{"id":41020,"date":"2025-01-27T00:33:32","date_gmt":"2025-01-26T23:33:32","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=41020"},"modified":"2025-01-27T05:04:42","modified_gmt":"2025-01-27T04:04:42","slug":"druckbetankung-aus-der-hoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2025\/01\/druckbetankung-aus-der-hoelle\/","title":{"rendered":"Druckbetankung aus der H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Besuch in der Gedenkst\u00e4tte Auschwitz-Birkenau. <br \/>Ein Erlebnisbericht.<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Donnerstag, 5. September 2024<\/em><br \/>Der Bus nach Auschwitz f\u00e4hrt um 11.15 Uhr. Die Busgesellschaft bittet eindringlich, schon um 11 Uhr vor Ort zu sein. Ich habe mir 10.15 Uhr als Ziel gesetzt. Denn ich kenne mich am Busbahnhof in Krakau nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Busbahnhof liegt unmittelbar neben Krakow Glowny, dem Hauptbahnhof der s\u00fcdpolnischen Stadt. Wer zu den Z\u00fcgen und Bussen will, muss eigenartigerweise durch ein Einkaufszentrum hindurch. Doch die Wege in der Shopping Mall sind gut ausgeschildert und ich bin um 10.20 Uhr da. Noch Zeit f\u00fcr einen Milchkaffee, den ich in einer B\u00e4ckerei direkt neben den Bus-Parkbuchten trinke. Eine gro\u00dfe, dunkle, stickige Halle auf der unteren Ebene des Geb\u00e4udekomplexes \u2013 das ist der Ort, von dem aus ich zum gr\u00f6\u00dften Konzentrations- und Vernichtungslager der deutschen Nationalsozialisten starte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Bus ist proppenvoll, einige Fahrg\u00e4ste m\u00fcssen stehen. Neben mir sitzt ein spanisch sprechender junger Mann, der sich auf seinem Handy Youtube-Videos mit spanischer Livemusik anschaut. Laut. Es wird gesungen, getanzt und gelacht. F\u00e4ngt ja gut an, denke ich. Aber nicht nur mein Nachbar mag Musik: Der Busfahrer hat einen polnischen Radiosender eingestellt und beschallt die Fahrg\u00e4ste mit Popsongs. Die Fahrt nach Oswiecim \u2013 die Stadt, die auf Deutsch Auschwitz hei\u00dft &#8211; soll 80 Minuten dauern. Nach 85 Minuten, genau in dem Moment, als wir das Ortsschild erreichen, spielt der polnische Radiosender \u201e99 Luftballons\u201c von Nena. Die deutsche Version, nicht die englische. Sekunden sp\u00e4ter fahren wir in einen Kreisverkehr \u2013 dort steht eine gro\u00dfe Plakatwand, die Spiele des \u00f6rtlichen Eishockeyklubs ank\u00fcndigt. In zwei Tagen treten die Eisb\u00e4ren Berlin in Oswiecim an. Danach Red Bull Salzburg und dann die Straubing Ice Tigers. Meine erste Reaktion: ich erschrecke. 99 Luftballons, die Eisb\u00e4ren Berlin \u2013 so viel Deutsches in Oswiecim. Ist das gut? Ist das angemessen?<\/p>\n\n\n\n<p>Sei nicht albern, sage ich mir eine halbe Minute sp\u00e4ter. Hier ist der Ort eines der gr\u00f6\u00dften Verbrechen der Menschheitsgeschichte \u2013 aber das Leben muss doch weitergehen. Wenn die 20-j\u00e4hrigen Eishockeyspieler der Stadt sich f\u00fcr die europ\u00e4ische Liga qualifizieren, dann treten sie halt gegen ein Team aus Berlin an \u2013 so what? Trotzdem: Mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken. (Nachtrag: Ein paar Tage sp\u00e4ter lese ich, dass beim Spiel gegen die Eisb\u00e4ren die polnischen Fans ein Transparent mit der Aufschrift \u201eWelcome to the city of your biggest crimes\u201c enth\u00fcllt haben. Und ein schwarz-rot-goldenes Banner mit den Worten \u201eGerman death camps\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Oswiecim ist eine kleine Stadt, es dauert nicht lange und der Bus biegt neben einem Parkplatz ab und h\u00e4lt vor zwei flachen, grauen Funktionsgeb\u00e4uden. Wir sind da. