In eiserner Faust

Im idyllischen Bargfeld, Kreis Celle werden jetzt auch alte Krimis verlegt. Zumindestens einer, „In eiserner Faust“, 1872 von J. Steinmann (d.i. Julius Stinde) verfasst, „Ein Polizeiroman aus der neuesten Zeit“. Herausgegeben und verlegt wurde das Werk von Ulrich Goerdten, den kennt man auch, wenn man Bargfeld kennt. Und er hat eine →ausführliche Seite zum Roman bei Wikipedia angelegt, auf die an dieser Stelle hingewiesen sei.

Ein Genre fällt in sich zu sich zusammen. William Faulkners „Die Freistatt“

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Sanctuary (engl.): Zuflucht, Schutzgebiet, Freistätte, Freistatt (gehoben), Altarbereich, Heiligtum, heiliger Ort

„Schätzen Sie Faulkner im allgemeinen nicht; oder aber nur speziell dieses 1 Buch?“. „Allgemein nich. Und schpeziell schon gleich gar nich.“ (Arno Schmidt, „Piporakemes!“; mit dem „1 Buch“ ist der Erzählband „New Orleans Sketches“ gemeint, den Schmidt übersetzt hatte)

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Faulkner wieder- und fertiggelesen

Als ich auf Facebook nach einem geeigneten „klassischen Krimi“ für eine ausführliche Betrachtung fragte, nannte mir der gute Frank Nowatzki William Faulkners „Sanctuary“(„Die Freistatt“). „→(Jim)Nisbet hatte mir speziell Sanctuary ans Herz gelegt. Definitiv Crime.“

Hm, guter Typ, also guter Tipp, also das Büchlein angeschafft. Schon nach den ersten Sätzen wusste ich: Hast du schon einmal gelesen. Jahre her, in einem ganz anderen Zusammenhang und auch nicht zu Ende. Jetzt habe ich das nachgeholt und durchaus mit Gewinn. Und da man im Hinblick auf eine zukünftige bessere Welt ja alles teilen sollte, tue ich das auch mit meinen Leseerfahrungen. Anfang nächster Woche.

Hier auch noch

Den folgenden Text kann man auch →hier lesen, aber das ist natürlich Werbeumfeld und deshalb gehört er auch auf wtd, wo ja nicht geworben wird, das heißt anders geworben. Man kann sich auch das Werbeumfeld einmal anschauen, ist ja nix Schlimmes. Ein Autor wirbt für sein Buch, andere werben für Atomkraft, Windmühlenflügel begegnen diesen wie jenem, ach, so ist das nun einmal.

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Hans Helmich: Stadt der Spitzel

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Einen guten Stoff findet der Krimiautor auf der Straße oder in den Geschichtsbüchern. Man kann auch beides kombinieren, wie es Hans Helmich in seinem Debüt „Stadt der Spitzel“ getan hat: das Verflachen, Gewinnmaximieren und Klüngeln der Medien trifft die Hausbesetzerszene der frühen 80er Jahre in Berlin. Der Stoff ist also weniger das Problem. Seine Be- und Verarbeitung entscheiden über die Qualität, auch, man will es kaum glauben, die Sprache und ihr möglichst unfallfreies Umschiffen von Klischees. Überhaupt: Klischees.

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Schreiben ist nicht Fotografieren

Nicht erst das dräuende Zeitalter des Dreidimensionalen – Menschen mit komischen Brillen vor Leinwänden und Monitoren – behauptet das Primat der plastischen Detaildarstellung über die flüchtige Konturenskizze. Es war schon immer so. Wer so zeichnen kann wie unsereiner höchstens fotografieren, gilt, zumindest in gewissen Kreisen, als künstlerisch hochbegabter als der Liebhaber des Abstrakten, bei dem ein Gesicht, falls überhaupt noch als solches erkennbar, immer zum bloßen Strichcode gerät.

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Machen Sie doch was sie wollen

Auch Arbeit kann spannend sein, sogar im Krimi, dort vor allem. Lesen Sie den →zweiten Teil meiner kleinen Spannungsstudie auf der Krimicouch und seien Sie wie ich gespannt, wie es →diesem Titel ergehen wird, der gerade in den Druck einsteigt. Bestellen Sie das Ding, wo auch immer, notfalls →beim Autor, dann haben Sie es möglicherweise vor allen anderen und auf Wunsch auch signiert und gewidmet und ganz bestimmt ohne Aufpreis. Oder lesen Sie kostenlos, wie →das Drood-Projekt von einer Spannung in die nächste pehst oder lesen Sie gar nicht und schauen lieber Fernsehen wie der Herr Klingenmaier (kleiner Facebook-Insiderscherz). Werbung aus, Arbeit an.

