Ein Wochenende mit Donald E. Westlake

Nein, 2008 war nicht unser gemeinsames Jahr. Richard Starks Papagei, den man befragen sollte, hat es gar nicht erst zu mir geschafft, warum auch immer. Donald Westlakes „Mafiatod“, in der Hard Case Crime – Reihe veröffentlicht (und explizit NICHT retro, sondern einfach notwendige Traditionspflege), brachte es nur auf den großen schwankenden Stapel neben dem Schreibtisch und schien dazu verurteilt, mit dem neuen Jahr dem niemals gelesenen Altpapier zugeschlagen zu werden. Mein letzter Westlake / Stark – Lektüreausflug liegt schon etwas zurück, so lange, dass ich gar nicht mehr weiß, welches seiner Werke ich mit einem „gutes Buch, guter Mann“ abgenickt habe. Also kein hardcore-Fan. Kann man sich auch nicht leisten, wenn man in möglichst alle entlegenen Ecken des Genres schauen möchte.

Aber man soll 2008 nicht vor dem letzten Sekundenschlag loben, und fast mit diesem mussten wir uns von Donald E. Westlake trennen. Als hätten wir ihm je sonderlich nahegestanden, wir Krimileser hierzulande. – Einige schon, zugegeben. Den anderen aber wurde es schwer gemacht. Westlake zählte – wie auch Lawrence Block, mit dem er vieles gemeinsam hatte (die anderen 394 Namen nenne ich nicht) – zur problematischen Gruppe der lieblos durch die deutschsprachige Verlagslandschaft geprügelten Grandseigneurs des Genres, mal hier ein textkastriertes Taschenbuch, mal dort ein brutal aus dem Kontext gerissener Titel – wirklich populär wird man damit nicht, legendär höchstens, was aber die Vorstufe von „total vergessen“ ist. Dass sich hier endlich eine Wende zum Besseren abzeichnete, im Jahr 2008 mit dem vermaledeiten 31.12. – es ist ein Hohn und doch auch ein Trost. Möge der Westlake / Stark – Edition des Zsolnay Verlags ein längerer Atem beschert sein, ein mutigerer Anlauf, ein sensibleres Publikum —

Und nun Schluss mit dem Epitaph. Ich bin schließlich kein Westlake – Fachmann wie die Kollegen, die ihm, zum Beispiel →hier, kundig nachgerufen haben. Ich bin nur ein Leser, der in seinen Beständen stöbert, ein ältliches Büchlein herausklaubt, noch eins, die alten großen Serienhelden Dortmunder und Parker, Verbrecher beide, men at work (und in einem snapshot blitzt Gerry Disher auf), also schon bedenklich am Rande der Krimischablone — noch einmal lesen? Ja, irgendwann gewiss.

Nur: Da wäre noch das Hard Case Crime – Bändchen, „Mafiatod“, im Original „361“, was immer das auch bedeuten mag, und vielleicht, weil ich wissen will, WAS es bedeutet, nehme ich mir den Samstag und den Sonntag für die knappen 200 Seiten Westlake aus dem Jahr 1962. Da war er 29, hatte schon etliche Kerben an der Schreibmaschine, aber seine besten Taten noch vor sich.

„Mafiatod“ erzählt eine handlungsstarke Geschichte um Rache und Betrug, die Gespenster der Vergangenheit und die schalen Werte des Lebens. Das ist jetzt entsetzlich formuliert, aber mit Absicht. Denn die Welt, durch die der Protagonist zu irren hat, besteht aus entsetzlichen Formulierungen. Ray Kelly, 23, hat seinen Militärdienst bei der Navy abgerissen und kommt aus Deutschland nach New York zurück, wo ihn sein Vater, ein Rechtsanwalt, erwartet. Sie wollen zusammen heimfahren nach Binghamton, zu Rays Bruder, seiner Frau, dem Baby. Dazu kommt es aber nicht. Während der Fahrt wird der Vater aus einem anderen Wagen heraus erschossen, Ray verliert ein Auge, liegt eine Zeitlang im Krankenhaus. Seinem Bruder Bill ist ebenfalls Schreckliches geschehen: Die Frau ist totgefahren worden, Fahrerflucht. Gemeinsam machen sie sich auf nach New York, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Rasch erfahren die beiden, dass der Vater in einem früheren Leben für die Mafia tätig war. Das ist ein Schock. Sie graben sich durch Zeitungsarchive, befragen Kollegen, Mandanten des Vaters und geraten schließlich an Eddie Kapp, einen Gangster aus den seligen Prohibitionszeiten, der seit über zwanzig Jahren im Knast sitzt, demnächst aber entlassen werden soll. Er ist Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse.

An dieser Stelle schlägt die Geschichte einen überraschenden Salto. Doch was Westlake im ersten Teil der Story angelegt hat, entfaltet sich weiter bis zum Schluss. Vor allem der Charakter der Hauptperson Ray Kelly, eines Jungen, von dem man so bedenklich wenig weiß. Er ist haltlos, verwirrt, er klammert sich an die üblichen Begriffe wie „Heim“, „Familie“, „irgendwo hingehören“, all das also, was ich am Anfang „schlecht formuliert“ genannt habe. Im Grunde ist Ray ein furchtbarer Egoist, und er wird es irgendwann selber wissen, dass er sich nur rächen will, weil ihm jemand das Zuhause weggenommen hat.