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau. Von historischen Bauten, vom Lagergel\u00e4nde ist hier noch nichts zu sehen. Es ist 12.50 Uhr. Um 14.45 Uhr beginnt der dreieinhalbst\u00fcndige Rundgang durch die Lager Auschwitz und Birkenau, den ich online gebucht habe. Es ist eine Guided Tour auf Deutsch. M\u00f6glich ist auch, ohne gef\u00fchrten Rundgang aufs Gel\u00e4nde zu gehen. Das ist sogar kostenlos, aber ich habe mich f\u00fcr die Tour mit einer \u201eeducated person\u201c entschieden. Ich habe noch viel Zeit, was sich nicht vermeiden lie\u00df, weil sowohl die Busse als auch die Z\u00fcge von Krakau nicht so h\u00e4ufig fahren und ich einen so fr\u00fchen Bus nehmen musste, um nicht zu sp\u00e4t zu kommen. Was mach ich jetzt?<\/p>\n\n\n\n<p>Vorm Ticketschalter und vorm Eingang in die Gedenkst\u00e4tte erstrecken sich lange Schlangen. Frauen und M\u00e4nner mit schwarzen \u201eInfo\u201c-T-Shirts gehen zwischen den zahlreichen Besuchern auf und ab. Ich zeige einer jungen Frau mein Online-Ticket und frage, ob ich schon vor dem Start des Rundgangs reingehen darf. \u201ePlease go to the entrance at 14.15, with your ticket and your ID-card.\u201c Keine Chance, schon etwas fr\u00fcher aufs Gel\u00e4nde zu kommen? \u201eAt 14.15.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Restaurant der Gedenkst\u00e4tte esse ich einen Salat. Und kaufe eine Flasche Mineralwasser. Es sind 30 Grad, die Sonne brennt. Getr\u00e4nke sind beim Rundgang erlaubt (kein Alkohol), Essen mitnehmen ist nicht gestattet.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 14.10 Uhr gehe ich zum Eingang. Die Schlange ist k\u00fcrzer geworden, ich zeige mein Ticket und meinen Personalausweis. Dann durch die Sicherheitskontrolle. Wie am Flughafen wird meine Umh\u00e4ngetasche ger\u00f6ntgt und ich muss den Inhalt meiner Hosentaschen aufs Band legen. Trotzdem fiepe ich, als ich durch den Kontrollbogen gehe. \u201eDo you have a belt?\u201c, fragt mich die Security-Mitarbeiterin. \u201ePlease show it to me.\u201c Ich hebe mein Hemd an und zeige der Frau meinen Bauch. \u201eThank you. Please go to the information desk.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am information desk bekomme ich einen Sticker, den ich mir aufs Hemd kleben soll. \u201eMuseum Auschwitz-Birkenau\u201c steht drauf, au\u00dferdem \u201e14:45\u201c. Am oberen Rand des f\u00fcnf mal sechs Zentimeter gro\u00dfen gelben Aufklebers steht \u201eDEUTSCH\u201c. Ich pappe mir den Sticker auf die Brust und betrete die Wartehalle. Ein langgezogener wei\u00dfer Raum, silberne Sitzb\u00e4nke. An beiden Seiten jeweils ein Drehkreuz zum Betreten des Museumsgel\u00e4ndes. Einige Dutzend Menschen sind hier versammelt, ein Display informiert \u00fcber die n\u00e4chsten F\u00fchrungen. 14.15 \u2013 Polski, 14.15 \u2013 Italiano, 14.30 \u2013 English, 14.30 \u2013 Polski, 14.45 \u2013 Deutsch .. Es gibt auch F\u00fchrungen auf Russisch, Spanisch und Franz\u00f6sisch. Eine junge Frau betritt den Raum, sie h\u00e4lt ein Schild mit dem Wort \u201eItaliano\u201c hoch. Etwa zwei Dutzend Personen springen auf und versammeln sich um sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich auf eine freigewordene Bank und warte. Auf meinem Hemd klebt der gelbe Sticker. \u201eDEUTSCH\u201c. Ich f\u00fchle mich unwohl. Ich sehe Besucher mit \u201ePolski\u201c-Aufklebern und mit \u201eEnglish\u201c-Stickern. Die Aufkleber sind rot und schwarz, auch die italienische Gruppe hatte diese Farben. Ich blicke mich im Raum um \u2013 noch bin ich der Einzige mit einem gelben Abzeichen auf der Brust.