{"id":3775,"date":"2001-07-23T07:47:20","date_gmt":"2001-07-23T05:47:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=3775"},"modified":"2022-05-28T01:25:13","modified_gmt":"2022-05-27T23:25:13","slug":"nachruf-auf-morris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/07\/nachruf-auf-morris\/","title":{"rendered":"Realismus und Magie &#8211; Ein Nachruf auf Morris"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass ich nicht der einzige Lucky Luke-Fan war, merkte ich in der f\u00fcnften Klasse. Als wir uns im Englisch-Unterricht englische Namen geben sollten, nannte sich ein Klassenkamerad fortan &#8222;Averell&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Morris &#8211; das ist f\u00fcr die meisten einfach &#8222;Lucky Luke&#8220;. Auch f\u00fcr mich. Ich besorgte mir die Hefte stapelweise aus der B\u00fccherei. Keine Ahnung, wie sehr der d\u00fcnne Cowboy mein M\u00e4nnerbild pr\u00e4gte. Denn klar: er war einfach ein Traummann. Verantwortungsbewusst, gelassen und attraktiv. Immer auf der Seite der Guten. Sportlich. Eben schneller als sein eigener Schatten. Wie oft hab ich vor dem Spiegel ge\u00fcbt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Lucky Luke ist ein untypischer Comic-Held. Realistisch gestaltet inmitten einer Welt von \u00dcberzeichneten. Wer wei\u00df, ohne seine skurrilen Begleiter &#8211; das sprechende Pferd und der Anti-Hund Rantanplan &#8211; w\u00e4re er vielleicht blass geblieben. Aber der Kontrast stimmte, und auch, wenn da noch die Sache mit dem Schatten war: ein Superheld war Lucky Luke nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Realismus und Magie, das war die Mischung, die Morris\u00b4 Cowboy-Geschichten pr\u00e4gte. Realistisch waren die grandios entworfenen, liebevoll ausgestalteten Landschaften, durch die Banditen und Kavallerie ritten. In sich stimmig, vor Leben spr\u00fchend, die Atmosph\u00e4re mit H\u00e4nden zu greifen, so waren auch die Saloon-Szenen. Mit oder ohne Schl\u00e4gerei. Magisch, kein Zweifel.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer gab es viel zu gucken in den Morris-Bildern. Setzk\u00e4sten in Zeitungsstuben, Telegraphen-Masten, Hotelzimmer mit Krug und Wasch-Sch\u00fcssel und die unnachahmlichen &#8222;Willkommensschilder&#8220; am Stadtrand. Sie waren so sicher wie der singende Cowboy im Schlussbild, der Sonne entgegenreitend. Zum festen Inventar geh\u00f6rten nat\u00fcrlich auch die Daltons, Sheriffs und B\u00fcrgermeister, \u00e4ngstliche St\u00e4dter und bedauernswerte Postkutschen, dralle Revuet\u00e4nzerinnen, jede Menge Teer und Federn und fiese Totengr\u00e4ber, in denen Morris seine alten Lehrer von der Jesuiten-Schule verewigte, die ihm als Jugendlichem das Zeichnen verbieten wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eltern von Maurice de B\u00e9v\u00e8re (geboren 1923 im belgischen Courtrai) waren da schon toleranter. Zeichner: Ja. Aber Comics? Oh Gott, brotlose Kunst. Um seinen Vater optimistischer zu stimmen, zeichnete ihn Morris in einem Lucky Luke-Band als Goldgr\u00e4ber.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort fand er sich dann in guter Gesellschaft, denn in der lange Geschichte von Lucky Luke standen immer wieder Unbekannte und Promis Pate f\u00fcr das Western-Volk. Jean Gabin, Louis de Funes, Alfred Hitchcock, David Niven, John Carradine, Boris Karloff, Mark Twain. Und die lieben Kollegen: Franquin, Uderzo, Goscinny (der lange die Szenarien f\u00fcr Lucky Luke schrieb), und der Verleger Dupuis. Sein Haus verbot Morris \u00fcbrigens die frivolen T\u00e4nze der Saloon-Schnecken. Erst nach Morris\u00b4 Wechsel zu einem anderen Verlag kam Lucky Luke in ihren Genuss.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4rger gab es um ein Haar auch mit Coca Cola: just als Morris ein Entgelt f\u00fcr sein dezentes Product Placement ausgehandelt hatte, erschien im aktuellen Spirou-Heft die Lucky Luke-Folge, in der ein Indianer nach einem Schluck Cola tot umf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nat\u00fcrlich wurde die Zigarette zum Stein des Ansto\u00dfes. Nach Protesten der amerikanischen Trickfilm-Branche musste der Cowboy k\u00fcnftig am Grashalm nuckeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Cowboy war sein Schicksal. Aber es scheint, als sei Morris nie ungl\u00fccklich dr\u00fcber gewesen. Hauptsache, er konnte Zeichnen. Kinderb\u00fccher hat er illustriert, Titelbl\u00e4tter gezeichnet f\u00fcr Comichefte und Liebesromane. Seine erste Lucky Luke-Geschichte erschien 1946 im Spirou-Almanach. Ab 1955 verfasste Ren\u00e9 Goscinny die Szenarios, nach seinem Tod 1977 arbeitete Morris mit wechselnden Autoren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gab noch eine Leidenschaft, von der nur wenige wissen: Morris war begeisterter T\u00fcftler. Kleine Comic-Gimmicks gehen auf sein Konto, und dabei lie\u00df er auch die Figuren der Kollegen auftreten. Ein Marsupilami auf einem Einrad, das einen Bindfaden entlang rollt. Ein Gaston, der auf dem Arm eines Plattenspielers twistet. Und nat\u00fcrlich die Daltons, steineklopfend und Schubkarren-ziehend &#8211; bis zum Ende der Tischplatte und keinen Schritt weiter. Wie all die Dinge funktionieren, l\u00e4sst sich mit den Gesetzen der Physik leicht erkl\u00e4ren. Aber sch\u00f6ner ist es, ehrf\u00fcrchtig \u00fcber die vielen Talente des Morris zu staunen und ein kleines Geheimnis zu lassen. Franquin zum Beispiel wusste nicht einmal von der Existenz des radelnden Marsupilamis und des tanzenden Gaston.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass ich nicht der einzige Lucky Luke-Fan war, merkte ich in der f\u00fcnften Klasse. Als wir uns im Englisch-Unterricht englische Namen geben sollten, nannte sich ein Klassenkamerad fortan &#8222;Averell&#8220;. Morris &#8211; das ist f\u00fcr die meisten einfach &#8222;Lucky Luke&#8220;. Auch f\u00fcr mich. Ich besorgte mir die Hefte stapelweise aus der B\u00fccherei. 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