{"id":37911,"date":"1996-11-14T11:11:00","date_gmt":"1996-11-14T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=37911"},"modified":"2023-03-06T16:11:13","modified_gmt":"2023-03-06T15:11:13","slug":"idole-in-verschiedenen-aggregatzustaenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/11\/idole-in-verschiedenen-aggregatzustaenden\/","title":{"rendered":"Idole in verschiedenen Aggregatzust\u00e4nden"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Interview mit Thomas C. Breuer<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Wenn ich die verstreuten Informationen zu Deiner Person richtig zusammengesetzt habe, dann erschien Dein erstes Buch bereits 1977, als in der deutschen Provinz die letzten Blumenkinder die Gr\u00fcnanlagen unsicher machten. Wie gings weiter?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Hmm, (lutscht versonnen auf einem Bonbon herum) hmm; was hat sich getan? Nun, da\u00df ich halt haupts\u00e4chlich einen B\u00fchnenberuf habe, der das Geld bringt und der deshalb das Geld bringt, weil ich dabei gerade die B\u00fccher verkaufe, die ich zum Teil selbst verlegt habe. Was ich im \u00fcbrigen niemand empfehlen kann, B\u00fccher selber herauszubringen, wenn derjenige nicht selber tingelt. Das kann bitter werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich habe halt meinen Weg gemacht als sogenannter literarischer Kabarettist als ich irgendwann gemerkt habe, da\u00df ich einfach der beste Interpret meiner Werke bin. Nebenher habe ich mit dem Radio angefangen. Ich habe also drei Standbeine und es erweist sich in solchen Zeiten wie diesen, wo es kulturell \u00fcberall enger wird, als Vorteil. Es wackelt nur eins &#8211; oder zwei aber nicht unbedingt alle drei Beine. So kann ich immer noch ein bischen springen und sagen: &#8222;Eigentlich mache ich ja doch eher. . .&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> L\u00e4ufst Du damit nicht auch Gefahr als Universaldilettant durchzugehen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC.:<\/strong> <em>Stimmt schon. Es steht der Sache manchmal auch ein bischen im Weg, da\u00df ich mich nicht r\u00fcckhaltlos f\u00fcr eines entscheiden kann. Ich w\u00fcrde jetzt gern wieder einen neuen Roman schreiben und die anderen Sachen auf Eis legen. Aber, ich hab\u00b4 die Zeit nicht; ich kanns mir finanziell nicht erlauben, weil ich Familie habe und deshalb mu\u00df ich die anderen Berufe auch noch machen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Seit deinen Anf\u00e4ngen sind ja immerhin fast 20 Jahre vergangen, Dein letztes Buch <a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/09\/thomas-c-breuer-sekt-in-der-wasserleitung\/\" data-type=\"post\" data-id=\"32440\">Sekt in der Wasserleitung<\/a> ist ja stark autobiographisch, das war nach eigenen Worten das erste ja auch schon. Schlie\u00dft sich jetzt der Kreis? Ist es Zeit, ein Res\u00fcme zu halten oder hat Dich das Alter mit Reife \u00fcberzuckert?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>N\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4. Sekt in der Wasserleitung ist nur bedingt autobiographisch. Das Setting stimmt. Viele Personen sind der Wirklichkeit entnommen, ansonsten sind viele Begebenheiten erfunden, zusammengemischt, zu einer einzigen. Es entspricht also relativ wenig der Realit\u00e4t und die letzte Geschichte, die in Seattle spielt, ist komplett erfunden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Schade, gerade die Story mit dem Zwillingsp\u00e4rchen, das sich ein Toupet teilt, fand ich klasse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Es ist eine Autobiographie, aber eine gelogene.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Eine Wunschbiographie?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Nein, nicht direkt. W\u00fcnschen w\u00fcrde ich mir eine solche Biographie nicht. Ich bin eigentlich dazu gekommen, als ich das K\u00e4fer-Buch (<strong>K\u00fc\u00df mich, K\u00e4fer<\/strong>) gemacht habe. Ich habe \u00fcber VW-K\u00e4fer in Amerika geschrieben und brauchte etwas, was damit korrespondiert. Da habe ich \u00fcber die K\u00e4fer in meiner Kindheit geschrieben. Sie hatten alle K\u00e4fer, meine Eltern, meine Onkel und alle andern auch. So bin ich dann dazugekommen und es hat Spa\u00df gemacht. So hat sich das entwickelt. Ich glaube nicht, da\u00df jemand mit 44 Jahren seine Memoiren verlegen sollte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Damals, als Du 1977 mitten in der Politfreak-\u00c4ra zu schreiben anfingst, warst Du am Puls der Zeit. Deine ersten B\u00fccher waren ja eher Szeneliteratur. Schreibst Du immer noch f\u00fcr die inzwischen gealterte Szene von damals, oder hat ein Generationswechsel stattgefunden und Du hast ein neues Publikum?