Propheten des Untergangs

Als journalistisches Leitmedium in Sachen Kriminalliteratur ist uns die „Süddeutsche Zeitung“ bislang eher nicht aufgefallen. Vor Jahr und Tag, als man die hauseigene „SZ Kriminalbibliothek“ mit bequemen Wiederverwertungen sogenannter „Klassiker“ vermarktete, schien sich das zu ändern, aber es war dann doch nur schlichtes Marketing und endete mit dem erwarteten vollständigen Abverkauf der Bücher. Jetzt hat die SZ wieder zugeschlagen und lässt einen sicheren J. Käppner einen →Abgesang auf den Krimi singen.

„Noch nie war der Krimi so erfolgreich. Aber noch nie gab es auch so peinliche Figuren, noch nie so verstiegene Plots. Der Kriminalroman wird immer dümmer – und gräbt sich sein eigenes Grab.“

Nun könnte man schon hier einwenden, dies sei alles wahr, die Schlussfolgerung indes reichlich unlogisch. Nicht weil der Kriminalroman immer dümmer wird, gräbt er sich sein Grab, er ist erfolgreich, weil er dumm ist. Oder differenzierter: Die Dummheit vermag dem Publikum zu liefern, was es begehrt, versatzstückartige Handlung mit wahlweise 1A-Serienmördern oder grübelndem Ermittlungspersonal, ein bisschen Humorersatz oder eine Runde Gesellschaftskritik. Hier gleich zum Anfang das Beispiel Petra Hammesfahr als Indiz vorzuführen, wie Käppner das tut, zeugt nicht gerade von besonderer Kenntnis der Szene DER Kriminalliteratur. Sodann sich über die merkwürdigen Serienkiller zu mokieren, ebenfalls nicht. Das ist weder originell noch mutig, auf die Epigonenschaft von Mankell und Konsorten wurde auch schon andernorts hingewiesen, Michael Connellys Bosch-Krimis wurden erschöpfend und gebührend gelobt und der Held Jack Reacher ist vielleicht doch mehr als der Supermann des American Dream und das Vehikel eines sattsam zitierten Eskapismus, auch hierzu gibt es seriöse Untersuchungen.

Auch verwundert es nicht, wenn uns Käppner am Ende seiner Ausführungen Friedrich Dürrenmatts „Das Versprechen“ als Beispiel eines anderen, eben nicht verdummten Kriminalromans als Herz legt. Dieser sei „Literatur aus eigenem Recht“, was eine merkwürdige, natürlich nicht weiter differenzierte Behauptung ist und nur noch von einem anderen Satz gesteigert wird: „Chandler als Erfinder des unsterblichen Detektivs Philip Marlowe oder Hammett sind deswegen literarisch, weil ihre Erzählungen auch Porträts ihrer Zeit darstellen, deren moralische Konflikte sie widerspiegeln.“

Porträts ihrer Zeit? Das ist eine typische Marktschreierei der sogenannten „seriösen Literatur“, die es darunter gar nicht mehr macht. Man könnte es auch anders formulieren: Chandler und Hammett siedeln ihre Geschichten in der Gegenwart an und kommen, wenig überraschend, nicht daran vorbei, diese Gegenwart zu beschreiben. Mit „literarisch“ hat das nichts zu tun, denn das ist eine Frage der Umsetzung und nicht der Intention.

Aber fassen wir uns kurz: Käppner scheitert zuverlässig an seinem Thema – weil er nur partiell weiß, wovon er schreibt. Propheten des Niedergangs gibt es reichlich, das Kassandragewand wird in jedem Kostümverleih wohlfrei angeboten, und dass ein „Boom“ irgend wann einmal zum Crash gerät, trifft beileibe nicht nur auf die Kriminalliteratur zu. Nur, auf welche Kriminalliteratur? Die einer Petra Hammesfahr oder Charlotte Link, eines Andreas Franz? Die Kriminalliteratur ausgelutschter „Serienkiller“ und volkstümelnd witziger Regionalkrimis wie aktuell „Winterkartoffelknödel“ von Ria Falk? Der Skandinavien-Hype? Und was kommt danach? Chandler, Hammett, Connelly oder Dürrenmatt? Aha, eine neue „SZ-Kriminalbibliothek“ wahrscheinlich.

Dass Kriminalliteratur immer zwei Gesichter hat, ein öffentliches und ein, sagen wir, privates, kommt Käppler nicht in den Sinn. Er reduziert, wie viele andere auch, das Genre auf seine öffentliche, sprich kommerziell erfolgreiche Seite, auf den unter ausschließlich ökonomischen Aspekten lancierten Handel mit einer Ware, die den nach folgenloser Unterhaltung Gierenden als billige Sättigungsbeilage gereicht wird. Das war schon immer so, ist nicht verwerflich, sondern Bedürfnisbefriedigung als Business, und hat nichts mit jener anderen Kriminalliteratur zu tun, die, da sie eben nicht ausschließlich als Ware produziert und gehandelt wird, auch nicht die Massen befriedigt, nicht in die Schlagzeilen kommt, nicht taugt zu Theorien über Boom und Hype und deren Ende.

Es sei jedem Leser, jeder Leserin überlassen, sich dazu eigene Namen einfallen zu lassen. Es gibt ja genug. Voraussetzung hierfür ist allerdings KENNTNIS, ein Vertrautsein mit dem kommerziell eher Abseitigen. Käppler geht das vollständig ab und so wird er, sollte der Crash eines Tages kommen, lustig mit dem Kopf nicken und nicht merken, dass nur Potemkins Dorf umgefallen ist, an den Kathedralen des Genres aber weiterhin munter gebaut wird.

dpr

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