Singlekritiken

März/April 99

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Faithless feat. Sabrina Setlur

Bring my familiy back

(Intercord)

Die Kombination von Faithless und Sabrina Setlur provoziert zwangsläufig Polemik, denn krasser kann man Qualität und Müll kaum zusammenbringen. Wie unvorsichtig von Frau Setlur, ausgerechnet mit der wohlklingendsten, voluminösesten und charismatischsten Stimme des Rap eine gemeinsame Scheibe zu besingen, denn gerade auf engstem akustischem Raum mit Hohepriester Maxi Jazz, auch genannt GOD (Grand oral disseminator), wird offenbar, wie dünn, blechern und gekünstelt ihre pseudomäßig hingerotzte Ich-bin-ein-Kind-der-Straße-Attitüde mit den unschönen hessischen Artikulationsschwächen klingt.

Und dann noch diese deutsche Übersetzung, die sich zwar eng an die Vorlage anlehnt, aber statt relaxt nur verkrampft klingt. So spinnt man Poesie zu Scheiße: Alchimie, die nur so flutscht. Aber was reg ich mich auf? Es sind einfach zwei verschiedene Paar Schuhe: wer Faithless hören will, kauft nicht Sabrina Setlur!

Daß diese unheilige Allianz auf die Initiative von Faithless-Hirn Rollo zurückgeht, ehrt vielleicht Sabrina Setlur, machts aber nicht besser. (Die Zusammenarbeit ist Teil eines Faithless-Remix-Albums mit diversen europäischen Kollegen. Auf Sabrina Setlur wurde man übrigens am Rande des "Start ins Wildall"-Festivals des frischfusionierten SWR3 in Baden Baden aufmerksam.) Kleiner Trost: die Frau singt nur die letzte von drei Strophen und ist nur auf zwei Fünfteln der CD überhaupt zu hören!

Take 2 bringt nämlich das Setlur-freie Original des Songs, ausgekoppelt vom zweiten Faithless-Album "Sunday 8pm". Warum nicht gleich so? (Die Longplay-Fassung wurde leicht modifiziert und geglättet, behält aber den luftigen Laid-Back-Swing bei.) Der Remix von SNA mischt die Puzzle-Teile neu (inklusive der Setlur-Lyrics), nimmt die Instrumental-Ebene aufs Spartanischste zurück und setzt soulige Harmonie-Vocals ein. Der zehnminütige Club Mix made by Paul van Dyk enthält die obligatorischen hibbeligen Beats, eingefügte Live-Atmo, Höhen-rein-Höhen-raus und all das. Und der "Boombastic Mix" von Jan Driver ist die Big Beat-Fassung mit kräftigen Tuschs, verzerrten Vocals und Acid-Gekreische.

(Katja Preissner)

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Idlewild

When I Argue I See Shapes

(FOOD/ EMI/ Intercord)

Das Gitarrenintro hört sich fast identisch nach "Crash", einstiger Hit der leider verschiedenen Primitives an. Dann prescht man auch mit gleicher Dringlichkeit nach vorne und wenn der Sänger einsetzt, schaue ich aufs Cover: Ist das vielleicht ein Adorable-Nachfolger??? Nee, kann nicht sein, die Jungs sind ja gerade mal der Pubertät entwachsen. Verdammt coole Single für den Start. Ein Mischmasch von End-Achtziger, Anfang-Neunziger Poppunk der Marke Großbritannien. Die B-Seiten-Stücke machen dieser Bezeichnung nicht mal alle Ehre. "Palace Flophouse" ist lustloses Klaviergeklimper mit Gitarrengewichse aus Verzweiflung. "Chandalier" rettet das vorhergehende Stück auch nicht, die Lustlosigkeit setzt sich leider fort. Bleibt zu hoffen, daß sich der volle Album-Output am ersten Stück orientiert. In Ermanglung einer Single, gebe ich Euch eine 3+, setzen!

(Fred)

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The Soundtrack of our lives

Instant Repeater ´99"

Weiß der Himmel, warum sich die renommierte Musik-Journaille zu schade ist, "The Soundtrack of our lives" eines Rezensenten-Blicks zu würdigen! Geht das schmale Schweden-Budget schon für die Kenntnisnahme der Roxette-Reunion drauf? Oder liegt es daran, daß die sechs Skandinavier mit längst erprobten, nichtsdestotrotz probaten Zutaten und verdächtigem Stampf-Rhythmus für Laune sorgen? Zuviel 80er-Simplizität? Who cares?!

