Arimasa Osawa: Der Hai von Shinjuku.

Der „Hai von Shinjuku“ ist wie sein tierischer Namensgeber ein gefürchteter Jäger. Vom System gemieden, ja, ausgestoßen, ein Idealist in der zynisch-menschenliebenden Tradition der hardboiled-Klassiker – schon aus Hygienegründen unentbehrlich im Reich der konform-einheitlichen Fischschwärme.

„Sodom und Gomorrha“, der zweite nun auf Deutsch vorliegende Band der inzwischen auf 9 Romane angewachsenen Serie des Japaners Arimasa Osawa, ist ein Polizeiroman der mittelharten Sorte. Sein Reiz auf westliche Leser resultiert natürlich aus der Selbstverständlichkeit, mit der Klischees verhackstückt werden. Uniformität und bedingungsloser Gehorsam, Attribute, die man der japanischen Gesellschaft bei oberflächlicher Betrachtung gerne noch attestiert, sind obsolet geworden, der traditionelle Boden, auf dem Samejima, jener einzelgängerische Oberinspektor agiert, ist brüchig, wenngleich er noch immer das Selbstverständnis des Landes trägt.

Samejima, eigentlich als „Karrierepolizist“ für höhere Aufgaben vorgesehen, ist wegen notorischen Nichtangepasstseins auf dem Abstellgleis der Karrierebahn gelandet. In Shinjuku, dem Vergnügungsviertel Tokios, jagt er einen Waffenbauer, der die Yakuza, organisierte Verbrechergangs, mit den Produkten seines Handwerks beliefert. Zur gleichen Zeit werden in Shinjuku Polizisten ohne Vorwarnung und erkennbaren Anlass erschossen. Samejima, für die Sonderkommission vorgesehen, ignoriert Dienstanweisungen und bleibt seinem Waffenbauer unbeeindruckt auf den Fersen. Die Handlung spitzt sich zu – und natürlich sind beide Fälle ineinander verzahnt; der Leser ahnt es schon früh.

Als Großstadtroman ist „Sodom und Gomorrha“ rasant erzählt. Sprachlich schmucklos und nüchtern, führt er uns durch eine überraschend vertraute Welt mit all ihren Brüchen und Monstrositäten. Dass hier ein Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen stattfindet (und mithin auch einer zwischen Klischees und Realität), macht Osawa hauptsächlich an Personen fest. Samejimas Freund Sho etwa, das Popsternchen, kontrastiert mit dem uralten System der Yakuza und der dieser nicht unähnlichen Hierarchie der Gesetzeshüter, die unerfüllten Obsessionen eines Polizeifanatikers kollidieren mit der Stupidität des Alltags. Die Action, die die Geschichte am Laufen hält, ist wohldosiert und sitzt dramaturgisch durchweg an den richtigen Stellen.

„Sodom und Gomorrha“ erzählt uns nicht nur eine spannende und in ihrer Psychologie plausible Geschichte, sondern vertreibt auch so manches Japanklischee aus westlichen Köpfen. Weitere Übersetzungen sind willkommen.

Arimasa Osawa: Der Hai von Shinjuku. 
Sodom und Gomorrha. Cass 2005. 256 Seiten, 16,80 €

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