{"id":9783,"date":"1998-01-31T11:11:00","date_gmt":"1998-01-31T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=9783"},"modified":"2022-06-06T01:21:48","modified_gmt":"2022-06-05T23:21:48","slug":"der-verlierer-in-uns-allen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/01\/der-verlierer-in-uns-allen\/","title":{"rendered":"Der Verlierer in uns allen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Abhandlung \u00fcber das Ph\u00e4nomen Dilbert<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/19980205094552im_\/http:\/\/www.hinternet.de\/comic\/cover\/dilbert2.gif\" alt=\"Dilbert bei der Arbeit\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Dilbert ist ein moderner Held. Ein Mann mit edlen Qualit\u00e4ten, der im Kampf gegen das \u00dcbel dieser Welt das wertvollste Gut eines Menschen aufs Spiel setzt: seine Karriere. Unerm\u00fcdlich k\u00e4mpft er tagt\u00e4glich gegen fiese Kollegen, unf\u00e4hige Vorgesetzte und den inneren Schweinehund. Das er den ungleichen Kampf langfristig verliert, kann ihn nicht abschrecken. Der untersetzte Ingenieur mit dem wei\u00dfen Kurzarm-Hemd, der widerspenstigen gestreiften Krawatte und den stilsicheren wei\u00dfen Socken ist in den USA l\u00e4ngst zu einer Kultfigur geworden. Der Versager, der regelm\u00e4\u00dfig feststellen mu\u00df, da\u00df Intelligenz nur sehr wenig praktische Verwendung findet, hat in der Realit\u00e4t einen Erfolg, von dem der Comic-Held in seiner zweidimensionalen Welt nur tr\u00e4umen kann: Er wurde vom US-amerikanischen Time Magazine zu einem der 25 einflu\u00dfreichsten Amerikaner gek\u00fcrt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Scott Adams hei\u00dft der Mann, der nach 17 Jahren in einem Gro\u00dfraumb\u00fcro auf die Idee kam, seine eigenen frustrierenden Erfahrungen in einem Comic umzusetzen. Offensichtlich traf er damit den Nerv aller Amerikaner mit einem White-Collar-Job. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit wurde Dilbert zum meistausgeschnittenen, meistkopierten und meistgefaxten Comic Strip aller Zeiten. Dilbert hat einen schleichenden Einflu\u00df auf die nordamerikanische Arbeitswelt genommen. Ein Manager, dem es gelungen ist, eine Entscheidung unter totaler Ausschaltung von Logik und Realit\u00e4t zu treffen, darf sich r\u00fchmen, einen &#8222;Dilbert&#8220; begangen zu haben. Ebenfalls ein Novum auf dem Gebiet des Comic Strips ist die zielgruppengerechte Vermarktung des Strips. Der vom Dilbert-Virus befallene Websurfer kann sich aus dem Internet (http:\/\/www.dilbert.com) jeden neuen Strip herunterladen, kleine vertonte 3D-Animationen als Dilbert-Trickfilme anschauen oder sich sogar Ratschl\u00e4ge vom Management-Guru Dogbert, dem Hund Dilberts, geben lassen. Doch auch der Zeichner hat sich den Zeitl\u00e4uften gebeugt. Unter ScottAdams@aol.com kann die Fangemeinde jederzeit Kommentare oder Anregungen loswerden. Und diese macht reichlich Gebrauch von dieser M\u00f6glichkeit. Zwischen 300 und 800 E-mails, die der Zeichner t\u00e4glich erh\u00e4lt, zeigen deutlich, da\u00df der allt\u00e4gliche Wahnsinn der Fiktion keineswegs nachsteht, sondern diese eher \u00fcberfl\u00fcgelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tut dem Erfolg der seit 1993 erscheinenden Dilbert-B\u00fccher allerdings keinen Abbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die verschiedenen Sammlungen von Scott-Adams-Strips, wie z.B. das Erstlingswerk &#8222;Build A Better Life By Stealing Office Supplies&#8220; (dtsch: Besser leben durch B\u00fcrodiebst\u00e4hle, Heyne 1997), wurden innerhalb k\u00fcrzester Zeit in den USA zu Bestsellern. Der 22. Mai 1995 sollte schlie\u00dflich als ein Meilenstein in die Geschichte moderner Managementlehren eingehen. Das &#8222;Wall Street Journal&#8220; ver\u00f6ffentlichte einen Artikel, in welchem Scott Adams sein Dilbert-Prinzip formulierte: Die Unf\u00e4higen werden dorthin versetzt, wo sie am wenigsten Schaden anrichten k\u00f6nnen; sie werden ins Management bef\u00f6rdert. Die gewaltige Reaktion brachte Adams schlie\u00dflich dazu, sein erstes Buch zu schreiben: &#8222;The Dilbert Principle&#8220; (dtsch: Das Dilbert Prinzip, Moderne Industrie 1997). Auf Anhieb verkauften sich in den USA \u00fcber 1,5 Millionen