Der angesprochene Salto ist ein wunderbarer Kunstgriff Westlakes. Nicht weil er die Geschichte in Richtung Mafia und „Familie“ dreht, sondern weil er die schlechten Formulierungen zuspitzt und als solche erkennbar macht. Kelly ist ein junger Mann, der Einflüsterungen erliegt. Eddie Kapp wird ihn zuschmalzen, er wird ihm von Ehre und Integration erzählen, von den Traditionen, den Notwendigkeiten des Lebens. Das klingt, wenn Kapp etwa von den Einwanderern und ihren Schwierigkeiten bei der Assimilation erzählt, richtig heutig-soziologisch, ist aber doch nur Demagogie.

Und Kelly, der keine Ahnung hat, was für ein Spielchen da mit ihm gespielt wird, nickt alles ab und geht seinen Weg. Er ist kein Krimineller, aber er benutzt die Kriminalität für seine Zwecke. Die Familienregeln des Verbrechens gelten auch im Privaten, da macht Kelly keinen Unterschied. Als er schließlich erkennt, wie man ihn benutzt hat, bringt er die Geschichte konsequent zu Ende.

„Mafiatod“ ist das Psychogramm eines nach Orientierung suchenden und dabei mißbrauchten Jungen, der sich an leere Begriffshülsen klammert, dem es egal ist, ob es einen Unterschied zwischen Gut und Böse gibt. Er macht – wie später Dortmunder und Parker – einfach seine Arbeit. In diesem Ray Kelly ist die Ambivalenz der zukünftigen Protagonisten bereits angelegt, aber nicht nur das. Auch der große Schriftsteller Donald E. Westlake wird sichtbar.

Vladimir Nabokov hat einmal gesagt, einen wirklich fähigen Autor erkenne man daran, wie er sein Nebenpersonal zeichnet, und wenn das stimmt, dann war Westlake ein verdammt großer Autor. Bill Kelly, Rays etwas biederer Bruder, wird in wenigen Bemerkungen zum Leben skizziert. Ein siebtklassiger Privatdetektiv, ein alternder Journalist – wenige Zeilen genügen Westlake auch hier, um Personal zwischen diesen vagen Begrenzungen im Ungesagten existieren zu lassen. Wie es denn überhaupt die Beiläufigkeiten sind, aus denen der Roman seine Tiefe zieht. Auch der schwarze Anwalt, der sich bei den Mafiosi geborgen fühlt, weil denen seine Hautfarbe egal ist. Und der den Boss verrät, als der ihn „boy“ nennt. Hier wird deutlich, worum es geht: um die eigene Haut, um die erbärmliche Rettung des Selbst, nicht um die großen Werte. Wunderbar in diesem Zusammenhang die Figur des Detektivs, die immer mal wieder auftaucht, ein feiger, anständiger, ängstlicher kleiner Mann, der für mich, als die Geschichte ihren Höhepunkt erreicht, der wahre Held der Story geworden ist.

Doch. Wer „Mafiatod“ liest und die „Höllenfahrt“ (wie die deutsche Erstausgabe von 1963 betitelt war) des jungen Ray mitgemacht hat, weiß schon, was für ein großer Autor dieser Donald E. Westlake gewesen ist und bis ans Ende aller Tage bleiben wird. Ein Pulp-Autor? Hardboiled? Noir? Völlig unwichtig. Diese Kategorien verblassen vor der eigentlichen Kunst Westlakes, die eine überwältigend literarische ist, traumwandlerisch beherrschtes Handwerk, präzise geführte Sprache als Waffe. Literatur als der in eine Geschichte gehauchte Atem, der aus dieser Geschichte (die für sich genommen trivial ist, schon häufig erzählt wurde) ein lebendiges, in sämtlichen Muskeln zuckendes Wesen macht. Die Magie steckt im Ungeschriebenen, das im Gitter der Worte hängenbleibt. Und deshalb besticht der Text – und alle, die ihm folgen – gerade durch das, was er nur anreißt. Alles weitere überlässt Westlake den Lesern – die müssen nur wollen.

P.S. Warum das Buch im Original „361“ heißt, weiß ich immer noch nicht.

Donald E. Westlake: Mafiatod.
Rotbuch 2008. 208 Seiten. 9,90 €
(361, 1962, deutsch von Ursula von Wiese)

4 Gedanken zu „Ein Wochenende mit Donald E. Westlake“

  1. Hier nur eine von vielen Westlake-Anekdoten: In seinem Roman „Jimmy, the Kid“ (1974) planen Dortmunder, der geniale, aber vom Pech verfolgte Meister des eleganten Einbruchs, und seine Gang, zwecks Erpressung von Lösegeld einen Knaben zu entführen. Die Idee dazu stammt von Dortmunders Kumpan Kelp, der im Gefängnis einen Krimi mit dem Titel „Child Heist“ gelesen hat, in dem ein tougher Verbrecher namens Parker ein solches Unternehmen plant und durchführt. Autor dieses (fiktiven) Kriminalromans, den man in Auszügen in „Jimmy, the Kid“ nachlesen kann, ist ein gewisser Richard Stark. Inzwischen findet man „Child Heist“ mit dem Erscheinungsjahr 1974 sogar in manchen Westlake-Bibliographien. Dortmunders Ausflug in die Kidnapping-Branche geht übrigens gründlich schief. Aber das war ja auch nicht anders zu erwarten.

  2. Westlake löst das Titelrätsel selbst schon auf dem Vorsatzblatt des Originals:

    .361 (Destruction of life; violent death.) Killing. Roget’s Thesaurus of Words and Phrases.“

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