Das Dumme an Krimis

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Entschuldigung, dass ich so lange nix hab von mir hören lassen. Aber hier im Finanzamt geht um diese Jahreszeit die Post ab. Einkommenssteuererklärung. Jeden Tag sitzen zwanzig Leutchen auf dem (natürlich ungepolsterten) Besucherstuhl, reichen mir ihre Formulare und wollen – so-fort bitte! – wissen, mit welcher Rückerstattung Sie rechnen dürfen. Unangenehm, dieser Publikumsverkehr. Aber dabei ist mir etwas ganz Seltsames aufgefallen…

Gestern zum Beispiel. Ein Herr Senftleben, Lohnabhängiger, außer bei den Werbungskosten kann so einer nicht bescheißen. Ob ich ihm denn sagen könne, wieviel…na, war nicht schwer. Ein wenig auf dem Taschenrechner rumgetippt – 398,20 Euro, guter Mann. Er hat einen Zettel aus seiner Jackentasche gezogen und abgelesen: 179,83 Euro, das sei bei seiner Rechnung rausgekommen, sagt er, sichtlich betrübt. Na, sag ich, da freuen Sie sich doch mal, guter Mann! Aber, und das war eben das Seltsame, er hat sich gar nicht richtig freuen können. Leute gibt’s, dachte ich mir später, und plötzlich ist es mir wie Schuppen…

Bei Krimis nämlich. Ich meine: Da ist es doch genauso. Du liest endlich, wer der Mörder war und denkst dir: Mein Gott, was bin ich blöd. Hätte ich doch wirklich selber draufkommen können. Dass dir deine Blödheit die Spannung bis zum Schluss erhalten hat, spielt keine Rolle. Anders ist es, wenn du schon ab Seite 29 den richtigen Täter in Verdacht hast und dir ab Seite 65 sicher bist: Der Kellner wars! Am Ende kriegst du die Bestätigung – und bist auch nicht zufrieden, weil du zwar jetzt weißt, was für ein kluges Kerlchen du bist (man könnte glatt selber mal einen Krimi schreiben), aber von Spannung natürlich keine Rede sein konnte.

Man kann es also keinem recht machen bei den Kriminalromanen. Entweder bist du der Depp, aber hast wenigstens dein Spannungsmaximum, oder du bist schlau und langweilst dich. Bei der Steuererklärung genauso. Der Herr Senftleben hat sich über das zusätzliche Geld nicht freuen können, weil er falsch gerechnet hat und als Idiot dagestanden ist. Die Frau Würgess vorgestern hat weniger gekriegt als vorausberechnet, aber der hat man richtig angemerkt, wie sich die Spannung gelöst hat, ein Honigkuchenpferd auf Dope kann nicht seliger lächeln als die Frau Würgess. Und der Herr Knechtl vorvorgestern, der seine Rückvergütung auf den Cent genau ausgerechnet hat, na, der hat sich vielleicht als toller Bursch gefühlt, aber dabei ziemlich gelangweilt ausgesehen.

Zurück zum Krimi. Das Lesen von einem solchen ist also immer irgendwie ein Minuserlebnis, wenn ich das mal so wissenschaftlich formulieren darf. Spannend ist’s nur für die Blöden, gesteigertes Selbstwertgefühl wird mit Langeweile teuer erkauft. Gibt es einen Ausweg? Der Krimi, bei dem der Detektiv die Lösung aus der Tasche zieht und wo man nicht weiß, wie sie da eigentlich reingekommen ist, kanns ja nicht sein. Da fühlt man sich einfach nur verarscht. Krimis, bei denen der Mörder schon auf der ersten Seite bekanntgegeben wird und in denen es fortan nur noch ums „Psychologische“ geht oder „die Gesellschaftskritik“, sind was für Intellektuelle, die eigentlich gar keine richtige Spannung wollen und eigentlich auch gar keine Krimis zu lesen wünschen.

Vielleicht sollte ich mal den Herr dpr an dieses Thema setzen, der schreibt ja mit Vorliebe über solches Gedöns. Der Kriminalroman als naturgesetzlich unvermeidliche Beeinträchtigung der Lebensqualität. Spannung heißt Nichtwissen, aber Wissenwollen, wer weiß, der empfindet keine Spannung, wer keine Spannung empfindet, langweilt sich. Oder: Strunzdummheit als Motor einer erträglichen Existenz. Oder: Wer Krimis liest, sollte mal zum Nervenarzt gehen. Ach, ich seh den Herrn dpr vor meinem geistigen Auge schon wacker formulieren!

Vielleicht sollte man sich ein Beispiel an dem Herrn Torfmann nehmen, der war vorige Woche hier. So ein dauerdepressiver Typ, hat seinen Antrag abgegeben und gemurmelt: „Alles Zeitverschwendung, ich krieg ja eh nix zurück.“ Hab ich kurz drübergeschaut und gesagt: „Da haben Sie völlig Recht, Herr Torfmann.“ Und er hat gelächelt. „Wusst ichs doch, danke schön.“

Also: Wenn Sie nächstens einen Krimi lesen, rechnen Sie am besten mit dem Schlimmsten. Und freuen Sie sich, wenn es eintrifft.

Freundlichst
Ihr K.

(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Wenn es ihm seine Zeit erlaubt, nutzt er die Mittagspausen zu fundierter Krimierklärung. Oder liest zum 400. Mal „Mord im Orientexpress“)

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