George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle

higgins.jpgEine gelesene Geschichte ist immer auch eine gesehene Geschichte. Unser Kopfkino verwandelt Wörter in Bilder, schnappt sich den Handlungsfaden und zieht ihn möglichst logisch-straff, um auf diesem Seil, dieser Sinn-Einheit, über den Abgrund zu tanzen, in den zu schauen man uns abgeraten hat. Vorsicht, Absturzgefahr, Vorsicht, disparate Teilchen unseres Daseins. Um dieses Kunststück bewerkstelligen zu können, hat man u.a. die erzählende Literatur erfunden. Aber Literatur wäre nicht Literatur, wenn sie den Erwartungen nicht gelegentlich davonliefe, indem sie sie erfüllt und gleichermaßen untergräbt. Einen solchen Text hat man bei „Die Freunde von Eddie Coyle“ vor sich.
Beginnen wir mit dem filmischen Teil, was deshalb auch nahe liegt, weil dieser 1971 veröffentlichte (und erst 1989 ins Deutsche übersetzte) Roman von George V. Higgins gleich nach seinem Erscheinen mit Robert Mitchum verfilmt wurde. Wir folgen dem Titelhelden, einem Kleinkriminellen, durch die letzten Tage und Stationen seines Lebens. Doyle besorgt Schusswaffen, er ist Zwischenhändler, ein kleines Rädchen im kriminellen Getriebe wie andere auch, mit denen er sich trifft. Momentan gehen die Geschäfte gut, denn der Gangster Scalisi und seine Gang haben Bedarf an heißer Schussware für clever inszenierte Banküberfälle. Die ganze Geschichte ist eine Abfolge von Kalkül und Verrat, jeder ist sich selbst der nächste, jeder will überleben, und am Ende wird Eddie Coyle eben tot sein. Ein reinrassiges Gangsterdrama wäre das – wenn Higgins nicht etwas anderes im Sinn gehabt hätte.

Man lockt die Leserschaft am zuverlässigsten in die Falle, wenn man sie mit besonders krassen Lockstoffen ködert. Genau das tut Higgins. „Die Freunde von Eddie Coyle“ liest sich wie ein Drehbuch, das immer nach dem gleichen Muster operiert. Die jeweilige Szenerie wird knapp und nüchtern geschildert – Wer trifft sich wann wo warum mit wem? – und dann unterhalten sich zwei, selten auch drei Menschen miteinander über ihren Beruf. Natürlich vergisst man zu keinem Zeitpunkt, dass man es mit Gangstern und Polizisten zu tun hat, aber nach und nach ertappt man sich dabei, von diesem dicken gespannten Seil der Handlung hinab in eben jenen Abgrund zu schauen – und etwas Unerwartetes zu erkennen: das alltägliche Leben, die alltäglichen Gespräche, wie man sie in einem Büro führt oder nach Feierabend in der Kneipe. Wenn Doyle und seine Kumpane kommunizieren, tun sie das nach den gleichen Regeln, mit den gleichen Strategien wie xbeliebige Personen aus dem ganz normalen Berufsleben. Sie schildern die Schwierigkeiten ihrer Arbeit, betonen ihr Berufsethos, taktieren, suchen ihren Vorteil, drohen gelegentlich oder schmeicheln. Natürlich sprechen sie auch über Privates, über frustrierende Beziehungen oder Zukunftspläne, und ganz allmählich blendet man aus, um was es im Konkreten geht, man ersetzt Schusswaffen durch Brathähnchen oder Maschinenteile, man steigt vom Seil der filmischen Handlung – und stürzt in sich selbst.

Mir fällt für diesen Roman kein anderes Attribut ein als „genial“. Da benutzt einer die filmischen Mittel, schreibt einen beinahe Dialogroman, der geradezu nach seiner Visualisierung schreit, und torpediert genau damit das Offensichtliche. Etwas Erzähltes wird zu etwas, das selbst zu erzählen beginnt, auf einer anderen Ebene allerdings, dort, wo sämtliche Fäden der Kontinuität, des Anfangs einer Story und ihres Endes gerissen sind. Nun weiß ich natürlich nicht, wie Higgins seinen Roman recherchiert hat, aber ich könnte mir vorstellen, dass er viel in Bars und Kneipen, Vorortzügen, Wartezimmern von Ärzten etc. herumsaß und einfach nur zugehört hat. Daraus wurde dann ein Krimi – und an uns ist es nun, ihn zu dem zurückzuverwandeln, was er einmal war: die Art, wie wir zusammenleben.

George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle. 
Goldmann 1989 
(The Friends of Eddie Coyle. 1971. Deutsch von Jürgen Langowski). 
158 Seiten. 
Zur Zeit nur antiquarisch erhältlich. 
Mehr zu diesem Roman auch bei →Martin Compart

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