"Instant Repeater ´99" ist deftigster Schrammel-Rock mit eingängigen 60s-Hooks in erfrischendem Sound-Gewand: ein Hauch von Noise und so naß-forsch, daß man´s am liebsten auswringen möchte! Melodisch ist der Take eine moderate Pop-Nummer, aber trotz alternative-spröder Riffs zehnmal munterer als der larmoyante Grunge. Versprengte Streicher und ausgiebige Mmmhh-Vocals veredeln das Stück mit beatle-eskem Flair.

Der Hang zum psychedelischen bestätigt sich bei "Gran Canaria", unterm Strich aber mehr "Easy Rider" als "Flower Power": eine einfache Hookline mit der gewohnt-kräftigen Plugged-Basis, folkig-sitarmäßigem Gitarren-Gezupfe und einem herrlich pluckernden Synthie-Puls. Ich verwende mal ein Prädikat, zu dem ich wegen immanentem Lächerlicherkeits-Verdacht nur in wohlbegründeten Fällen greife: "unwiderstehlich"!

"Galaxy Gramophone" wiederum ist rasanter Noise-Rock mit bezauberndem Akustik-Umschlag am Ende. Gekauft! Bedauerlich einzig, daß die Plattenfirma der Rezensentin erst mit dem Waschzettel zum kompletten Album lange Zähne macht, dann aber nur die Single beilegt, die diese Enttäuschung auch nicht grad schmälert, da zu vielversprechend! Noch ist Gelegenheit zur Wiedergutmachung...!

(kp)

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Catatonia

Dead from the waist down

Im Leben eines jeden Musik-Fans kommt vermutlich einmal der Punkt, wo man das Gefühl hat, die Euphorie der Jugendzeit sei unwiderbringlich verloren. Das kann daran liegen, daß die vermeintliche Lieblings-Band nur noch lahmen Müll produziert oder allein bis dato nie-gehörte Standard-Werke aus den Sixties die Ohren noch zum Glühen bringen, während die neuen Sachen allesamt nichts mehr taugen. Dann fühlt man sich unverstanden und alt.

Deshalb gebührt Catatonia gleich mehrfacher Dank, denn sie erfreuen nicht nur mit aufregenden Klängen, sondern verjüngen auch den schon verloren geglaubten Musik-Fan und lassen den Idealistismus im Konsumenten wieder wach werden! Danke, Danke, Danke.

Catatonia musizieren bereits seit sieben Jahren vor sich hin, 1996 erschien das Debüt-Album der fünf Waliser. Aber erst das 98er-Werk "International Velvet" brachte mit der Hit-Single "Mulder & Scully" auch den kommerziellen Durchbruch - weiß Gott nicht die einzige Preziose des kleinen Silberlings...!

Das Rad erfinden auch Catatonia nicht neu, und nicht all ihre Ausstrahlung hängt an Cery Mathews Jahrhundert-Stimme. Nein, es ist alles zusammen, sozusagen der "Spirit"! Hier stimmt der Sinn für Stimmung, Timing, Arrangement und Interpretation.

"Dead from the waist down" ist ein balladig-perlendes, verspieltes Stück Pop-Melancholie im Wiege-Rhythmus mit zartem Akustik-Gezupfe, üppigem Streicher-Schmelz, wunderschöner Melodie und sanfter Dramatik. Schwelg! Im CD-Rack wird schonmal Platz gemacht für das kommende Album (5. April)!

(kp)

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The Rotosonics

P. M. Undercover

Der Terminus "Band" ist hier fehl am Platz: "The Rotosonics" sind eine "Kapelle"! So anglophil und technisch ihr Name auch anmutet, so altmodisch ist doch ihr Retro-Sound: historisch zwischen 50s und 60s angesiedelt und strikt instrumental! Im Vordergrund stehen dabei elektronische Tasten-Geräte, allerdings weniger moderne Synthie-Klänge, auch nicht space-ige Moogs, sondern flächige Orgel-Harmonien, jedoch wiederum nicht ganz so plüschig wie eine echte Hammond. Schade! Für den optimistischen Easy Listening-Touch reicht´s trotzdem, und klassische Tanz-Rhythmen sorgen für nostalgisches Ach-Damals...-Flair. Der Baß arbeitet konservativ an der Basis, und die Gitarre macht sich gern den Hall-Effekt der Surfer zunutze.