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Warteraum f\u00fcllt sich stetig. Ich betrachte jede einzelne Besucherin und jeden Besucher. Tr\u00e4gt sie oder er einen Sticker? Ist er gelb? Ich suche nach den Aufklebern \u2013 in der Hoffnung, Menschen zu finden, f\u00fcr die ich mich sp\u00e4ter beim Rundgang nicht sch\u00e4men muss \u2026 Was ist los mit dir?, denke ich, du musst dich f\u00fcr niemanden sch\u00e4men, jeder ist f\u00fcr sich selbst verantwortlich. Dass mir beim Besuch in Auschwitz solche Gedanken durch den Kopf gehen, habe ich nicht erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach werden es mehr Besucher, die einen gelben Sticker an ihrer Kleidung tragen, ich sch\u00e4tze, es sind etwa 25. Und pl\u00f6tzlich steht eine modisch gekleidete Frau im Raum, 40 bis 45 Jahre alt, in der Hand das \u201eDeutsch\u201c-Schild. Die gelben Aufkleber versammeln sich um sie, wir scannen unsere Tickets, dann stehen wir vor einem Schalter, wo wir Kopfh\u00f6rer und Funkempfangsger\u00e4te erhalten. Unser Tour Guide, sie hei\u00dft Weronika, h\u00e4lt sich ein Mikrofon vor den Mund und sagt \u201ewir arbeiten hier mit Technik\u201c. Sie hat einen starken Akzent, ich muss mich konzentrieren, sie zu verstehen. Wenn sie \u201eso viel wie m\u00f6glich\u201c meint, sagt sie \u201ewo es m\u00f6glich war\u201c. Ich bin dankbar f\u00fcr dieses kleine St\u00fcck mangelnder Perfektion. Weronikas Tonfall und auch ihr Blick sind streng. Sie ist stark geschminkt. Gezupfte Augenbrauen, k\u00fcnstliche Fingern\u00e4gel (an jeder Hand zwei blaue und drei rote). Ihr wei\u00dfes Strickoberteil l\u00e4sst die Schulten frei, rechte Schulter und Oberarm sind kunstvoll t\u00e4towiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen den Raum, gehen nach drau\u00dfen. Um direkt wieder in ein Geb\u00e4ude einzutreten \u2013 einen Kinosaal, in dem wir einen siebenmin\u00fctigen Einstimmungsfilm sehen. Wir werden darauf hingewiesen, dass wir grausame Dinge h\u00f6ren und mit schwer Ertr\u00e4glichem konfrontiert werden. Dass all dies aber notwendig sei, um die Geschichte dieses Ortes nicht zu vergessen. Ist das n\u00f6tig?, frage ich mich. Sollte nicht jeder, der hier ist, wissen, was er tut?<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht wieder hinaus. Pl\u00f6tzlich wird mir klar, dass ich vor mir die ersten Originalgeb\u00e4ude des Lagers Auschwitz sehe. Rote Backsteingeb\u00e4ude, kleiner als erwartet. Dazu Stacheldraht, an der Ecke ein Wachturm. Die Erkenntnis l\u00e4sst mein Herz schneller schlagen. Ich w\u00fcrde gern stehen bleiben, den Moment auf mich wirken lassen \u2013 aber Weronika schl\u00e4gt sowohl beim Gehen als auch beim Sprechen ein derma\u00dfen hohes Tempo an, dass ich mich nicht traue, l\u00e4nger als ein paar Sekunden anzuhalten. Ich bin eh schon einer der Letzten unserer Gruppe, abgeh\u00e4ngt werden will ich nicht. Zeit f\u00fcr ein Foto? Ich z\u00fccke mein Handy, halte es in die Luft, tippe \u2013 und weiter. Ich muss viel schneller gehen, sonst kann ich Weronika und meiner gelben Aufkleberschar nicht folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir biegen nach rechts ab \u2013 und da ist es. Das Lagereingangstor. \u201eArbeit macht frei\u201c. Auch Schriftzug und Tor sind kleiner als von mir erwartet. Wieder ist mein Impuls, innezuhalten \u2013 und Weronika gibt uns ein paar Sekunden. Allerdings folgt hinter uns schon die n\u00e4chste Besuchergruppe. Und noch eine. Und vor uns sind weitere Rundg\u00e4nge unterwegs, sie n\u00e4hern sich von vorn und von den Seiten. Ich muss nicht nur aufpassen, den Anschluss an meine