Untersuchung an Krimis: Albert Drach

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(„KrimiX“ sind Krimis, die keine sind und doch welche sind. Gemixtes halt. Diese Tierchen sind übrigens der Regelfall in der Literatur, bloß wissen es die wenigsten. In dieser Reihe sollen also Bücher vorgestellt werden, die man als genretreuer Kritiker und Leser nicht „Krimi“ nennen würde, die aber unbedingt dazugehören. Übrigens ist der Leser durchaus zur Mitarbeit aufgefordert. Nutzt die Kommentarfunktion, um Geschöpfe zu benennen, von denen ihr auch nicht so genau sind, ob sie nun oder ob eher nicht. Wer selbst etwas Ausführlicheres zu einem solchen Titel schreiben möchte, schicke mir eine Mail.)

„Es soll Wind gegeben haben, und diese Versicherung erscheint glaubhaft, wenn festgehalten wird, dass die Röcke, nämlich die unteren äußeren Kleidungsstücke der Weibspersonen in Bewegung gerieten und die Anschauung der dann noch dürftiger bedeckten Oberschenkel zuließen, so dass sich Männer veranlasst fühlten, ihre Kraftwagen anzuhalten und auf das Angebot der beiden, an der noch unvollendeten Autobahn wartenden sogenannten Mädel einzugehen, indem diesen zur Mitfahrt die Wagentüren geöffnet wurden. Es muss außerdem geregnet haben, wenn als richtig angenommen wird, dass auch die Blusen der zwei in Frage kommenden Frauenzimmer geradezu am Leibe klebten, was im übrigen auch dem Umstand zugeschrieben werden kann, dass sie nur unzureichende, d.i. kaum nennenswerte Wäschestücke darunter getragen haben dürften. Wie lange sie trotz ihrer durch Wind und Regen hervorgehobenen Eignung zur Aufnahme in einem sonst nur von einer männlichen Person besetzten Kraftwagen hatten warten müssen, darüber liegen bloß die Angaben erwähnter Mädel vor.“

Was für eine Sprache ist das? Man muss sich einlesen, aber auch wenn man das vergangene Jahrhundert an sich vorbeiziehen lässt, liegt es ja nicht wie ein offenes Buch vor einem, das man locker durchschmökern könnte. Das Personal, das einem begegnet, ist nicht leicht zu durchschauen; vielleicht Teufel, vielleicht Clowns; vielleicht das eine nur die Kehrseite des anderen, Großer Diktator und Witzfigur, Goebbelspathos und stand up comedian.

Diese Sprache ist genau das: irgendwie dämonisch, irgendwie komisch. Es ist die Sprache des 20. Jahrhunderts, es ist das 20. Jahrhundert.

Der sie schrieb: Albert Drach. 1902 nahe Wien geboren, ein Jude mit der zeittypischen Biografie, 1946 zurück, als Anwalt in Mödling tätig, da war auch seine große literarische Zeit schon vorbei. 1988 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet, sehr umstritten, Herr Reich-Ranicki hält das Werk Drachs für zu Recht vergessen, ein Urteil, das sehr viel über die Zurechnungsfähigkeit dessen, der es gefällt hat, aussagt. Ein paar Jahre lang steht Drach halbwegs im Licht der interessierten Öffentlichkeit, danach: wieder Stille. 1995 gestorben.

„Was wiederum die Esmeralda Nepalek anlangt, so war sie im Wohnhause ihres Vaters so schlecht und recht aufgezogen worden. Ihre Mutter Barbara, geborene Wyklacil, soll sich sehr über das Kind gefreut haben. Da sie aber bei der Geburt starb, dürfte ihre Freude nicht lange angedauert haben, wenn sie überhaupt echt war, denn es handelte sich immerhin um das vierzehnte Kind, noch dazu nach einer langen Pause.“

Drach entwickelte den „Kanzlei- oder Protokollstil“ zu höchster Vollendung, auch in „Untersuchung an Mädeln“, einem Kriminalprotokoll, das beweist, wieviel Kraft und Flexibilität dieses „Genre“ hat, wenn man es den bedürfnislosen, blutarmen, lendenlahmen Schreiberlingen unter der kratzenden Feder wegzieht.