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> J<em>a, anscheinend. Eine Bekannte von mir, die ist um die sechzig, die hat das Buch gelesen &#8211; Sekt in der Wasserleitung &#8211; , fands ganz klasse und hat sich gesagt, jetzt geb\u00b4 ichs mal dem Soundso, der ist neunzehn, der ja nun all diese Erfahrungswerte nicht hat. Und diesem Soundso hat das Buch auch richtig gut gefallen. Ich bin sowieso keiner, der sich gern in irgendwelchen Gettos aufh\u00e4lt. Wenn ich mein Kabarett-Publikum ansehe, das ist so querbeet. Das ist, wie man so sch\u00f6n sagt, zwischen 8 und 80. Von denen interessieren sich etwa 10% f\u00fcr das, was ich sonst noch mache. Ich verkaufe also bei Kabarett-Veranstaltungen doch tats\u00e4chlich Romane. Ich wei\u00df, da\u00df diese Breuer-Gemeinde mit blo\u00dfem Auge kaum wahrnehmbar ist , aber &#8211; es gibt sie! Das merke ich immer wieder, wenn ich irgendwo hin komme. Das hat was Beruhigendes.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Angefangen hast Du mit einer Konzertagentur ohne Telefonanschlu\u00df in einer WG ohne Geld.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Ohne Ahnung vor allem!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> und heute bist Du wahrscheinlich selbst auf der Ebene, auf der Du fr\u00fcher Deine Idole angesiedelt hast?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Ja, ja! Ich hab viele kennengelernt. Das ist ja ein Thema dieses Romans (Sekt in der Wasserleitung). Das hat ja sehr viel mit Idolen zu tun. Mit Idolen in verschiedenen Aggregatzust\u00e4nden. Bei einigen ist es toll die kennenzulernen, bei anderen, na ja&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Wo siehst Du Dich inzwischen selbst in diesem Metier &#8211; oder anders gefragt: Hast Du den Sprung vom Underground zum Establishment geschafft?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Ob ich es jetzt geschafft habe? wei\u00df ich nicht. Man mu\u00df immer wachsam bleiben. Wenn man in diesem Metier was geschafft hat, hei\u00dft das noch lange nicht, da\u00df dieser Status am n\u00e4chsten Tag noch g\u00fcltig ist. Das geht ruck-zuck.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Wie l\u00e4uft Proze\u00df des Schreibens ab und wie kommst Du zu Deinen Themen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Mobil meistens. Ich bin Fernschreiber. Wenn ich von zuhause weg bin. Wenn ich im Zug sitze oder im Flugzeug und drau\u00dfen bewegt sich was, das setzt in meinem Kopf was frei. F\u00fcr diesen Krimi <strong>Huren, H\u00e4nger und Hanutas<\/strong> habe ich das Szenario in einer Nacht w\u00e4hrend einer Zugfahrt von Berlin nach Heidelberg gemacht. <strong>S\u00e4ntim\u00e4ntels Reise<\/strong> habe ich komplett im Caf\u00e9haus geschrieben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Es f\u00e4llt mir schwer aus der Vielzahl Deiner B\u00fccher ein Lieblingsthema zu erkennen. Gibt es Themen, die Dir besonders am Herzen liegen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Beim Schreiben von Romanen habe ich immer so ein Generalthema, witzig, da\u00df das den meisten Leuten bei Sekt in der Wasserleitung \u00fcberhaupt nicht auff\u00e4llt, das Generalthema sind Idole. Was passiert, wenn Idole tot sind, wenn man sie nicht in Ruhe l\u00e4\u00dft, wenn man selber ein Idol wird und kriegt es eigentlich gar nicht so mit? Was passiert, wenn man Idolen zu sehr auf die Pelle r\u00fcckt und was passiert, wenn sie zu weit weg sind?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Wird das auch das Thema Deines n\u00e4chsten Projektes sein?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TC:<\/strong> <em>Ich arbeite gerade an einem neuen Roman, da geht es grob gesagt um die \u00dcbertragbarkeit von Mythen. Er handelt von einer Frau, die in Amerika lebt, etwas \u00e4lter ist, zur\u00fcck m\u00f6chte nach Deutschland und von Amerika ein St\u00fcck mitnehmen will. Die Geschichte wird so weitergehen, da\u00df dort dr\u00fcben ein American Diner abgeschlagen und hier in Deutschland wieder aufgebaut wird. In einem Artikel im Magazin der S\u00fcddeutschen Zeitung stand mal eine ganz kleine Notiz von einem Typen, der macht das gerade. Mit dem hab ich telefoniert und treffe mich demn\u00e4chst mit ihm, um rauszukriegen, ob das, was dort funktioniert, hier auch funktioniert und wenn nicht, warum nicht. Das Amerikanische ist ja nach wie vor ein pr\u00e4gendes Element hier. Mich hat es ja selber mit einer vollen Breitseite erwischt. Ich finde, es ist ein hochinteressantes Thema.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>HINTER-NET!:<\/strong> Ich bin gespannt, zu lesen, ob die Diner-Transplantation gelingt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Thomas C. Breuer HINTER-NET!: Wenn ich die verstreuten Informationen zu Deiner Person richtig zusammengesetzt habe, dann erschien Dein erstes Buch bereits 1977, als in der deutschen Provinz die letzten Blumenkinder die Gr\u00fcnanlagen unsicher machten. Wie gings weiter? TC: Hmm, (lutscht versonnen auf einem Bonbon herum) hmm; was hat sich getan? 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