Gruppe nicht zu verlieren \u2013 ich muss auch darauf achten, anderen Besuchern nicht vor die F\u00fc\u00dfe zu laufen. Und gleichzeitig Weronikas nicht endenden Schilderungen lauschen und verstehen, was sie mir erz\u00e4hlt. Ich f\u00fchle mich \u00fcberfordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen an den roten Klinkerbauten vorbei, Block 6, Block 7, Block 10. Ich versuche die Systematik des Rundgangs zu verstehen, aber es gelingt mir nicht. Weronika spricht ohne Pause, die Besuchermassen lenken mich ab. Wir erreichen den Appellplatz \u2013 den Ort, an dem die Lagerinsassen morgens und abends Aufstellung nehmen und sich z\u00e4hlen lassen mussten. Zum Teil dauerte die Prozedur stundenlang. Den Nazis ging es darum, den \u00dcberblick zu behalten, wie viele Menschen im Lager leben, wie viele gestorben sind, erkl\u00e4rt Weronika. Hat sie gerade gesagt, dass manchmal auch Leichen zum Appellplatz gebracht wurden, um sie zu z\u00e4hlen? Ich habe es nicht verstanden und die anderen in meiner Gruppe fragen geht nicht \u2013 die Kopfh\u00f6rer verhindern die Kommunikation. \u201eWir gehen weiter.\u201c Weronika ist drauf bedacht, den Zeitplan einzuhalten. Was ich im Vorbeigehen noch lesen kann, ist die Erkl\u00e4rung f\u00fcr ein grotesk anmutendes Stehh\u00e4uschen am Rand des Appellplatzes, eine Art h\u00f6lzerne Telefonzelle &#8211; mit Scheiben, aber ohne Telefon. Hier durfte sich der diensthabende SS-Mann bei schlechtem Wetter zur\u00fcckziehen und hatte beim Appell trotzdem alle im Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir betreten eines der alten Geb\u00e4ude, das erste Mal. Wir sehen Ausstellungsst\u00fccke, Fotos, auch Zeichnungen von K\u00fcnstlern. Es geht um die Aufnahme im Lager, die ersten Stunden der Insassen. Ich wusste bereits vorher vieles \u00fcber Auschwitz, aber Weronika verbl\u00fcfft mich mit einem Fakt: Im Schnitt verbrachten die Lagerinsassen weniger Zeit im Lager, als unser heutiger Rundgang dauert, also weniger als dreieinhalb Stunden. Der Name KZ ist besch\u00f6nigend \u2013 Auschwitz-Birkenau war in erster Linie ein Vernichtungs-, kein Konzentrationslager. Im gesamten Lagerkomplex, der sp\u00e4ter au\u00dfer Birkenau noch weitere Au\u00dfenlager umfasste, kamen mindestens 1,1 Millionen Menschen ums Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>In den roten Klinkerbauten ist es eng. Wenn wir einen Raum betreten, treffen wir h\u00e4ufig auf eine andere Gruppe. Sind wir allein im Raum und halten uns l\u00e4nger als 30 Sekunden auf, kommt eine zweite Besuchergruppe dazu, manchmal auch eine dritte. Auf den Treppen schl\u00e4ngeln wir uns aneinander vorbei, auf den T\u00fcrschwellen gilt es Zusammenst\u00f6\u00dfe zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir betreten Block 4, wo in einzelnen R\u00e4umen das Fotografieren verboten ist. Hinter einer gro\u00dfen Glasscheibe lagert eine Tonne menschliches Haar. Bevor die ermordeten Lagerinsassen verbrannt wurden, lie\u00dfen ihnen die Nazis die Haare abschneiden, eine T\u00e4tigkeit, die das \u201eSonderkommando\u201c, eigens daf\u00fcr ausgew\u00e4hlte H\u00e4ftlinge, \u00fcbernehmen musste. Ein Raum weiter liegt ein Brillen-H\u00fcgel. Noch ersch\u00fctternder ist der Berg von Kinderschuhen \u2026 tausende Schuhe, alle Kindergr\u00f6\u00dfen, verschiedene Farben. \u201eUnd wir gehen weiter.