Barthaar und Zopf. Ein Kommentar

Interessantes Gespräch, das da →die taz mit „Medienwächter“ Norbert Schneider, dem Direktor der Landesanstalt für Medien in NRW, geführt hat. Vordergründig geht es um die Internetpräsenzen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den daraufhin eingeläuteten Schlagabtausch mit den Printmedien. In Wirklichkeit sitzt das Problem tiefer, wie Schneider weiß:

„Wir brauchen eine neue, zu der heutigen Entwicklung passenden Methode, wie man Medien- und Meinungsmacht künftig messen will. Das ist eine sehr komplizierte Aufgabe – denn die Medienmacht sucht sich immer einen neuen Wirt. Und unsere Aufgabe für die nächsten 10 – 15 Jahre wird sein, die Orte zu identifizieren, wohin sich diese Macht begibt: Im Internet, in digitalen Spartensendern, auch im On-Demand-Bereich.“

Klingt logisch, ist aber nicht so einfach umzusetzen, wie Schneider ebenfalls weiß:

„Nirgendwo wird der eigentliche Punkt thematisiert. Die Diskussion ist vielmehr unglaublich gestrig. Das sind die Schlachtgesänge aus den späten 1970er Jahren, als es um die Einführung des privaten Rundfunks ging, übertragen auf das Internet: Wenn Sie damals dabei waren, können Sie heute wieder mitsingen, auch das schrille Moment ist immer noch sehr drin. Wir spalten des Kaisers Barthaar, aber ignorieren das Wesentliche.“

Nun glaube ich ja schon seit geraumer Zeit, dass wir in einem Land leben, dessen geschätzteste Kulturleistung das Ignorieren von Wesentlichem ist. Würde man mich bitten, die meistdiskutierten Themen des noch jungen Jahrtausends in einer Schlagzeile zusammenzufassen, ich hätte die hier parat: „Mag Eva Herman die neue Rechtschreibung – und was sagt Verona Pooth, geborene Feldbusch dazu?“ Die wichtigen Dinge fallen grundsätzlich unter den Tisch, an dem sie von wahlkämpfenden Einargument-Politikern, gockelnden Experten und dezent gestylten ModeratorInnen auf Papierkorbformat zerknüllt werden. Wie dieser Staat sich bereitwillig von „Neoliberalen“ ausräubern lässt, gerne wieder Atommüll produzieren möchte, von Bildung redet, aber nicht daran denkt, sich selbst zu bilden etc.

Soweit das Große=Ganze, in das sich die von Schneider geschilderte Situation auf dem Mediensektor wunderbar einpasst. Wir werden vom Mittelmaß regiert? Wärs doch nur so! – Und irgendwo auf einer noch tiefergelegenen Ebene: die Krimikultur. Man könnte es Berührungsangst nennen, dieses vorsichtige Umkreisen der Netz-Werke durch die „Professionellen“, deren Bedenken ich sehr gut verstehen kann. Im Internet schreiben Leute über Kriminalliteratur, die nicht dafür bezahlt werden. Sie sind, keine Frage, eine Bedrohung, und diese Bedrohung ist ernstzunehmen. So wie das Privatfernsehen gezeigt hat, dass man auch ohne Gebühren Programm machen kann – und stattdessen die dümmliche Dreistigkeit der Werbung über sich ergehen lassen muss -, so zeigt jetzt das Internet, wie nahe wir vor einem Journalismus stehen, der nicht mehr mit Zeilengeld oder monatlichem Fixum honoriert wird, sondern, wer weiß, eines Tages auch durch Werbung. Oder ganz unbezahlt bleibt.

Die Antwort ist nicht der Kampf gegen das Internet und seine idealistischen Bewohner. Denn dieser Kampf ist längst verloren. Die Antwort ist die Zusammenarbeit. Jetzt schon finden sich die „wirkmächtigsten“ Rezensionen zur Kriminalliteratur bei Amazon und einschlägigen Portalen. Information um den Preis von Verdummung, auch hier setzt sich im Kleinen fort, was im Großen diese Gesellschaft mehr und mehr zu konstituieren scheint. Ernsthafte Krimikritik befindet sich in einer paradoxen Situation: Einerseits hat sie endlich ein Medium, das die alten Grenzen des Printzeitalters geschleift hat, andererseits macht sie sich durch die Tendenz, nebeneinander her zu leben und sich gegenseitig mit Fußtritten zu traktieren, mehr und mehr selbst obsolet. Das freut nur die Manipulateure und Deppen.

Die Printkritiker an die Blogfront, wo sie alles veröffentlichen können, wofür sie niemand bezahlt, was aber in den Köpfen und Notizblöcken schlummert. Die Blogger mit mehr Mut zum Elaborierten, ohne das Spontane, das Tagebuchmäßige aufzugeben. Und alle gemeinsam: Vernetzung, Diskussion, Streit, wenns denn sein muss.

Also. Stützen wir uns gegenseitig. Spalten wir nicht das Barthaar des Kaisers, schneiden wir lieber die alten Zöpfe ab.

dpr

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