Exemplare. Ermutigt durch diesen Erfolg brachte Adams noch im gleichen Jahr &#8222;Dogbert&#8217;s Top Secret Management Handbook&#8220; (dtsch: Dogberts top secret Management-Handbuch, Moderne Industrie 1997) heraus &#8211; wiederum ein Bestseller. Der Nachfolger &#8222;The Dilbert Future&#8220; sowie das Best-Of-Buch &#8222;Seven Years of Highly Defective People&#8220; sind leider noch nicht in deutscher Sprache erh\u00e4ltlich; angesichts der Erfolge ihrer Vorg\u00e4nger kann das allerdings nur eine Frage der Zeit sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Besser leben durch B\u00fcrodiebst\u00e4hle<\/h3>\n\n\n\n<p>Das 1991 in den USA erschienene &#8222;Build A Better Life By Stealing Office Supplies&#8220; war das erste Buch mit Comic Strips von Scott Adams. Der Hund Dogbert, der in der Welt von Dilbert mit bemerkenswertem Erfolg abwechselnd jeden Beruf aus\u00fcbt, der mit einem Minimum an Arbeit ein Maximum an finanziellem Gewinn verspricht, gibt in diesem Buch Tips f\u00fcr den B\u00fcroalltag. Um den durchschnittlichen B\u00fcroangestellten nicht intellektuell zu \u00fcberfordern, geschieht dies in der Form von einseitigen Comic Strips, denen jeweils ein kurzer einleitender Text von Dogbert vorangestellt ist. Die \u00fcber 100 vergn\u00fcglichen Strips umfassen so ziemlich alle Themengebiete \u00fcber das richtige Verhalten im B\u00fcro: von &#8222;Dress for Success&#8220; \u00fcber &#8222;Ausreden, Bluffs und L\u00fcgen&#8220; bis zu &#8222;Dogberts Tips&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zum Taschengeldpreis erh\u00e4ltliche Buch, da\u00df sich selbst der unterbezahlteste Angestellte leisten kann und sollte, ist ein idealer Einstieg in die Welt von Dilbert und Dogbert. Au\u00dferdem ist es geradezu pr\u00e4destiniert dazu, in seine Bestandteile zerlegt zu werden, um als Scan- und Faxvorlage sowie zur Versch\u00f6nerung von Gro\u00dfraumb\u00fcros zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Dilbert Prinzip<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das aufgrund der Resonanz auf den im Wall Street Journal vom 22. Mai 1995 erschienenen Artikel entstandenene Buch f\u00fchrt die Tradition von &#8222;Besser leben durch B\u00fcrodiebst\u00e4hle&#8220; konsequent fort. Auch dieses Buch enth\u00e4lt wertvolle Tips f\u00fcr den Angestellten. Diese werden dem Leser allerdings diesmal in Textform nahegebracht und mit den besten Strips aus der Geschichte Dilberts sowie authentischen e-mails, die Scott Adams im Laufe der Jahre erhielt, gew\u00fcrzt. Auf Anhieb verkauften sich in den USA \u00fcber 1,5 Millionen Exemplare. Im M\u00e4rz 1997 versuchte der Verlag Moderne Industrie, diesen Erfolg nach Deutschland zu bringen. Das Experiment gelang. Innerhalb weniger Wochen st\u00fcrmte &#8222;Das Dilbert Prinzip&#8220; die Wirtschaftsbestsellerlisten. Insgesamt wurden mittlerweile 50.000 Exemplare verkauft. Dies ist nicht nur dem Kultstatus des Originals geschuldet, vielmehr ist Markus Schurr und Wolfram Str\u00f6hle eine \u00dcbersetzung gelungen, die trotz der thematisch bedingten Schwierigkeiten zu \u00fcberzeugen wei\u00df. Einzig das Lettering ist stark gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Der seltsame Zeichensatz, der wohl ein Handlettering vort\u00e4uschen soll, l\u00e4\u00dft sich insbesondere in den aus vier Panels bestehenden Strips stellenweise nur sehr schwer lesen, da die Buchstabenh\u00f6he hier nur 1 mm betr\u00e4gt. Der wahre Wermutstropfen sind jedoch die im Gegensatz zur aktuellen amerikanischen Originalausgabe fehlenden Strips. Doch dies kann dem Lesespa\u00df keinen Abbruch tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Adams hat mit dem &#8222;Dilbert Prinzip&#8220; ein Meisterwerk vorgelegt &#8211; ein unverzichtbares Handbuch f\u00fcr jeden erfahrenen Guerilla im B\u00fcro-Dschungel und jeden Studenten, der fernab der Realit\u00e4t im H\u00f6rsaal von einer Karriere tr\u00e4umt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Dogberts top secret Management-Handbuch<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Noch im selben Jahr wie &#8222;Das Dilbert Prinzip&#8220; erschien das ultimative Management-Handbuch aus der Feder Dogberts. Der kleine wei\u00dfe Hund mit der runden Brille, der