{"id":37334,"date":"1994-11-08T11:11:00","date_gmt":"1994-11-08T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=37334"},"modified":"2023-01-11T05:15:15","modified_gmt":"2023-01-11T04:15:15","slug":"verschwundene-autoren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1994\/11\/verschwundene-autoren\/","title":{"rendered":"Verschwundene Autoren"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;&#8230;das Wetter war herrlich, die Maschine in tadellosem Zustand, der Auftrag sorgf\u00e4ltig vorbereitet (\u2026). Ich gab ihm die letzten Anweisungen, dann half ihm einer von uns wie gew\u00f6hnlich beim Einsteigen ins Flugzeug und versicherte sich dabei, da\u00e1 alles in Ordnung war. Wir sahen ihn von unserm Fluggel\u00e4nde von Borgo aufsteigen und hinter den Bergen, die die schmale K\u0081\u00fcstenebene s\u00e4umen, in Richtung Frankreich verschwinden. Als die vorgeschriebene Stunde seiner R\u0081\u00fcckkehr verstrichen war, erfa\u00dfte uns Unruhe, dann Angst. Wir stellten alle m\u00f6glichen Nachforschungen an, aber keine Radiostation, keine alliierte Maschine konnte die geringste Auskunft geben. Auch sp\u00e4ter in Frankreich hatten wir mit unsern Unternehmungen kein Gl\u00fc\u0081ck.&#8220; <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>&#8222;Er war verschwunden wie ein Gott der alten Legenden in einer geheimnisvollen Himmelfahrt&#8220;<\/em>, lautete der lakonische Kommentar seines Kameraden Jean Leleu. Trotz intensiver Suche blieb er, Antoine de Saint-Exup\u00e9ry, der Autor des &#8218;Kleinen Prinzen&#8216;, verschwunden bis zum heutigen Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist kein Einzelfall. Da\u00df Personen verschwinden, ist ein allt\u00e4gliches Ph\u00e4nomen, so ungew\u00f6hnlich es uns auch vorkommen mag. Jahr f\u0081\u00fcr Jahr verschwinden Tausende spurlos ohne jemals wieder aufzutauchen und in den wenigsten F\u00e4llen ist es so augenf\u00e4llig wie im Fall von Saint-Exup\u00e9ry. Der Alltag ist oft banal und die Liste der ber\u00fc\u0081hmten letzten Worte wird angef\u0081\u00fchrt von dem Ausspruch: <em>&#8222;Ich geh&#8216; mal kurz Zigaretten holen.&#8220;<\/em> Die Frage nach dem &#8218;warum&#8216; und &#8218;wohin&#8216; bleibt oft im Dunkel, und nicht selten verliert sich alles Weitere in Spekulationen, die ihren Ursprung in gleichem Ma\u00dfe in der Realit\u00e4t wie auch in der Fiktion haben k\u00f6nnen. Diese Ungewi\u00dfheit ist es, die in uns das Gef\u0081\u00fchl der Beunruhigung entstehen l\u00e4\u00dft, das der menschlichen Natur so zuwider ist, weil es ihn aus seiner gewohnten Ordnung rei\u00dft; der Mensch ist nunmal ein Gewohnheitstier und nur \u00e4u\u00dferst ungern ein Opfer Heideggerscher Geworfenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wird oft vergessen, da\u00df das Ph\u00e4nomen des Verschwindens einen festen Platz in der Weltgeschichte hat: Tier und Pflanzenarten sind verschwunden und verschwinden t\u00e4glich, ohne mehr hervorzurufen, als ein latent schlechtes Gewissen, das sich mit einem Greenpeace-Abla\u00df f\u00fc\u0081r 50 Mark beruhigen l\u00e4\u00dft, Weltreiche sind unter dem Staub der Geschichte verschwunden und nicht zuletzt in unserem Jahrhundert machten oder machen Staatsgebilde von sich reden, die sich vorrangig dadurch auszeichnen, da\u00e1 sie ihre Einwohner verschwinden lassen. Neben dieser historisch-rationalen Sicht der Dinge existiert allerdings noch die metaphysisch angehauchte Bedeutungsebene, vollgestopft mit verschwundenen Kulturen, Weisheiten und Sch\u201etzen, die durch Mythen und Legenden in Form von Abenteuerromane oder deren Verfilmung in unser Bewu\u00dftsein vordringt und heute vorwiegend von Esoterikern als Tummelwiese zum Herumpendeln und Orakeln genutzt wird, weil sie um soviel