{"id":3770,"date":"1995-08-26T11:11:00","date_gmt":"1995-08-26T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=3770"},"modified":"2022-05-28T02:26:52","modified_gmt":"2022-05-28T00:26:52","slug":"zum-tod-von-hugo-pratt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1995\/08\/zum-tod-von-hugo-pratt\/","title":{"rendered":"Zum Tod von Hugo Pratt"},"content":{"rendered":"\n<p>Corto Maltese, Abenteurer und Kapit\u00e4n ohne Schiff, der vielleicht poetischste, sicherlich aber geheimnisvollste Held der Comic-Literatur, ist in seinen Bestimmungshafen eingelaufen &#8211; am 20. August starb der Autor und Zeichner Hugo Pratt im Alter von 68 Jahren in der Pully-Klinik von Lausanne.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Biographie Pratts liest sich ebenso spannend wie die (fiktive) Biographie seines vertr\u00e4umten Helden: Am 15. Juni 1927 wurde Ugo Eugenio Pratt in Rimini geboren als Spro\u00df einer &#8222;anglo-franz\u00f6sisch-j\u00fcdisch- venezianischen Ehe&#8220;, deren Stammbaum in Anatolien wurzelt. Der ber\u00fchmteste Pratt aus dieser weitverzweigten Sippe war William Henry, der unter seinem Pseudonym Boris Karloff zu Weltruhm gelangte. Doch zur\u00fcck zu Ugo (das H vor seinem Vornamen hat er schon fr\u00fch zugef\u00fcgt). Im Alter von zehn Jahren zog er mit seiner Familie in die italienische Kolonie Abessinien, das heutige \u00c4thiopien. Dort wurde er von seinem Vater in ein &#8222;Verteidigungsbatallion&#8220;, eine italienische Miliz gesteckt, um die Ann\u00e4herung Hugos an die einheimische Bev\u00f6lkerung zu unterbinden, deren unterschiedliche Sprachen er gelernt hatte. Nachdem 1941 Haile Selassis Kampfverb\u00e4nde mit alliierter Hilfe die Macht an sich gebracht hatten, wurde er gefangengenommen und interniert. Das internationale Rote Kreuz erreichte schlie\u00dflich seine Repatriierung, und die Pratts gingen zur\u00fcck ins nach wie vor faschistische Italien. Dort wurde Hugo Pratt 1944 verd\u00e4chtigt, ein s\u00fcdafrikanischer Spion zu sein und von der SS verhaftet. Nach 18 Tagen Haft wurde er zur deutschen Wehrmacht \u00fcberf\u00fchrt, die ihn zum Patrouillendienst bei der Wasserschutzpolizei zwang. Mit Hilfe seines Freundes Giorgio Bellavitis, damals Partisan, sp\u00e4ter Berufskollege, entzog er sich dem Dienst, passierte die Front und wurde Dolmetscher der einmarschierenden 8. Armee. Nach einigen Anstellungen in der Milit\u00e4rverwaltung arbeitete er schlie\u00dflich unter dem nom de guerre &#8222;Ongaine&#8220; als S\u00e4nger und T\u00e4nzer in der Truppenbetreuung der US-Streitkr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit war sein Einstieg ins Unterhaltungs- Gewerbe geschafft, der sich dann so fortsetzte, da\u00df Hugo Pratt mit einem Haufen Jungs, die an Film, Kino und Comics interessiert waren die &#8222;Gruppo Venezia&#8220; gr\u00fcndete, ein \u00e4u\u00dferst gro\u00dfspuriger Name f\u00fcr eine Bande Halbw\u00fcchsiger; doch aus ihren Reihen erwuchs eine Reihe ber\u00fchmter Szenaristen, Illustratoren und Regisseure. Sie ver\u00f6ffentlichten ihre Arbeiten in einer eigenen Zeitschrift: &#8222;Albo Urgano&#8220;, ab Dezember &#8217;45 &#8222;Asso di Picche Comics&#8220;. Ihre Arbeit trug Fr\u00fcchte; zwei Jahre sp\u00e4ter wurde ihnen angeboten, die Zeitschrift auch in Argentinien zu vermarkten. Pratt zog um nach Buenos Aires und arbeitete nach einer anderthalbj\u00e4hrigen Eingew\u00f6hnungszeit als Lehrer an der neugegr\u00fcndeten &#8222;Escuela Panamericana de Arte&#8220;, wo er die Grundbegriffe des Comic-Zeichnens lehrte. In dieser Zeit entstand die Serie &#8222;El Serganto Kirk&#8220;, die Geschichte eines Trappers, der auf der Seite der Indianer stand. 