{"id":40062,"date":"2002-08-18T14:10:00","date_gmt":"2002-08-18T12:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=40062"},"modified":"2024-07-06T04:13:47","modified_gmt":"2024-07-06T02:13:47","slug":"herr-mankell-und-der-schwedenkrimi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/08\/herr-mankell-und-der-schwedenkrimi\/","title":{"rendered":"Herr Mankell und der Schwedenkrimi"},"content":{"rendered":"\n<p>Im 30j\u00e4hrigen Krieg kredenzte man den SCHWEDENTRUNK: eine Labsal, die dem, der sie genoss, nur selten mundete. Das Zwanzigste Jahrhundert am\u00fcsierte uns nur m\u00e4\u00dfig mit SCHWEDENR\u00c4TSELN und SCHWEDENPORNOS und, schon etwas kurzweiliger, SCHWEDENPOP. Als hartn\u00e4ckigster von all diesen SCHWEDENHAPPEN indes erwies sich der SCHWEDENKRIMI. In den Sechzigern und Siebzigern durch die Romane des Duos Sj\u00f6wall\/Wall\u00f6\u00f6 erfolgreich nach Deutschland exportiert, ist der Schwedenkrimi Anfang des neuen Jahrtausends in Gestalt der B\u00fccher von Henning Mankell umjubelt zur\u00fcckgekehrt. Keine B\u00fccherbestenliste, auf der nicht die Geschichten um Kommissar Kurt Wallander penetrant auf Spitzenpl\u00e4tzen liegen, und manche biedere Sekret\u00e4rin &#8211; ein Berufsstand, der ansonsten eher im Hera-Lind-Fieber agonisiert &#8211; sah ich schon weltentr\u00fcckt in Eisenbahnabteilen \u00fcber &#8222;Die f\u00fcnfte Frau&#8220; gebeugt, Mankells, so viel sei gesagt, bestem Roman.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt Wallander l\u00f6st seine F\u00e4lle im s\u00fcdschwedischen Ystad, wo er ein Team der Mordkommission leitet. Er ist Pessimist und nagt an seinen Depressionen wie weiland Sherlock Holmes an seiner Unterlippe, wenn es galt, komplizierte Sachverhalte zu erhellen. Im Grunde folgen alle Romane dem gleichen Strickmuster: (Mindestens) ein Mord geschieht und stellt Wallander und die Seinen vor R\u00e4tsel, die es nach und nach zu l\u00f6sen gilt. Zwischen den Kapiteln, die sich minuti\u00f6s mit dem Weg der Aufkl\u00e4rung besch\u00e4ftigen, gibt es immer wieder andere, die ein Psychogramm des T\u00e4ters, der T\u00e4terin zu zeichnen versuchen. Lustiges M\u00f6rderraten wie bei Agatha Christie gibt es bei Mankell n\u00e4mlich nicht. Das Motiv interessiert ihn und eben der Weg zum Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben nat\u00fcrlich noch das Seelen- und Familienleben des Helden selbst. Er ist, wie gesagt, reichlich depressiv und leidet vor allem am Zustand der Welt im Allgemeinen und der schwedischen Gesellschaft im Besonderen. Die M\u00f6rder werden immer brutaler, die Menschen immer r\u00fccksichtsloser, die Polizisten immer inkompetenter und korrupter.<\/p>\n\n\n\n<p>Hm&#8230;. sp\u00e4testens hier aber m\u00fcssen wir nun doch auf die erste Welle der Schwedenkrimis zur\u00fcckkommen, auf Sj\u00f6wall\/Wall\u00f6\u00f6 und ihren Kommissar Martin Beck. Denn eigentlich k\u00f6nnte ich eine alte Rezension dieser Romane hervor kramen und durch blo\u00dfen Namenstausch zu einer Rezension der Mankell-Romane machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war alles schon einmal da: Ein zur Depression neigender Kommissar mit Ess- und Eheproblemen, ein Team aus verschiedensten Charakteren und Temperamenten, vor allem aber: die Sozialkritik. In den Sechzigern und Siebzigern noch galt Schweden als der paradiesische Hort aller Menschenrechte und -gerechtigkeiten. Da tat es gut, eine andere, kritische Stimme zu h\u00f6ren, die das Unmenschliche der Situation heraus arbeitete und darlegte, wie die einstige Vision von der besten aller Welten degenerierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Strickmuster \u00e4hneln sich frappant: Ein Mord geschieht (oder auch gleich neun auf einmal wie in Sj\u00f6wall\/Wall\u00f6\u00f6s &#8222;Endstation f\u00fcr neun&#8220;), R\u00e4tselberge t\u00fcrmen sich auf und werden allm\u00e4hlich abgetragen. Was Mankell von seinem Vorg\u00e4ngerduo indes unterscheidet: Brauchten die gerade einmal 200 Seiten zur Kl\u00e4rung des Falles, k\u00f6nnen es bei ihm auch schon mal leicht \u00fcber 500 werden. Das funktioniert dort, wo es die Story hergibt, in der &#8222;F\u00fcnften Frau&#8220; etwa oder, mit leichten Abstrichen, in &#8222;Die falsche F\u00e4hrte&#8220;. Andere