{"id":3764,"date":"1997-08-07T11:11:00","date_gmt":"1997-08-07T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=3764"},"modified":"2022-06-06T01:15:48","modified_gmt":"2022-06-05T23:15:48","slug":"william-s-burroughs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/08\/william-s-burroughs\/","title":{"rendered":"William S. Burroughs &#8211; Agent in eigener Sache"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Viele haben \u00fcberhaupt nicht mehr damit gerechnet, doch das Unwahrscheinliche ist eingetreten: Am Sonntag dem 3. August 1997 starb der \u00dcbervater der Underground-Kultur William Seward Burroughs im Alter von 83 Jahren an Herzversagen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/buch\/images\/burrough.jpg\" alt=\"Foto William Seward Burroughs\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Burroughs, Kammerj\u00e4ger, Privatdetektiv und schlie\u00dflich Schriftsteller, ist seit seinem ersten \u00f6ffentlichen Auftreten Ende der Vierziger Jahre zu einer generationen\u00fcbergreifenden Kultfigur des Undergrounds geworden. In den F\u00fcnfziger Jahren und in den Roaring Sixties wurde er zur grauen Eminenz der Beat Generation. In den Siebzigern wurde er zur Ikone der Popwelt, und nachdem es in den Achtzigern etwas ruhiger geworden war um den zerknitterten alten Mann in seinem Buchhalteranzug, tauchte er in den Neunzigern wie ein Ph\u00f6nix aus der Asche und wurde auch von den j\u00fcngsten Wilden der Popfraktion hofiert. Fast alle seine Mitstreiter und J\u00fcnger hat er \u00fcberlebt: Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Nico, Andy Warhol, Frank Zappa, Kurt Cobain und seine deutsche Epigone J\u00f6rg Fauser. Einer, der in dieser Verlustrechnung vorkommt, aber fast immer unerw\u00e4hnt bleibt, ist sein Sohn William Burroughs Jr.. Ihm erging es wie den anderen. Sie alle haben ihm gehuldigt, ihn imitiert und keiner hat ihn \u00fcberlebt. Was bei vielen auch daran lag, da\u00df sie seinen exzessiven und selbstzerst\u00f6rerischen Lebensstil kopierten und sich damit zugrunde richteten. Was war dran an diesem mumienhaften Mann, der sie alle in seinen Bann schlug und der heute auf einer 29 Cent Briefmarke abgebildet ist?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Seine Herkunft war es wohl nicht. Sein Gro\u00dfvater hatte die &#8218;Burroughs&#8216; erfunden, eine mechanische Additionsmaschine, die Buchhalter gl\u00fccklich und die Familie reich machte. Der 1914 geborene William S. Burroughs erhielt eine exquisite Ausbildung, studierte englische Literatur und Anthropologie in Harvard und machte 1934 seinen B.A.. Danach bereiste er Europa, nahm anschlie\u00dfend in den USA wieder seine Studien auf und meldete sich nach Kriegseintritt als Freiwilliger. Bei der Marine wurde er aufgrund seiner Plattf\u00fc\u00dfe und seiner Kurzsichtigkeit abgelehnt. Burroughs kaschierte diese Handicaps jedoch geschickt und wurde von der Luftwaffe als Pilot ausgebildet. Erst im Nachhinein flog er auf und wurde ausgemustert. Doch Bill gab nicht auf und bewarb sich beim Geheimdienst der Army. Dort wurde er abgelehnt. Der Vorsitzende der Kommission war eben der Hausmeister von Harvard, dem er Jahre zuvor eine selbstgebastelte Bombe vor sein Fenster gelegt hatte. Burroughs Vorliebe f\u00fcr Waffen war schon recht fr\u00fch ausgepr\u00e4gt. Im Anschlu\u00df an diese Zeit begann die Phase seines pers\u00f6nlichen und wirtschaftlichen Niedergangs, die ihn letztlich ber\u00fchmt werden lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>1944 hielt sich Burroughs in New York auf. Er sog fasziniert die