessanter ist da schon das Konzept der &#8222;<strong>Storage Compilation<\/strong>&#8220; aus dem Hause Freibank (Hausmusik). Schenkt man dem Info Vertrauen, handelt es hier um &#8222;<em>eine Bestandsaufnahme der besten St\u00fccke aus der Schnittmenge elektronischer Tanzmusik, popul\u00e4ren Liedgutes und experimenteller Klangbearbeitung des ausgehenden Jahrtausends<\/em>&#8222;. Weite Vorlage. Und weiter hei\u00dft es: &#8222;<em>Im Vordergrund steht jedoch die Geschlossenheit des Werkes. Trotz unterschiedlicher Klangsprachen entsteht durch die Spannungsbeziehungen der St\u00fccke untereinander ein fest umrissener Raum. Dieser Raum ist STORAGE, der Speicher um die Erfassung und Erkenntnis der ihm innewohnenden Elemente. Ein Stereoment der Erweiterung, Verlagerung, Vertiefung und Erschlie\u00dfung neuer Staur\u00e4ume, das eine umfassende Orientierung darstellt.<\/em>&#8220; Wow! Der\/die Mann\/Frau sollte sich mal beim Spiegel bewerben. Aber besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Ich zumindest h\u00e4tte es nicht besser gekonnt. In der Tat ist das, was an einzelnen St\u00fccken vorhanden ist, so spannend nicht. Aber das Gesamtbild ist entscheidend. Wer etwas Bekanntes braucht: Kreidler ist auch drauf. Kaufen!!!<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schlu\u00df noch ein dickes Danke an alle, die an der Weiterentwicklung der neuen Medien, speziell dem Internet, arbeiten. Denn ohne euch w\u00e4re ein Pamphlet dieser L\u00e4nge in den Printmedien wohl nur unter dem Namen Diedrich Diederichsen in der Spex m\u00f6glich gewesen. Bis zum n\u00e4chsten Mal. Und denkt immer daran:<br \/>Keine Macht der Datenreduktion!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun sitz ich hier und wunder mich, wie ich es jetzt doch tats\u00e4chlich wieder geschafft habe, mich zu einer neuen Ausgabe meiner Kolumne aufzuraffen. Doch, wie auch immer, die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Re-Aktivierung sind differenziert und werden f\u00fcr euch zun\u00e4chst verschlossen bleiben. 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