David Peace: 1977

Vergessen wir einfach, warum David Peace’ „1977“ solches Aufsehen erregt. Keine Gewalt, kein Sex. Nur der Kriminalfall an sich und wie er seiner Auflösung entgegenerzählt wird. Ist „1977“, so eingeschränkt, ein guter Krimi? Oder nur heiße Luft in einer bunten Hülle?

Kein Zweifel: „1977“ könnte ein ganz normaler Serienkillerkrimi sein. In Leeds und Umgebung werden Prostituierte (oder Frauen, die der Täter dafür hält) bestialisch ermordet. Die Ermittlungen werden von zwei Seiten geführt: von der Polizei natürlich, vor allem in Person von Detective Fraser, und von Jack Whitehead, ehedem „Gerichtsreporter des Jahres“, dann persönlicher Schicksalsschläge wegen eine Zeit weg vom Fenster und nun wieder bereit, die Fährte aufzunehmen.

Ganz allmählich zeigen sich vage Muster in der Mordserie, werden Verdächtige ziemlich rabiat befragt, Informanten ausgequetscht. Bis zum Ende wird nicht klar, ob alle Morde tatsächlich das Werk einer einzigen Person sind, besonders der Fall Clare Strachan weist in eine andere Richtung, auf einen anderen Fall, der im Mittelpunkt des Vorgängerromans „1974“ steht. Und was hat es damit auf sich, dass viele der Opfer für ein bestimmtes Pornomagazin posierten? Wie tief steckt die Polizei selbst in diesem Sumpf?

Am Ende, soviel sei verraten, wird der Fall nicht wirklich gelöst. Dafür lösen sich die beiden Ermittler Fraser und Whitehead auf reichlich bizarre Weise auf, verschwinden, gehen in ihrem eigenen Wahnsinn und dem der Handlung verschollen. Der „Yorkshire Ripper“ bleibt weiterhin ein Mythos.

Und keine Frage: Was das Verbrechen und die Ermittlungen anbelangt, folgt Peace durchaus tradierten Mustern. Anders ist „1977“ deshalb, weil die in üblichen Kriminalromanen arbeitende Mechanik – am Anfang stehen Ereignisse, die die „normale Welt“ erschüttern, sie werden qua Erkenntnisgewinn gelöst und die „normale Welt“ somit wieder hergestellt – dass also dieses Muster in „1977“ ad absurdum geführt wird. Je mehr Teile des Puzzles ermittelt werden, desto unübersichtlicher, diabolischer wird das Bild, das sie ergeben. Sind Verbrechen gemeinhin das Tor, durch das man für eine Weile in die Hölle unter dem Paradies der Alltäglichkeit blickt, so sind sie hier, je mehr der Wahnsinn der Erkenntnis blüht, diese Alltäglichkeit selbst.

Vielleicht sind die ausufernde Gewalt, die brachiale Sexualität von „1977“ die notwendigen Mittel, uns dies vor Augen zu führen. Wenn dem so ist, so ist es Peace durchaus gelungen, zumal er die Sprache dazu hat, solche Szenarien zu bauen. Was allerdings problematisch ist: Sollte er tatsächlich über vier Bande zu diesen Mitteln greifen, werden sie zur „Masche“, zu dem, was der Leser erwartet. Und wenn ich das richtig sehe, sind es gerade Erwartungshaltungen, die Peace nicht bedienen will. Er dürfte sich dann also in einem Dilemma befinden. Seien wir gespannt auf das, was da noch folgt.

Hier und → hier können Sie noch einmal meine Vornotizen zu diesem Buch nachlesen.

dpr

David Peace: 1977. 
Liebeskind 2006. 396 Seiten. 22 €

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