Eine kurze Notiz zu Klassikern

Das Serviceteam von wtd macht sich heute an die Beantwortung der Frage des verzweifelten Lesers Claus. Was sind Klassiker? Wie werden die das? Und bleiben sie es auch? Wenn nein: warum nicht? – Ein Fall für unseren wissenschaftlichen Mitarbeiter, Dr. Detlef Plinius Rauschenberg, emeritierter Professor für Literaturgeschichte und seit seinem Rückzug aus dem wissenschaftlichen Leben als begeisterter Anhänger des Trivialen geoutet.

Als Klassik bezeichnet man in Fachkreisen, um es populärwissenschaftlich auszudrücken, die mustergültigen Meisterwerke einer Nationalliteratur (übrigens ein Begriff, den ein Klassiker, Herder nämlich, geprägt hat). „Klassik“ hat es bis zur Epochenbezeichnung gebracht, „deutsche Klassik“, das meint die Zeit von Goethe, Schiller, Herder, Wieland, Lessing, die allgemein als Höhepunkt der einheimischen Literatur gilt.

Diese kurze Definition sagt uns bereits, wo es langgeht. Klassische Werke der Literatur sind ihre Höhepunkte – danach ist Sense oder es geht bergab. Denn: Kann es mehr als eine klassische Epoche in einer Sprachgemeinschaft, einer Nation geben? Zum Beispiel die Romantik (die sich zeitlich ja mit der Goetheklassik teilweise überschneidet) oder der Expressionismus? Theoretisch schon, wenn man die Geschichte mit der Klassik als Epochenbezeichnung vergisst und wieder auf „mustergültige Meisterwerke“ rekurriert.

Auch die Genreliteratur kennt demnach Klassiker. Sie sind entweder „mustergültig“, also Höhe- und gleichzeitig Schlusspunkte einer innerhalb des Genres sich entwickelt habenden Spezialstrangs („Subgenre“) oder schlichtweg Innovationen, die am Anfang eines solchen Subgenres stehen und seinen Werdegang entscheidend prägen. Edgar Poe zum Bespiel. Führte die zielgerichtete, voll auf die Ratio konzentrierte Deduktion ein. Und den genialischen Ermittler. Conan Doyle, der dieses Konzept zum Höhepunkt führte, ist selbstverständlich auch „Klassiker“.

Woran erkennt man nun aber die Klassiker des Krimigenres? WER erkennt sie? Und, ganz wichtig: WANN geschieht das?

Beantworten wir diese Fragen an einem Beispiel, dem Schwedenduo Sjöwall / Wahlöö, über das ich gerade, wie es der Zufall so will, eine kurze, bald an einem Krimisamstag des Titel-Magazins erscheinende Abhandlung verfasst habe. Sjöwall / Wahlöö sind mit ihren zehn Martin-Beck-Romanen zu Klassikern geworden. Obwohl sie keine Innovatoren waren, denn die beiden wichtigsten Elemente ihrer Texte waren damals, in den sechziger, siebziger Jahren schon wohlbekannt: Polizeiarbeit und Krimi als Instrument gesellschaftlicher, politischer Aufklärung. Erstere haben sich Sjwall / Wahlöö vorzugsweise von Ed McBain und seinem 87. Polizeirevier ausgeborgt, letzterer ist so ziemlich der älteste Hut der Kriminalliteratur, denn etliche Werke der frühen deutschen Krimigeschichte etwa waren auch aufklärerisch gedacht.

Zumindest was die Darstellung der Polizeiarbeit betrifft, kann man Sjöwall / Wahlöö aber mit einigem Recht als „Höhepunkt“ dieses Subgenres bezeichnen. Was man schon daran sieht, wie oft und verbissen sie seither kopiert worden sind – und doch unerreicht bleiben. Die Beck-Romane erfüllen, so gesehen, also die Kriterien der Klassikerwerdung.

