Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung

Da ist alles drin: Intrige und Verrat, politische Schweinereien und zwischenmenschliche Tragödien, Pulverdampf und Agentenjargon. Ein Polit-Spionage-Krimi halt und damit genau das, was mich normalerweise nicht hinterm Ofen hervorlockt. Auch reichlich vorhersehbar in seinem Ablauf. Dennoch: Jenny Silers „Portugiesische Eröffnung“ ist ein brillanter Zug. Und das hat sehr einfache Gründe.

Nicole Blake, professionelle Fälscherin, hat sechs Jahre im Knast gesessen und sich nach ihrer Haftentlassung in die französische Provinz verkrochen, wo sie ein ruhiges und bürgerliches Leben versuchen will. Sie ist die Tochter einer libanesischen Mutter und eines amerikanischen Vaters, dessen einzig gute Tat es war, seinem Nachwuchs zu einem US-Pass verholfen zu haben. „An accidental American“ (so der Originaltitel) also.

Mit der Ruhe ist es bald vorbei. Der zwielichtige CIA-Agent Valsamis erpresst Nicole, in Lissabon ihren Exfreund Rahim aufzuspüren, Fälscher auch er und jetzt, behauptet Valsamis, in den Terrorismus abgedriftet und in eine kurz bevorstehende „große Sache“ verwickelt. Nicole, deren Mutter im Bürgerkriegs-Libanon bei einem Autobombenanschlag ihr Leben verloren hat, unmittelbar nach der verheerenden Zerstörung der amerikanischen Botschaft 1983, erledigt den Auftrag. Und das große Jagen beginnt.

„Portugiesische Eröffnung“ ist ein Triumph erzählerischer Strategie. Passagen aus der Perspektive der Ich-Erzählerin wechseln mit solchen, die aus dem Blickwinkel des übrigen Personals erzählt werden, schnell geht das bisweilen, eine Collage beinahe. Ebenfalls beeindruckend die Eleganz, mit der die Gegenwart in die erinnerte Vergangenheit der Personen übergeht, Verknüpfungen schafft, die mehr sagen als umständliche Explikation und auf eine große politische Querverbindung hinweisen. Denn der Roman spielt kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner im Irak, man sucht verzweifelt und mit allen Mitteln dort nach ABC-Waffen, findet sie zwar nicht, aber… der Rest ist bekannt und finstere Geschichte. Und dann wäre da noch der Anschlag von 1983, inzwischen ebenfalls Geschichte, aber eine, die noch nicht zu Ende geschrieben ist.

Auf dieser Ebene des Erzählten erweist sich die Wahl des deutschen Titels übrigens als durchaus sinnvoll. Wie beim Schachspiel werden Züge gesetzt, zunächst gilt es, den Gegner – die Wahrheit? – zu schwächen, bevor die Lüge in wenigen Operationen das Spielbrett beherrscht.

Das alles wird auf 260 Seiten ökonomisch erzählt, die privaten und die öffentlichen Themen beißen sich nicht, sondern kommentieren einander, das Ende ist einerseits tröstlich, andererseits in seiner brutalen Lakonik nüchtern realistisch. Sollte man lesen. Großartige Kriminalliteratur.

Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung. 
Fischer 2008. 267 Seiten. 7,95 €
(An Accidental American, 2007. Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg)

2 Gedanken zu „Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung“

  1. Gute Rezension. Guter Roman. Guter Titel. Der Autorin (und dem Übersetzer) ist vieles geglückt, woran sich schon manch anderer die Zähne ausgebissen hat.
    Darf ich hier irgendwo Unterschreiben… 😉

    Gruß,
    TK

  2. Danke, mein Lieber. Ich schicke demnächst ein Formular zum Unterschreiben.

    bye
    dpr
    *Kleingedrucktes: Mit der Unterschrift bestellen Sie gleichzeitig einen formschönen Kühlschrank.

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