Abgestempelt – und ein Wort zum Historienkrimi

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Ein solch formschöner Stempelabdruck wird jedes Exemplar von Carl von Holteis „Schwarzwaldau“ an diskreter Stelle zieren, wenn… ja, wenn das Werklein →hier und jetzt! subskribiert wird! Ein Unikat, eine Wertanlage, der Beginn einer aufregenden, exklusiven Serie, die, unter den Weihnachtsbaum gelegt, jeden Krimifreund entzücken wird. Also schnell! Die Zeit läuft!

Das war der Werbeteil dieses Beitrags. Und jetzt der grundsätzliche: Für wen mache ich das eigentlich hier und warum liest man Historienkrimis, aber keine historischen Krimis?

Alles geht seinen Gang. „Schwarzwaldau“ wird druckfertig gemacht, die verschollene Kriminalliteratur des 19. Jahrhunderts peu à peu ausgegraben, um ebenso peu à peu dem interessierten Leser zugänglich gemacht zu werden, ja, eine erste Auswahl wurde schon getroffen und wird all jene, die, denken sie an alte Krimis, „Schund und Kolportage“ assoziieren, überraschen.

Äh… dem interessierten Leser? Gibts den eigentlich? Ist es wirklich nur einer, sind es zwei oder drei? Die Subskriptionserfahrungen mit „Schwarzwaldau“, so erfreulich sie auf den ersten Blick auch zu sein scheinen, stimmen nachdenklich. Zwar haben sich inzwischen gut 30 Vorbesteller gefunden, die meisten indes (ich schätze zwei Drittel) stammen aus dem Umfeld von Arno Schmidt, der „Schwarzwaldau“ als „besten deutschen Krimi“ gelobt hat. Diese werten Leute interessiert wohl weniger die Historie des Kriminalromans, sondern der Schmidt-Bezug. Dass sie für ihr Interesse einen wirklich lesenswerten Roman bekommen, sei ihnen gegönnt.

Blieben also, wenn ich sehr, sehr optimistisch rechne, ganze zehn Leutchen, die sich für historische Kriminalromane interessieren, ja, für die Geschichte des deutschen Krimis überhaupt. Sehr wenig; aber wer bin ich, Geschichtsbewusstsein einzufordern? Noch gar beim Krimi, den man liest und weglegt und vergessen hat, wenn man sich den nächsten vom Stapel ungelesener Bücher greift? Was ich jedoch merk- und denkwürdig finde, ist die große Popularität von „historischen Krimis“ aus der Feder zeitgenössischer Autoren. Prinzipiell nichts dagegen; aber warum die – historisch zumeist fragwürdige, weil aus zweiter Hand gestrickte – Nachahmung, wenn ich auch Originale lesen kann? Schreibt man heute besser? Mitnichten; im Gegenteil. Die Stilsicherheit der Burschen und Mädels damals überrascht immer wieder. Spannender? Vielleicht im modernen Whodunit-Sinn. Ein Buch wie „Schwarzwaldau“ etwa – KEIN Whodunit – besitzt gleich auf mehreren Ebenen Spannung.

Noch einmal: Nichts gegen gutgemachte Krimis, deren Autoren sich Mühe geben, das berühmte „Kolorit“ der Vergangenheit zu recherchieren. Nur: Historie ist mehr als die Rekonstruktion einer Mode, einer Stadt, einer gesellschaftlichen Lage. Sie ist auch – und genau das gibt es in den alten Romanen zur Genüge – ein Blick in Denkweisen, aus denen die unsrigen hervorgegangen sind. In die Denkweisen des Autors und seiner Figuren, die dem Leben abgelauscht sind und uns gemeinhin weit mehr eröffnen als jenes gemütliche Sichversenken in die Zeiten, da man noch Postkutsche fuhr oder mit Keulen aufeinander einschlug.

Ich will, jedenfalls hier, die Leser nicht weiter mit Geschichte langweilen. Dass es immer besser ist zu wissen, woher etwas kommt, sei nur erwähnt. Und das trifft nicht nur auf unser täglich Brot und Rindfleisch zu. Mir geht es jetzt um etwas anderes, statisch Handfestes: Wieviele der Leser dieses Krimiblogs könnten sich denn überhaupt vorstellen, die hier bald eingerichtete „Criminal-Bibliothek des 19. Jahrhunderts“ anzuklicken? Gar eine der PDF-Dateien zu öffnen (an „downloaden“ wage ich ja im Moment gar nicht zu denken, geschweige denn an begeistertes „Ja, das möchte ich als Buch haben! Ich subskribiere!“)?

Man will ja wissen, für wen man etwas macht, für wieviele Menschen man sich der Mühe unterzieht, einen Text einzuscannen oder abzutippen, ihn „gebrauchsfertig“ zu machen, womöglich gar finanzielle Mittel einzusetzen. Und ich möchte auch gerne wissen, warum jemand NICHT davon Gebrauch machen möchte, warum diesem oder dieser JemandIN es genügt, sich aus den reichhaltigen Neuerscheinungen zu bedienen?

Eine so hübsches Umfrage-Anklick-Teil wie der-andere-Krimiblog-da haben wir leider nicht, aber dieser Beitrag hat eine Kommentarfunktion. Ein paar Sätze sind schnell getippt. Tut ihr mir die Freude?

2 Gedanken zu „Abgestempelt – und ein Wort zum Historienkrimi“

  1. hallo dpr, ich bin von deinem vorhaben, eine criminalbibliothek des 19. jahrhunderts ins leben zu rufen, angetan. würde mir sogar pdfs runterladen. so und jetzt noch schnell ein schwarzwaldau subskribieren. ich habe es vergessen. nun has du mich ja erinnert. schöne grüße aus dresden

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