Schwieriger und damit interessanter wird es beim zweiten Element. Dass die Romane aufklärerisch wirken sollten, ja, propagandistisch und nicht selten demagogisch, bringt ein bislang noch ungekanntes Kriterium ins Spiel: die Zeitabhängigkeit. Preist man die bekannten Klassiker der Literaturgeschichte, so lobt man stets auch ihre Relevanz für das Hier und Jetzt, ihre UNABHÄNGIGKEIT von der Entstehungszeit. Sie haben uns „auch heute noch etwas zu sagen“, heißt es dann, was aber ein relativer Begriff ist, denn geben Sie einem durchschnittlich gebildeten Leser einmal Wieland in die Hand – er wird nicht mehr viel damit anfangen können. Was aber, unter uns, am Leser liegt und nicht an Wieland.

Bei Sjöwall / Wahlöö verhielt sich die Sache nun so, dass sie in den achtziger, vor allem aber in dem neunziger Jahren ihren Klassikerstatus beinahe verloren hätten, da sie zu abhängig waren von den gesellschaftlichen Umständen ihrer Entstehungszeit. Wer, seien wir ehrlich, glaubte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, noch an das von Sjöwall / Wahlöö propagierte sozialistische Ideal? Wer sprach von „Ausgebeuteten“? Wen kümmerte es, dass bei Sjöwall / Wahlöö von sozialem Terror die Rede war, von einer Überbevormundung der Menschen, einer geistigen Verwahrlosung? Was die beiden Schweden dennoch im Klassikerrang verbleiben ließ, war nur noch ihre vorbildliche Darstellung von Polizei-Team-Arbeit, in die sich die Leser wie in einem Rausch einklinken konnten. Aber das andere? Längst anachronistisch geworden.

Doch siehe: Die Zeiten änderten sich. Es kam der Turbokapitalismus, es kam die Verelendung breiter Volksschichten, es kam der Neoliberalismus, die Globalisierung, der PISA-Schock, die Problematik der sogenannten Parallelgesellschaften… und plötzlich war das, was anachronistisch schien, wieder hochaktuell.

Der Klassikerstatus ist also ein schwankender. Aber wer legt fest, ob etwas Klassiker wird oder nicht? Natürlich die Literaturwissenschaftler. Und die Kritiker. Und die Medien. Aber das können wir glatt vergessen. Die wirklichen Klassikermacher sind – die Leser. Zwar sind auch sie keineswegs unfehlbar und springen auf allerhand modische Züge, die dann unter dem Zeichen des „Retrotrends“ durch die Landschaft dampfen. Aber der hunderttausendste Aufguss des alten Pulpschemas etwa ist garantiert genauso wenig Klassizität wie der Versuch, den Minirock wieder zur Freude des männlichen Geschlechtes ins sommerliche Straßenbild zu integrieren. Nicht was als Konsequenz einer PR-Masche „wiederbelebt“ und meinetwegen hunderttauschendfach verkauft wird, ist klassisch. Sondern das, was sich über die Jahrzehnte, ja, über die Jahrhunderte immer wieder mit Erfolg seine Leserschaft sucht – und auch findet.

Manchette etwa mag keine Bestseller wie Leon oder Mankell geschrieben haben – aber er dürfte ein Klassiker bleiben, weil man ihn auch in hundert Jahren noch mit Gewinn lesen wird. Gewisse Dürreperioden wegen „fehlender Aktualität“ eingerechnet, siehe Sjöwall / Wahlöö. Über den Klassikerstatus entscheiden also DIE NACHGEBORENEN. Vieles von dem, was heute als „klassisch“ gehandelt wird, dürfte diese Probe nicht bestehen, wir tippen einmal auf Herrn Mankell, den man dereinst als Epigonen begreifen wird, Frau Leon aus dito Grund, während Werke, die zu ihrer Entstehungszeit und in den Jahren danach, eher schnöde behandelt wurden, durchaus auch weiterhin die Chance besitzen, Klassiker zu werden. Nehmen wir die Herren Charles Willeford oder Joe R. Lansdale als Beispiele. Das sind, da ich im Heute lebe und nicht in die Zukunft zu schauen vermag, Mutmaßungen. Begründete, wie ich hoffe. Dennoch kann es sein, dass ich mich irre oder dass die von mir als solche herausposaunten Klassiker wie Sjöwall / Wahlöö diesen Status einmal unwiederbringlich verlieren werden, wenn ein noch mustergültigerer Konkurrent auf der Bühne erscheint. Dann sind sie ein Fall für das Kriminalliteraturmuseum.