Kl\u00e4nge des Hot Jazz in sich auf und arbeitete, sein Erbe hatte er inzwischen verpra\u00dft, als Kammerj\u00e4ger, ein Beruf der im Amerikanischen den plastischen Namen &#8218;Exterminator&#8216; tr\u00e4gt und als Titel f\u00fcr ein 1966 erschienenes Buch herhielt, in dem er diese Zeit verarbeitete. Ins Jahr &#8217;44 fiel auch seine Bekanntschaft mit Herbert Huncke, einem Kleinkriminellen, Fixer und Stricher vom Times Square, der ihn und seine Freunde Ginsberg und Kerouac mit diesem urbanen Dschungel vertraut machte. Huncke war es auch, der Burroughs auf dessen ausdr\u00fccklichen Wunsch hin den ersten Schu\u00df setzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Allzu oft l\u00e4\u00dft sich an einer solchen Biographie m\u00fchelos erg\u00e4nzen, was kommen mu\u00df: entw\u00fcrdigendes Suchtverhalten, ein paar verzweifelte Versuche, aus dem Teufelskreis auszubrechen und schlie\u00dflich doch nichts anderes, als der dreckige kleine Tod eines Fixers in einer stinkenden Toilette, dessen volle Dramatik darin zum Ausdruck kommt, da\u00df die Statistik der Drogentoten um eins nach oben ger\u00fcckt wird. Nicht so bei Burroughs. Der f\u00fchrte zwar das Leben eines Abh\u00e4ngigen, bewies jedoch die Cleverness zu \u00fcberleben und seine Sucht literarisch zu verarbeiten, und das, nachdem er 1951 bei einer &#8218;Wilhelm Tell Nummer&#8216; das Glas auf dem Kopf seiner Gattin knapp verfehlte und unter Mordanklage gestellt wurde. 1953 erschien sein erster Roman &#8218;Junkie&#8216;, der binnen k\u00fcrzester Zeit bei der Beat Generation Kultstatus erlangte. Burroughs wurde zur Vaterfigur der Beats, der jungen Nachkriegswilden, die gegen die verlogene B\u00fcrgerlichkeit ihrer Eltern rebellierten, dummerweise aber nicht wu\u00dften, was sie eigentlich wollten. Kerouac, Ginsberg, Ferlinghetti, Corso und wie sie alle hie\u00dfen geb\u00e4rdeten sich in der Art einer neuen, dekadenten Boheme, hingen st\u00e4ndig zusammen und machten aus ihrer Umtriebigkeit, heute New York &#8211; morgen Tanger, und ihrer exzessiven Lebensweise ein Programm. Burroughs war nur insofern eine Ausnahme, als er das Initial dieser Sippe war: Reiste er nach Tanger, reisten ihm die anderen nach.<\/p>\n\n\n\n<p>1959 erschien das Buch, das ihn endg\u00fcltig ber\u00fchmt oder, wie man&#8217;s nimmt, auch ber\u00fcchtigt machte: Naked Lunch. Mehrere Jahre hatte er daran gearbeitet und in einer Art Stream of Consciousness das zu Papier gebracht, was die literarische Welt bisher noch nicht gesehen hatte: schwule Obsessionen, Obsz\u00f6nit\u00e4t, Paranoia und das alles aus den Innenansichten der hermetischen Welt eines Drogens\u00fcchtigen . Selbst ein Pariser Pornoverleger hatte sich geweigert dieses Buch zu verlegen. Damit und mit der von Brion Gysin entwickelten literarischen Technik des cut-up und folt-in, die Burroughs weiterentwickelte, schrieb er Literaturgeschichte. Mit dieser neuartigen, f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse schockierenden und radikalen Technik, der Verbindung von Stream of Consciousness und dem Einbeziehen des Zufallsprinzips schrieb sich der ausgemergelte Junkie an die Spitze der literarischen Avantgarde dieses Jahrhunderts. Seine Literatur stand und steht im z.T. krassen Gegensatz zur rational konstruierten postmodernen Literatur, an der zu dieser Zeit Arno Schmidt in Deutschland herumbastelte.