Ein reisendes Schriftsteller-Ehepaar

Der Regionalkrimi boomt weiterhin, ihn zu produzieren strebt auf der Hitliste der liebsten Freizeitbeschäftigungen unaufhaltsam nach oben (aktuell Rang 3 hinter Fußballgucken und Geschlechtsverkehr). Dennoch: Profis sind auch in diesem Metier dünn gesät. Eine Marktlücke für Könner also, die auf der Suche nach dem schnellen Euro längst auch die Bonanza Regionalkrimi für sich entdeckt haben. Wtd sprach mit dem schriftstellernden Ehepaar Lothar und Ute Düsenberg…

Wtd: Liebe Eheleute Düsenberg, wo halten Sie sich gerade auf?
LD: Äh….Sauerland?
UD: Nein, Dummerchen, Sauerland war gestern. Wir sind gerade am Niederrhein. In Fassebökel. Kennen Sie das?
Wtd: Uh…nicht so genau, fürchte ich.
UD: Die einzige deutsche Gemeinde mit einem FDP-Bürgermeister…
Wtd: Interessant. Sie haben sich selbst als „fahrendes Autorenpärchen in Sachen Regionalkrimi“ bezeichnet. Was dürfen sich unsere Leserinnen und Leser darunter vorstellen?
LD: Ist doch fast selbsterklärend. Wir bieten allen interessierten Regionen unser krimitechnisches Knowhow an. Buchen Sie uns – und wir schreiben Ihnen DEN Krimi für Ihre Gemeinde oder Ihre Region! Preiswert und kompetent, auf Wunsch gerne literarisch oder, wenn er sich verkaufen soll, dilettantisch.
UD: Ja. Der Regionalkrimi ist doch quasi das ideale Aushängeschild! Und können Sie sich ein schöneres Präsent zu offiziellen Anlässen vorstellen? Wenn jemand seinen 100. Geburtstag feiert oder das letzte Skatturnier gewonnen hat…
Wtd: Äh…ja, das heisst nein, können wir uns nicht vorstellen. Wenn ich Sie richtig verstehe, erhalten Sie den Auftrag, für, sagen wir, die Gemeinde Fassebökel einen Regionalkrimi zu schreiben. Wie genau gehen Sie vor?
LD: Professionell natürlich. Nach den üblichen Präliminarien – Umfang, Honorar etc. – erstellen wir gemeinsam mit dem Auftraggeber eine Liste der gewünschten Themen und zu erwähnenden Sehenswürdigkeiten. Wir legen die Charakteristika des Protagonisten fest und erfahren den persönlichen Background des Autors oder der Autorin…
Wtd: Äh…aber Sie sind doch Autor und Autorin…
UD (lacht): Nein, nein, wo denken Sie hin! Wir arbeiten selbstverständlich unter Pseudonym! Als Autor oder Autorin kommt nur eine Persönlichkeit aus dem dargestellten Ort, der Region infrage. „Weihrauch und Dekadenz in Fassebökel“ zum Beispiel wird offiziell vom Bürgermeister selbst verfasst.
Wtd: Weihrauch und…äh, ja. Um was wird es in diesem Krimi gehen, wenn man fragen darf?
LD: Nun, wir weilen gerade zur 24-Stunden-Vorortrecherche in Fassebökel. Ein wunderbarer Ort! Denn schließlich muss alles stimmen! Das Haus Lehmgrubenweg 14 etwa – wussten Sie, dass sein Besitzer gerade angebaut hat?
Wtd: Äh…nein, das ist uns jetzt neu.
UD: Sehen Sie! Das sind die Details! Das bringt die Glaubwürdigkeit! Wir sind, ich kann es nur wiederholt betonen, eben Profis!
Wtd: Man merkts. Und der Inhalt? Vielleicht nur so im Groben?
LD: Naja, Ihren Blog liest ja sowieso kein Mensch, haha! Also ausnahmsweise: Es dreht sich um Hieronymus Schneider, einen ehemaligen Priester, der wegen sexueller Belästigung seiner Chorknaben leider aus dem Dienst ausscheiden musste.
Wtd: Uh, aktuelles und brisantes Thema!
LD: Ja, das ist unsere Spezialität! Schneider also gibt sein Priesteramt auf und gerät auf die schiefe Bahn. Sprich: Er beantragt Hartz IV.
Wtd: Boah!
LD: Und was tut er als Hartz IV- Empfänger? Er sitzt den ganzen Tag vor dem Computer und guckt Kinderpornos.
Wtd: Hm, logisch…
UD: Unser Auftraggeber möchte diesen Krimi quasi als moralische Unterstützung für seinen Parteivorsitzenden begriffen wissen. Und natürlich bei den nächsten Wahlen punkten.
Wtd: Nachvollziehbar. Wie gehen Sie nun rein technisch vor? Und wie lange brauchen Sie für den Text?
LD: Nach der Recherche entwickeln wir die Storyline. Das Übliche halt. An der größten Sehenswürdigkeit des Ortes – in Fassebökel ist es die Raimund-Schlutz-Mehrzweckhalle – wird eine Leiche gefunden. Der Kommissar ermittelt, deckt ein uraltes Familiengeheimnis auf…ectpp… Da im Falle Fassebökel ein gediegen amtlicher Schreibstil verlangt wird, rechnen wir für die veranschlagten 250 Seiten mit ca. 3 Wochen Schreibzeit. Meine Frau macht die Dialoge, ich stricke dann den Rest drum.
Wtd: Ein spannender Blick in die Werkstatt von Profis.
UD und LD: Sie sagen es.
Wtd: Und Ihre nächsten Pläne?
LD: Hm…das weiss meine Frau besser.
UD: Wir machen unsere alljährliche Tour durch Hessen. Hier ein Wiesbaden-Krimi, dort ein Frankfurt-Krimi, dazwischen ein Taunusthriller.
Wtd: Äh…ihre alljährliche Tour?
LD: Gewiss. Unsere Spezialität sind Serien. Und mit den Damen dort arbeiten wir seit Jahren erfolgreich zusammen.
Wtd: Hm. Namen könnten Sie vielleicht nicht ausnahmsweise…
UD: Nein, wir sind schließlich Profis. Ausserdem wären Christiane, Astrid und Anne nicht sehr amused, fürchte ich.
Wtd (schnappt nach Luft): Äh…uh…oi…ja vielen Dank. Wir müssen leider aufs Klo…uh…hat uns gefreut…

4 Gedanken zu „Ein reisendes Schriftsteller-Ehepaar“

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