Schließen wir mit dem, was der Klassiker Lessing über den Irgendwie-auch-Klassiker Klopstock sagte:

„Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? – Nein. Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“

Das nämlich ist das drohende Schicksal von Klassikern: Man lobt sie. Aber man liest sie nicht mehr. Dann sind sie, schlicht: tot. Bis zur nächsten Wiederauferstehung

4 Gedanken zu „Eine kurze Notiz zu Klassikern“

  1. Und wo würden Sie, hochverehrter Herr Professor em. Dr. Rauschenbach, die weitere deutsche Krimiproduktion einordnen? „Menschenfeinde“ etwa, oder die Trimmel-Krimis, -ky oder Chaplet, Bottini oder Zeh? Epigonen oder Klassiker to be?

  2. Vielen Dank, dpr.

    Hm, das Kriterium „test of time“ verstehe ich, aber mit der Mustergültigkeit habe ich so meine Schwierigkeiten.
    Sjöwall/Wahlöös Martin Beck-Romane sind also Klassiker, weil sie die Form eines Police Procedurals mit einem Porträt der schwedischen Gesellschaft in den 60/70er Jahren verknüpfen – oder allgemeiner formuliert, weil sie ein Subgenre mustergültig (!) in einen speziellen politischen/sozialen Kontext erstmals (?) einbetten?
    Das Fragezeichen hinter erstmals habe ich gesetzt, weil andere Autoren schon vor Sjöwall/Wahlöö Police Procedurals mit der Reflektion sozialer Gemeinschaften verbunden haben.
    Mit dieser Definition könnte ich ansonsten leben, weil sie weitere Police Procedurals nicht davon ausschließt, auch Klassiker zu sein. Als Beispiele für weitere Police Procedural-Klassiker könnte man dann Ed McBains 87th Precinct-Serie (New York), John Creaseys Gideon-Serie (London), John William Wainwright (West Riding), Hillary Waugh (New York), James McClures Kramer/Zondi-Serie (Südafrika/Apartheid), Tony Hillermans Leaphorn/Chee-Serie (Navajo) oder K.C. Constantine Balzic-Serie (Country), u.a.m. nennen.

    Damit kein Missverständnis entsteht: die Martin Beck-Romane sind selbstverständlich Klassiker, aber meine Begründung wäre eine andere gewesen. Mich hat außerordentlich imponiert, wie sehr die Story von den Charakteren bestimmt wird und wie sich diese im Laufe der Serie verändern. Deshalb lese ich die Martin Beck-Romane mit großem Genuss hin und wieder – und meine Wertschätzung bleibt!

  3. Du hast völlig recht, lieber Claus, gerade auf diese Entwicklung der Charaktere wird mein kleiner Aufsatz bei Titel (kommt nächsten Samstag? Ich weiß es nicht, glaub aber doch) abzielen. S/W sind also mustergültige police procedurals, weil sie nicht nur Polizeiarbeit schildern, sondern auch eben diese charakterliche Entwicklung (die man von der „politischen Botschaft“ gar nicht trennen kann). Alle zehn Beck-Romane sind ja auch im Grunde nur ein einziger, und dass das gelungen ist, verschafft ihnen den Klassikerstatus.

    bye
    dpr

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