<br \/>Auch nachdem sich die Beat Generation im Sand verlief, auf Friedh\u00f6fen und in psychiatrischen Kliniken ihr belangloses Ende fand, Burroughs Kultstatus blieb davon unber\u00fchrt. Im Gegenteil, die n\u00e4chste Generation der Huldiger war bereits nachgewachsen. Paul McCartney sorgte daf\u00fcr, da\u00df ein Foto von ihm im Bildteil des Sgt. Pepper&#8217;s Album erschien, Nico lie\u00df sich Texte von ihm schreiben und auch Warhol lie\u00df sich gerne in seiner Gegenwart ablichten. Die Reihe seiner Bewunderer ri\u00df nie ab von der Beat Generation bis zur Generation X. Kurt Cobain maltr\u00e4tierte 1992 seine Gitarre zur schnarrenden uhrwerksgleich lesenden Stimme von Burroughs, \u00e4hnlich gestaltete sich auch das HipHop-Projekt Spare Ass Annie im folgenden Jahr. Die letzten Aufnahmen von Burroughs sind wenige Wochen alt und flimmern in der Schlu\u00dfeinstellung vom j\u00fcngsten U2-Clip &#8218;Last Night On Earth&#8216; via MTV und Satellit in alle Welt hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ihn zur Ikone der Popwelt gemacht hat war seine Ambivalenz: Der gro\u00dfe Mann, der sich zu keiner Zeit vor sprachgewaltigen Obsz\u00f6nit\u00e4ten scheute, hatte ein zur\u00fcckhaltendes, vornehmes, ja seri\u00f6ses Auftreten. So radikal wie er sich der b\u00fcrgerlichen Ordnung entgegenstellte, so fuhr er gleichfalls im Fahrwasser der Ideologie, die die USA gro\u00df gemacht hat. Er war Waffennarr, glaubte an eine Verschw\u00f6rung des Staates (der die AIDS-Viren z\u00fcchtet) gegen die B\u00fcrger. Das rehabilitierte den schwulen, perversen alten Junkie in den Augen der Rednecks. Seinen Lebensabend verbrachte Burroughs in Kansas, der Hochburg der gottesf\u00fcrchtigen Militia, auf deren Konto auch das Oklahoma-Attentat ging, um bessere Gelegenheit zu haben, seine Schie\u00df\u00fcbungen abzuhalten. Auch sein literarischer Ruhm ist nicht unangefochten. Es gibt nicht Wenige, die seine Biographie als die &#8218;Krankenakte eines Patienten mit drogenbedingter Schizophrenie&#8216; ansehen und seine Werke als Krankenberichte. Das mag durchaus seine Richtigkeit haben, auch, da\u00df ihn Herbert Huncke als &#8218;intellektuellen Studenten&#8216; bezeichnet, f\u00fcr den der Times Square ein &#8218;Abenteuer-Spielplatz&#8216; war. Auch Mohamed Choukri, der bedeutendste marokkanische Schriftsteller meinte, da\u00df Burroughs sich lediglich in Tanger herumtrieb, nicht um die Aura des Landes zu erheischen, sondern ungehindert &#8217;seinen S\u00fcchten und Begierden nachzugehen&#8216;.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mag alles stimmen, zeigt aber vor allem eines: William S. Burroughs war ein Meister der Selbstinzenierung, er schuf sich selbst als Kunstfigur und vermarktete sich geschickt \u00fcber Jahrzehnte hinaus. Nie lie\u00df er sich vereinnahmen, im Gegenteil, lie\u00df sogar Musiker f\u00fcr sich werben, deren Musik er sich niemals angeh\u00f6rt h\u00e4tte. William S. Burroughs war stets Agent in eigener Sache. Er tauchte auf und verschwand wieder von der Bildfl\u00e4che, aber nie ohne Wellen zu schlagen. Sein letzter Streich dieser Art war sein Ableben. Am Tag danach verdr\u00e4ngte er die Nachrichten \u00fcber die Jahrhundertflut an der Oder von der Titelseite. Am 4. August 1997, 38 Jahre nach dem Erscheinen von &#8218;Naked Lunch&#8216;, erschien die Berliner taz mit dem Aufmacher auf der Titelseite:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Heute kein Hochwasser: Burroughs tot<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele haben \u00fcberhaupt nicht mehr damit gerechnet, doch das Unwahrscheinliche ist eingetreten: Am Sonntag dem 3. August 1997 starb der \u00dcbervater der Underground-Kultur William Seward Burroughs im Alter von 83 Jahren an Herzversagen. 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