Zwei Mädchen, Anfang zwanzig, Esmeralda und Stella, weden als Anhalterinnen von einem Autofahrer vergewaltigt und erschlagen ihn bei nächster Gelegenheit mit dem Wagenheber. Die Täterinnen werden gefasst, die Leiche bleibt verschwunden. Jetzt beginnt, von Amtswegen, die penible Untersuchung des Tathergangs, die allerdings rasch zu einer Untersuchung der Mädchen und ihrer Vergangenheit gerät, zu einem Schuldigschreiben bei höchster amtlicher Präzision.

„Als sie aber beide zwölf waren, wird von ihnen berichtet, daß Wipfinger die Stella auch an Stellen entkleidete, die nicht mehr dem Spielbedürfnis Unmündiger dienten, und dort zumindest Einschau hielt, ohne daß sie aus einem sonst von Natur vorhanden Abwehrbedürfnisse ihn daran gehindert hätte, geschweige denn, daß sie damals wie seinerzeit aus eigentumsfeindlichen Gründen wiederum mit einem Holzscheit oder Kastanienast zugeschlagen hätte.“

Über den Protokollanten erfahren wir nichts. Er ist der um Objektivität bemühte Berichterstatter, von einer peniblen Genauigkeit, die, je denunziatorischer, gefühlskälter, obszöner sie wird, uns den Gegenstand des Protokolls aus dem Blick schreibt. Am Ende sind die Mädchen die Opfer der Sprache, und die Sprache ist das Opfer derjenigen, die sie mißbrauchen, völlig korrekte Menschen, Untiere. Und schon stehen wir wieder im 20. Jahrhundert und betrachten uns die Typologie seiner Täter – und siehe da: Sie sehen aus wie der, der die Mädel untersuchte. Das ist, wie gesagt, hochkomisch auf der einen, unvorstellbar bestialisch auf der anderen Seite, aber auf beiden so normal, dass man es nur glauben kann, wenn man an nichts mehr glauben kann.

Wenn sich dereinst jemand für das 20. Jahrhundert interessieren sollte und, in Ermangelung anderer Dokumente, nur „Untersuchung an Mädeln“ als Quelle besäße (vielleicht noch „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“ von nämlichem Verfasser) – er gewönne ein präzises Bild der Zeit. Man wird dies nur einem Bruchteil der deutschen Literatur nachrühmen können.

Als Kriminalroman überzeugt „Untersuchung an Mädeln“ natürlich nicht, wenn man das alles eh nur als „Unterhaltungsliteratur“ abtut und alles, was deren Grundsätzen nicht entspricht, rasch in eine schützende Vitrine stellt, auf dass bloß kein Stäubchen der Trivialität es beschmutze. Krimi ist auch eine ästhetische Kategorie, ein Allesfresser dazu, der sich von den Nichtkrimis nimmt, was er kriegen kann und im Gegenzug von den Nichtkrimis ausgeweidet wird, bis man nicht mehr zu unterscheiden vermag, was nun was ist. So betrachtet, ist „Untersuchung an Mädeln“ mehr Krimi als 90% der flotten Nichtigkeiten, die einem da so Tag für Tag ins Haus flattern, Bosseleien aus dem lustigen Legoland der Wörter.

Albert Drach: Untersuchung an Mädels. 
dtv 1995, 11 €

4 Gedanken zu „Untersuchung an Krimis: Albert Drach“

  1. da hat er mich wieder, der Wachmann: der Elefant hat einen Rüssel, die sieht weder aus wie ein Regenwurm, noch ist er ein Regenwurm, aber weil wir grad bei Regenwürmern sind, reden wir halt über Regenwürmer — schließlich kann es nicht schaden, den Krimilesern Drach zu empfehlen (dessen Name ohnehin auf das Gewürm verweist).