\u201c Weronikas Stimme zwingt mich, den Blick von den Schuhen abzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Block 11 ist ein Geb\u00e4ude mit Haftzellen, ein Ort der Bestrafung und Folter. Stehzellen, in die die Opfer auf Knien hineinrutschen und sich dann aufrichten mussten \u2013 die Zellen sind so eng, dass nur Stehen m\u00f6glich ist. Eine ganze Nacht lang. Und am n\u00e4chsten Morgen mussten sie wieder zur Zwangsarbeit. Zwischen Block 11 und 10, nach vorn und hinten durch Mauern begrenzt, liegt der Exekutierplatz. Hier wurden Lagerinsassen erschossen, erh\u00e4ngt oder an ihren auf dem R\u00fccken zusammengebunden Handgelenken aufgeh\u00e4ngt. Die Holzpf\u00e4hle, auf halber H\u00f6he versehen mit einem dicken Metallring, stehen noch. An der hinteren Mauer sind Kr\u00e4nze niedergelegt und Kerzen aufgereiht. Unsere Gruppenleiterin gew\u00e4hrt uns eine Minute, dann wird der Rundgang fortgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe den Eindruck, die Zahl der Besucher auf dem Gel\u00e4nde wird immer gr\u00f6\u00dfer. Vor allem in den Geb\u00e4uden dr\u00e4ngen sich die Menschen. Schon beim Buchen des Rundgangs gab es auf der Webseite einen Hinweis, das Interesse an der Gedenkst\u00e4tte sei \u201e\u00fcberw\u00e4ltigend\u201c. Das verstehe ich. Dass bei der Planung der Rundg\u00e4nge die W\u00fcrde des Ortes offenbar nicht an erster Stelle steht, verstehe ich nicht.<br \/>Vorm letzten Geb\u00e4ude, das wir betreten, steht ein Galgen auf einem Podest. Fast beil\u00e4ufig sagt Weronika: \u201eDas ist der Galgen, an dem der Lagerkommandant Rudolf H\u00f6\u00df hingerichtet wurde. Ein polnisches Gericht hat ihn 1947 zum Tod durch den Strang verurteilt.\u201c In Sichtweite des Galgens, aber f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich, liegt das Haus, das H\u00f6\u00df mit seiner Familie bewohnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht ein paar Stufen hinab. Weil mich H\u00f6\u00df und der Galgen noch besch\u00e4ftigen, habe ich nicht verstanden, was wir jetzt sehen werden. Es ist die Gaskammer des Stammlagers Auschwitz. Ich erstarre. Dunkel, grauer Beton \u2026 sind dasStahltr\u00e4ger an der Decke? Weronika weist uns auf die \u00d6ffnungen in der Decke hin. \u201eDort haben die SS-M\u00e4nner das Zyklon B hineingeworfen.\u201c Direkt angrenzend stehen wir vor zwei Verbrennungs\u00f6fen, es ist das Krematorium. \u201eWir gehen weiter.\u201c Ich will mich noch nicht in Bewegung setzen, aber als ich merke, dass ich der Letzte in unserer Gruppe bin, nehme auch ich die Stufen nach oben ins Freie. Weronika und die Gruppe stehen im Kreis versammelt. \u201eHier endet der erste Teil des Rundgangs.\u201c Zwei Stunden sind vergangen. \u201eBitte geben Sie die Kopfh\u00f6rer ab und gehen Sie dann die Treppe dort hinten hoch. Dort finden Sie auch das Restaurant und Toiletten. In einer Viertelstunde treffen wir uns wieder. .. reicht eine Viertelstunde? Dann nehmen wir den Shuttlebus zum Lager Birkenau, dort setzen wir den Rundgang fort.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe unschl\u00fcssig in der glei\u00dfenden Sonne. Erst mal zur Toilette, vorsorglich. Am Automaten vorm Gedenkst\u00e4tteneingang will ich Wasser kaufen, aber ich scheitere. Die Flasche kommt nicht raus. \u201eYou have to press \u201ao.k.\u2018 after you have put your card in front of it\u201c, sagt die freundliche Frau, die nebenan den Snack-Automaten auff\u00fcllt. \u201eDziekuje\u201c, bedanke ich mich, ziehe die Wasserflasche raus und muss mich beeilen, auf die andere Stra\u00dfenseite zu kommen. Der Shuttlebus f\u00e4hrt gerade vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Brzezinka liegt etwa drei Kilometer entfernt, die Fahrt zum Lager Birkenau dauert sieben Minuten. W\u00e4hrend das eigentliche Stammlager Auschwitz im Juni 1940 von den Nazis in Betrieb genommen wurde, begannen die Transporte nach Birkenau erst 1942. Die Nazis errichteten es vor allem als Vernichtungslager, es wurde aber auch als Arbeitslager genutzt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-medium\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/02_Museum-Auschwitz-Birkenau_Einganggstor_KZ-Gelaende-Birkenau_-20240905_km.