Ein saarländischer Regionalkrimi

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Was sich am 30. August 2009 im Saarland ereignete, schien so vorhersehbar wie jeder rasch gelesene Krimi. Ein Prolog, der die Spannung anzuheizen gedenkt, im Grunde aber schon das Ende vorwegnimmt, falsche Spuren und endlich, innerhalb von wenigen Zeilen, die nicht überraschende Auflösung. Wahlsonntag eben. Käme es zu einer rot-rot-grünen Koalition, gar mit den Linken als stärkster Partei? Würde es die arg gerupfte CDU schaffen, ihre erwartbaren Stimmenverluste in Grenzen zu halten und wäre die FDP wieder einmal in der Lage, genügend strategische Stimmen aus dem schwarzen Lager zu generieren, um in den Landtag zu kommen?
Für ersteres sprach viel, für letzteres wenig. Immerhin hatte die Wirklichkeit als Autorin ein Talent für Personal. Der legendäre saarländische Volksheld Lafontaine schickte sich an, im Saarland für ostdeutsche Verhältnisse zu sorgen, die SPD, seit Lafontaines Rücktritt von allen Ämtern (wozu er nicht einmal eine Doktorarbeit zu türken brauchte) nicht gut auf den einstigen Vormann zu sprechen, ein immer blasser werdender Ministerpräsident Peter Müller, als auch bundesweit gefürchteter Tiger gestartet und regionaler Bettvorleger gelandet, dazu, als obligatorischer Dunkelmann, Grünen-Chef Hubert Ulrich, Anführer einer Truppe, die zu wählen man im Saarland entweder die Grünen schon sehr, sehr lieb haben muss oder infolge falscher Ernährung an intellektuellen Mangelerscheinungen leidet.

Allerlei munteres Beiwerk sorgte für vordergründige Spannungseffekte. Linke und SPD attackierten sich, ebenso Linke und Grüne, nicht zuletzt, weil die meisten der linken Spitzenkandidaten bis vor nicht allzu langer Zeit noch in den jeweiligen Konkurrenzparteien zugange gewesen waren. Lafontaines Satz „Wer grün wählt, wird sich schwarz ärgern“, ärgerte die Grünen, erwies sich allerdings als sehr weise.

Zunächst jedoch sah es so aus wie erwartet: Es reichte für rot-rot-grün. Erste Verhandlungen begannen, sie zogen sich hin, doch am Ergebnis konnte nicht gezweifelt werden. Weder die SPD noch die Grünen konnten mit der CDU koalieren, zu kontrovers die Programme und Absichten. Das Ende des Krimis war also unglaubwürdig, denn die Grünen verbanden sich gegen alle Wahrscheinlichkeit mit CDU und FDP, die ach so kritischen Delegierten waren schnell auf Vordermann gebracht, als Ulrich den Buhmann Lafontaine heraufbeschwor – und der Krimi, scheinbar zu Ende, begann nun erst richtig.

Darüber, wie sich all das entwickelte und wie es weiterging, hat nun Wilfried Voigt ein Buch geschrieben. Es heißt „Die Jamaika Clique. Machtspiele an der Saar“ und versucht auf gut 200 Seiten eine Zusammenfassung der Fakten sowie die Offenlegung der Fäden zwischen den einzelnen Akteuren. Es ist eine wirre Geschichte, was nicht an ihrer Darstellung liegt, sondern Teil ihrer selbst ist. Saarländern sind die Fakten weitgehend bekannt, nicht zuletzt wegen der Skandale, die sich um einige der Personen ranken. Die „zweifelhafte Persönlichkeit“ (Daniel Cohn-Bendit) Hubert Ullrich, von seinem Parteifreund gar als „Mafioso“ tituliert, merkwürdige Begebenheiten bei den Grünen (Karteileichen, die sich nur dann aus ihren Gräbern erheben, wenn Herr Ulrich Stimmen braucht etc.), vor allem jedoch der FDP-Strippenzieher Hartmut Ostermann, Chef des Seniorenheim-Dienstleisters „Pro Seniore“, ehemaliger Präsident des 1. FC Saarbrücken (ein saarländischer Mythos) und auch sonst überall dort zu finden, wo es glänzt und nach Profit riecht, dazu die aparte Tatsache, dass Ulrich in einem Unternehmen angestellt war, an dem Ostermann eine Beteiligung hält… das ist guter Stoff für Mutmaßungen, wie denn diese überraschende Koalition von FDP und Grünen zustande gekommen sei.