    Drach also: der schaut sich (schließlich war er Anwalt) die Justiz an (übrigens auch in ‚Das große Protokoll über Zwetschkenbaum‘, 1964) und stellt (ohne daß ihn das überraschen könnte) fest, daß die Justiz ihre Fälle fingieren muß, wenn sie sie lösen will. Übereinstimmungen mit der sog. Wirklichkeit kommen vor, sind aber keineswegs Voraussetzung für das Funktionieren der Justizmaschine, deren Ziel und Zweck es einzig und allein ist, Texte auszustoßen. „Nu komms du, Natalje!“ (Kuddl Schnööf, erinnert sich jemand?) Diese Texte haben für Leser, die nicht den Stempel ‚vorgelesen, genehmigt, unterschrieben‘ in der Hand haben, den Scharm, selbstreflexiven Überschuß zu produzieren, also das Funktionieren der Justiz offenzulegen. Will sagen: jedem Text, den die Justiz produziert und der in die sozusagen falschen Hände fällt, kann man seine Entstehungsbedingungen ablesen. Die Justiz fingiert (vornehm ausgedrückt: sie konstruiert sich die Vergangenheit, über die sie urteilt). Das (nicht nur das, aber eben auch) führt Drach vor; die Erkenntnis, daß Mädeln, wenn Männer an ihnen Untersuchungen vornehmen, am Ende kaputt sind, egal wie das Urteil ausfällt, fällt nebenbei ab. Entscheidend: Literatur und Justiz tun das gleiche mit den gleichen Mitteln (das macht wiederum den Scharm des traditionellen Krimis aus: der tut alles, um genau diese Perspektive zu verdecken, zu streichen, womit sie wiederum in’s Bewußtsein rücken kann).

    Übrigens: der hier dem Abrat verfallene Detlef Opitz macht auch nix anderes als Drach (nicht umsonst trägt sein „Büchermörder“ die Genrebezeichnung „Ein Criminal“ und zeigt, daß die ganze Latte der Tinius-Deutungen auf einer ursprünglichen Fiktion aufragt).

    Der Elefant steht bekanntlich im Geruch, ein gußeisernes Gedädchtnis zu haben (AS, lieber dpr? für manche Zitate bräuchte er trotzdem die entsprechende CD), drum wird er nicht selten Literaturhistoriker (aber nicht Lehrer), dem, fängt er einmal an, manches ungeordnet auf die Tastatur purzelt: Böll hat einen ganz unverächtlichen Text über die Strafjustiz geschrieben, der (nicht?) zufällig fast gleichzeitig mit Luhmanns ‚Legitimation durch Verfahren‘ erschienen ist. Bei Doderer würde fündig, wer läse (Dämonen, Amtsrath Zihal). Usw. Und so sofort retour zur Jahrhundertwende 18/19: immer Schiller (die Konstruktion des Verbrechers aus verlorenen Akten, Knarrpanti bei E. T. A. Hoffmann — Suchmaschine einschalten).

    Nächstens mehr (ich muß jetzt haushalten, dann in die StaBi, dann zum SPD-Ortsverein, der Tat ist lang und voll).

    Nicht gelesen, nicht genehmigt, also auch nicht unterschrieben.

  2. Tja, Elefant,

    reden wir da etwa aneinander vorbei? Das was Sie da rüsseln: interessant. Aber darum geht es garnicht. Drach ist Schriftsteller und arbeitet mit der Sprache. Er ist Anwalt und arbeitet mit der Protokollsprache. Bon. Aber was kommt raus? Justiz fingiert etc. Jo, auch. Aber noch viel mehr. Das geht dermaßen über das hinaus, was Sie da sagen, Elefant, das ist, ja, elefantengroß und alles was Sie da schreiben (Justiz, Wirklichkeit) ist dagegen ameisenklein. It’s literature, isn’t it? Und Drach und Opitz in einem Atemzug zu nennen, verbitt ich mir höflichst. Nicht wegen Opitz-Abrat und so (ich versprech: mach mich noch mal dran, vorurteilsfrei hoffentlich und gewogen), sondern wegen Fallhöhe. Wer Drach sagt und dann Opitz, steht einmal auf dem Mount Everest und dann, schwupps, aufm Feldberg. Auchn schöner Berg. Jo.

    bye
    dpr, der jetzt NICHT in den SPD-Ortsverein geht. Find nämlich grad meine abgesägte Schrotflinte nich.

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