Wer war’s?

Der Affe war’s! Ups, sorry, jetzt hab ich ja alles verraten, und kein Mensch wird jemals wieder Edgar Allan Poes „Morde in der Rue Morgue“ lesen. Die ganze Spannung ist weg! Aber es musste mal raus! Jede Woche rezensiere ich hier einen Krimi und nie, nie, nie darf ich verraten, wer’s war. Dabei ist das doch das Wichtigste, gelt?

Bin ich also ein bedauernswerter Tropf, ein Rezensent, den man an den Marterpfahl der Genregesetze gebunden hat, Knebel im Mund? Bisweilen tönen die Stimmen, die einem das einreden wollen, jüngst war es Herr Müller von der Süddeutschen Zeitung, Ausgabe vom 15./16. Januar 2006, der die Zunft bedauerte:

Es ist „fast unmöglich, ‘whodunits’ zu rezensieren. […] Was kann der arme Kritiker hier tun, als stumm den Daumen zu heben oder zu senken, in der verzweifelten Hoffnung, dass man es ihm aufs Wort oder besser aufs Schweigen glauben möge”.

Je nun, ich lasse mich ja gerne bedauern, hier aber verzichte ich dankend. Erstens, weil ein Krimi, selbst ein Whodunit, in der Regel nicht nur aus der Auflösung des Falles besteht. Zweitens, weil der Leser immer in der unangenehmen Lage ist, mir entweder aufs Wort zu glauben oder es bleiben zu lassen. Aber der Reihe nach.

Man nennt Krimis nicht ohne Grund „Spannungsliteratur“. Wir werden mit Ereignissen konfrontiert, deren Ursachen und / oder Verursacher wir nicht kennen. Man enthält uns also Informationen vor, die uns nach und nach präsentiert werden, bis sich am Ende ein mehr oder weniger schlüssiges Bild der Ereignisse einstellt. Die Kunst des Autors, der Autorin besteht nun darin, uns diese Ereignisse so zu schildern, dass wir als Leser bei der Stange bleiben, interessiert sind am Fortgang und der finalen Lösung. Ein oder mehrere Spannungsbogen geleiten uns also durch die Geschichte.

Das ist nun sehr trivial, und man erspare mir, die einzelnen Spielarten von Spannung aufzulisten. Neben der klassischen Rätselkonstellation haben sich im Laufe der Jahrhunderte aber diverse andere dramaturgische Settings entwickelt, die nicht mehr auf das Wer-wars? zielen, sondern etwa die psychologische Konstellation in den Vordergrund stellen, die Vorgeschichte eines Verbrechens („Disposition“) oder die gesellschaftlichen Umstände, die ein Verbrechen fördern und bedingen.

Wichtig ist hier: Die Frage nach der Auflösung ist eng mit der Entwicklung der Spannungsbogen verbunden. Das alleinige Faktum etwa, A habe B erschossen, weil er mit C ein Verhältnis hatte und D davon nichts wissen durfte, B es aber verraten wollte, ist für den Rezensenten nur insofern interessant, als es die logische Konsequenz am Ende einer logisch herzuleitenden Reihe von Indizien und Ereignissen sein sollte. Und wer verbietet es mir, genau diese Logik zu überprüfen und meinen Lesern mitzuteilen, ob sie stimmig ist oder nicht, aufgesetzt oder organisch hergeleitet? Dazu bedarf es nicht des Ausplauderns der „Auflösung“; die Logik, aus der sie erwächst, ist von Bedeutung.

Diese Logik betrifft natürlich die Personenzeichnung, die Schilderung von Ereignissen und Umständen, Beziehungen und dramatischen Zuspitzungen ebenfalls. Sie führen zur Auflösung, sind aber auch ohne diese beschreib- und bewertbar. Das gleiche gilt für die sprachliche Umsetzung eines Stoffes. Ist der Stil dem Geschilderten angemessen? Entspricht er der Absicht des Autors oder ist er Nullachtfünfzehn?

Die „Glaubwürdigkeit“ eines Rezensenten ist also unabhängig von dem Grad inhaltlicher Elemente, die er preisgibt.
Ich möchte die Leser auf eine Struktur hinweisen, nicht den „Plot“ in allen Einzelheiten aufdröseln. Dass ich zu diesem Zweck abstrahieren muss, summieren und ordnen, nun ja: Es ist so. Das mag der Leser tatsächlich glauben oder nicht; letztlich kann er die Qualität einer Rezension eh nur nach eigener Lektüre der Quelle kritisieren.

Jedenfalls: Ich beklage mich keineswegs darüber, nicht „die Lösung“ verraten zu dürfen. Es gibt genügend anderes, für das man kritische Blicke haben darf. Ein Krimi, der sich vorrangig über sein Finale und das Ende der Ungewissheit definiert, ist in der Regel langweilig und taugt vielleicht gerade mal zum Ersatz für das Kreuzworträtsel der Bäckerzeitung.

5 Gedanken zu „Wer war’s?“

  1. Na, dann brauchen wir auch nicht mehr lange auf den ersten Affenkrimi zu warten. „Schimpanse Coco ermittelt“ – „Der Fluch der goldenen Banane“ – apropos Fluch: Ich muss Sie ja noch permanent verlinken, Herr Linder. Mach ich gleich… Aber Sie müssen dann auch permanent bloggen, gelt?

    bye
    dpr

  2. was die Permanenz angeht: wer weiß.

    Zurück zum Affen: Wenn Sie, beispielsweise, nicht mitteilen können/dürfen, daß in einem 2005 erschienenen dt. Roman (Sie sehen: ich halte mich an die Regel) die Polizei-Protagonistin sowohl ihren leiblichen als auch ihren juristischen Vater umbringt (nicht eigenhändig, in ‚mittelbarer Täterschaft‘) und daß jeder dieser Väter mit einer promisken Vergangenheit ausgestattet ist — dann können Sie auch nicht die Frage nach den reaktionären Anteilen dieser Plotkonstruktion stellen. Die halte ich aber für rezensionsrelevant.

  3. Hab ich DEN besprochen? Nö. Aber für mein Din A4-Seitchen Text wäre mir schon was eingefallen. Die Zeichnung der psychologischen Entwicklung etwa, die beide „Morde“ bedingt. Das kann ich auch leisten, ohne das Ende zu verraten. Oder die Stringenz der Handlung, die Verwendung von Klischees in der Personenzeichnung oder ihre Vermeidung. Etc, etc. Nee, damit schrecken Sie mich nicht, lieber Kollege. Wobei ich in diesem speziellen Fall mir vorstellen könnte, auch das ENDE zu verraten, denn, ganz ZEN: Der Weg ist wichtig, nicht das Ziel. (Würde mich aber nach reiflicher Überlegung doch hüten, zuviel preiszugeben. Bin doch nicht lebensmüde!)

    bye
    dpr

  4. so um die sechzehn fand ich den doppelmord in der rue morgue sehr gruslig. vor zwei/drei jahren las ich die geschichte noch mal und fand sie ziemlich schematisch in der auflösung. ich glaube, jetzt gefiele mir „der fall des hauses usher“ besser.
    *müsste es aber erst mal wieder lesen

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