Die Zusammensetzung samt Querverbindungen des norddeutschen Quartetts (mit "Fühlern" in Berlin, Hamburg und Bremen) ist aufschlußreich: Tastenspieler JoJo Büld entstammt der Ska-Truppe "The Butlers", Bassist Rikko Rekord spielt gleichzeitig bei der Drum´n´Bass-Band "plexiq", Drummer Sebastian Harder kommt stilistisch vom Country und Gitarrist Andreas Einhorn vom Swing. "The Rotosonics" - ein Liebhaberprojekt?!

"P. M. Undercover" featured in erster Linie das so-là-là-erfolgreiche deutsche Eiskunstlaufpaar P(eggy Schwarz) und M(irko Müller). Müller entdeckte Büld als Mietmusiker in einem Musical und gab die musikalische Untermalung eines Kurzprogramms in Auftrag. Herausgekommen ist flotter Rockabilly-Pop mit einem Hauch Swing, allerdings viel zu glatt, zu seicht und auch melodisch zu uninteressant, um viele Worte dran zu verschwenden. Ist auch nicht verwunderlich, denn aus bekannten Gründen gehorcht der Take anderen Gesetzen als musikalisch-innovatorischen.

Die Wiederbelebung des Europe-Smash-Hits "The final Countdown" ist da schon interessanter, denn die Rotosonics ersetzen den 80er-Poser-Sound mit seinen angeberischen Keyboard-Fanfaren durch düstere Western-Atmo à la Morricone, nur ohne großes Pathos: schwammige Orgel-Schichten, Zupf- und Pedal-Steel-Gitarren mit viel Hall wie weiland bei den Shadows.

"Sporting Bossa" ist von der Atmo her ein ähnlich schauriger Tanzflächen-Schieber mit wabernden Orgeln und gepluckerten Gitarren, zum Teil in blasiert-unterkühlter Bossa-Art mit viel, viel Spannung, zum Teil aber auch im ekstatischeren Samba-Feeling mit eleganten Elektronik-Hooks.

Insgesamt alles etwas zu gediegen, richtig kick-assen tut hier gar nichts, wenngleich der Mangel jeglicher Trash-Ambitionen ja auch ganz erfrischend sein kann - heute, wo alles und jedes gleich "Kult" ist. Unterm Strich also: ordentlich gemachte Tanzmusik im Orgelsound.

(kp)

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Subway to Sally

Henkersbraut

(BMG)

Hilfe, hilfe, hilfe! Ougenweide trifft Rammstein! Hatten wir das nicht schon? Bands, die beim geringsten Zucken der Mundwinkel auf die Streckbank müssen, mit grimmigem Blick vom Cover starren, erbarmungslose Texte über infantile Folter-Phantasien schreiben und ihre Gitarren mit Brechstangen bearbeiten?! Ja, aber vielleicht noch nicht ganz so schlecht wie von "Subway to Sally". Und noch nicht mit diesen mittelalterlich-archaischen Sujets (da wimmelt es nur so von Henkern, Priestern, Myrtenkränzen, Lumpen, vergewaltigten Kindsmörderinnen, Kreuzen, Wölfen, Schlangen und so weiter), vorderasiatisch-chromatisch mäandernden Sängerinnen, Streichern und Instant-Mystik-Flair. Über den literarischen Gehalt der Texte will ich mich gar nicht näher auslassen, mit dem "Kleinen Reimlexikon" ging das sicher recht flott...

Wenigstens ihre Hausaufgaben haben "Subway to Sally" gemacht, immer schön vor den Gitarre-Stunden geübt und in der Jugend viel Metal gehört. Der Sound an sich klingt satt und deftig, und zumindest von der musikalischen Seite her ist es äußerst bedauerlich, daß das Septett (!) sich nicht wenigstens für anständigen Stadion-Rock entscheiden konnte. Das wär akustisch vertretbar und insgesamt weniger ridikül gewesen. Schade.

(kp)

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Geschmeido

Zwischen den Mahlzeiten

(Community/Virgin)

Großer Gott, lange hab ich beim Rezensieren nicht mehr aus den Label-Waschzetteln zitiert, aber diesmal tu ich´s wieder, denn hier kommt Freude auf: Album und Single sind "behutsam produziert und können sich eines gewissen amtlichen Touches nicht erwehren", in jedem Song findet sich eine "kleine Melodie, die auch ein Kind hätte erfinden können, hätte es sich nur an die Aufgabe gewagt und ab und zu ein paar Bier gesoffen", "was im Hintergrund der durchaus klassisch-gitarristischen Instrumentierung noch orgelt und fönt, is so subtil eingesetzt, daß man dem Synthie nun endlich sein verdientes Comeback im Poprock gönnen möchte. Trotzdem, Europa braucht die Gitarre, und zwar so schnell wie möglich", anderslautende Argumente werden beim Hören "geknickt wie Schilf im Sturm". Kompliment!