sich bescheiden das Ziel der Weltherrschaft auf die Fahnen geschrieben hat, gibt dem gestre\u00dften Manager wertvolle Tips f\u00fcr das berufliche \u00dcberleben. Wie in &#8222;Besser leben durch B\u00fcrodiebst\u00e4hle&#8220; bedient sich der zynische Hund eines besonderen Kunstgriffs, um der Zielgruppe seine Lehren begreiflich zu machen. Da der gemeine Manager selbst mit simplen Cartoons \u00fcberfordert w\u00e4re, benutzt Dogbert den Imperativ, um dem Leser seine Management-Theorien einzubleuen und fordert ganz einfach blinden Gehorsam. Denn dieser ist &#8222;entschieden leichter als s\u00e4mtliche Alternativen und \u00e4ndert nichts an der Bezahlung&#8220;. In derben Worten (die von Uta Steffens-McKechneay bemerkenswert unverkrampft \u00fcbersetzt wurden), h\u00e4mmert Dogbert nun allen Managern und Manager-Aspiranten die wichtigsten Regeln f\u00fcr beruflichen Erfolg ein. Ziel des Buches ist es, eine neue Art zu z\u00fcchten: den Management-Zombie. Selbstverst\u00e4ndlich werden die Ausf\u00fchrungen Dogberts wiederum von Unmengen der besten Dilbert-Strips visuell unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Herausgekommen ist ein Standardwerk f\u00fcr modernes Management, das in keinem B\u00fccherschrank, dessen Besitzer einen White-Collar-Job aus\u00fcbt, fehlen darf. Selbst namhafte Management-Experten, wie beispielsweise der Reengineering-Guru Michael Hammer empfehlen das Buch als gelungene Satire. Das scheinen auch die deutschen Leser zu glauben: Das Buch verkaufte sich hierzulande immerhin schon 13.000 mal. Dogbert ist seinem Ziel offensichtlich zum Greifen nahe gekommen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Mysterium der verschwundenen Dilbert-Strips<\/h3>\n\n\n\n<p>Beim Lesen der deutschen Ausgabe des &#8222;Dilbert Prinzips&#8220; f\u00e4llt dem aufmerksamen oder auch einfach nur mit einem photographischen Ged\u00e4chtnis ausgestatteten Leser auf, da\u00df mehrere Strips im Buch doppelt vorkommen. Interessanterweise sind diese Strips nicht nur unterschiedlich gelettert, sondern teilweise sogar verschieden \u00fcbersetzt. Wer zu faul zum Suchen ist: die besagten Strips befinden sich auf den Seiten 52\/83, 98\/209, 64\/239, 272\/310 und 25\/311. F\u00fcr die Vollst\u00e4ndigkeit der Aufz\u00e4hlung kann allerdings keine Gew\u00e4hr \u00fcbernommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein das unterschiedliche Lettering lie\u00df Zweifel daran aufkommen, ob der Verlag Moderne Industrie hier dem Druckfehlerteufel zum Opfer gefallen war. Eine Anfrage an die in alt.comics.dilbert versammelte Fangemeinde, ob die Strips auch in der amerikanischen Version doppelt vorhanden w\u00e4ren, ergab eine \u00dcberraschung: Einige Fans antworteten, die Strips w\u00e4ren auch in der Ur-Version zweifach enthalten, andere Fans wiederum meinten, anstelle eines der doppelten Strips geh\u00f6re jeweils ein anderer Strip ins Buch. Und alle diese Fans besitzen die erste Auflage der amerikanischen Hardcover-Ausgabe! Schlie\u00dflich konnte nur noch eine Person helfen: Scott Adams pers\u00f6nlich. Seine Antwort auf die per e-mail gestellte Frage, wie das R\u00e4tsel der unterschiedlichen Ausgaben zu l\u00f6sen sei, war kurz und knapp: &#8222;The publisher replaced the duplicate strips when they were noticed.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gute Nachricht f\u00fcr alle Fans, die eine der allerersten amerikanischen Hardcover-Ausgaben mit den doppelten Strips besitzen. Diese B\u00fccher d\u00fcrften jetzt immerhin f\u00fcr Dilbert-Fans und Sammler einen gewissen Nostalgiewert haben. Schwacher Trost f\u00fcr alle deutschen Dilbert-Fans: Der Verlag Moderne Industrie wird versuchen, die n\u00e4chsten Auflagen des &#8222;Dilbert Prinzip&#8220; der aktuellen amerikanischen Auflage anzupassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Abhandlung \u00fcber das Ph\u00e4nomen Dilbert Dilbert ist ein moderner Held. Ein Mann mit edlen Qualit\u00e4ten, der im Kampf gegen das \u00dcbel dieser Welt das wertvollste Gut eines Menschen aufs Spiel setzt: seine Karriere. Unerm\u00fcdlich k\u00e4mpft er tagt\u00e4glich gegen fiese Kollegen, unf\u00e4hige Vorgesetzte und den inneren Schweinehund. 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