phantastischer ist als das profane Weltge- schehen, dessen Geheimnisse immer weiter erkl\u00e4rt und dadurch immer banaler werden. Daraus entsteht auch die Ambivalenz, mit der wir dem spurlosen Verschwinden von Personen begegnen: auf der einen Seite die Beunruhigung, die aus dem Verlorengehen der uns umgebenden Strukturen entsteht, auf der anderen Seite die Faszination des Geheimnisvollen, die das Ganze umgibt. Umgangssprachlich dr\u0081\u00fcckt der Begriff Verschwinden ebenfalls zweierlei aus, nicht nur den Proze\u00df des sich-in-Nichts-aufl\u00f6sen, der damit damit in die N\u00e4he des Existentialismus r\u00fc\u0081ckt, sondern auch den Vorgang des in-eine-andere-Form-\u00dc\u0081bergehens. Zwei Motive, die auf Schriftsteller einen besonderen Reiz auszu\u00fc\u0081ben scheinen, denn es hat ganz den Anschein, als ob sie mit dem Verschwinden auf recht vertrautem Fu\u00df leben.<\/p>\n\n\n\n<p>In vielen Autorenbiographien findet sich hinter dem letzten Datum ein Fragezeichen; immer wieder, scheinbar wie zuf\u00e4llig, st\u00f6\u00dft man auf S\u00e4tze wie: <em>&#8222;\u2026seine Spur verlor sich 1914 im vom B\u00fc\u0081rgerkrieg heimgesuchten Mexiko.&#8220;<\/em> Oder <em>&#8222;\u2026die letzten Lebenszeichen stammen aus dem Jahr 1938, danach verliert sich seine Spur.&#8220;<\/em> Solange es Schriftsteller gibt, solange verschwinden Schriftsteller. Sie scheinen eine bestimmte Affinit\u00e4t zu diesem Ph\u201enomen zu haben. Die Gr\u0081nde daf\u0081r sind vielf\u201eltig. Teilweise verschwinden sie physisch, teilweise verschwinden sie einfach nur aus dem Bewu\u00e1tsein ihrer Zeitgenossen, sie geraten in Vergessenheit und gehen mitsamt ihrer Biographie unter im Flu\u00e1 der Zeit. Andere setzten bewu\u00e1t ihr Leben auf &#8217;s Spiel, wenn sie aufgrund ihrer Arbeit bestimmten Organisationen und Potentaten in die Quere kommen und diese f\u0081r das Ende dieser Publicity sorgen, Kriegswirren, Massenvernichtung, Gewaltver- brechen und Naturkatastrophen tun ihr \u0081\u00dcbriges dazu, ihre physische Existenz auszul\u00f6schen und ihre Spuren zu verwischen. Die Ursachen weswegen Autoren verschwinden sind so unterschiedlich, wie ihre Werke. H\u00e4ufig verschwinden sie aus eigenem Antrieb, weil sie darauf bedacht sind ihre physische Existenz zu verschleiern und an diese Stelle ihr alter ego treten lassen, getreu dem Motto, da\u00df ein Schriftsteller nur in seinen Werken existiert. So werden sie selbst und ihre Biographie zur Fiktion, vielfach auch zum Mythos. Durch das Fehlen des Autors, wird die Trennung von Autor und Werk teilweise aufgehoben und animiert zum detektivischen Lesen, um anhand von autobiographischen Fakten, die in jedem Text zwangsl\u00e4ufig vorhanden sind, wenn auch in mehr oder weniger deutlicher Form, auf die Spur des Verschollenen zu kommen. Und nicht selten profitiert das Werk von den Mythen, die sich um den Autor ranken und zur Legendenbildung f\u0081\u00fchren, zumindest auf der kommerziellen Ebene.<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Ausgaben von Hinter-Net! wird an dieser Stelle \u0081\u00fcber Schriftsteller unterschiedlichster Epochen und Stilrichtungen berichtet, die allesamt nur eines verbindet: sie sind scheinbar spurlos verschwunden bzw. die Fragen nach ihrer Existenz oder ihrem Verbleib konnte nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt werden oder aber erst posthum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;&#8230;das Wetter war herrlich, die Maschine in tadellosem Zustand, der Auftrag sorgf\u00e4ltig vorbereitet (\u2026). Ich gab ihm die letzten Anweisungen, dann half ihm einer von uns wie gew\u00f6hnlich beim Einsteigen ins Flugzeug und versicherte sich dabei, da\u00e1 alles in Ordnung war. 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