Geschmeido kommen aus Freiburg, und das Label tat gut daran, die Singles mit vier Takes vollzupacken, die die ganze kreative Bandbreite des Quartetts dokumentiert. Ihren Namen kann man durchaus "sprechend" nennen, denn den Songs eignet bei allen Hamburger-Schule-Anleihen eine spröde Eleganz. Flotte Pop-Melodien mit eiernden Kling-Klang-Gitarren, die sich gern mal kurz für virtuose Soli-Schlenker in die Büsche schlagen und zu herrlichen Slide-Anklängen mutieren ("Zwischen den Mahlzeiten"), also Arrangements mit Liebe zum Detail und großer Kunstfertigkeit. Dazu ein Sänger, der ohne Punkt und Komma und unter Mißachtung aller Betonungs-Regeln sabbeln kann.

"So oder so" ist ein 1´43-Take mit heulender Lead-Gitarre und erfrischend nasse Schrammel-Begleitung. "Mineralien" dagegen ist eine kontemplativ-melancholische Ballade, bei der sich die Keyboards schon langsam nach vorne drängen und kurze Breaks mit watteweichem Donner-Hall füllen.

"Helsinki" schließlich ist ein Instrumental und mein persönlicher Favorit! Eine Easy-Listening-angehauchte Karussell-Fahrt mit flottem Tanzrhythmus, mildem Jam-Session-Charme, plüschigen Synthies, Ping-Pong-Moogs und funkigen Gitarren!

P.S:: Daß "Helsinki" instrumental ist, hat nichts mit meiner Vorliebe zu tun, denn die Texte von Geschmeido sind wirklich hörenswert, es geht um Innenfutter für Jacken, die Zeit der Umhängetaschen und des Haare-selten-waschens etc.: Alltag halt, und der auf seine schönste Weise!

(kp)

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Beangrowers

Astroboy

(Our Choice/Rough Trade)

Einer Band aus Malta (!) gehört schon vorab meine ganze Sympathie, denn wer schenkte uns vor wenigen Jahren beim Grand Prix de la Chanson Eurovisien den einzigen Punkt?! Ja-ha, das war Malta! Die Beangrowers sind ein Trio: eine Frau und zwei Typen, allesamt Jahrgang ´77, die seit vier Jahren gemeinsam Musik m machen. Der Label-Waschzettel verweist auf Pixies-Einflüsse, und ich weiß, was er meint, denn lange hab ich nicht mehr eine solch spannende und frische CD in Händen gehalten! Der Gesang erinnert mich, mit Verlaub, streckenweise an die Cranberries mit dieser kühl-kindlichen Stimme, die gern mal hyperventilierend kiekst, stockt und stottert. Die Gitarren sind knackig-independent, rüde-noisig, schrammelig und auch mal verzerrt zu treibenden Beats, und das Ganze wird kombiniert mit dezenten, dafür hyper-spacigen Glam-Elementen aus dem Synthie-Repertoire mit Moogs, Casio und den ganzen akustischen Perlen... Immerhin heißt das Stück ja "Astroboy".

Nichtzu vergessen war es Produzent Gareth Jones (Depeche Mode, Skunk Anansie, Garbage, Nick Cave, Moby etc.), der im Studio die Fäden zog und das Potential des Trios auf Vordermann trimmte. Mit ungeduldig trommelnden Fingern warte ich dem Debüt-Album "48" entgegen, das bereits letzten Herbst eingespielt wurde!!!

(kp)

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Straw

Moving to California

(WEA)

Es gibt Songs, bei denen man mit etwas Glück noch den Refrain allein vor sich hinsummen kann, der Rest aber ist praktisch nicht ohne harmonische Untermalung sangbar, er hat einfach keine Melodie, sondern lebt allein von der Summe seiner Einzelteile und der so erzeugten Atmosphäre. Bei psychedelischer Musik geht das gar nicht anders.

Ein guter Schuß Psychedelic ist auch bei Straws melancholisch geschlenztem "Moving to California" mit im Spiel, trotz Akustik-Geschrammel und Sägezahn-scharfen E-Riffs zwischen Grunge und Noise und unterlegten Streichern. "Typische Britpop-Ballade", meint der Chefredakteur und hat Recht, denn gegen soviel Fracht kann Sänger Mattie Bennett nur mit Oasis-mäßigem Genöle ansingen. Insgesamt schön-schunkeliges Stück, komplex arrangiert und von der Atmo her bitter-süß!

(kp)

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