{"id":3745,"date":"2001-12-08T04:45:34","date_gmt":"2001-12-08T03:45:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=3745"},"modified":"2022-07-06T02:41:33","modified_gmt":"2022-07-06T00:41:33","slug":"zum-tod-von-george-harrison-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/12\/zum-tod-von-george-harrison-2\/","title":{"rendered":"Zum Tod von George Harrison"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich geb\u00b4s ja zu: mit acht war ich in Paul McCartney verknallt. Der hatte ein s\u00fc\u00dfes Babyface und machte sich tierisch gut zwischen Tommi Ohrner und Leif Garett. Mein liebster Beatles-Song war &#8222;Octopus\u00b4 Garden&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber dann wuchs mein Gehirn, und mit ihm mein Faible f\u00fcr George Harrison. &#8222;While my guitar gently weeps&#8220; ist vermutlich der sch\u00f6nste Beatles-Song \u00fcberhaupt, und das jagende &#8222;Old brown shoes&#8220; mysteri\u00f6ser als &#8222;I am the walrus&#8220; und &#8222;Rain&#8220; zusammen. Straight, klar und nicht zu s\u00fc\u00dflich &#8211; so mochte ich Harrison. Mit der Strahlkraft von &#8222;Something&#8220; und &#8222;Here comes the sun&#8220; konnte ich lange nichts anfangen. &#8222;Taxman&#8220; und &#8222;Savoy truffle&#8220; lernte ich erst als Teenager kennen, begeistert von der spr\u00f6den Sophistication der Harmonien und dem schluffig-scharfz\u00e4hnigen Understatement. Harrisons gitarrenlastige, dezent psychedelische Songs haben den Sound der Independent-Bands mit vorbereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch mehr Erfindungen gehen auf Harrisons Konto:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>der Ganzk\u00f6rper-Jeansanzug,<\/li><li>der erste Rocksong mit Sitar,<\/li><li>der erste Beatles-Song mit Gastmusiker (Eric Clapton auf &#8222;While my guitar gently weeps&#8220;)<\/li><li>das erste Live Aid-Konzert: The Concert for Bangladesh 1971,<\/li><li>das Triple-Album<\/li><li>und einzige h\u00f6renswerte Solo-Album eines ehemaligen Beatle.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>&#8222;All things must pass&#8220; ist auch 30 Jahre sp\u00e4ter noch eine Offenbarung. Flie\u00dfend, schillernd, hochinspiriert. In Sachen Psychedelik gibt\u00b4s hier die volle Packung. Vor allem auf der dritten Platte, die den Musikfans ungef\u00e4hr dasselbe bedeutet wie den Literaturwissenschaftlern Klopstocks &#8222;Messias&#8220;: jeder wei\u00df, was drin ist, aber niemand tut sich den Inhalt an, weil er einfach unertr\u00e4glich ist. Neunzig Minuten wuchernde Sitar-Kl\u00e4nge, nur unterbrochen durch das Umdrehen der Platte &#8211; this is Hardcore.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem: &#8222;All things must pass&#8220; war eine musikalische Sternstunde. An Tiefe, Kraft und Glanz konnte ihr kein anderes Post-Beatles-Werk das Wasser reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch f\u00fcr Harrison gab\u00b4s Durststrecken. Die Zeit mit den Beatles etwa. Nach Lennon\/McCartney war er immer nur der &#8222;dritte Mann&#8220;. Nach George Martin sogar nur der vierte. Aber in ihrem Bem\u00fchen, Harrisons musikalisches Output zu unterdr\u00fccken, scheitern sie: oft schlich sich doch noch ein Harrison-Song mit auf\u00b4s Album. Manchmal sogar zwei. M\u00f6glich, dass der Ruhm der Band noch gr\u00f6\u00dfer w\u00e4re, h\u00e4tte man nur sorgf\u00e4ltiger den musikalischen Durchfall von Lennon\/McCartney selektiert und den Ausschuss rausgehalten. Und statt dessen mehr Harrison mit drauf genommen. Als seinen gr\u00f6\u00dften Fehler bezeichnete es George Martin sp\u00e4ter, das musikalische Talent Harrisons nicht mehr gef\u00f6rdert zu haben. Sp\u00e4te Einsicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Technisch konnte Harrison von den Beatles sowieso niemand das Wasser reichen. Der einzig echte Musiker unter den Vieren setzte mit seinem Gitarrenspiel von Beginn an vielen Beatles-Songs seinen Stempel auf: der Schlussakkord von &#8222;She loves you&#8220;, das Solo in &#8222;All my loving&#8220;, die flie\u00dfenden Linien in &#8222;Eight days a week&#8220;, die perlende Rickenbacker in &#8222;A hard day\u00b4s night&#8220;&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch nach den Beatles gab\u00b4s Reinf\u00e4lle. Experimente mit elektronischer Musik floppten, auch die Filmmusik zu &#8222;Wonderwall&#8220; &#8211; aber nicht die Filme. Ohne Harrison kein &#8222;Life of Brian&#8220;: die Pythons brachten es auf den Punkt. Harrisons &#8222;Handmade Films&#8220; machten den Brian erst m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>1987 war er dann pl\u00f6tzlich wieder da, wie Kai aus der Kiste an die Spitze der Charts katapultiert. Verwirrt fragte ich mich, ob ich mich verh\u00f6rt hatte. In der Radio-Hitparade wurde Harrisons Name wie eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit verlesen, kein Hinweis auf alte Zeiten, kein Ausdruck des Erstaunens. Ein Beatle, noch dazu George Harrison, auf Nr. 1: business as usual?<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Got my mind set on you&#8220; war Harrisons Fu\u00dfnote zum Thema 80er. Musikalisch kein gro\u00dfer Wurf, ein clever gemachter Popsong zum Mitklatschen, aber eben gelungene Unterhaltung. Mainstream deluxe auch &#8222;Fab&#8220;: Harrisons ironisch-nostalgisches Kabinettst\u00fcck zur eigenen Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>All das avancierte schnell zum Vorspiel von Harrisons n\u00e4chstem Coup: die Gr\u00fcndung der Travelling Wilburys, einer sympathischen Supergroup ohne Ambitionen. Muffelige alte M\u00e4nner mit zauseligen Haaren, von denen Roy Orbison noch der J\u00fcngste schien. Das Rad hatten die meisten von ihnen schon fr\u00fcher neu erfunden, warum also nochmal gro\u00df M\u00fche geben?<\/p>\n\n\n\n<p>Den Treppenwitz der Harrison-Geschichte lieferten Oasis Mitte der 90er-Jahre. Die &#8222;Wonderwall&#8220; war pl\u00f6tzlich in aller Ohren. Nur eben nicht Harrisons &#8222;Wonderwall&#8220;. Die Hommage mag er verstanden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der klare Blick aus dem scharfgeschnittenen Gesicht, das selbst beim Lachen noch ernst wirkte. Die tiefe Religi\u00f6sit\u00e4t. Das Faible f\u00fcr fern\u00f6stliche Kl\u00e4nge. Nein, Harrison war kein Sunnyboy. Kein witziger Spr\u00fccheklopfer. Aber immer gut f\u00fcr musikalische Sternstunden. Er war mein Lieblingsbeatle.<\/p>\n\n\n\n<p>s.a.: \u2192<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/12\/zum-tod-von-george-harrison\/\">Mike Lehecka zum Tod von George Harrison<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich geb\u00b4s ja zu: mit acht war ich in Paul McCartney verknallt. Der hatte ein s\u00fc\u00dfes Babyface und machte sich tierisch gut zwischen Tommi Ohrner und Leif Garett. 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