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"373\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/02_Museum-Auschwitz-Birkenau_Einganggstor_KZ-Gelaende-Birkenau_-20240905_km-500x373.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-41021\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/02_Museum-Auschwitz-Birkenau_Einganggstor_KZ-Gelaende-Birkenau_-20240905_km-500x373.jpg 500w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/02_Museum-Auschwitz-Birkenau_Einganggstor_KZ-Gelaende-Birkenau_-20240905_km-1200x896.jpg 1200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/02_Museum-Auschwitz-Birkenau_Einganggstor_KZ-Gelaende-Birkenau_-20240905_km-145x108.jpg 145w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/02_Museum-Auschwitz-Birkenau_Einganggstor_KZ-Gelaende-Birkenau_-20240905_km-1536x1146.jpg 1536w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/02_Museum-Auschwitz-Birkenau_Einganggstor_KZ-Gelaende-Birkenau_-20240905_km.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Als der Bus uns ausspuckt, stehen wir vor dem Eingangstor. Ein ikonischer Anblick. Ungez\u00e4hlte Zeitungsartikel und Film- und Fernsehdokumentationen verwenden das Bild dieses Geb\u00e4udes. Der Eingang zur \u201eFabrik des Todes\u201c. Urspr\u00fcnglich sahen die Pl\u00e4ne ein Lager f\u00fcr 200.000 Insassen vor, die Gesamtfl\u00e4che umfasste 140 Hektar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Lager Birkenau sind viele Besuchergruppen unterwegs. Aber durch die schiere Gr\u00f6\u00dfe des Gel\u00e4ndes wird der Rundgang anders als im Stammlager. Der Blick kann schweifen, wir stehen anderen Gruppen nicht mehr im Weg. Die Gefahr, mit Besuchern zusammenzusto\u00dfen, ist gering \u2013 und ich kann mich viel besser auf die Informationen, die Weronika uns vermittelt, einlassen. Sie spricht ohne Mikrofon, wir m\u00fcssen uns enger um sie versammeln, um sie zu verstehen. Ich bin erleichtert \u2013 hier ist es viel besser m\u00f6glich, dem Ort gerecht zu werden. Auch Weronikas \u201eUnd wir gehen weiter\u201c klingt hier anders, weniger dr\u00e4ngend.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen einen Kiesweg zwischen Gleisen entlang. Die Judenrampe. Hier trafen die Z\u00fcge ein, die Menschen \u2013 sofern sie die Fahrt \u00fcberlebt hatten \u2013 stiegen aus und wurden selektiert. SS-\u00c4rzte entschieden, wer leben darf (zumindest vorerst) und wer sofort in die Gaskammer muss. Die Judenrampe liegt im vorderen Teil des Lagers Birkenau, wo noch viele Geb\u00e4ude erhalten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Funktionsbauten, aber vor allem Wohnbaracken. Im hinteren Teil stehen nur noch Ruinen \u2013 dort war das Vernichtungslager mit Gaskammern und Krematorien. Im Herbst 1944 begannen die Nazis ihren R\u00fcckzug Richtung Westen und sprengten die Geb\u00e4ude \u2013 es sollten keine Beweise zur\u00fcckbleiben.