Dominique Manotti: Roter Glamour

glamour.jpg „Es ist, und ich wage wieder das schockierende Wort, schnuppe, ob der Schriftsteller Karl Marx besingt oder die Jungfrau Maria. Hauptsache, er tut das gut (…)“ (Arno Schmidt)

Stimmt. Dominique Manotti könnte über alles schreiben, man würde es gerne lesen, denn Dominique Manotti kann schreiben (… und Andrea Stephani kann übersetzen; dieses Lob gleich vorweg). Und so ist es wohl auch: Sie schreibt über alles. Über das mörderische Intrigengeflecht der hohen Politik und ihrer Organisationen ebenso wie über die Entwicklung einer jungen Frau maghrebinischer Abstammung, über Väter und sonstige Fädenzieher, aus dem Ruder laufende Befehlsempfänger und emanzipatorische Abnabelungen (beides ähnelt sich), mit einem Wort: Dominique Manotti schreibt über das Leben.
Dabei beginnt „Roter Glamour“ abschreckend, mit einer kurzen Erklärung der Autorin, die Organisationsstruktur der französischen Polizei betreffend. Dagegen ist man in Deutschland erfreulich überschaubar, eine Menge Abkürzungen gilt es sich zu merken (oder immer wieder aufzufrischen), aber mit dem Hinweis, man könne sich auch einfach so durch die Lektüre treiben lassen, beruhigt uns Manotti wieder. Die Komplexität dieses Systems wird zum politischen Thema des Buches. Eine dieser Organisationen, der direkt dem französischen Staatspräsidenten unterstellte Antiterrorstab, hat einen Waffendeal mit dem Iran eingefädelt. Angeblich zum Wohle französischer Geiseln, aber in Wahrheit geht es um Profit. Nur: Das Flugzeug mit den Waffen stürzt unter mysteriösen Umständen ab, der Chef des Stabs, Bornand, gerät in Bedrängnis.

Die wird noch heikler, als ein Untergebener Bornands, der Polizist Fernandez, die Prostituierte und Spitzelin Katryn ermordet. Nun kommt die junge Noria Ghozali ins Spiel, eine Flüchtige aus den patriarchalischen Zwängen des Elternhauses, im Polizeidienst untergekommen, ehrgeizig und hartnäckig genug, den Fall mehr und mehr zu erhellen. Aber die Strippenzieher sitzen natürlich woanders: In den polizeilichen Konkurrenzorganisationen, in den mafiösen Strukturen von Banken und Scheinfirmen, die alle an den schmutzigen Geschäften verdienen. Es geschehen weitere Morde, nur der Präsident der französischen Republik – ein Sozialist, heißt er François Mitterrand? – will von alledem nichts wissen. Schließlich ist er ganz moralisch steriler Staatsmann und sein „roter Glamour“ verträgt sich nicht mit dem schmutzigen Rot von Blut.

„Roter Glamour“ handelt also von der großen Politik, ihren Machtstrukturen und Metastasen, der letztlichen Beliebigkeit ideologischer Maßstäbe und der Verhöhnung demokratischer Prinzipien. Nur, mal ganz ehrlich: Hatten wir wirklich etwas anderes erwartet? Liefert Manotti also Bestätigungsprosa? Ein kollektives Kopfnicken Gleichgesinnter am Stammtisch der Besitzer von Universitätsabschlüssen? Die Gefahr bestünde, wäre Manotti keine Literatin, deren Sprachbehandlung wie schon im Romanvorgänger „Letzte Schicht“ allein uns auch die Jungfrau Maria schmackhaft machen würde, dieses stilistische Neben- und Ineinander innigster Intimität der Gedanken und äußerster Distanz der Milieuskizzierung. Entscheidend jedoch ist die Art, wie Manotti ihr Personal aus dem realpolitischen Tableau meißelt. Der Drahtzieher – der Helfershelfer – die Polizistin: Figuren von beeindruckender Tiefe, zerrissene Gestalten zwischen dem Biografisch-Privaten und der Staatsräson. Kein Zweifel: „Roter Glamour“ ist auch ein Meisterstück psychologischer Kriminalliteratur. Der Bonze Bornand, der über Leichen und einstige Überzeugungen steigt, ein pikantes Geheimnis mit seiner Geliebten teilt und am Ende vom Privaten eingeholt wird; der Helfershelfer Fernandez, funktionabel wie eine elektrische Zahnbürste und plötzlich außer Kontrolle; vor allem aber Noria Ghozali, die dem Terror des Elternhauses entflieht, sich emanzipiert, um sofort in eine andere Zwangsjacke gesteckt zu werden. Gerade ihre Entwicklung möchte man weiter verfolgen – und kann es auch, denn im nächsten Manotti (vom Verlag für den Herbst angekündigt) kehrt sie zurück.

So also gelingt es der Autorin, uns eine tendenziell affirmative Lesehaltung, dieses „Hab wir doch schon immer gewusst, schön, es noch einmal zu erfahren“ des kritischen Konsumenten, gründlich durch die Kraft der Literatur auszutreiben. Die psychologischen Parameter des Personals finden sich in jedermanns Denken wieder, in jedermanns Reflex-, Trieb- und Instinktkästchen. Arno Schmidt hatte recht: Karl Marx oder die Jungfrau Maria, eigentlich ist es einerlei. Nur schreiben muss jemand können, die Welt betrachten und in Literatur verwandeln. Dominique Manotti kann das. Und wie.

Dominique Manotti: Roter Glamour. Ariadne 2011 (Nos fantastiques années fric. 2001. Deutsch von Andrea Stephani). 246 Seiten. 12,90 €

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