Romane, vor allem &#8222;Der Mann der l\u00e4chelte&#8220; oder &#8222;M\u00f6rder ohne Gesicht&#8220;, sind, obgleich nicht ganz so umfangreich, im Grunde nur aufgeblasene Gebilde aus Versatzst\u00fccken, wo man bei der L\u00f6sung auch Kommissar Zufall oder Kommissar Brechstange bem\u00fchen mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie alle Serienkrimis setzen die Wallander-Romane nat\u00fcrlich auf die Kontinuit\u00e4t der Lebensl\u00e4ufe des Stammpersonals. Das war auch schon bei Martin Beck und seinen Kollegen so. Nachsichtig l\u00e4chelnd nahm der getreue Leser zur Kenntnis, dass Kollbergs Frau Gun hie\u00df und etwas von Sexualakrobatik verstand. Auch Becks Vorliebe f\u00fcr Schiffsmodelle mu\u00dfte man St\u00fccker drei\u00dfigmal zur Kenntnis nehmen &#8211; aber es waren nur kurze Erw\u00e4hnungen, sie st\u00f6rten nicht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders bei Wallander, der sich etwa f\u00fcnfmal pro Roman \u00fcber die hohen Preise f\u00fcr Wurstbrote \u00e4rgert, etwa zehnmal seinen Vater erw\u00e4hnt, der als Maler von Sonnenunterg\u00e4ngen und Auerh\u00e4hnen sein Geld verdiente, bis ihn der Tod dahin raffte, etwa zwanzig Mal gar begegnen wir dem inzwischen auch schon toten Kollegen Rydberg und \u00fcberlegen uns mit Wallander, was der wohl in dieser Situation gemacht h\u00e4tte. Und so weiter. Das nervt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlimmer noch: Es gibt keinen Roman Mankells, in dem der Held nicht etwa Entscheidendes \u00fcbersieht, nicht wei\u00df, WAS er \u00fcbersehen hat, aber wei\u00df, DASS er etwas \u00fcbersehen hat. Und sich wenigstens zehnmal im weiteren Verlauf erinnert, irgendwann etwas Entscheidendes \u00fcbersehen zu haben, aber nicht zu wissen was. Das nervt ganz arg.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei allen d\u00e9j\u00e0 vu (oder besser: d\u00e9j\u00e0 lu)-Momenten, die der Kenner und Liebhaber der zehn Beck-Romane bei der Lekt\u00fcre der Mankell-B\u00fccher hat, vermi\u00dft er aber eins: den Humor von Sj\u00f6wall\/Wall\u00f6\u00f6. Der wird von Roman zu Roman skurriler und erreicht gelegentlich Slapstickniveau. Manchmal basiert sogar die komplette Handlung (vor allem bei &#8222;Verschlossen und verriegelt&#8220;) auf einem gigantischen Witz, dessen Pointe am Ende offengelegt wird. Nichts von alledem bei Mankell. Die Welt ist trostlos, aber scheinbar noch nicht trostlos genug, um sich dar\u00fcber lustig machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fassen wir zusammen: Mankells Romane \u00fcbernehmen viel &#8211; nicht selten zu viel &#8211; von Sj\u00f6wall\/Wall\u00f6\u00f6 und fallen h\u00e4ufig hinter den Standard der Originale zur\u00fcck. Sj\u00f6wall\/Wall\u00f6\u00f6 sind schneller, pr\u00e4ziser, weniger redundant. Sie verm\u00f6gen es, interessante Charakterstudien zu zeichnen, besonders von den anderen Mitarbeitern des Kriminalteams, w\u00e4hrend diese bei Mankell seltsam blass bleiben. Letzterer hat seine st\u00e4rksten Momente immer dann, wenn er nach den Motiven f\u00fcr eine Tat sucht. Dies allein macht aus &#8222;Die f\u00fcnfte Frau&#8220; und &#8222;Die falsche F\u00e4hrte&#8220; lesenswerte Romane. Wo dies indes versagt, bleibt am Ende nur hei\u00dfe Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, Freunde: So ihr die Romane von Sj\u00f6wall\/Wall\u00f6\u00f6 nicht kennt: Lest sie. Es gibt sie wohlfeil in jeder Buchhandlung. Empfehlenswert sind au\u00dfer den bereits genannten: &#8222;Mord am G\u00f6takanal&#8220;, &#8222;Die Polizistenm\u00f6rder&#8220; und &#8222;Terroristen&#8220;, wieder so ein gro\u00dfer Witz mit toller Pointe. Danach werdet ihr in der Lage sein, Mankell vern\u00fcnftig einzuordnen: Kein \u00dcberautor, aber partiell nicht ohne Gewinn zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im 30j\u00e4hrigen Krieg kredenzte man den SCHWEDENTRUNK: eine Labsal, die dem, der sie genoss, nur selten mundete. Das Zwanzigste Jahrhundert am\u00fcsierte uns nur m\u00e4\u00dfig mit SCHWEDENR\u00c4TSELN und SCHWEDENPORNOS und, schon etwas kurzweiliger, SCHWEDENPOP. Als hartn\u00e4ckigster von all diesen SCHWEDENHAPPEN indes erwies sich der SCHWEDENKRIMI. 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