Voigt schildert diese Zusammenhänge detailliert. Das meiste ist, wie gesagt, nicht neu, aber hilfreich in seiner nun vorliegenden Kompaktheit. Dass Ostermann auch in den sogenannten „Berliner Bankenskandal“ verwickelt war sowie die mögliche Rolle einer vielumworbenen rechten Burschenschaft sind Aspekte, die man bislang so noch nicht kannte, ebenso das im Vorfeld der Wahl geradezu penetrante Werben Ulrichs um gute Worte für die Grünen durch den SPD-Vorsitzenden Maas. Dass sich das politische Saarland als reichlich verfilzt darstellt – geschenkt. Wo ist es anders? Verblüffend jedoch, wie sich dieser Filz nicht nur in bekannter Manier einfarbig präsentiert (roter, schwarzer, grüner, gelber…), sondern als buntes Gemenge, in dem sich die Intrigenlandschaft als geradezu überparteilich erweist. Jeder mit jedem also, wenn es opportun erscheint, natürlich auch jeder gegen jeden. Was nicht verwundert, wenn man in einem Bundesland lebt, in dem jeder jeden kennt. Das Saarland ist eben nicht nur historisch ein Land mit Besonderheiten. Es ist auch ein Land der Minderwertigkeitskomplexe (zumeist waren es Auswärtige, die hier das Sagen hatten, sowohl politisch als auch ökonomisch), der Nähe zu Frankreich und dem dortigen „Savoir Vivre“ (eine immer wieder zu Fremdenverkehrszwecken kolportierte Legende, wie sie in einem zünftigen Regionalkrimi nicht fehlen darf), ein Land im Umbruch auch (Ende der Kohleindustrie, Niedergang der Stahlindustrie) und, natürlich, ein Land der kurzen Wege, auf denen es nicht ausbleiben kann, dass man sich über den Weg läuft, in gerade angesagten Lokalen zufällig am selben Tisch sitzt oder, so wird gemunkelt, in Bordellen die selben Dienstleisterinnen präferiert.

Saarländer, so könnte man sagen, sind harmoniebedürftige Leute (die meisten…), locker im Umgang miteinander, nicht sehr nachtragend und mit anspruchsloser Kost (Bier, Lyoner, Weck) zufrieden. Das verbindet – und in der Verbindung liegt nun einmal das Gefühlige, und dieses Gefühlige, diese Nähe ist der Bodensatz des Mauschelns, der Intrige. Wilfried Voigts Verdienst ist es, genau diese Atmosphäre in seinem Buch zu beschreiben, als eine Abfolge von Skandalen, die, jeder für sich, meist glimpflich für die Betroffenen ausgehen, wo aus einer Steuerhinterziehung in Millionenhöhe auf wundersame Weise ein nicht mehr sonderlich justizrelevanter Streit um Kleckerbeträge wird, wo die Liebe zum örtlichen Fußballverein noch idealistisch und ökonomisch einträglich zugleich sein kann und das Stehlen einer Badematte zum Politikum wird. Typisch saarländisch eben. Regionalkrimi, wie wir ihn lieben.

Wilfried Voigt: Die Jamaika Clique. Machtspiele an der Saar.
Conte 2011. 204 Seiten. 14,90 Euro

(Hinweis: Der Rezensent steht in geschäftlichen Verbindungen zum Conte Verlag)

Rund

Na, wenigstens heute ist das →Edwin-Drood-Projekt eine runde Sache. Seit 100 Tagen erscheint jeden Morgen eine neue Folge des berüchtigten Endloskrimis, ein Ende ist nicht abzusehen, es wird aber ein abruptes sein und die Leserschaft für alle Zeit rätselnd zurücklassen. Aber erst einmal egal. Heute wird gefeiert, morgen wieder geschrieben.

Kurt Bracharz: Der zweitbeste Koch

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Der zweitbeste Koch ist immer besser als der erstbeste, denn der heißt bekanntlich Hunger. Nur leider ist der zweitbeste, ein Chinese, spurlos verschwunden. Er hat in einer Art Mega-China-Event-City mitten in Wien gekocht, einem fernöstlichen Disneyland mit Restaurants, Hotels, einem Riesenrad (kleiner als das im Prater) – und einem Zoo. In diesem kulinarischen Paradies verkehrt auch Romanheld Xaver Ypp und das von berufswegen, er ist nämlich Gourmetkritiker der Zeitschrift „Lukull“.

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Revisited: Deutschland, ein schlechtes Krimimärchen

Hallo Deutschland, wie bist denn du wieder drauf? Taumelst durch dich selbst und stellst dir unerhört sinnhafte Fragen, wie ich in den letzten Tagen leider „den Medien“ entnehmen durfte. Was ist gute Unterhaltung, „Wetten dass“ oder „Dschungelcamp“ („Maybrit Illner“)? Soll man mit Drill oder ohne erziehen („Hart aber fair“). Hat ein Minister „gespickt“ (überall)? Entschuldige, Deutschland, aber das ist ungefähr so wichtig wie das „Wer war’s“, das einen Krimiautor umtreibt, also völlig ohne Belang, aber leider: Es zählt.

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