Geht alles

„Das heißt, jede Entscheidung verschüttet Möglichkeiten, und dem kann man nach Feyerabend nur mit einem bedingungslos demokratischen Kulturverständnis antworten. “ … ich sagte, Die Kunst DES Volkes sei Dallas oder Jerry Cotton und daß man erst diese studieren müsse, wenn es einem daran gelegen sei, Kunst und Volk ein wenig näher zu bringen“(…)“

Doch, das ist eine nette Erkenntnis, die Paul Feyerabend →hier hat. Feyerabend? Das ist der Mann, der „anything goes“ als wissenschaftliche Maxime ausgegeben hat. Alles geht irgendwie, jede Möglichkeit ist es wert, durchdacht zu werden, die Frage ist nur: wie?

Aber bei genauerer Betrachtung und unter besonderer Berücksichtigung der Kriminalliteratur hat die Erkenntnis natürlich ihre Tücken. Die Kunst des Volkes ist also, zum Beispiel, Jerry Cotton. Wer das nicht ernst nimmt, wird die Kunst nie zum Volk und das Volk nie zur Kunst bringen. Moment mal: Welche Kunst? Die hohe? Und was heißt „näher bringen“? Sollten das beide Seiten nicht selbst schaffen? Die Kunst macht einen Schritt auf das Volk zu und das Volk einen Schritt auf die Kunst. Hm.

Wer sich also mit „der Kunst des Volkes“ auseinandersetzt, sagen wir nicht nur mit Jerry Cotton, sondern generell mit Trivialliteratur, der sollte derjenige sein, der das Volk und die Kunst dazu animiert, diesen Schritt aufeinander zu zu machen. Die Kunst wird etwas trivialer, das Volk etwas weniger trivial. Und was ist trivial?

Jerry Cotton; das wissen wir jetzt. Der soll auch gar nichts anderes sein, das ist also ehrliche Trivialität. Was aber ist mit dem „literarischen Krimi“ von XY, der natürlich nicht trivial sein will und deshalb kein Krimi ist, sondern im Regelfall ein peinlicher Ritt durch sämtliche Klischees der Hochliteratur? Horrorvorstellung: Da macht das Volk einen Schritt auf die Kunst zu und die Kunst einen Schritt auf das Volk, und am Ende stoßen sie beinahe mit den Nasen gegeneinander und das Ganze nennt sich dann „anspruchsvolle Kriminalliteratur“.

Aber gut. Wir segeln hier ja im Gedenken an Paul Feyerabend unter der Flagge des „anything goes“. Und das muss auch bedeuten, Jerry Cotton zur Abwechslung mal nicht nur als „die Kunst des Volkes“ zu bezeichnen, was per se abwertend ist, da es auch bedeutet, dass das Volk keine wahre Kunst hat, sondern ihr fern steht. Es muss auch bedeuten: Wenn ich mich mit den Trivia, dem Populären beschäftige, könnte am Ende herauskommen, dass das Volk gar nicht weiß, in welche Richtung es seinen Schritt auf die Kunst zu machen muss, und die selber weiß auch gar nicht, in welche Richtung sie gehen muss. Denn wo steht das Volk eigentlich?

Und so weiter. Endlos. Geht alles. Richtungslos.

2 Gedanken zu „Geht alles“

  1. Das ist interessant. „wenn es einem daran gelegen sei, Kunst und Volk ein wenig näher zu bringen.“ Es bedeutet ja, dass Kunst eine höhere Erkenntnisform darstellte im Gegensatz zur kurzfristigen Befriedigung von Trieben, Unterhaltung etc. Den höheren Rang von Kunst gegenüber dem Trivialen wird ja gern belegt mit Sätzen wie: Da wird der Finger auf die Wunde gelegt, die Wirklichkeit aufgebrochen, die Absurdität des Absurden gezeigt. Besonders lustig ist (kürzlich sinngemäß in einer Rezension des neuen Romans von Sybille Berg gelesen): „Selten wurde die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens besser gezeigt als hier.“
    Erleben das die Freunde des Trivialen nicht täglich in Tagesschau und Co.? Beim Besuch der Tante gröhlt im Hintergrund vielleicht der Musikantenstadl, aber wie schizophren und korrupt die Welt ist, weiß sie sehr wohl. Gleichzeitig machen viele „Gebildete“ nicht viel aus ihrer Lektüre&geisteswissenschaftlichen Doktortiteln. Fahren Unternehmen an die Wand, führen Kriege oder Partnerschaften als hätte es Schopenhauer, Pascal, Feyerabend und Co. nie gegeben. Nettes Hirnfutter, diese Dialektik und die Dialektik der Aufklärung. Spannend um die Ecke gedacht. Bringt die Hirnzellen auf hohem Niveau in Schwingung und lässt das triviale Tageswerk umso besser meistern. Ergo: „Kunst“ oder die kürzlich zitierte „Selbsterkenntnis“ mögen keine trivialen Inhalte haben, aber womöglich trotzdem keinen anderen Zweck.

  2. Es kommt immer darauf an, in welche Hände Literatur gerät. Lesen als Selbstzweck oder um beruflich weiterzukommen, Lesen als Mittel zur „Selbsterkenntnis“ oder Lesen als Mittel, sich von diesem Selbst zu entfremden. Was das alles mit trivial oder nicht-trivial zu tun hat, erschließt sich mir auch immer weniger. Schweigen wir ganz von den üblichen Kriterien wie „anspruchsvoll“, „nachdenklich machend“ etc.

    bye
    dpr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.