<br \/>Von einer der Gaskammern sind noch Steine und Ger\u00f6ll \u00fcbrig, die Struktur der Anlage mit den vorgelagerten R\u00e4umen, wo sich die Menschen ausziehen mussten, bevor sie die angeblichen Duschr\u00e4ume betraten, ist noch zu erahnen. Komplett erhalten sind die Stufen, die hinab zum Tod f\u00fchrten. Weronika erz\u00e4hlt von der Menge an Asche in den Krematorien \u2013 und dass wir uns klarmachen sollen, dass wir auf einem riesigen Friedhof stehen. Denn auch wenn die Nazis versuchten, die Asche der Menschen abzutransportieren und als D\u00fcnger oder beim Bauen zu verwenden, es blieb immer noch sehr viel \u00fcbrig. Gro\u00dfe Gruben wurden ausgehoben und bef\u00fcllt. An einer davon erinnert ein Gedenkstein an die ungez\u00e4hlten Opfer, auf deren \u00dcberresten wir hier stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Besichtigung einer Wohnbaracke endet der Rundgang im Lager Auschwitz-Birkenau. Wie sie es schon den ganzen Nachmittag tat, w\u00e4hlt Weronika auch jetzt drastische Worte, schildert viele Einzelheiten. \u201eViele Lagerinsassen hatten Durchfall. Sie bekamen oft verdorbene Lebensmittel, es gab Krankheiten. Zur Latrine zu gehen war nur morgens und abends erlaubt. Und wenn die Lagerinsassen beim Z\u00e4hlappell vor der Baracke standen und die Schei\u00dfe am Bein herablief, wurden sie sofort bestraft. Geschlagen, gefoltert, manchmal auch get\u00f6tet.\u201c Mit einem Zitat eines Lager\u00fcberlebenden beendet Weronika den Rundgang. Nie solle man aufh\u00f6ren, die Geschichte dieses Ortes zu erz\u00e4hlen. Damit sich nie wiederhole, was hier geschah.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Gruppe l\u00f6st sich auf. Wir gehen einzeln zur\u00fcck zum Shuttlebus, der uns wieder zum Stammlager bringt, dem Start unserer Guided Tour. Mir ist nicht nach Reden zumute. Noch bevor ich in den Bus steige, entferne ich den Aufkleber von meinem Hemd. \u201eDEUTSCH\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rundgang dauerte l\u00e4nger als die angek\u00fcndigten dreieinhalb Stunden, aber ich bin noch im Zeitplan. Vorm Haupteingang der Gedenkst\u00e4tte f\u00e4hrt mein Bus zur\u00fcck nach Krakau, 20 Minuten vor der Abfahrt treffe ich dort ein. Es ist kurz vor 19 Uhr. Noch immer sind etliche Besucher hier unterwegs, aber es sind deutlich weniger als am Nachmittag. Ich steige ein, der Bus ist nicht mal halbvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Fakten, die ich bislang nicht kannte, habe ich nur wenige erfahren. Aber deshalb bin ich nicht nach Oswiecim gefahren. Warum dann? Um einmal dort zu stehen, wo es geschah. Um zu sp\u00fcren, wie sich die H\u00f6lle anf\u00fchlt. Die Gaskammer, die Judenrampe. Die kleine Gef\u00e4ngniszelle im Keller von Block 11, die nur einem Zweck diente &#8211; einen Menschen so lange einzusperren, bis er verhungert war.<br \/>Meine Erwartungen haben sich best\u00e4tigt: Zu lesen und zu h\u00f6ren, was passierte, ist das Eine. Aber das ist nicht vergleichbar mit den Empfindungen, die meine Anwesenheit am Ort des Geschehens ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle mir vor, wie es w\u00e4re, jeden Menschen einmal in seinem Leben nach Auschwitz zu bringen. Ihn drei Stunden lang \u00fcber das Lagergel\u00e4nde zu f\u00fchren. Damit alle, die es nicht sind, vern\u00fcnftig werden. Damit sie aufh\u00f6ren zu hassen. Ganz abgesehen vom praktischen Problem \u2013 k\u00f6nnte das funktionieren?<br \/>Drau\u00dfen, hinter den Scheiben, ist es dunkel geworden. Der Bus rollt gem\u00e4chlich nach Krakau. Ich freue mich auf die Menschen dort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besuch in der Gedenkst\u00e4tte Auschwitz-Birkenau. Ein Erlebnisbericht. Donnerstag, 5. September 2024Der Bus nach Auschwitz f\u00e4hrt um 11.15 Uhr. Die Busgesellschaft bittet eindringlich, schon um 11 Uhr vor Ort zu sein. Ich habe mir 10.15 Uhr als Ziel gesetzt. Denn ich kenne mich am Busbahnhof in Krakau nicht aus. 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