1954 kam &#8222;Legion Exantjera&#8220; hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen seiner Arbeit fand Pratt immer wieder Zeit f\u00fcr ausgedehnte Reisen nach Patagonien und Europa, um als S\u00e4nger und Gitarrist in einem Orchester zu spielen (diesmal unter dem Pseudonym &#8222;Sbridolin&#8220;) und die Bekanntschaft Dizzy Gillespies zu machen oder zu heiraten, bzw. sich wieder scheiden zu lassen. Ab 1957 arbeitete er zusammen mit Hector Oesterheld, der zu dieser Zeit seinen eigenen Verlag &#8222;Frontera&#8220; gegr\u00fcndet hatte. F\u00fcr ihn zeichnete Pratt die Serie &#8222;Ticonderoga&#8220;, die zur Zeit des amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieges am Ende des 18. Jahrhunderts spielt und an den Figuren J. F. Coopers ausgerichtet ist. Aufgrund der schechten Papierqualit\u00e4t und des fehlenden Vierfarbdrucks war er gehalten, \u00e4u\u00dferst plakativ zu arbeiten und entschied sich f\u00fcr die Guache-Technik. Zwei Jahre sp\u00e4ter verkrachten sich beide und Pratt suchte sich neue Verleger, die seine neue Serie &#8222;Ann y Dan&#8220; herausgeben sollten &#8211; sein erster Comic, der komplett von ihm konzipiert und realisiert worden ist. \u00dcber den Streit mit Oesterheld kn\u00fcpfte er auch wieder Kontakte zur alten Welt und siedelte 1962 wieder nach Europa \u00fcber als mittlerweile international etablierter Zeichner. Diese Position erlaubte es ihm endlich auch, den Entschlu\u00df zu verwirklichen, mehr auf `Klasse&#8216; zu achten als auf `Masse&#8216;. Wieder in Venedig ans\u00e4ssig arbeitete Pratt f\u00fcr die Kinderbeilage der Tageszeitung &#8222;Corriere de la Sera&#8220; f\u00fcr die er vorgegebene Szenarien ausarbeitete und Adaptionen von Klassikern der Jugendbuch-Literatur wie Stevensons &#8222;Schatzinsel&#8220; realisierte.<\/p>\n\n\n\n<p>1967 trat f\u00fcr Pratt eine Situation ein, die sich jeder Comic-Zeichner w\u00fcnscht: der Immobilienspekulant und Comicnarr Florenzo Ivaldi gr\u00fcndete das Magazin &#8222;Sgt. Kirk&#8220;, das ausschlie\u00dflich dazu dienen sollte, die verstreuten Episoden aus der gleichnamigen Reihe in geschlossener Folge in Europa zu publizieren und Hugo Pratt zu Weltruhm zu verhelfen. Daf\u00fcr, da\u00df Pratt auch andere Zeichner lancieren durfte, machte er seinem Fan ein Geschenk. Pratt konzipierte eine geschlossene Comic-Erz\u00e4hlung auf insgesamt 163 Seiten, den ersten Autoren-Comic mit dem Titel &#8222;Una ballata del mare salato&#8220; (dt. S\u00fcdseeballade) in der auf Seite 7 eine Figur deb\u00fctierte, die ihn endg\u00fcltig ber\u00fchmt machen sollte: Corto Maltese.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche Arbeit an &#8222;Corto Maltese&#8220; begann jedoch erst 1970, als er f\u00fcr &#8222;Pif-Gadget&#8220; (der franko-belgische Vater des deutschen &#8222;YPS mit Gimmick&#8220;) eine Folge von 21 Kurzgeschichten zeichnete. Der Erfolg bei den Jugendlichen war jedoch m\u00e4\u00dfig, in Europa war er immer noch ein Unbekannter. Doch langsam wurde die Erwachsenenwelt auf ihn aufmerksam. Autoren lie\u00dfen ihn in ihren Comics auftauchen und um seine Person rankte sich ein Mythos, den Hugo Pratt in der Figur des Abenteurers und Kapit\u00e4ns ohne Schiff Corto Maltese umzusetzen wu\u00dfte. In dieser Figur verbinden sich Pratts romantische Interpretationen von realer Geschichte. Corto Maltese taucht als sensibler, unberechenbarer (Frauen-)Held auf den markantesten historischen Schaupl\u00e4tzen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auf und erlebt dort seine Abenteuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Pratts Faible f\u00fcr diesen nachdenklichen, vertr\u00e4umten Helden ist es letztlich wohl auch zu verdanken, da\u00df ihn die Person des Antoine de Saint-Exup\u00e9ry und den ihn und seinen letzten Flug umgebenden Mythos in seinen Bann schlug. Die graphische Umsetzung von Exup\u00e9rys letztem Flug, das dieser Tage in deutscher \u00dcbersetzung erschien, wurde sein letztes Projekt. Gut m\u00f6glich, da\u00df er jetzt Kritik aus erster Hand von dem empf\u00e4ngt, an den diese Hommage gerichtet war.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Corto Maltese, Abenteurer und Kapit\u00e4n ohne Schiff, der vielleicht poetischste, sicherlich aber geheimnisvollste Held der Comic-Literatur, ist in seinen Bestimmungshafen eingelaufen &#8211; am 20. 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